28.01.2019
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Seit Jahren das Zuhause vieler gestrandeter Flüchtlinge auf Chios: Wurfzelte. Foto: Ramin Mohabat

Im Herbst 2018 war der in Deutschland lebende, afghanische Journalist Ramin Mohabat im Rahmen einer Konferenz in Griechenland und hat auch das Lager auf der griechischen Insel Chios besucht. Im Gespräch mit PRO ASYL schildert er seine Eindrücke von der desolaten Lage dort.

Als Ramin zum Gespräch in die PRO ASYL-Geschäfts­stel­le kommt, wird er aus allen Büros freu­dig gegrüßt. Er ist ein bekann­tes Gesicht – die Rechts­hil­fe von PRO ASYL hat sei­nen Fall bis zur Aner­ken­nung sei­nes Flücht­lings­sta­tus beglei­tet, er hat uns bereits Inter­views zur Situa­ti­on in Afgha­ni­stan gege­ben und sich für unse­re »Men­schen­rech­te verteidigen!«-Kampagne enga­giert. Nun möch­te er end­lich nicht mehr über sich und Afgha­ni­stan spre­chen, aber wei­ter­hin auf Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen auf­merk­sam machen. Denn die Situa­ti­on auf Chi­os, die er mit eige­nen Augen gese­hen hat, lässt ihn nicht mehr los.

PRO ASYL: Hal­lo Ramin. Wie kam es zu dei­ner Rei­se nach Grie­chen­land?

Das war eine Rei­se mit der Dia­ko­nie, eine Kon­fe­renz  zur Asyl­po­li­tik in Grie­chen­land und in der EU. Da war ich auch dabei und wir haben dort ein paar Flücht­lings­un­ter­künf­te besucht – auch auf Chi­os. Dort hat­te ich dann die Mög­lich­keit, mit ein paar Afgha­nen zu spre­chen. Ich bin ein­fach mit in das Lager rein­ge­gan­gen und habe mir die Situa­ti­on ange­schaut, vie­le Geschich­ten gehört, Fotos gemacht. Das waren schreck­li­che Geschich­ten. Die Leu­te leben seit drei Jah­ren in einem Wurf­zelt, sie bekom­men kein Essen und wenn sie etwas bekom­men, ist es schlecht. Jeder hat sei­ne Geschich­te erzählt und wie das »ganz nor­ma­le Leben« in die­sem Camp ist. 

»Die Men­schen kön­nen nicht wei­ter­rei­sen nach Deutsch­land oder Frank­reich, aber sie kön­nen auch nicht zurück.«

Das Haupt­pro­blem in Chi­os war, dass die Leu­te nicht wuss­ten, wie es wei­ter­geht. Die war­ten seit drei Jah­ren auf die­ser Insel und sie wis­sen nicht, wie es wei­ter­geht. Einer kam zu mir, er ist seit drei Jah­ren in Grie­chen­land, sein Asyl­an­trag wur­de abge­lehnt. Er hat kei­ne Per­spek­ti­ve, frag­te mich nach Hil­fe. Er hat kei­ne Ahnung, wo er recht­li­che Hil­fe bekom­men kann, zum Bei­spiel einen Anwalt. Es gibt kei­nen Zugang zu Rechts­be­ra­tung. Aber zurück nach Afgha­ni­stan kann er nicht.  Die Men­schen kön­nen nicht wei­ter­rei­sen nach Deutsch­land oder Frank­reich, aber sie kön­nen auch nicht zurück. In die Tür­kei nicht, nach Afgha­ni­stan über­haupt gar nicht. Das ist ein­fach ein schreck­li­ches Leben – seit drei Jah­ren auf Chi­os. In Athen war die Situa­ti­on ein biss­chen bes­ser. Das Haupt­pro­blem dort waren Gesund­heits­pro­ble­me. Es gab kei­ne Ärz­te, kei­ne Medi­ka­men­te. Außer­dem sind die Kin­der nicht auf der Schu­le. Vie­le Eltern haben gesagt: »Es ist ok. Jetzt leben wir seit drei Jah­ren hier. Wie wol­len nur arbei­ten, unser eige­nes Geld ver­die­nen und wir wol­len unbe­dingt, dass unse­re Kin­der zur Schu­le gehen. Dass unse­re Kin­der auf der Stra­ße leben und nichts machen, das ist nicht gut. Sie haben kei­ne Zukunft.«

PRO ASYL: Und die Kin­der auf Chi­os? Gehen sie zur Schu­le?

