Vor 20 Jahren starb Aamir Ageeb unter den Händen von Bundespolizisten an Bord eines Abschiebungsfluges.

Am 28. Mai 1999 starb der Suda­ne­se Aamir Age­eb an Bord des Luft­han­sa­flu­ges LH 588 von Frank­furt nach Kai­ro an den Fol­gen einer vor­sätz­li­chen Kör­per­ver­let­zung durch Beam­te des Bun­des­grenz­schut­zes (heu­te: Bun­des­po­li­zei). Bereits in einer Gewahr­sams­zel­le wie ein Bün­del ver­schnürt, wur­de ihm beim Trans­port zum Flug­zeug ein Motor­rad­helm auf­ge­setzt. Im Flug­zeug wur­den zusätz­lich zu der Fes­se­lung auch sei­ner Ober­schen­kel sei­ne Arme an den Sitz­leh­nen und die Bei­ne am Sitz mit Klett­bän­dern fixiert. Als Age­eb durch Schreie auf sich auf­merk­sam macht, drü­cken die Begleit­be­am­ten sei­nen Ober­kör­per nach unten und sei­nen Kopf nach vor­ne. Nach dem Erlö­schen der Anschnall­zei­chen wird klar: Das hat der Zwangs­pas­sa­gier nicht über­lebt. Ein lage­be­ding­ter Ersti­ckungs­tod durch mas­si­ve Ein­wir­kung von Gewalt, so die Rechts­me­di­zin.

Nicht der erste Tote

Es war dies bereits der zwei­te Tote bei einem Abschie­bungs­flug aus Deutsch­land. 1994 hat­te Kola Ban­ko­le aus Nige­ria ähn­li­che Tech­ni­ken der Gewalt­an­wen­dung sei­tens der Begleit­be­am­ten nicht über­lebt. Jah­re­lang waren die nöti­gen Kon­se­quen­zen vom Dienst­herrn, dem BMI, hier­aus nicht gezo­gen wor­den, obwohl die Risi­ken des lage­be­ding­ten Ersti­ckungs­sto­des bei der Anwen­dung von atem­be­hin­dern­den Tech­ni­ken in inter­na­tio­na­len Foren­si­ker- und Poli­zei­krei­sen längst bekannt waren. Poli­tisch ver­ant­wort­lich: Der dama­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Kan­ther und der aller­dings erst ein hal­bes Jahr vor Age­ebs Tod ins Amt gekom­me­ne Otto Schi­ly.

Milde Strafen für die Verantwortlichen

Im Fall Age­eb ergin­gen mil­de Bewäh­rungs­stra­fen gegen die drei tat­be­tei­lig­ten Grenz­schutz­be­am­ten, Aber das Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt Frank­furt hat­te ans Licht gebracht, was beim BGS in den 90er Jah­ren an der Tages­ord­nung war: Die Durch­set­zung von Abschie­bun­gen mit lebens­ge­fähr­li­chen Zwangs­tech­ni­ken, wobei die Betei­lig­ten vor ihren Vor­ge­set­zen im Unkla­ren dar­über gelas­sen wur­den, wo die Gren­zen lie­gen. Die­se schau­ten zu, wie im All­tag mit Gewalt­an­wen­dung her­um­ex­pe­ri­men­tiert wur­de – und wur­den im Straf­ver­fah­ren fast aus­nahms­los weder als Zeu­gen gehört noch zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen. Der zum Tat­zeit­punkt obers­te Grenz­schüt­zer am Flug­ha­fen Frank­furt, Udo Han­sen, auf­ge­fal­len vor Gericht mit selt­sa­men Äuße­run­gen zur poli­zei­li­chen Aus­bil­dung, stieg lauf­bahn­mä­ßig steil auf.

Abu Ghraib las­se grü­ßen, hat­te der vor­sit­zen­de Rich­ter im Frank­fur­ter Ver­fah­ren grim­mig gesagt und detail­liert zusam­men­ge­fasst, wie ein Grenz­schüt­zer Aamit Age­eb bereits in der Gewahr­sams­zel­le vor­ge­fun­den hat­te: In der ernied­ri­gen­den, unmensch­li­chen und lebens­ge­fähr­li­chen Hog­tie-Fese­lung, auf dem Bauch lie­gend, Hän­de und Füße auf dem Rücken ver­schnürt, von Vor­ge­setz­ten jeden­falls nicht moniert. Das BMI zeig­te sich empört über den rich­ter­li­chen Ver­gleich, nicht über die Tat­sa­chen.

