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Beim Innenministertreffen setzt die EU Griechenland massiv unter Druck, damit sie Flüchtlinge an der Seegrenze abwehrt. Griechenlands Regierung fragt, ob die EU-Länder der Auffassung seien, dass die Flüchtlinge ertrinken sollten. „Was wollen Sie, dass wir tun?“ Foto: Bartek Langer

Um Schengen zu retten pochen die EU-Innenminister darauf, die Außengrenzen gegen Flüchtlinge abzuschotten. Griechenland soll Schutzsuchende vom EU-Territorium fernhalten. Die Folgen sind absehbar: Drastische Rechtsverletzungen gegenüber Flüchtlingen und weitere tödliche Bootskatastrophen vor Griechenlands Küste.

Vom 25. bis 26. Janu­ar 2016 tref­fen sich die EU-Innen­mi­nis­ter in Ams­ter­dam. Am Mon­tag stand der „ver­bes­ser­te Schutz der EU-Außen­gren­zen“ im Fokus. „Wir brau­chen einen dau­er­haf­ten, spür­ba­ren, nach­hal­ti­gen Rück­gang der Flücht­lings­zah­len und zwar sicht­bar in den nächs­ten Wochen“, so Tho­mas DeMai­ziè­re. Dafür, so der deut­sche Bun­des­in­nen­mi­nis­ter, müs­se Grie­chen­land end­lich sei­ne Gren­zen abschot­ten.

Auch EU-Kom­mis­sar für Migra­ti­on und Inne­res, Dimi­tris Avra­mo­pou­los, beton­te erneut, der Schen­gen-Raum kön­ne nur erhal­ten wer­den, wenn die Kon­trol­le der Außen­gren­zen gewähr­leis­tet sei. Öster­reich droh­te gar erneut damit, den Aus­schluss Grie­chen­lands aus dem Schen­gen-Raum zu prü­fen, was auch De Mai­ziè­re in Erwä­gung zog.

Auf­for­de­rung zum Rechts­bruch?

Nur: Wie soll die Abschot­tung der See­gren­ze erfol­gen, ohne Men­schen­le­ben zu gefähr­den und mas­siv gegen euro­päi­sches und inter­na­tio­na­les Recht zu ver­sto­ßen? Der grie­chi­sche Migra­ti­ons­mi­nis­ter Ioan­nis Mouz­a­las ver­wies dar­auf, dass die See­gren­ze zur Tür­kei nicht lücken­los abzu­dich­ten sei. Die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che müs­se die Flücht­lin­ge auf See ret­ten. „Nach inter­na­tio­na­lem Recht, nach dem See­recht, nach der Gen­fer Kon­ven­ti­on, nach euro­päi­schem Recht und nach grie­chi­schem Recht ist das die ein­zi­ge Hand­lungs­op­ti­on.“

Wei­ter­füh­rung der Bin­nen­grenz­kon­trol­len

Kaum über­ra­schend einig­ten sich die Innen­mi­nis­ter bei ihrem Tref­fen auf die Wei­ter­füh­rung der Kon­trol­len an den Bin­nen­gren­zen. Die öster­rei­chi­sche Innen­mi­nis­te­rin Johan­na Mikl-Leit­ner kün­dig­te wei­te­re natio­nal­staat­li­che Abschot­tungs­maß­nah­men an: Hand­le Grie­chen­land nicht, wür­den immer mehr Mit­glied­staa­ten dem Bei­spiel Öster­reichs fol­gen –  „von der Ober­gren­ze bis hin zur Ver­schär­fung des Asyl­sys­tems“, so ihre Pro­gno­se.

Die Mit­glied­staa­ten hät­ten die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on auf­ge­for­dert, die recht­li­che und prak­ti­sche Grund­la­ge für die Wei­ter­füh­rung der tem­po­rä­ren Grenz­kon­troll­maß­nah­men nach Arti­kel 26 des Schen­ge­ner Grenz­ko­dex vor­zu­be­rei­ten, so der nie­der­län­di­sche Migra­ti­ons­mi­nis­ter Klaas Dijk­hoff nach dem Tref­fen am Mon­tag.