In Chi­os haben die Leu­te nicht über Schu­le gere­det. Die haben gesagt: »Wir haben gar nichts zu essen hier. Wir haben kei­nen Platz zum Schla­fen. Wir schla­fen mit zwan­zig Leu­ten in einem Con­tai­ner. Wir haben kein Geld. Wir kön­nen nicht wei­ter, wir kön­nen nicht zurück. Wenn es reg­net, dann haben wir tau­send Pro­ble­me, dann müs­sen wir die Sachen in unse­re win­zi­gen Zel­te rein­ho­len und dann den gan­zen nächs­ten Tag trock­nen.« Im Lager auf Chi­os waren das ganz ande­re Pro­ble­me, viel schlim­me­re Pro­ble­me. Sie haben manch­mal Essen bekom­men und haben dafür drei oder vier Stun­den gewar­tet und am Ende war das Essen schon so schlecht, dass man das nicht essen konn­te. Ein paar haben erzählt, dass sie Wür­mer und Maden im Essen gefun­den haben. Also in Chi­os war das eine Kata­stro­phe.

PRO ASYL: Wie ist die Situa­ti­on jetzt gera­de im Win­ter?

Sowie­so leben die Leu­te im Win­ter, im Som­mer, egal, in Wurf­zel­ten. Fami­li­en mit drei Kin­dern leben seit drei Jah­ren in einem Wurf­zelt und nie­man­den inter­es­siert das. Das ist irgend­wie nor­mal gewor­den. Den Leu­ten in Euro­pa sind die Flücht­lin­ge in Chi­os, in Athen, in Grie­chen­land egal. Es ist nor­mal gewor­den. Aber wenn man da rein­geht und sich die Situa­ti­on mit eige­nen Augen anschaut, dann ist das so krass. Das kann man mit Wor­ten nicht beschrei­ben. Da muss man hin­ge­hen und hin­schau­en, wie die­se Leu­te leben. Das sind auch Men­schen und sie sind mit gro­ßen Hoff­nun­gen nach Euro­pa gekom­men und jetzt leben sie schlech­ter als in Afgha­ni­stan.

Die Kin­der im Camp spie­len am Boden mit Was­ser. Ganz in der Nähe sind die völ­lig ver­dreck­ten Toi­let­ten, obwohl sie das krank macht. Aber wo sol­len sie sonst spie­len?

PRO ASYL: Hast du noch Kon­takt zu den Leu­ten?

Ich hab nur mit einer Per­son Kon­takt über Face­book. Er schreibt manch­mal und fragt, was er machen kann. Aber ich kann ihm da nicht wei­ter­hel­fen, ich weiß es auch nicht. Und es gibt natür­lich auch Fami­li­en, wo ein Teil in Grie­chen­land ist und ande­re Fami­li­en­mit­glie­der in Deutsch­land, Frank­reich usw. leben. Ich habe eine Fami­lie getrof­fen in Athen, einen Mann mit sei­ner 6-jäh­ri­gen Toch­ter. Die leben seit drei Jah­ren in Grie­chen­land, wäh­rend die Mut­ter mit dem Sohn seit drei Jah­ren in Deutsch­land lebt. Die Mut­ter ist aner­kannt, aber der Fami­li­en­nach­zug funk­tio­niert nicht – trotz so viel Papier­kram. Er weiß nicht, wie es wei­ter­geht. Die Toch­ter ver­misst ihre Mut­ter und fragt jede Nacht nach ihr. Sie kann nicht schla­fen und der Vater weiß nicht, was er machen soll. Er sagt: »Ich lüge seit drei Jah­ren mei­ne Toch­ter an. Ich sage jede Nacht, nächs­ten Monat ist es so weit. Ich lüge mei­ne Toch­ter jede Nacht an.«  Sol­che Geschich­ten gibt es in Grie­chen­land.

PRO ASYL: Wel­che Geschich­te hat dich am meis­ten berührt?

Eine jun­ge Frau ist zu mir gekom­men und hat so viel geweint. Sie hat gesagt, sie kann nir­gend­wo­hin gehen. Für die Frau­en ist die Situa­ti­on am schlimms­ten, sie sind total schutz­los. Wie immer in sol­chen Kri­sen­si­tua­tio­nen gibt es auch Ver­ge­wal­ti­gung, wenn man deut­sche Leu­te in so ein Lager sper­ren wür­de, wäre das bestimmt nicht anders.