Dienstanweisung als Folge

Immer­hin: Eine Kon­se­quenz aus dem Straf­ver­fah­ren und der öffent­li­chen Dis­kus­si­on über die Ket­te der orga­ni­sier­ten Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit war die Ein­füh­rung einer umfang­rei­chen Dienst­an­wei­sung (Best Rück Luft) mit der Maxi­me „Kei­ne Abschie­bung um jeden Preis“. Sie gilt bis heu­te und ver­bie­tet neben vie­lem ande­ren die Anwen­dung atem­be­hin­dern­der Tech­ni­ken. PRO ASYL merk­te zum Straf­ur­teil und zur Dienst­an­wei­sung kri­tisch an, es wer­de von der Bereit­schaft der Bun­des­po­li­zei und der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen abhän­gen, ob die Leh­ren wirk­lich gezo­gen wür­den. Das Mot­to der Dienst­an­wei­sung lege auch die Fra­ge nahe: Wel­cher Preis darf es denn sein?

Und heute?

20 Jah­re ist das her. Und immer­hin: Tote bei Abschie­bungs­flü­gen aus Deutsch­land hat es danach nicht gege­ben. Wir­ken also Dienst­an­wei­sung und ver­bes­ser­te Aus­bil­dung?

August 2018: Der Euro­päi­sche Aus­schuss zur Ver­hü­tung von Fol­ter und unmensch­li­cher und ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe (CPT) beob­ach­tet einen Char­ter­ab­schie­bungs­flug von Mün­chen nach Kabul. Besu­che des CPT wer­den i.d.R. den Behör­den ange­kün­digt. Die betei­lig­ten deut­schen Dienst­stel­len sind zur Koope­ra­ti­on ver­pflich­tet und haben alle Mög­lich­kei­ten, ihr Ver­hal­ten auf die Beob­ach­ter­mis­si­on ein­zu­stel­len. Die beob­ach­tet aller­dings dra­ma­ti­sche Sze­nen am Münch­ner Flug­ha­fen. Einer der Afgha­nen, die abge­scho­ben wer­den soll­ten, leis­te­te mas­si­ven Wider­stand bei der Plat­zie­rung im Flug­zeug, wor­auf­hin ein ins­ge­samt sechs­köp­fi­ges Team sich dar­an mach­te, die­sen zu bre­chen. Dem Zwangs­pas­sa­gier wur­de ein Beiß­schutz in den Mund ein­ge­führt.

»Einer die­ser Begleit­be­am­ten leg­te von hin­ten sei­nen Arm um den Hals des Rück­zu­füh­ren­den und zog mit sei­ner ande­ren Hand des­sen Nase nach oben […]«

Euro­päi­sche Aus­schuss zur Ver­hü­tung von Fol­ter und unmensch­li­cher und ernied­ri­gen­der Behand­lung oder Stra­fe (CPT)

Was folg­te sei hier nach dem CPT-Bericht zitiert: „Die bei­den neben ihm sit­zen­den Begleit­be­am­ten ver­such­ten, ihn in sei­nem Sitz zu hal­ten, indem sie sei­ne Arme fest­hiel­ten. Dabei wur­den sie von einem aus vier Begleit­per­so­nen bestehen­den Back­up-Team unter­stützt, wovon sich drei hin­ter sei­nem Sitz posi­tio­nier­ten. Einer die­ser Begleit­be­am­ten leg­te von hin­ten sei­nen Arm um den Hals des Rück­zu­füh­ren­den und zog mit sei­ner ande­ren Hand des­sen Nase nach oben, sodass sein Kol­le­ge einen Beiß­schutz in den Mund des Rück­zu­füh­ren­den ein­füh­ren konn­te.

