14.08.2013
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Jordanien beherbergt bei rund 6 Millionen Einwohnern derzeit rund 500.000 syrische Flüchtlinge. Für einige wurden im Camp Za'atri diese Container aufgestellt. Auch in Deutschland werden Flüchtlinge mittlerweile in manchen Orten in Containern untergebracht. Foto: UNHCR/B. Sokol

Die Asylantragszahlen sind im Juli erneut gestiegen, Bundesinnenminister Friedrich gibt sich alarmiert. Tatsächlich sind die Zahlen gestiegen, doch alarmierend ist nicht die Zahl, sondern vor allem die Situation der Flüchtlinge vor den Toren Europas.

Bereits die Mit­te Juli ver­öf­fent­lich­ten Asyl­an­trags­zah­len des ers­ten Halb­jah­res zeig­ten, dass deut­lich mehr Schutz­su­chen­de Deutsch­land errei­chen: Im ers­ten Halb­jahr 2013 bean­trag­ten 43.016 Men­schen Asyl in Deutsch­land – rund 87 Pro­zent mehr als im glei­chen Zeit­raum des Vor­jah­res. Im Juli sind die Zah­len nun noch­mals ange­stie­gen: Mit 9.516 Asyl­erst­an­trä­gen stieg die Zahl im Ver­gleich zum Vor­mo­nat Juni 2013 um 13,2 Pro­zent.

„Die Zah­len sind alar­mie­rend“ sag­te Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich  gegen­über der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen. Alar­mie­rend ist jedoch nicht die Zahl der Asyl­an­trä­ge, son­dern die Situa­ti­on von Schutz­su­chen­den vor den Toren Euro­pas. Rund 2 Mil­lio­nen Men­schen sind vor dem syri­schen Bür­ger­krieg ins Aus­land geflo­hen, fast 700.000 allein in den Liba­non, der nur 4,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner zählt. Im Ver­gleich dazu nimmt sich die Gesamt­zahl der Flücht­lin­ge, die im ers­ten Halb­jahr 2013 Deutsch­land erreicht haben, beschei­den aus.

Die dra­ma­ti­sche Situa­ti­on der Flücht­lin­ge in den Erst­auf­nah­me­staa­ten wie dem Liba­non spie­gelt sich in ver­zwei­fel­ten Ver­su­chen vie­ler Flücht­lin­ge wie­der, in Boo­ten Rich­tung Euro­pa zu flie­hen. Wöchent­lich kommt es zu Boots­ka­ta­stro­phen im Mit­tel­meer. Erst am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de star­ben sechs Flücht­lin­ge vor der ita­lie­ni­schen Küs­te.

Flucht aus Tsche­tsche­ni­en

Auf Platz eins der Haupt­her­kunfts­län­der steht der­zeit die rus­si­sche Föde­ra­ti­on (9.957 Asyl­su­chen­de im ers­ten Halb­jahr 2013). Hin­ter dem Anstieg der Anträ­ge von Staats­an­ge­hö­ri­gen der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on steht die kata­stro­pha­le Sicher­heits­la­ge in den Teil­re­pu­bli­ken Tsche­tsche­ni­en, Dage­stan, Ingu­sche­ti­en und ande­ren Regio­nen des Nord­kau­ka­sus. „Dort fin­den fort­lau­fend Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen statt. Kampf­hand­lun­gen und Anschlä­ge sind fast an der Tages­ord­nung“, heißt es auch in einem aktu­el­len „Ent­schei­der­brief“ des Bun­des­amts für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge. Der Schutz­be­darf der Flücht­lin­ge aus der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on wird in vie­len Fäl­len vom Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge aner­kannt: Knapp jeder fünf­te Flücht­ling* aus der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on wur­de im ers­ten Halb­jahr durch eine Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes geschützt.

