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Von seinem toten Bruder Akram sind Hassan Abdulkadir (26) nur noch Fotos auf dem Handy geblieben. Foto: Christoph Boeckheler

Auf der Flucht wurde Akram Abdulkadir in Griechenland schwer krank. Doch statt ihm zu helfen, inhaftierten und misshandelten griechische Sicherheitskräfte ihn. Während eines Pushbacks starb er qualvoll in den Armen seines Bruders Hassan. Der lebt inzwischen in Deutschland und hat mit Hilfe von PRO ASYL Anzeige in Griechenland erstattet.

Trig­ger­war­nung: Die­ses Inter­view ent­hält expli­zi­te Schil­de­run­gen von kör­per­li­cher Gewalt und vom Tod eines Menschen.

Hassan, Sie haben Anzei­ge erstat­tet gegen grie­chi­sche Sicher­heits­kräf­te. Ver­tre­ten wer­den Sie von Mari­an­na Tze­fera­k­ou, einer Anwäl­tin unse­rer grie­chi­schen Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on (RSA). Dabei geht es neben unmensch­li­cher Behand­lung und ille­ga­ler Inhaf­tie­rung vor allem um unter­las­se­ne Hil­fe­leis­tung mit Todes­fol­ge. Was steckt hin­ter die­ser Anzeige?

Dass mein Bru­der Akram in Grie­chen­land elend gestor­ben ist, weil nie­mand ihm gehol­fen hat. Wir bei­de sind von grie­chi­schen Sicher­heits­kräf­ten ver­haf­tet wor­den, waren einen Tag lang in ihrer Gewalt. Von Anfang an habe ich die Beam­ten ange­fleht, mei­nen kran­ken Bru­der ins Kran­ken­haus zu brin­gen – aber sie haben nichts unter­nom­men. Im Gegen­teil: Sie war­fen uns in eine Zel­le, ein Wär­ter hat mei­nem tod­kran­ken Bru­der Akram zwei Mal einen Stock in den Bauch gerammt. Er hat danach Blut gespuckt und das Bewusst­sein ver­lo­ren. Akram starb schließ­lich in mei­nen Armen in einem Trans­por­ter, in dem wir mit ande­ren zur Gren­ze trans­por­tiert wur­den. Wir soll­ten ille­gal in die Tür­kei abge­scho­ben wer­den. Es war und ist wie ein Alb­traum, der nie endet.

Ein ent­setz­li­cher Alb­traum, der lei­der Rea­li­tät ist. Mögen Sie berich­ten, wie Sie da rein gera­ten sind?

Wir kom­men aus Syri­en, aus der Nähe von Idlib, und waren in die Tür­kei geflo­hen. Doch dort hat­ten wir Angst, dass wir nach Syri­en abge­scho­ben wer­den. Dort droht uns Lebens­ge­fahr. Dar­um woll­ten wir wei­ter flie­hen nach Euro­pa, weil wir dach­ten, dass wir dort Schutz und Sicher­heit fin­den und einen Antrag auf Asyl stel­len kön­nen.  Anfang Juli flo­hen wir zusam­men mit ande­ren in einem Boot über den Grenz­fluss Evros von der Tür­kei nach Griechenland.

Wie ging es Ihrem Bruder?

Zuerst ging es ihm gut, wie uns ande­ren auch. Aber plötz­lich fühl­te er sich sehr schlecht, fühl­te sich schwach, sein Bauch tat weh, er muss­te sich über­ge­ben, hat­te Schüt­tel­frost, er fiel immer wie­der hin und hat­te dann sogar Hal­lu­zi­na­tio­nen. Ich weiß nicht, was er hat­te, er war immer gesund gewe­sen. Obwohl wir gro­ße Angst hat­ten, beschloss ich, Hil­fe zu holen, um sein Leben zu ret­ten. Akram hat­te ein Han­dy, damit rief ich in der Nacht die Not­fall­num­mer an und bat drin­gend um einen Arzt. Doch ich wur­de mit der Poli­zei ver­bun­den. Sie sag­ten, wir soll­ten zur Haupt­stra­ße kom­men. Mit gro­ßer Mühe haben wir das dann am nächs­ten Mor­gen geschafft, ich dach­te, es kommt ein Krankenwagen.