In Reak­ti­on hier­auf ver­stärk­te der Rück­zu­füh­ren­de sei­nen Wider­stand, wor­auf­hin ein zwei­ter Begleit­be­am­ter des Back­up-Teams ein­griff und den Kopf des Rück­zu­füh­ren­den auf einen Neben­sitz zog und sein Knie auf des­sen Kopf plat­zier­te, um Druck aus­zu­üben und koope­ra­ti­ves Ver­hal­ten zu errei­chen, wäh­rend die Hän­de des Rück­zu­füh­ren­den hin­ter des­sen Rücken mit einem Klett­band gefes­selt wur­den. Ein wei­te­rer Begleit­be­am­ter drück­te mit sei­nem Dau­men auf die Schlä­fe des Rück­zu­füh­ren­den. Ein wei­te­res Klett­band wur­de unter­halb der Knie des Rück­zu­füh­ren­den ange­bracht, um sei­ne Bei­ne zusam­men­zu­bin­den. Dem Rück­zu­füh­ren­den wur­de außer­dem ein Helm auf­ge­setzt und an sei­nen Armen und Bei­nen wur­den wei­te­re Klett­bän­der ange­bracht. Des Wei­te­ren wur­de Gewalt ange­wen­det, um ihn mit den Hän­den fest­zu­hal­ten.

Zu die­sem Zeit­punkt wur­de der Rück­zu­füh­ren­de von drei hin­ter sei­nem Sitz posi­tio­nier­ten Begleit­be­am­ten fest­ge­hal­ten und auf jeder Sei­te saß ein wei­te­rer Beam­ter. Ein sechs­ter Beam­ter knie­te auf den Kni­en und Ober­schen­keln des Rück­zu­füh­ren­den, um ihn mit sei­nem Gewicht in sei­nem Sitz zu hal­ten. Nach etwa 15 Minu­ten griff der sechs­te Begleit­be­am­te mit sei­ner lin­ken Hand die Geni­ta­li­en des Rück­zu­füh­ren­den und drück­te mehr­mals län­ger zu, um den Rück­zu­füh­ren­den dazu zu brin­gen, sich zu beru­hi­gen. Als das Flug­zeug rund zehn Minu­ten spä­ter star­te­te, stan­den zwei Begleit­be­am­te immer noch hin­ter dem Sitz des Rück­zu­füh­ren­den, um sicher­zu­stel­len, dass er sit­zen blieb. Kurz dar­auf beru­hig­te sich der Rück­zu­füh­ren­de, nach­dem ihm gesagt wur­de, dass die meis­ten Zwangs­mit­tel ent­fernt wer­den wür­den, sofern er sich koope­ra­tiv ver­hal­te. Für etwa eine Stun­de blieb er mit den Hän­den hin­ter dem Rücken gefes­selt. Da er ruhig blieb, wur­de die Fes­se­lung gelöst.

Im Ver­lauf die­ses Ein­griffs beob­ach­te­te die Dele­ga­ti­on, dass der Rück­zu­füh­ren­de Atem­schwie­rig­kei­ten bekam und noch mehr in Erre­gung geriet, als der ers­te Begleit­be­am­te des Back­up-Teams den Arm um sei­nen Hals leg­te, da der dort aus­ge­üb­te Druck zu einer vor­über­ge­hen­den Atem­wegs­be­hin­de­rung führ­te.“

Die Bundespolizei leugnet

Das CPT ver­weist auf die auch in der Dienst­an­wei­sung zu Abschie­bung auf dem Luft­we­ge gere­gel­te Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass kei­ner­lei Kon­troll­tech­ni­ken ange­wen­det wer­den dür­fen, die die Atem­fä­hig­keit ein­schrän­ken. Zum Griff in die Geni­ta­li­en wird ange­merkt: „Eine Per­son durch Drü­cken der Geni­ta­li­en zu miss­han­deln, was ein­deu­tig dar­auf abzielt, durch Zufü­gung star­ker Schmer­zen koope­ra­ti­ves Ver­hal­ten zu errei­chen, ist unver­hält­nis­mä­ßig und unan­ge­mes­sen. Dies umso mehr, als die Per­son von sechs Begleit­be­am­ten fixiert wur­de.“

Als Kron­zeu­ge wird ein Beob­ach­ter der Euro­päi­schen Grenz­schutz­agen­tur FRONTEX ange­führt. Das ist poli­zei­li­cher Corps­geist in euro­päi­schem Maß­stab.