»Wenn man drei Jah­re in einem Wurf­zelt lebt mit der gan­zen Fami­lie, wird man ver­rückt.«

Es gibt so vie­le Men­schen in dem Lager aus so vie­len Kul­tu­ren – aus Syri­en, aus Afgha­ni­stan, aus afri­ka­ni­schen Län­dern. Es gibt natür­lich Stress zwi­schen den Leu­ten, das ist nor­mal in einer sol­chen Not­si­tua­ti­on. Flücht­lin­ge aus Afgha­ni­stan, Syri­en, Soma­lia sind auf engs­tem Raum zusam­men­ge­pfercht. Die Men­schen haben unter­schied­li­che Ansich­ten, Sit­ten und Tra­di­tio­nen. Wenn man drei Jah­re in einem Wurf­zelt lebt mit der gan­zen Fami­lie, wird man ver­rückt. Und die Frau­en haben sol­che Angst. Sie kön­nen nicht zur Toi­let­te gehen. Sie haben kein pri­va­tes Leben, kei­ne Woh­nung. Ein paar Afgha­nen haben gesagt, sie arbei­ten ehren­amt­lich als Secu­ri­ty. Die sind die gan­ze Nacht wach und pas­sen auf, dass den Frau­en nichts pas­siert. Jeder baut irgend­wie eine Com­mu­ni­ty auf.

Es hieß, in Euro­pa gibt es Men­schen­rech­te. Die Leu­te den­ken, sie gehen nach Euro­pa, denn dort haben sie Rech­te. Und dann kom­men sie und hän­gen drei Jah­re auf einer klei­nen Insel fest…

PRO ASYL: … unter unwür­digs­ten Bedin­gun­gen.

Wir müs­sen irgend­was machen. Wir kön­nen die Leu­te nicht ein­fach dalas­sen. Ich habe das selbst alles erlebt und weiß, wie schreck­lich das ist. Für einen Mann ist es schwie­rig, aber beson­ders für eine Frau. Es ist unvor­stell­bar. Es ist so schwie­rig, dass man das nicht so ein­fach beschrei­ben kann. Und da leben Frau­en, jun­ge Frau­en, alte Frau­en und wir hier in West­eu­ro­pa machen ein­fach nichts.

Die Flücht­lings­po­li­tik an den euro­päi­schen Außen­gren­zen funk­tio­niert ein­fach nicht. Da leben Men­schen, das sind auch Men­schen und wir schau­en ein­fach nicht mehr hin, wir hören nicht mehr hin und wir lesen nicht mehr dar­über. Ich weiß nicht, war­um es so gewor­den ist.

PRO ASYL: Gibt es denn auch posi­ti­ve Ein­drü­cke?

Nicht so rich­tig posi­tiv… Nur die Soli­da­ri­tät unter­ein­an­der. Das funk­tio­niert rich­tig gut. Die Leu­te haben das akzep­tiert, sie leben wie in einem Dorf. Sie hel­fen sich gegen­sei­tig. Sie haben akzep­tiert: Nie­mand hilft uns, wir müs­sen uns gegen­sei­tig hel­fen.

Es gibt zum Bei­spiel einen syri­schen Leh­rer. Er gibt jetzt Unter­richt für Kin­der und einer war Sport­leh­rer in Syri­en und jetzt macht er jeden Tag mit den Kin­dern Sport. Die Afgha­nen arbei­ten ehren­amt­lich als Secu­ri­ty. Es gibt natür­lich auch Pro­ble­me zwi­schen den Leu­ten. Aber sie hel­fen sich gegen­sei­tig, zum Bei­spiel auch wenn jemand krank ist. Das fand ich rich­tig gut.

Die Toch­ter der einen Fami­lie konn­te per­fekt Eng­lisch spre­chen. Sie arbei­tet jeden Tag von acht bis zehn Uhr abends ehren­amt­lich als Dol­met­sche­rin. Ande­re Frau­en eben­falls. Wenn die ande­ren Pro­ble­me haben, kom­men sie zu ihnen. Der Vater ist sehr stolz auf sei­ne Toch­ter, weil sie hel­fen kann. Die Soli­da­ri­tät im Camp wird geschätzt. In Chi­os hat­ten die Leu­te sehr wenig Geld und das Essen, das sie vom Camp bekom­men ist unge­nieß­bar. Also haben meh­re­re Fami­li­en beschlos­sen, gemein­sam zu kochen. Jeder bezahlt ein biss­chen. Sie kochen gemein­sam, sie essen gemein­sam.

