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Mahnendes Beispiel ist das Wüstenlager Choucha in Tunesien: Tausende Menschen saßen viele Monate in diesem Wüstenlager fest. Aufgenommen wurden geradeinmal 200 Flüchtlinge. Foto: afrique-europe-interact

Flüchtlinge sollen bereits in Nordafrika in EU-Lagern von der Überfahrt über das Mittelmeer abgehalten werden. Tunesien, Marokko, Ägypten, Lybien und Sudan werden als Standorte diskutiert – doch was sind dies für Staaten?

Die Innen­mi­nis­ter ver­schie­de­ner EU-Staa­ten, dar­un­ter der deut­sche Innen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­zié­re, schla­gen anläss­lich des heu­ti­gen EU-Innen­mi­nis­ter­tref­fens die Ein­rich­tung von Asyl­zen­tren in Nord­afri­ka vor. Flücht­lin­ge sol­len bereits im Tran­sit in EU-Lagern von der Über­fahrt über das Mit­tel­meer abge­hal­ten wer­den – angeb­lich um Tote zu ver­hin­dern.

Der ita­lie­ni­sche Innen­mi­nis­ter Alfa­no kün­digt im Vor­feld des EU-Innen­mi­nis­ter­tref­fens am 12. März 2015 an, dass Ita­li­en in Tune­si­en, Niger und dem Sudan inter­na­tio­na­le „Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen“ für Flücht­lin­ge schaf­fen möch­te. Dort sol­le „gescreent“ wer­den, wer Flücht­ling ist. Die­se wer­den dann inner­halb von Euro­pa ver­teilt. Die „Nicht-Schutz­be­dürf­ti­gen“ sol­len zurück­ge­führt wer­den. Die öster­rei­chi­sche Innen­mi­nis­te­rin for­der­te die EU-Kom­mis­si­on auf, bis Som­mer einen Vor­schlag für ein Pilot­pro­jekt vor­zu­le­gen. Bereits beim EU-Innen­mi­nis­ter im Dezem­ber 2014 wur­den Liby­en, Ägyp­ten und Marok­ko als Stand­or­te gehan­delt. Was sind das für Part­ner denen wohl­mög­lich die Mit­ver­ant­wor­tung für die Schutz­prü­fung und Auf­nah­me von Flücht­lin­gen über­ge­ben wer­den soll?

Lybi­en und Sudan: Will­kür­li­chen Fest­nah­men, Fol­ter und Miss­hand­lun­gen

In Liby­en unter­stützt Euro­pa bereits jetzt den „Grenz­schutz“ mit Per­so­nal und Geld – in der Pra­xis ein still­schwei­gen­der Pakt zur Nicht­be­ach­tung von Flücht­lings­recht. Human Rights Watch berich­tet, dass Flücht­lin­ge dort nicht nur unter men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen gefan­gen gehal­ten, sie erlei­den schlimms­te Miss­hand­lun­gen und Fol­ter. Flücht­lin­ge aus Syri­en, Eri­trea, Soma­lia, etc. kämp­fen um ihr Über­le­ben. Im Sudan leben laut UNHCR aktu­ell 117.320 Flücht­lin­gen aus Eri­trea unter äußerst schwie­ri­gen Bedin­gun­gen – über 240.000 Flücht­lin­ge ins­ge­samt. Zusätz­lich wur­den über 2 Mil­lio­nen Men­schen bin­nen­ver­trie­ben. Streit­kräf­te der Regie­rung sowie Mili­zen und mili­tan­te Grup­pen bege­hen wei­ter­hin bru­ta­le Ver­bre­chen an der Zivil­be­völ­ke­rung. Amnes­ty Inter­na­tio­nal berich­tet von will­kür­li­chen Fest­nah­men, Fol­ter und ande­ren schwe­ren Miss­hand­lun­gen. Gegen Prä­si­dent al-Bas­hir liegt ein inter­na­tio­na­ler Haft­be­fehl wegen Kriegs­ver­bre­chen vor.

Tune­si­en, Ägyp­ten und Marok­ko: Kei­ne Rech­te für Flücht­lin­ge

In den meis­ten Staa­ten des ara­bi­schen Früh­lings ist die anfäng­li­che Eupho­rie Ernüch­te­rung gewi­chen: In Ägyp­ten sit­zen geschätz­te 20.000 poli­ti­sche Gefan­ge­ne in Haft. Isla­mis­ten aber auch Akti­vis­ten der Revo­lu­ti­on von 2011 wer­den ver­folgt, Demons­tra­tio­nen ver­bo­ten,  Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­ge­schüch­tert und Grund­rech­te ein­ge­schränkt. Hun­dert­tau­sen­de syri­sche Flücht­lin­ge leben in bit­te­rer Not, Angrif­fe und Hass neh­men zu. In Marok­ko zeigt sich die Men­schen­rechts­la­ge für Flücht­lin­ge täg­lich an den Gren­zen zu den spa­ni­schen Enkla­ven Ceu­ta und Melil­la. Tau­sen­de war­ten hier auf eine Mög­lich­keit die EU-Grenz­zäu­ne zu über­win­den. Marok­ka­ni­sche Behör­den las­sen wil­de Flücht­lings­camps immer wie­der bru­tal räu­men. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen kri­ti­sie­ren gewalt­sa­me Über­grif­fe auf afri­ka­ni­sche Migran­ten und sexu­el­lem Miss­brauch. Am ehes­ten ist der ara­bi­sche Früh­ling noch in Tune­si­en gelun­gen. Doch auch hier gibt es kein Rechts­sys­tem oder zivil­ge­sell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen wel­che die grund­le­gen­de Rech­te von Flücht­lin­gen und Migran­tIn­nen garan­tie­ren kön­nen.

Wo soll die Bereit­schaft her­kom­men Flücht­lin­ge aus Nord­afri­ka auf­zu­neh­men?

Bis­lang ist die Bereit­schaft der EU-Mit­glied­staa­ten, Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men, erbärm­lich: 2014 wur­den nur rund 7.500 Men­schen auf die­sem Weg auf­ge­nom­men. Wenig anders sieht es bei der huma­ni­tä­ren Auf­nah­me syri­scher Flücht­lin­ge aus. Seit 2013 hat Euro­pa ins­ge­samt nur rund 40.000 Auf­nah­me-Plät­ze für syri­sche Flücht­lin­ge zur Ver­fü­gung gestellt. Wo soll die Bereit­schaft her­kom­men, Hun­dert­tau­sen­de in Tran­sit­zen­tren Aner­kann­te ein­rei­sen zu las­sen? Rea­lis­tisch ist: Die Staa­ten strei­ten dar­über, wer, wie vie­le auf­nimmt und man einigt sich auf nied­rigs­tem Niveau.

Wüs­ten­la­ger Chou­cha als mah­nen­des Bei­spiel

Mah­nen­des Bei­spiel ist das Wüs­ten­la­ger Chou­cha in Tune­si­en. Tau­sen­de Men­schen, die 2011 nach Tune­si­en geflo­hen waren, saßen vie­le Mona­te in die­sem Wüs­ten­la­ger fest. Doch erst nach 18 Mona­ten War­te­zeit im Camp Chou­cha durf­ten 2012 dann gera­de ein­mal 195 der Betrof­fe­nen nach Deutsch­land ein­rei­sen. Ange­sichts die­ser Tat­sa­chen ist anzu­neh­men, dass der Vor­stoß der EU-Innen­mi­nis­ter, Auf­fang­la­ger in Nord­afri­ka zu errich­ten, nicht der Auf­nah­me von Schutz­su­chen­den in Euro­pa dient, son­dern deren Abwehr.

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