Und kam ein Krankenwagen?

Nein. Es kamen Beam­te in Poli­zei­uni­form, zwei Män­ner und eine Frau, in einem Poli­zei­wa­gen. Sie nah­men uns fest und nah­men das Mobil­te­le­fon mei­nes Bru­ders weg. Ich habe sie ange­fleht, mei­nen Bru­der ins Kran­ken­haus zu brin­gen.  Doch nichts pas­sier­te, kei­ne ärzt­li­che Hil­fe. Und sie haben uns auch nicht regis­triert. Statt­des­sen kam ein geschlos­se­ner Lie­fer­wa­gen mit zwei schwarz geklei­de­ten Män­nern. Ich hat­te schon von sol­chen Män­nern gehört, die nicht wie Poli­zis­ten aus­se­hen, aber wohl mit ihnen zusam­men­ar­bei­ten, von Flücht­lin­gen wer­den sie Kom­man­dos genannt.

Wo war der Rest Ihrer Gruppe?

Die haben sich ver­steckt, konn­ten aber von dort aus alles sehen. Aber hel­fen konn­ten sie uns natür­lich auch nicht. Drei von ihnen habe ich hier in Deutsch­land wie­der­ge­trof­fen, sie sind bereit, als Zeu­gen auszusagen.

Immer wie­der bet­tel­te ich nach einem Arzt. Doch der Lie­fer­wa­gen fuhr zu einem Gebäu­de mit meh­re­ren Zel­len, wir waren noch immer in Grie­chen­land. Dort nah­men uns Män­ner alle Sachen und unser Geld weg, wir muss­ten uns vor allen nackt aus­zie­hen.  Sie belei­dig­ten mei­nen Bru­der und mich. Und die gan­ze Zeit konn­ten sie sehen, dass mein Bru­der vor Schwä­che nicht ein­mal mehr spre­chen konn­te und nur schwer atmen konnte.

Was pas­sier­te in dem Gebäude?

Wir wur­den in eine schmut­zi­ge und erbärm­li­che Zel­le gesteckt. Es war eng und sti­ckig und immer mehr Men­schen wur­den hin­ein­ge­quetscht, Män­ner, Frau­en und Kin­der. Wir waren zusam­men­ge­pfercht wie Tie­re. Nicht ein­mal Was­ser beka­men wir, mit­ten im Som­mer. Nur ein­mal durf­te ich in den Taschen, die sie uns und ande­ren weg­ge­nom­men hat­ten, nach einer Fla­sche mit Was­ser suchen. Hil­fe konn­ten wir auch nicht holen, denn sie hat­ten ja auch unse­re Telefone.

Und mei­nem Bru­der ging es schlech­ter und schlech­ter, er konn­te kaum noch atmen. Ich schlug an die Git­ter­tür und schrie. Da kam ein Mann und hat mei­nem röcheln­den Bru­der zwei­mal sei­nen Holz­stock in den Bauch gerammt. Ich warf mich vor mei­nen Bru­der, aber es half nichts.  Nach ein paar Minu­ten spuck­te mein Bru­der Blut und ver­lor das Bewusstsein.

Ich war ver­zwei­felt und ver­such­te, Akram zu trös­ten und sag­te, dass wir bald ins Kran­ken­haus gehen wür­den – obwohl ich schon ahn­te, dass sie uns ille­gal in die Tür­kei zurück­schi­cken wür­den. Mein Bru­der wur­de immer wie­der ohn­mäch­tig, und als er kurz zu sich kam, frag­te er mich, war­um er noch nicht im Kran­ken­haus sei. Ich habe Angst, ich ster­be, sag­te er. Ich fleh­te und rief ver­zwei­felt nach Hil­fe. Doch die Ant­wort waren wei­te­re Schlä­ge für mich.

Ihr Bru­der hat­te kei­ne Chan­ce, die­ses Mar­ty­ri­um zu überleben.