In sei­ner Stel­lung­nah­me zum CPT-Bericht ant­wor­tet das zustän­di­ge Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um dees­ka­lie­rend: Man habe die Bun­des­po­li­zei von der Emp­feh­lung in Kennt­nis gesetzt und die­se habe sie auf­ge­grif­fen. Da hat­te man aber offen­bar im Minis­te­ri­um nicht mit der Ent­schlos­sen­heit der Bun­des­po­li­zei­füh­rung gerech­net, sich mit dem CPT anzu­le­gen. Was die­ses gese­hen haben will, leug­net man rund­weg ab. Atem­be­hin­dern­de Tech­ni­ken und Grif­fe in die Geni­ta­li­en habe es nicht gege­ben, so eine Pres­se­mit­tei­lung vom 10. Mai 2019. Als Kron­zeu­ge wird ein Beob­ach­ter der Euro­päi­schen Grenz­schutz­agen­tur FRONTEX ange­führt. Das ist poli­zei­li­cher Corps­geist in euro­päi­schem Maß­stab. Wir ken­nen ihn aus der Ver­gan­gen­heit, wann immer es um die Ange­mes­sen­heit von Metho­den geht, mit denen Wider­stand gebro­chen wird. Geleug­net wird, solan­ge es mög­lich ist. Wo kei­ne Tat, da kei­ne Täter.

Neue Härte

Die Nach­denk­lich­keit nach den bei­den Todes­fäl­len 1994 und 1999 scheint einer neu­en Här­te bei der Durch­füh­rung von Abschie­bun­gen gewi­chen zu sein, trom­meln doch vie­le Poli­ti­ker des Regie­rungs­la­gers nach dem Takt der Rech­ten für mehr Abschie­bun­gen und ihre rigo­ro­se­re Durch­füh­rung. In die­sem Kli­ma wer­den dann auch mal aus sym­bo­li­schen Grün­den Schwer­kran­ke per Ambu­lanz­flie­ger abge­scho­ben, wie in Ham­burg im März die­ses Jah­res. Oder es wer­den medi­zi­ni­sche Attes­te miss­ach­tet, um Abschie­bun­gen mög­lich zu machen. Fit to fly lau­tet die Devi­se. Wer den Flug über­lebt, war fit für ihn. Da es auf den Char­ter­flü­gen i.d.R. kei­ne unab­hän­gi­gen Beob­ach­ter gibt, konn­te man bis­her nur mut­ma­ßen, was in die­ser Black Box gesche­hen moch­te. Zu befürch­ten ist: Was das CPT da sah, wirft nur ein klei­nes Schlag­licht auf ein grö­ße­res Pro­blem. Wenn unter den Augen exter­ner Beob­ach­ter so zuge­grif­fen wird, dann darf man sich kei­ne Illu­sio­nen machen. Pro Asyl hat­te schon im Okto­ber 2004 in einer Pres­se­er­klä­rung die Fra­ge gestellt: Der ers­te Euro­char­ter- Abschie­bungs­to­te – nur eine Fra­ge der Zeit?

Nach Aamir Age­ebs Tod hat­te es Jah­re spä­ter mit der Ein­rich­tung unab­hän­gi­ger Abschie­bungs­be­ob­ach­tun­gen auf eini­gen deut­schen Flug­hä­fen, eine Initia­ti­ve ins­be­son­de­re der Kir­chen, einen Ver­such gege­ben, Licht in die Black Box Abschie­bung zu brin­gen. Deren Jah­res­be­rich­te kon­sta­tie­ren uni­so­no, dass exzes­si­ve Gewalt bei Abschie­bun­gen am Boden nicht beob­ach­tet wer­den konn­te. Aller­dings endet deren Ein­blick mit dem Schlie­ßen der Flug­zeug­tür.