Für die­se Leu­te gibt es schon posi­ti­ve Sachen. Aber sei­tens der EU gibt es kei­ne posi­ti­ven Ent­wick­lun­gen. Ein Pro­fes­sor auf der Kon­fe­renz sag­te: »Was unse­re Eltern vor 70 Jah­ren gemacht haben, dafür schä­men wir uns. Und unse­re Kin­der wer­den sich schä­men, dass wir jetzt nichts gemacht haben.« Wir schau­en ein­fach zu. Nach 20 oder 50 Jah­ren ist die­se Situa­ti­on vor­bei und dann kom­men unse­re Kin­der und fra­gen, »Papa war­um hast du nichts gemacht? Das waren auch Men­schen.« Irgend­wann kom­men unse­re Kin­der und fra­gen, und wir soll­ten eine gute Ant­wort haben.

PRO ASYL: Was könn­te man denn machen?

In Frank­furt gab es einer gro­ßen Demo der See­brü­cke, bei der die Ein­woh­ner gefor­dert haben, dass die Stadt Frank­furt Leu­te aus Grie­chen­land auf­neh­men soll.  Wenn jede gro­ße Stadt 500 Leu­te auf­nimmt, dann gibt es kein Lager auf Chi­os mehr, kei­ne sol­che Situa­ti­on mehr. Dann haben wir nicht mehr so eine Kata­stro­phe.

Und man muss natür­lich dar­über berich­ten und die Leu­te in Euro­pa moti­vie­ren, dass sie etwas machen. Wir machen nichts, unse­re Poli­ti­ker wol­len das nicht. Euro­pa bezahlt viel Geld an Grie­chen­land, aber das Geld kommt nicht bei den Men­schen an. Die Leu­te brau­chen nur Klei­nig­kei­ten, aber sie bekom­men das nicht. Sie bekom­men nicht ein­mal genieß­ba­res Essen. Mit­ten in Euro­pa. Das ver­ste­he ich nicht. War­um müs­sen die Leu­te in so einer Situa­ti­on leben?

In den sozia­len Berei­chen, bei den NGOs, fehlt auch ein­fach das Geld. Wir wol­len etwas machen, man will immer viel machen, aber es fehlt das Geld. Ohne Geld gibt es kein Essen, kei­ne bes­se­ren Unter­künf­te, kei­nen Rechts­an­walt.

Die Zustän­de von denen Ramin berich­tet sind scho­ckie­rend. Auch unse­re grie­chi­sche Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on RSA infor­miert uns immer wie­der über die kata­stro­pha­le Lage auf Grie­chen­lands Inseln. Seit Inkraft­tre­ten des EU-Tür­kei-Deals am 20. März 2016 herrscht per­ma­nen­ter Aus­nah­me­zu­stand in der Ägä­is. Die Inseln Les­bos, Samos, Chi­os, Kos und Leros wur­den zu Frei­luft­ge­fäng­nis­sen für Tau­sen­de Schutz­su­chen­de – ohne vor und zurück, ohne fai­re Asyl­ver­fah­ren.  Und nicht nur die Asyl­su­chen­den ste­cken unter fürch­ter­li­chen Bedin­gun­gen fest. Auch aner­kann­te Flücht­lin­ge ste­hen in Grie­chen­land vor dem Nichts. Oft sind sie obdach­los, bekom­men kei­ne staat­li­che Unter­stüt­zung. Es gibt kei­ne Inte­gra­ti­ons­maß­nah­men, kaum Sprach­kur­se, kaum eine Mög­lich­keit auf dem Arbeits­markt Fuß zu fas­sen. Trotz­dem schiebt auch Deutsch­land immer wie­der Men­schen nach Grie­chen­land ab.

PRO ASYL kämpft gegen die­se Über­stel­lun­gen, doku­men­tiert gemein­sam mit RSA die Zustän­de in Grie­chen­land und hilft dabei, Abschie­bun­gen zu ver­hin­dern.

 

(tz)