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Symbolbild: In solchen seeuntauglichen Booten wagen auch in der Ägäis viele Flüchtlinge die gefährliche Überfahrt nach Europa. Immer wieder kommt es zu Unglücken. Foto: Christian Gohdes

Am 9. August wurde die Ägäis erneut zum Kinderfriedhof: Neun Menschen ertranken auf der Flucht nach Griechenland - darunter sieben Kinder. Noch vor etwa drei Jahren löste das Bild des leblosen Körpers eines kleinen Jungens einen weltweiten Aufschrei aus. Von dieser Entrüstung über die Opfer der EU-Flüchtlingspolitik ist heute nichts mehr übrig.

Am Mor­gen des 9. August 2018 ken­ter­te vor der tür­ki­schen Küs­te ein Boot mit 13 Flücht­lin­gen, neun von ihnen star­ben bei dem Unglück. Noch vor etwa drei Jah­ren sorg­te ein Foto von Alan Kur­di, einem syri­schen Jun­gen, der wie sein fünf­jäh­ri­ger Bru­der und sei­ne Mut­ter ertrank, als ihr Boot vor der tür­ki­schen Küs­te ken­ter­te, für einen inter­na­tio­na­len Auf­schrei. Mitt­ler­wei­le ist das Mit­ge­fühl euro­päi­scher Entscheidungsträger*innen einer scham­lo­sen Poli­tik der Abschre­ckung gewi­chen.

Für die EU sind die »Flüchtlingsdeals« ein Erfolg

Statt dem Ster­ben in der Ägä­is und anders­wo im Mit­tel­meer poli­tisch ent­ge­gen­zu­tre­ten, wer­den skru­pel­lo­se Deals als Erfolg bewer­tet und zum zen­tra­len Ele­ment einer rigo­ro­sen Abschot­tungs­po­li­tik in der Euro­päi­schen Uni­on erko­ren.

Wie der Deal mit frag­wür­di­gen Ver­tre­tern des zer­fal­le­nen Staats Liby­en oder die Über­ein­kunft mit der Tür­kei zei­gen, geht es dabei pri­mär um Abschot­tung. Seit Inkraft­tre­ten des EU-Tür­kei-Deals herrscht ein per­ma­nen­ter Aus­nah­me­zu­stand auf den Inseln in der Ägä­is. Sie wur­den zu einem Frei­luft­ge­fäng­nis für Tau­sen­de Schutz­su­chen­de. Es wird eine Rea­li­tät geschaf­fen, die mög­lichst abschre­ckend wir­ken soll.

Weniger Ankünfte – mehr Tote

In einem Auf­ruf zur Stär­kung der See­not­ret­tung vom 6.  Juli stell­te UNHCR klar, trotz sin­ken­der Ankünf­te stei­ge die Todes­ra­te. Zwi­schen Janu­ar und August star­ben 1.522 Men­schen (Stand 14.08.2018).  105 Men­schen, dar­un­ter 28 Kin­der, star­ben in der Ägä­is und vor der Küs­te Zyperns. Wei­te­re 11 Flücht­lin­ge, acht Kin­der und ihre Müt­ter, ver­lo­ren ihr Leben an der grie­chisch-tür­ki­schen Land­gren­ze.

1.522

Flücht­lin­ge sind 2018 bereits im Mit­tel­meer ums Leben gekom­men. (Stand 14.8.)

Jede Zahl steht für ein Leben

Sol­che Unglü­cke sind also kei­ne Sel­ten­heit in der Ägä­is. Die Geschich­te von Zubair, der bei einer ande­ren Boots­ka­ta­stro­phe im März ertrun­ken ist, zeigt: Hin­ter jeder die­ser Zah­len steht ein Leben. Zubair war neun Jah­re alt, als er mit sei­nem 16 Jah­re alten Bru­der, sei­ner älte­ren Schwes­ter, sei­nem Vater und vier Cou­si­nen ums Leben kam.

Am 16. März 2018 ken­ter­te ihr Boot in der Nähe der Insel Aga­tho­ni­si. Bei der Tra­gö­die star­ben 16 Men­schen auf der Flucht, neun von ihnen Kin­der. Nur drei über­leb­ten. Umfas­sen­de Gesprä­che, die PRO ASYL/RSA mit den Über­le­ben­den, dem Kran­ken­haus­per­so­nal und Behör­den vor Ort führ­te und Recher­chen des Nach­rich­ten­ma­ga­zins Spie­gel zei­gen: Obwohl die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che infor­miert war, wur­de nicht geret­tet.

Die Über­le­ben­den sei­ner Fami­lie beschrei­ben Zubair als intel­li­gen­ten, höf­li­chen und lie­be­vol­len Jun­gen. Sei­ne Fami­lie spricht vol­ler Zunei­gung von ihm. Zubair ver­miss­te sei­ne Mut­ter sehr, die es bereits geschafft hat­te, mit zwei sei­ner Geschwis­ter Grie­chen­land zu errei­chen. Er lieb­te es, zur Schu­le zu gehen. Nach der Flucht aus Afgha­ni­stan war dies lei­der nicht mehr mög­lich.

Der Tod Zubairs ist der maka­bre Erfolg einer euro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik, die nur ein Ziel kennt: Flucht­we­ge ver­schlie­ßen, um jeden men­schen­recht­li­chen Preis.

Zubair starb allei­ne, erzäh­len uns die drei Über­le­ben­den des Unglücks. Er kämpf­te lan­ge gegen die Wel­len und die Käl­te, auch als sei­ne Ange­hö­ri­gen bereits ohn­mäch­tig waren. Ohne Hil­fe ver­lor auch er sei­nen Über­le­bens­kampf.

Die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen Euro­pas haben sich ent­schie­den, das Leid der ver­zwei­fel­ten Flücht­lings­fa­mi­li­en zu miss­ach­ten. In Erman­ge­lung lega­ler und siche­rer Flucht­we­ge wer­den Män­ner, Frau­en und Kin­der auf der Flucht gezwun­gen, ihr Leben zu ris­kie­ren, um Schutz zu suchen oder ihre Fami­li­en wie­der­zu­fin­den. Der Tod Zubairs ist der maka­bre Erfolg einer euro­päi­schen Flücht­lings­po­li­tik, die nur ein Ziel kennt: Flucht­we­ge ver­schlie­ßen, um jeden men­schen­recht­li­chen Preis.

(rsa)

Eng­li­scher Ori­gi­nal­text: Europe’s suc­cess sto­ry