17.09.2015

Heu­te ist der Geset­zes­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung zur Flücht­lings­po­li­tik öffent­lich gewor­den. Auf den fast 150 Sei­ten wer­den weit­rei­chen­de Ein­schnit­te im Auf­ent­halts-, Asyl- und Sozi­al­recht vor­ge­nom­men.

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Dro­hen­de Obdach- und Mit­te­lo­sig­keit für Flücht­lin­ge

Aus der Sicht von PRO ASYL ist es empö­rend, dass der Ent­wurf zehn­tau­sen­de von Flücht­lin­gen, die über ande­re EU-Staa­ten nach Deutsch­land ein­ge­reist sind, in die Obdach­lo­sig­keit schickt: Kon­kret sol­len alle Flücht­lin­ge kei­ne Bezü­ge aus dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz erhal­ten, die unter die Dub­lin-III-Ver­ord­nung fal­len und für deren Asyl­an­trag ein ande­rer Mit­glied­staat zustän­dig ist. Nach dem Geset­zes­ent­wurf wird ihnen nur eine Rei­se­bei­hil­fe in Form von einer Fahr­kar­te und Rei­se­pro­vi­ant gewährt (§ 1a Abs. 3 Asyl­blG-Ent­wurf). Anders als bis­her sol­len sie kei­ne Leis­tun­gen nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz erhal­ten, bei­spiels­wei­se medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung, Bar­be­trag, Anspruch auf Unter­brin­gung etc. Die­se Rege­lung wird auch jene Flücht­lin­ge tref­fen, die in den letz­ten Wochen von der Bevöl­ke­rung an den Bahn­hö­fen mit Hilfs­gü­tern und Will­kom­mens­ges­ten emp­fan­gen wur­den.

„Das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um schickt die Flücht­lin­ge, die die Bun­des­re­gie­rung zuvor nach Deutsch­land ein­rei­sen ließ, in die Obdach­lo­sig­keit und in die sozia­le Ent­rech­tung. Mit der Men­schen­wür­de ist die­ser Vor­schlag unver­ein­bar. Men­schen wer­den ent­wür­digt, um sie außer Lan­des zu trei­ben“, warnt Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL. Der Geset­zes­ent­wurf unter­gräbt die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Das Gericht hat­te 2012 in einem Urteil ent­schie­den, dass die Men­schen­wür­de migra­ti­ons­po­li­tisch nicht rela­ti­vier­bar ist (Zum Urteil). Ein Absen­ken der Sozi­al­leis­tun­gen unter das sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­mum ist mit dem Ver­fas­sungs­recht unver­ein­bar.

Roll­back im Auf­ent­halts­recht

Dank dem jah­re­lan­gen gesell­schaft­li­chen Ein­satz von Kir­chen, Gewerk­schaf­ten, Ver­bän­den, Wirt­schafts­un­ter­neh­men, Flücht­lings­rä­ten, PRO ASYL und wei­ten Tei­len der Poli­tik wur­de eine Bleibe­per­spek­ti­ve für lang­jäh­rig Gedul­de­te geschaf­fen. Die Bun­des­re­gie­rung erfin­det jetzt die „Beschei­ni­gung über die voll­zieh­ba­re Aus­rei­se­pflicht“ im neu­en § 60b Auf­en­thG. Damit kann die Blei­be­rechts­re­ge­lung in der Pra­xis aus­ge­he­belt wer­den. Wenn die Abschie­bung eines Flücht­lings aus von ihm selbst ver­tre­te­nen Grün­den nicht voll­zo­gen wer­den kann, soll er/sie Arbeits­ver­bo­te erhal­ten und eben­falls aus den Sozi­al­leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wer­den. Die­se Rege­lung wird vie­le bis­lang gedul­de­te Flücht­lin­ge tref­fen, da einem gro­ßen Teil von ihnen unter­stellt wird, sie sei­en selbst dafür ver­ant­wort­lich, dass sie nicht abge­scho­ben wer­den kön­nen. In der Pra­xis wer­den die­se Vor­aus­set­zun­gen durch die Aus­län­der­be­hör­den sehr unter­schied­lich und zum Teil sehr weit aus­ge­legt.