Bundespolizei attackiert Pilot*innen

Bun­des­po­li­zei­chef Die­ter Romann gebär­det sich, auch im Ver­gleich mit sei­nen Vor­gän­gern, nicht zum ers­ten Mal als Radi­ka­ler im öffent­li­chen Dienst. Vor kur­zem erst mein­te er zur Durch­set­zung von Abschie­bun­gen die Flug­ka­pi­tä­ne in die Pflicht neh­men zu müs­sen. Die sind ihm zu zim­per­lich, wenn sie aus Grün­den der Luft­si­cher­heit die Mit­nah­me von Abzu­schie­ben­den manch­mal ableh­nen. Wer meint, die inter­na­tio­nal aner­kann­ten Rege­lun­gen zur sog. Bord­ge­walt der Flug­ka­pi­tä­ne in Fra­ge stel­len zu müs­sen und den Berufs­stand als poten­zi­el­le Abschie­bungs­ver­hin­de­rer dis­kre­di­tie­ren zu müs­sen, der sucht die Pro­vo­ka­ti­on.

Es schließt sich hier auch der Kreis zum Fall Age­eb. Des­sen Tod führ­te näm­lich dazu, dass auf eine Anfra­ge hin das BMI im August 1999 erst­mals klar­stel­len muss­te, dass es die Flug­ka­pi­tä­ne sind, die die Kom­man­do­ge­walt an Bord nach Schlie­ßen der Türen haben und Risi­ken für die Luft­si­cher­heit zuvor beur­tei­len müs­sen. Jetzt aber wird wie­der an Gren­zen gerüt­telt und Stim­mung gemacht. Die­ter Romann führt die­se fach­lich-poli­tisch aus­sicht­lo­se Aus­ein­an­der­set­zung wohl ein­fach des­we­gen, weil er sie in sei­ner Posi­ti­on los­tre­ten kann und der Fach­mi­nis­ter ihm nicht in die Para­de fährt. Er gibt den rech­ten Flü­gel­mann als „Pro­fi“. So etwa hat es ja auch Hans-Georg Maaßen gemacht. Wie der FREITAG am 8.10.2018 über Romann schrieb: Er sei „Der Letz­te aus dem Rat Pack“, des Anti-Mer­kel-Tri­os, das seit 2015 Stim­mung gemacht habe gegen die Flücht­lings­po­li­tik der Kanz­le­rin, mit Duz­freund Maaßen und dem ehe­ma­li­gen BND-Chef Schind­ler, der dem Pack auch den Namen ver­passt habe, so die Süd­deut­sche Zei­tung.

Die Rolle der Abschiebeärzt*innen

Was das CPT bei sei­ner Deutsch­land-Mis­si­on sonst sah, zeigt, wie sehr auch ande­re seit Jahr­zehn­ten kri­ti­sier­te Prak­ti­ken das Abschie­bungs­ge­sche­hen prä­gen. So saß im Kabul-Flie­ger ein Afgha­ne, den man weni­ge Tage, nach­dem er sich bei einem Sprung aus dem Fens­ter einen Bruch des Len­den­wir­bels zuge­zo­gen hat­te, aus NRW für den Flug gemel­det hat­te. Ohne dass die not­wen­di­ge Nach­sor­ge durch­ge­führt oder nach Abschie­bung gesi­chert gewe­sen wäre, wur­de er drei Tage nach sei­ner Ent­las­sung aus dem Kran­ken­haus für rei­se­taug­lich befun­den und – wegen gro­ßer Schmer­zen – lie­gend abge­scho­ben. CPT wid­met sich in sei­ner Kri­tik der dop­pel­bö­di­gen Rol­le von Ärz­ten, die mög­li­cher­wei­se unter Ver­stoß gegen ärzt­li­che Grund­sät­ze einer­seits über die Rei­se­taug­lich­keit ent­schei­den und dann auch noch als Begleit­ärz­te mit­flie­gen.