Ins­ge­samt sprach das Bun­des­amt im ers­ten Halb­jahr 2013 in 44,2* Pro­zent der Ent­schei­dun­gen einen Schutz­sta­tus zu, 2012 lag die Quo­te bei 35,8%*. Aus der Per­spek­ti­ve des Bun­des­am­tes ist der durch­schnitt­li­che Schutz­be­darf der nach Deutsch­land kom­men­den Asyl­su­chen­den im ers­ten Halb­jahr 2013 gegen­über dem Vor­jahr gestie­gen.

Wäh­rend selbst das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge damit einen hohen Schutz­be­darf der nach Deutsch­land kom­men­den Flücht­lin­ge aner­kennt, sug­ge­riert Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Fried­rich wie­der­holt, der Anstieg der Flücht­lings­zah­len gehe auf „asyl­frem­de Moti­ve“ zurück. PRO ASYL warnt davor, mit den gestie­ge­nen Flücht­lings­zah­len im Wahl­kampf Ängs­te und Res­sen­ti­ments zu schü­ren. Auch in Wahl­kampf­zei­ten steht die Poli­tik in der Pflicht, über Flucht­ur­sa­chen auf­zu­klä­ren und sich klar zum Flücht­lings­schutz zu beken­nen.

Unfai­re Schnell­ver­fah­ren für die einen, ban­ges War­ten für die ande­ren

Gegen­über der Augs­bur­ger All­ge­mei­nen sag­te Fried­rich, er „habe ange­ord­net, alle Kräf­te dar­auf zu kon­zen­trie­ren, dass die Asyl­ver­fah­ren schnel­ler durch­ge­zo­gen wer­den“. Tat­säch­lich ist die Bear­bei­tungs­dau­er von Asyl­an­trä­gen auf­grund von Pla­nungs­feh­lern sei­tens des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums  in vie­len Fäl­len uner­träg­lich lan­ge.

Die Wort­wahl Fried­richs legt jedoch nicht nahe, dass sich für die von den beson­ders lan­gen Ver­fah­ren betrof­fe­nen Flücht­lings­grup­pen etwas zum posi­ti­ven ändert: Schon seit Herbst letz­ten Jah­res wer­den die Anträ­ge von Asyl­su­chen­den aus ver­meint­lich siche­ren Her­kunfts­re­gio­nen in vor­ein­ge­nom­me­nen Schnell­ver­fah­ren „durch­ge­zo­gen“, Ver­fah­ren von Schutz­su­chen­den mit guten Aner­ken­nungs­chan­cen wer­den hin­ge­gen auf die lan­ge Bank gescho­ben. Dies führt zur dras­ti­schen Ver­län­ge­rung der Asyl­ver­fah­rens­dau­er gera­de für die­je­ni­gen, die rela­tiv gute Aner­ken­nungs­chan­cen haben, etwa für Flücht­lin­ge aus Afgha­ni­stan, dem  Iran oder Soma­lia. Die Betrof­fe­nen ver­lie­ren Jah­re ihres Lebens in per­ma­nen­ter Unge­wiss­heit.

* Berech­nung ohne soge­nann­te „for­mel­le Ent­schei­dun­gen“ bzw. „sons­ti­ge Ver­fah­ren­s­er­le­di­gun­gen“. Hin­ter­grund: In der Berech­nung des Bun­des­amts wer­den die Gesamt­schutz­quo­te, die Ableh­nun­gen und die for­mel­len Ent­schei­dun­gen, bei denen es sich um zurück­ge­zo­ge­ne Anträ­ge, Wei­ter­wan­de­rung, soge­nann­te Dub­lin-Fäl­le und ande­re Ver­fah­ren­s­er­le­di­gun­gen geht, pro­zen­tu­al mit­ein­an­der in Bezie­hung gesetzt. Das tat­säch­li­che Ver­hält­nis zwi­schen Schutz­ge­wäh­rung und Ableh­nung wird deut­li­cher ersicht­lich, wenn die for­mel­len Ent­schei­dun­gen her­aus­ge­rech­net und Schutz­ge­wäh­rung und Ableh­nung in ein unmit­tel­ba­res pro­zen­tua­les Ver­hält­nis gesetzt wer­den.

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