Fron­tex an die maze­do­ni­sche Gren­ze

Auch die Unter­stüt­zung der maze­do­ni­schen Grenz­be­am­ten bei der Zurück­wei­sung von Schutz­su­chen­den nach Grie­chen­land wur­de von ver­schie­de­nen Sei­ten gefor­dert: Klaas Dijk­hoff erklär­te in Ams­ter­dam, Maze­do­ni­en kön­ne durch­aus beim Abrie­geln sei­ner Gren­ze unter­stützt wer­den, falls es nicht gelän­ge, die Grenz­kon­trol­len in Grie­chen­land zu ver­stär­ken.

Die Innen­mi­nis­ter for­der­ten zudem, eine mög­li­che Unter­stüt­zung durch Fron­tex an der maze­do­ni­schen Gren­ze zu prü­fen. Ungarn, Polen, Tsche­chi­en und die Slo­wa­kei unter­stüt­zen Maze­do­ni­en bereits mit Geld, Aus­rüs­tung und Per­so­nal bei der Befes­ti­gung der Gren­ze, um so ein Boll­werk gegen Flücht­lin­ge zu errich­ten.

Abwehr auf Kos­ten von Men­schen­le­ben

Die letz­ten Wochen haben gezeigt: selbst das kal­te Wet­ter hin­dert die Flücht­lin­ge nicht, wei­ter­hin enor­me Risi­ken auf sich zu neh­men, um Schutz in Euro­pa zu suchen. Über 44.000 Men­schen erreich­ten seit Jah­res­be­ginn die grie­chi­schen Küs­ten. Die ver­stärk­te Abwehr an Euro­pas Außen­gren­zen wird zu wei­te­ren Todes­fäl­len füh­ren.

Allein seit Beginn des Jah­res kamen bereits 149 Schutz­su­chen­de bei Boots­ka­ta­stro­phen ums Leben. Erst am 22. Janu­ar 2016 ken­ter­ten zwei Boo­te nur kurz nach­ein­an­der – eines nahe der Insel Far­ma­ko­ni­si, das ande­re nur weni­ge Mei­len wei­ter Süd­lich ein wei­te­res kurz vor der Insel Kalo­lim­nos. Ins­ge­samt ster­ben min­des­tens 45 Men­schen, dar­un­ter 17 Kin­der.

Die Droh­ge­bär­den aus Brüs­sel in Rich­tung Grie­chen­land kön­nen als Auf­ruf zum Rechts­bruch ver­stan­den wer­den. Auf die Kri­tik beim Tref­fen der EU-Innen­mi­nis­ter hin mein­te der grie­chi­sche Migra­ti­ons­mi­nis­ter Mouz­a­las: Er fra­ge sich, ob eini­ge EU-Län­der der Auf­fas­sung sei­nen, dass die Flücht­lin­ge ertrin­ken soll­ten. „Was wol­len Sie, dass wir tun?“

Histo­ry Repea­ting

Das Sze­na­rio erin­nert fatal an 2012 – Damals hat­te der dama­li­ge Innen­mins­ter Hans-Peter Fried­rich (CSU) zusam­men mit Mikl-Leit­ner Grie­chen­land dazu gedrängt, die Land­gren­ze in der Evros-Regi­on abzu­rie­geln.

Nach der Abrie­ge­lung der Land­gren­ze flo­hen mehr Men­schen über die gefähr­li­che Ägä­is-Rou­te. Dort setz­te die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che auf ille­ga­le und bru­ta­le und mit­un­ter töd­li­che Push-Back-Ope­ra­tio­nen: Flücht­lin­ge wur­den, oft nach Miss­hand­lun­gen, in tür­ki­sche Gewäs­ser zurück­ver­frach­tet. Die Zahl der Flücht­lin­ge auf der noch gefähr­li­che­ren Rou­te über das zen­tra­le Mit­tel­meer stieg. Hun­der­te star­ben vor Lam­pe­du­sa.

Anfang 2015 kam der Regie­rungs­wech­sel in Grie­chen­land. Die Berich­te über Push-Backs in der Ägä­is gin­gen dras­tisch zurück. Es kamen mehr Flücht­lin­ge auf den grie­chi­schen Inseln an. Wenn jetzt die Ägä­is abge­rie­gelt wird, wer­den Schutz­su­chen­de wahr­schein­lich wie­der auf gefähr­li­che­re Flucht­rou­ten aus­wei­chen. Mehr Tote könn­ten die Fol­ge sein.

„Auf die­ser Rou­te ster­ben Men­schen…“ – Gewalt gegen Flücht­lin­ge auf Bal­kan­rou­te nimmt zu (21.01.16)

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