Das Rol­len­ver­ständ­nis die­ser „Fach­ärz­te für Abschie­bung“ ist ein jahr­zehn­te­al­tes Ärger­nis und Debat­ten über die zugrun­de­lie­gen­de ärzt­li­che Ethik haben nur sel­ten ein Publi­kum in Gerichts­sä­len gefun­den, wenn dabei etwas schief­ging. Beim Kabul-Flug war jeden­falls ein „Anstalts­arzt“ dabei, was wohl zu ver­ste­hen ist als ein Arzt, der im Rah­men einer JVA wirkt. Das CPT for­dert sehr deut­lich den Ein­satz unab­hän­gi­ger Fach­kräf­te. Genau die aller­dings ver­su­chen sich die Prot­ago­nis­ten ver­schärf­ter Abschie­bungs­po­li­tik vom Hals zu hal­ten — durch Geset­ze, wie dem aktu­el­len Geord­ne­te-Rück­kehr-Gesetz, die die Beach­tung ärzt­li­cher Attes­te von unab­hän­gi­gen Ärz­ten immer wei­ter aus­zu­schlie­ßen ver­su­chen und über­höh­te Anfor­de­run­gen an sol­che stel­len, die zu erfül­len kein Fach­arzt aus­rei­chend Zeit hat. Unab­hän­gi­ge Fach­kräf­te vor Abschie­bun­gen? So weit käme es noch in die­sem Rechts­staat, der regel­mä­ßig Ver­trau­en in sei­ne Prak­ti­ken ein­for­dert. Der dem CPT, das eine sicht­ba­re Kenn­zeich­nung der Begleit­be­am­ten for­dert, ent­ge­gen­hält: Wird der­zeit nicht für erfor­der­lich gehal­ten, so das Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in sei­ner Stel­lung­nah­me zum CPT-Bericht.

Begleitpersonal ist oft nicht ausgebildet

Was dem CPT wei­ter Sor­gen macht, inter­es­siert die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen seit Län­ge­rem über­haupt nicht: Abschie­bungs­flü­ge wer­den in erheb­li­chem Aus­maß von Per­so­nal beglei­tet, dass für die­se Auf­ga­be nicht aus­ge­bil­det ist. Auf dem beob­ach­te­ten Kabul-Flug waren ein Drit­tel der Beglei­ter Ange­hö­ri­ge von poli­zei­li­chen Beweis­si­che­rungs- und Festnahmeeinheiten(BFE). Sie hat­ten die Aus­bil­dung zum „Per­so­nen­be­glei­ter Luft“ nicht absol­viert. Das über­rascht: Waren es nicht die Poli­zei­ge­werk­schaf­ten, die sich in Bezug auf die bei Demons­tra­tio­nen und ande­ren Groß­la­gen ein­ge­setz­ten Ein­hei­ten über den auf­ge­lau­fe­nen Über­stun­den­berg beklagt haben? Wie­so fin­den da nicht weni­ge offen­bar Zeit für Abschie­bungs­ein­sät­ze, aber nicht für die ent­spre­chen­den Aus­bil­dungs­lehr­gän­ge? Auch vom Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um kom­men vage Ver­spre­chun­gen, man bemü­he sich, die Zahl der Aus­ge­bil­de­ten bis 2021 dras­tisch zu erhö­hen. Und in der Zwi­schen­zeit?

Es ist zu erwar­ten, dass BMI und Bun­des­po­li­zei­füh­rung das bri­san­te The­ma und die CPT-Kri­tik aus­sit­zen. Sie schei­nen sich dar­auf zu ver­las­sen, dass Insti­tu­tio­nen, die das „euro­pä­isch“ im Namen füh­ren, im aktu­el­len poli­ti­schen Kli­ma trotz ihres Man­da­tes in der Öffent­lich­keit nicht ernst­ge­nom­men wer­den und die kom­men­den Abschie­bungs­flü­ge wie­der unbe­ob­ach­tet statt­fin­den, von den Kum­pels von FRONTEX ein­mal abge­se­hen. Ja, es ist nicht nur ein deut­sches, es ist dies auch ein euro­päi­sches Pro­blem: Die bei Abschie­bun­gen Getö­te­ten der Ver­gan­gen­heit, das Ver­ges­sen und Ver­drän­gen, wie auch die zuneh­men­de Här­te bei aktu­el­len Abschie­bun­gen, wenn Rechts­po­pu­lis­ten zur Jagd bla­sen.

Der Bericht muss ernst genommen werden!