Nein, das hat­te er nicht. Gegen Abend wur­den wir mit Schlä­gen in einen Lie­fer­wa­gen getrie­ben, mein Bru­der muss­te von zwei ande­ren Gefan­ge­nen getra­gen wer­den. Wir waren völ­lig hilf­los und den Män­nern aus­ge­lie­fert. Mit etwa 20 Flücht­lin­gen waren wir in dem Lie­fer­wa­gen ein­ge­pfercht, Akram konn­te nicht mehr atmen. Ich hielt mei­nen Bru­der im Arm, hör­te ihn röcheln, spür­te, wie sein Kör­per schwer wur­de – und er fiel tot aus mei­nen Armen. In mei­ner Ver­zweif­lung ver­such­te ich, ihn im Wagen wie­der­zu­be­le­ben, wäh­rend ich um Hil­fe schrie.

Nach weni­gen Minu­ten stopp­ten sie am Ufer des Evros und trie­ben alle aus dem Wagen.  Ich muss­te die Lei­che mei­nes Bru­ders mit einer Decke zum Fluss­ufer schlep­pen. Immer mehr Gefan­ge­ne aus unter­schied­li­chen Län­dern wur­den gebracht. Ein Mann befahl zwei ande­ren Män­nern, dass sie die Lei­che mei­nes Bru­ders in den Fluss wer­fen sollten.

Ich woll­te aber mei­nen toten Bru­der mit in die Tür­kei neh­men und wehr­te mich. Der Mann prü­gel­te mich, zwei Män­ner soll­ten mich weg­schlep­pen vom toten Kör­per mei­nes Bru­ders, ich soll­te in ein Boot stei­gen.  Ich stand völ­lig unter Schock, wei­ger­te mich und schrie, bis sie mir eine Pis­to­le an den Kopf hiel­ten. Ich wur­de getre­ten und in den Fluss gewor­fen. Das war lebens­ge­fähr­lich. Ich schwamm um mein Leben und habe irgend­wann die tür­ki­sche Sei­te des Flus­ses erreicht.

Wur­de der Leich­nam Ihres Bru­ders gefunden?

Ja, ich habe von der Tür­kei aus mei­ne Brü­der infor­miert, die in Schwe­den und Deutsch­land leben. Sie haben sich sofort ins nächs­te Flug­zeug gesetzt und haben in Grie­chen­land und der Tür­kei alle mög­li­chen Kran­ken­häu­ser abge­klap­pert in der Hoff­nung, Akram zu fin­den. Schließ­lich hat mein Bru­der ihn in der Lei­chen­hal­le eines tür­ki­schen Kran­ken­hau­ses identifiziert.

»Wie­der hat­te ich schreck­li­che Angst, weil ich mit einem Bein im Leben und mit dem ande­ren im Tod stand. «

Nach all die­sen trau­ma­ti­schen Erleb­nis­sen waren Sie selbst noch immer nicht in Sicher­heit. Sie haben erneut ver­sucht, aus der Tür­kei zu fliehen?

Ja. Beim zwei­ten Ver­such kam ich bis in die Nähe von Thes­sa­lo­ni­ki.  Zusam­men mit ande­ren wur­de ich aber auf­ge­grif­fen, wie­der in einem geschlos­se­nen Lie­fer­wa­gen abtrans­por­tiert und in eine  Haft­an­stalt gebracht. Wie­der beka­men wir weder Was­ser noch Essen. Von dort aus wur­de ich in die­sel­be Haft­an­stalt gebracht, in der ich mit mei­nem Bru­der gewe­sen war. Es war schreck­lich dort, wir durf­ten nicht ein­mal den Kopf heben, leb­ten in abso­lu­ter Angst und unter Schlä­gen. Die Wäch­ter schlu­gen mich und ich sah, wie ande­re geschla­gen wur­den. Wie­der wur­den wir in Grup­pen mit einem Lie­fer­wa­gen in die Nähe des Flus­ses gebracht, um erneut abge­scho­ben zu wer­den. Wir waren ihnen völ­lig aus­ge­lie­fert. Wie­der hat­te ich schreck­li­che Angst, weil ich mit einem Bein im Leben und mit dem ande­ren im Tod stand.

Sie haben über­lebt.  Was für ein Gefühl ist das?

Ich selbst füh­le mich siche­rer, inzwi­schen lebe ich als Asyl­be­wer­ber in Deutsch­land. Aber mein Bru­der ist tot, elend gestor­ben, weil nie­mand einen Arzt geholt hat. Ich habe alles ver­sucht. Trotz­dem habe ich das Gefühl, dass ich Akram nicht gehol­fen habe. Jede Nacht träu­me ich, dass Akram nach mir ruft, dass ich ihn aber nicht sehen kann, dass ich ihm nicht hel­fen kann.

