25.04.2014
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In Zelten untergebracht: Syrische Flüchtlingskinder in Harmanli, Bulgarien im November 2013. Foto: UNHCR / D. Kashavelov

Um Flüchtlinge von der Überquerung der EU-Grenze abzuhalten, ist Bulgariens Grenzschützern offenbar jedes Mittel recht: Immer wieder werden Schutzsuchende völkerrechtswidrig an der Grenze zur Türkei zurückgewiesen. Das zeigen Recherchen von unseren Kooperationspartnern Bordermonitoring Bulgaria (BMB).

„Erst haben sich die Poli­zis­ten mit uns hin­ge­setzt, sie haben uns auf­ge­nom­men, sie sag­ten mir, sie wür­den uns in ein Flücht­lings­la­ger brin­gen. Sie gaben uns Was­ser, sie waren nett zu uns. Aber als sie uns in ihr Auto luden und uns zurück zur Gren­ze brach­ten, fin­gen sie an, uns zu schla­gen“, berich­tet eine syri­sche Frau, die ver­such­te, mit ihren zwei min­der­jäh­ri­gen und zwei erwach­se­nen Kin­dern die bul­ga­ri­sche Gren­ze zu über­que­ren, um in der EU Schutz zu suchen. Auch der zehn­jäh­ri­ge Sohn der Frau wur­de von den Schlä­gen nicht ver­schont.

Statt in Bul­ga­ri­en ihr Recht wahr­neh­men zu kön­nen, einen Asyl­an­trag zu stel­len, wur­de die Fami­lie unter Gewalt­an­wen­dung in die Tür­kei zurück­ver­frach­tet. Das berich­tet das Team von Bor­der­mo­ni­to­ring Bul­ga­ria (BMB), das mit Unter­stüt­zung von PRO ASYL an der bul­ga­risch-tür­ki­schen Gren­ze  zur Men­schen­rechts­la­ge von Schutz­su­chen­den recher­chiert. BMB hat die Fami­lie am 21. April in einem Kran­ken­haus in der Tür­kei auf­ge­sucht, wo die Schutz­su­chen­den auf­grund von meh­re­ren Kno­chen­brü­chen behan­delt wer­den.

Sys­te­ma­ti­sche Push-Backs zur Abschre­ckung von Schutz­su­chen­den 

So genann­te Push-Back-Ope­ra­tio­nen an der EU-Gren­ze Bul­ga­ri­ens zur Tür­kei sind kei­ne Sel­ten­heit. Bor­der Moni­to­ring Bul­ga­ria ist im Rah­men von Recher­chen im März 2014 im Flücht­lings­la­ger Har­m­an­li auf wei­te­re Flücht­lin­ge gesto­ßen, die vor ihrer schließ­lich erfolg­rei­chen Ein­rei­se nach Bul­ga­ri­en Opfer von Push-Backs an der bul­ga­ri­schen EU-Außen­gren­ze wur­den. In zwei der berich­te­ten Fäl­le waren beson­ders schutz­be­dürf­ti­ge Flücht­lin­ge betrof­fen, sogar schwan­ge­re Frau­en. In einem Fall hat eine schwan­ge­re Frau nach einer Push-Back-Ope­ra­ti­on in der Tür­kei ihr unge­bo­re­nes Kind ver­lo­ren. Sie muss­te mit­er­le­ben, wie die Grenz­po­li­zei  ihren Mann mit Stock­schlä­gen auf Rücken und Füße miss­han­del­te. Wie­der­holt bezeu­gen von Push-Backs betrof­fe­ne Schutz­su­chen­de, von der bul­ga­ri­schen Grenz­po­li­zei mit vor­ge­hal­ten Waf­fen bedroht wor­den zu sein.

Meh­re­re Berich­te und Aus­sa­gen von UNHCR, amnes­ty inter­na­tio­nal und Human Rights Watch bestä­ti­gen, dass die Push-Back-Ope­ra­tio­nen seit Anfang 2014 offen­bar als geziel­te Stra­te­gie ein­ge­setzt wer­den. “Wir haben detail­lier­te Zeu­gen­aus­sa­gen zu 44 Push-Back Ope­ra­tio­nen gehört, die ins­ge­samt min­des­tens 519 Per­so­nen betra­fen“, berich­tet Bill Frelick von Human Rights Watch. Die Push-Backs schei­nen Teil der Stra­te­gie Bul­ga­ri­ens zu sein, den bul­ga­ri­schen Abschnitt der EU-Gren­ze für Schutz­su­chen­de kom­plett dicht zu machen. Der bul­ga­ri­sche Innen­mi­nis­ter ver­kün­de­te, der „Zustrom ille­ga­ler Ein­wan­de­rer“ habe im Janu­ar 2014 „prak­tisch auf­ge­hört“. Wäh­rend im Dezem­ber Bul­ga­ri­en noch 9.000 Asyl­su­chen­de beher­berg­te – vor allem aus Syri­en –  sank  die Zahl bis April auf rund 6.700, wäh­rend zur glei­chen Zeit die Zahl syri­scher Flücht­lin­ge in der Tür­kei und den ande­ren Nach­bar­staa­ten auf über 2,5 Mil­lio­nen anstieg. Bul­ga­ri­en ver­sie­gelt sei­ne Gren­ze offen­bar mit­hil­fe von völ­ker­rechts­wid­ri­gen, bru­ta­len Push-Backs – nach dem Mot­to: Wer es über die Gren­ze schafft, wird unter Ein­satz roher Gewalt zurück­ge­schafft, ohne Rück­sicht auf das inter­na­tio­na­le Flücht­lings­recht oder die Men­schen­rech­te der Betrof­fe­nen.

PRO ASYL und Bor­der­mo­ni­to­ring Bul­ga­ria for­dern, dass die völ­ker­rechts­wid­ri­gen Push-Back-Ope­ra­tio­nen sofort been­det wer­den. Die Push Backs müs­sen lücken­los auf­ge­klärt wer­den. Auf­grund der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen an Flücht­lin­gen und der noch immer men­schen­un­wür­di­gen Auf­nah­me­be­din­gun­gen müs­sen soge­nann­te Dub­lin-Abschie­bun­gen von Flücht­lin­gen nach Bul­ga­ri­en drin­gend aus­ge­setzt wer­den. 

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