Ich habe die Men­schen, die für den Tod Aamir Age­ebs unmit­tel­bar ver­ant­wort­lich waren, wäh­rend des Straf­pro­zes­ses im Gerichts­saal erlebt. Man darf sie sich nicht vor­stel­len als per se zu Gewalt­tä­tig­kei­ten nei­gen­de Män­ner, denen alles zuzu­trau­en war. Nein, sie waren erschro­cken über das, was sie ange­rich­tet hat­ten. Sie hat­ten es nicht gewollt. Sie stan­den am Ende einer Befehls­ket­te, in der das har­te Durch­grei­fen erwar­tet, aber nicht samt sei­nen Gren­zen näher gere­gelt wur­de. Man soll­te sich auch die Beam­ten auf dem vom CPT beob­ach­te­ten Flug nicht als bru­ta­le Gewalt­tä­ter vor­stel­len, wird sich aber den­noch fra­gen, in wel­chem Umfeld abseits der sol­da­ti­schen Ein­zel­kämp­fer­aus­bil­dung der schmerz­haf­te Griff an die Geni­ta­li­en heu­te gelehrt wird. Die Begleit­be­am­ten stan­den unter dem Druck der poli­ti­schen Erwar­tung, eine Abschie­bung durch­zu­set­zen — um fast jeden Preis.

Das aller­dings recht­fer­tigt nichts in einem Staat, in dem es auch heu­te kei­nes gro­ßen Mutes bedarf, sich sol­chen Zumu­tun­gen zu ver­wei­gern. Es gibt Poli­zis­ten, die Abschie­bun­gen abge­bro­chen aus guten Grün­den abge­bro­chen haben. Abmah­nun­gen sind nicht bekannt gewor­den.

Der Appell, den CPT-Bericht ernst zu neh­men und die Kon­se­quen­zen jetzt zu zie­hen, gilt den Vor­ge­setz­ten und ins­be­son­de­re den poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen. Es gilt, bei Abschie­bun­gen die Men­schen­rech­te zu beach­ten, die Anwen­dung exzes­si­ver Gewalt zu ver­hin­dern und zugleich der Für­sor­ge­pflicht für die ein­ge­setz­ten Beam­ten nach­zu­kom­men, indem nicht erneut ein Kon­strukt der orga­ni­sier­ten Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit zuge­las­sen wird.

Seit fast 20 Jah­ren hängt in mei­nem Büro das Pla­kat einer Mahn­wa­che zur Pro­zess­eröff­nung im Ver­fah­ren um den Tod Aamir Age­ebs, zu der neben PRO ASYL wei­te­re Orga­ni­sa­tio­nen auf­rie­fen:

„Als Arbei­ten­de sind die Zeit­ge­nos­sen auf Mit­tun als sol­ches gedrillt. Und jene Gewis­sen­haf­tig­keit, die sie sich anstel­le ihres Gewis­sens ange­schafft haben(sich anzu­schaf­fen, von der Epo­che gezwun­gen wur­den), kommt einem Gelöb­nis gleich; dem Gelöb­nis, das Ergeb­nis der Tätig­keit, an der sie teil­neh­men, nicht vor sich zu sehen; wenn sie nicht umhin kön­nen, es vor sich zu sehen, es nicht auf­zu­fas­sen; wenn sie nicht umhin kön­nen, es auf­zu­fas­sen, es nicht auf­zu­be­wah­ren, es zu ver­ges­sen – kurz: dem Gelöb­nis, nicht zu wis­sen, was sie tun.“ (Gün­ter Anders)

Zu geden­ken ist auch vie­le Jah­re spä­ter der damals nament­lich bekann­ten Todes­op­fer bei Abschie­bun­gen:

  • Aamir Age­eb
  • Joy Gard­ner
  • Kha­led Abu­za­rifa
  • Kola Ban­ko­le
  • Mar­cus Omo­fu­ma
  • Maria­me Getu Hago
  • Ricar­do Bar­ri­ent­os
  • Sam­son Chuk­wu
  • Semi­ra Ada­mu

Und wei­te­rer Men­schen, die in einem Kli­ma zuneh­men­der Här­te an euro­päi­schen Gren­zen, in Abschie­bungs­haft, bei Abschie­bun­gen oder in der Fol­ge von Abschie­bun­gen zu Tode kamen. Vie­le Namen blei­ben unbe­kannt.

Bernd Meso­vic, Lei­ter Abtei­lung Rechts­po­li­tik von PRO ASYL


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