Damit nicht genug: Im § 60a Auf­en­thG, der die Ertei­lung einer Dul­dung regelt, wird Abs. 6 neu ein­ge­fügt. Er ver­bie­tet die Aus­übung einer Erwerbs­tä­tig­keit und die Auf­nah­me oder Fort­füh­rung von Bil­dungs­maß­nah­men, bei Aus­län­dern die sich in das Inland bege­ben haben, um Leis­tun­gen nach dem Asyl­blG zu erlan­gen; die den Nicht­voll­zug von auf­ent­halts­be­en­den Maß­nah­men selbst zu ver­tre­ten haben; deren Asyl­an­trag nach § 30 Abs. 3 und 4 AsylVfG als offen­sicht­lich unbe­grün­det abge­lehnt wur­de und die Staats­an­ge­hö­ri­ge eines siche­ren Her­kunfts­lands sind. Alle soeben genann­ten Flücht­lin­ge, die nicht mehr der all­ge­mei­nen Schul­pflicht unter­lie­gen, son­dern bspw. die Real­schu­le, das Gym­na­si­um oder eine Uni­ver­si­tät besu­chen oder eine sons­ti­ge Aus­bil­dung machen, müss­ten die­se sofort been­den. Die­se Rege­lun­gen ver­keh­ren die bei den letz­ten Geset­zes­än­de­run­gen erziel­ten Fort­schrit­te in ihr Gegen­teil.

Büro­kra­tie­auf­bau statt Büro­kra­tie­ab­bau

Nach Aus­sa­gen der Bun­des­re­gie­rung zielt der Geset­zes­ent­wurf dar­auf, die Asyl­ver­fah­ren zu beschleu­ni­gen. Statt­des­sen sieht der Gesetz­ent­wurf vor, dass Asyl­su­chen­de mona­te­lang in uner­träg­li­che War­te­schlei­fen gezwängt wer­den kön­nen, indem die bereits vom BAMF ange­wand­te Pra­xis, vor Beginn des Asyl­ver­fah­rens die Asyl­su­chen­den mit einer „Beschei­ni­gung über die Mel­dung als Asyl­su­chen­der“ (sog. BÜMA) aus­zu­stat­ten, auf gesetz­li­che Grund­la­ge gestellt wird. (§ 63a AsylVfG).

Der Geset­zes­ent­wurf will zudem bei Kon­trol­len nach dem Schen­ge­ner Grenz­ko­dex die Prü­fung, ob für einen Asyl­su­chen­den ein ande­rer EU-Staat zustän­dig ist, auf die dafür inkom­pe­ten­ten Poli­zei­be­hör­den ver­la­gern (§ 18b Abs. 2 AsylVfG). PRO ASYL befürch­tet Hau­ruck­ver­fah­ren an den Gren­zen mit dem Ziel, Asyl­su­chen­de schnell zu inhaf­tie­ren und abzu­schie­ben. Auf­fäl­lig ist, dass das BMI ver­sucht, die frei­heits­si­chern­de und haft­be­schrän­ken­de Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aus­zu­he­beln. Nun soll ihnen die­se Kom­pe­tenz ent­zo­gen und an die Ver­wal­tungs­ge­rich­te über­tra­gen wer­den (§ 83e AsylVfG).

Der Geset­zes­ent­wurf ent­hält wei­te­re äußerst pro­ble­ma­ti­sche Rege­lun­gen, wie

  • Die Aus­deh­nung des Ver­bleibs in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen auf sechs Mona­te (§ 47 Abs. 1 S. 1 AsylVfG),
  • Sach­leis­tun­gen statt Bar­geld in den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen (§ 3 Asyl­blG),
  • die dau­er­haf­te Kaser­nie­rung von Asyl­su­chen­den aus angeb­lich siche­ren Her­kunfts­staa­ten bis zur Abschie­bung (§ 47 Abs. 1a AsylVfG),
  • eine Ver­schär­fung des Flug­ha­fen­ver­fah­rens (§ 18a AsylVfG),
  • die Ein­stu­fung von Alba­ni­en, Koso­vo und Mon­te­ne­gro als siche­re Her­kunfts­staa­ten (Anla­ge II zu § 29a AsylVfG),
  • nach Ablauf der Frist dür­fen Abschie­bun­gen von Flücht­lin­gen nicht mehr ange­kün­digt wer­den,
  • und die Ver­pflich­tungs­er­klä­rung soll fort­be­stehen, selbst wenn der Betrof­fe­ne als Flücht­ling oder sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ter aner­kannt wur­de (§ 68a Abs. 2 Auf­en­thG).

Dies ist das Ergeb­nis einer ers­ten, schnel­len Ana­ly­se durch PRO ASYL. Der Gesetz­ent­wurf leis­tet ins­ge­samt kaum Vor­schlä­ge für schnel­le­re und fai­re­re Asyl­ver­fah­ren. Der drin­gend nöti­ge schnel­le Aus­zug von Asyl­su­chen­den aus den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen wird blo­ckiert, nicht unter­stützt.