Den­noch haben Sie sich ent­schie­den, in die Öffent­lich­keit zu gehen, eine Anzei­ge zu erstat­ten, vom Tod ihres Bru­ders, von den Schlä­gen und Demü­ti­gun­gen, dem Sadis­mus der Wär­ter, der ver­wei­ger­ten Hil­fe, den ille­ga­len Push­backs zu erzäh­len. War­um tun Sie das?

Akram ist tot und wird dadurch nicht zurück­kom­men. Aber er ist nicht der Ein­zi­ge, der an der grie­chisch-tür­ki­schen Gren­ze gestor­ben ist. Was wir durch­ma­chen muss­ten, ist in Grie­chen­land an der Tages­ord­nung. Mein Wunsch ist, dass ich dazu bei­tra­gen kann, dass kei­ne Men­schen auf der Flucht mehr ster­ben. Dass ganz ein­fach den Men­schen gehol­fen wird, die Hil­fe brauchen.

Auch Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen wie PRO ASYL und Refu­gee Sup­port Aege­an in Grie­chen­land gehen davon aus, dass Miss­hand­lun­gen und ille­ga­le Push­backs in Grie­chen­land nicht die Aus­nah­me sind, son­dern zum grau­sa­men Sys­tem gehö­ren. Doch sie kom­men sel­ten an die Öffent­lich­keit, und wenn doch, wird den Geflüch­te­ten oft nicht geglaubt. Wie­so kann das bei Ihnen anders sein?

Weil ich Kon­takt zu meh­re­ren Zeu­gen habe, die gese­hen haben, was mit mei­nem Bru­der und mir pas­siert ist. Und sie sind bereit, dar­über aus­zu­sa­gen. Außer­dem gibt es GPS-Daten sowie Fotos und Nach­rich­ten, die wir von grie­chi­schem Boden aus an mei­ne Brü­der geschickt haben, solan­ge wir das Han­dy noch hatten.

Es gibt vie­le Berich­te, dass an den Miss­hand­lun­gen und den Push­backs  unter­schied­li­che Grup­pen betei­ligt sind. Was haben Sie beobachtet?

Wäh­rend der gesam­ten Ope­ra­ti­on am Fluss, vom Aus­stei­gen aus dem Trans­por­ter bis ich in den Fluss gewor­fen wur­de, sah ich unter­schied­li­che grie­chi­sche Sicher­heits­kräf­te, eini­ge in schwar­zer Klei­dung, ande­re in grü­ner Klei­dung, mit einer grie­chi­schen Flag­ge am Ärmel, eini­ge in Mili­tär­klei­dung, eini­ge mit Waf­fen. Es gab auch eine Grup­pe, die wir unter uns Syrern als Söld­ner bezeich­nen, weil es Män­ner sind, die ara­bisch spre­chen. Ihre Gesich­ter haben sie bedeckt. Die­se Grup­pe han­del­te auf Anwei­sung der grie­chi­schen Beam­ten und hat die Push­backs am Fluss ausgeführt.

Sie waren ins­ge­samt meh­re­re Tage auf grie­chi­schem Boden und in der Gewalt von Sicher­heits­kräf­ten. Hat jemand in die­ser gan­zen Zeit nach Ihren Daten gefragt und Fin­ger­ab­drü­cke genom­men? Konn­ten Sie einen Asyl­an­trag stellen? 

Nein. Unse­re Per­so­na­li­en oder Fin­ger­ab­drü­cke wur­den nicht erfasst, und wir wur­den nie über unse­ren Sta­tus und unse­re Rech­te infor­miert. Das Recht auf einen Asyl­an­trag wur­de uns ver­wei­gert.  Auch unse­re Ver­haf­tung und Inhaf­tie­rung wur­den von den Behör­den nicht regis­triert. Die Behör­den leug­nen unse­re Exis­tenz, so, als wären wir gar nicht da gewe­sen. Sie haben uns sozu­sa­gen gewalt­sam ver­schwin­den lassen.

(wr, ame)

Über Akram und Hassan hat auch die Frank­fur­ter Rund­schau berichtet.