For­de­run­gen von PRO ASYL

PRO ASYL for­dert Bund und Län­der auf, das Geset­zes­pa­ket zu stop­pen. Der Ent­wurf ent­hält eine Viel­zahl an Ver­schär­fun­gen, die in kei­nem Zusam­men­hang mit dem aktu­el­len Zugang von Flücht­lin­gen über­wie­gend aus Syri­en, Afgha­ni­stan und Irak ste­hen. Die Bun­des­re­gie­rung agiert ide­en- und kon­zept­los. 

PRO ASYL unter­brei­tet Vor­schlä­ge für fai­re und schnel­le Asyl­ver­fah­ren, die die Rechts­ga­ran­ti­en der Asyl­su­chen­den ach­ten: 

  • Eine Alt­fall­re­ge­lung für Asyl­su­chen­de, die sich län­ger als ein Jahr in der Bun­des­re­pu­blik befin­den und über deren Asyl­an­trag nicht ent­schie­den wur­de. Sie sol­len eine Auf­ent­halts­er­laub­nis mit den Rech­ten für Resett­le­ment-Flücht­lin­ge nach § 23 Abs. 4 Auf­en­thG erhal­ten, damit sie in den Genuss des Fami­li­en­nach­zugs und des Arbeits­markt­zu­gangs kom­men.
    • Ent­las­tung des Bun­des­amts durch die Zuer­ken­nung eines Auf­ent­halts­sta­tus für Syrer, Ira­ker, Eri­tre­er, Soma­li­er und Min­der­hei­ten aus Afgha­ni­stan durch die Prü­fung nach Grup­pen­ver­fol­gung.
    • Aus­set­zung der Dub­lin-III-Ver­ord­nung, die Asyl­ver­fah­ren unnö­tig ver­län­gern und Kapa­zi­tä­ten beim Bun­des­amt bin­den.
    • Die Zusam­men­füh­rung der Anhö­rung und Ent­schei­dung beim Bun­des­amt in der Hand einer Per­son mit ver­bind­li­chen Fris­ten zur Ent­schei­dung über den Asyl­an­trag.
    • Das Regel­wi­de­rufs­ver­fah­ren soll abge­schafft wer­den. 

    Die Minis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie hat den Som­mer dafür genutzt, an einem Roll­back im Asyl- und Auf­ent­halts­recht zu arbei­ten, anstatt sich den büro­kra­ti­schen Ver­fah­rens­hemm­nis­sen in Deutsch­land zu wid­men. PRO ASYL befürch­tet, dass das Geset­zes­pa­ket beim Bund-Län­der-Gip­fel am 24.09. im Kanz­ler­amt im Hau­ruck­ver­fah­ren ver­han­delt wird.

    Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 18. Juli 2012- 1 BvL 10/10 -, – 1 BvL 2/11 - 

    Aus­zü­ge:

    „Auch eine kur­ze Auf­ent­halts­dau­er oder Auf­ent­halts­per­spek­ti­ve in Deutsch­land recht­fer­tigt es im Übri­gen nicht, den Anspruch auf Gewähr­leis­tung eines men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums auf die Siche­rung der phy­si­schen Exis­tenz zu beschrän­ken. Art. 1 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 20 Abs. 1 GG ver­langt, dass das Exis­tenz­mi­ni­mum in jedem Fall und zu jeder Zeit sicher­ge­stellt sein muss. Art. 1 Abs. 1 GG garan­tiert ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum, das durch im Sozi­al­staat des Art. 20 Abs. 1 GG aus­zu­ge­stal­ten­de Leis­tun­gen zu sichern ist, als ein­heit­li­ches, das phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Mini­mum umfas­sen­des Grund­recht. Aus­län­di­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge ver­lie­ren den Gel­tungs­an­spruch als sozia­le Indi­vi­du­en nicht dadurch, dass sie ihre Hei­mat ver­las­sen und sich in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land nicht auf Dau­er auf­hal­ten. Die ein­heit­lich zu ver­ste­hen­de men­schen­wür­di­ge Exis­tenz muss daher ab Beginn des Auf­ent­halts in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land rea­li­siert wer­den.“ (Rn. 120)

    „Migra­ti­ons­po­li­ti­sche Erwä­gun­gen, die Leis­tun­gen an Asyl­be­wer­ber und Flücht­lin­ge nied­rig zu hal­ten, um Anrei­ze für Wan­de­rungs­be­we­gun­gen durch ein im inter­na­tio­na­len Ver­gleich even­tu­ell hohes Leis­tungs­ni­veau zu ver­mei­den, kön­nen von vorn­her­ein kein Absen­ken des Leis­tungs­stan­dards unter das phy­si­sche und sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­mum recht­fer­ti­gen. Die in Art. 1 Abs. 1 GG garan­tier­te Men­schen­wür­de ist migra­ti­ons­po­li­tisch nicht zu rela­ti­vie­ren.“ (Rn. 121)

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