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Ankünfte auf der Insel Lampedusa. Foto: PRO ASYL / Jonas Bickmann

Die meisten Schutzsuchenden, die Italien auf dem Seeweg erreichen, kommen in Lampedusa und Sizilien an. Dort unterstützt sie die PRO ASYL-Partnerorganisation Maldusa beim Zugang zum Asylverfahren. Wir haben mit Edoardo Avio und Chiara Denaro über ihre Arbeit bei Maldusa an der südlichen Außengrenze und über die EU-weite Asylrechtsreform gesprochen.

Das Inter­view wur­de auf Eng­lisch geführt und von PRO ASYL ins Deut­sche übersetzt. 

Wenn Schutzsuchende auf der italienischen Insel Lampedusa von Bord gehen, heißt ihr sie nach einer oftmals tagelangen und traumatischen Überfahrt willkommen. Wie erlebt ihr die Menschen direkt nach der Ankunft bei eurer ersten Begegnung? 

Edo­ar­do: Die Men­schen, die aus Liby­en und Tune­si­en flie­hen, sind in der Regel äußerst erschöpft, wenn wir sie am Pier antref­fen. Erst vor kur­zem tra­fen wir einen Mann aus Gam­bia, der uns erzähl­te, dass er gemein­sam mit ande­ren Schutz­su­chen­den in Liby­en geschla­gen und ein­ge­sperrt wur­de und nur gegen Löse­geld frei­ge­kom­men sei. Man­che bedan­ken sich bei der Ankunft bei uns über­schwäng­lich – für die grund­le­gends­ten Din­ge wie Tee, eine Toi­let­te oder ein war­mes Wort. Ande­re wir­ken nicht ein­mal erleich­tert, ihre Kör­per sind von Fol­ter gezeich­net. Wir kön­nen nur erah­nen, was sie alles durch­ma­chen mussten.

Und was hört ihr von Menschen, die aus Tunesien geflohen sind? 

Edo­ar­do: Dass sie in Tune­si­en kei­nen Zugang zu Schutz erhal­ten haben. Über zwei Jah­re nach dem EU-Tune­si­en-Deal ist über­deut­lich, dass Schutz­su­chen­de dort gesell­schaft­lich aus­ge­grenzt wer­den und zum Teil schwe­re Gewalt durch tune­si­sche Behör­den erfah­ren. Eins ist klar: Weder Liby­en noch Tune­si­en sind siche­re Län­der für Schutzsuchende.

Im Juni 2026 tritt die Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) in Kraft, die Hafteinrichtungen und Schnellverfahren an den EU-Außengrenzen voraussichtlich zur Norm machen wird. Welche Veränderungen erwartet ihr auf Lampedusa?

Edo­ar­do: Lam­pe­du­sa ist auf­grund sei­ner Lage an der süd­li­chen EU-Außen­gren­ze bereits seit län­ge­rem im Fokus des euro­päi­schen Flucht- und Asyl­re­gimes. In den letz­ten Wochen haben wir mit­be­kom­men, dass Fron­tex und die euro­päi­sche Asyl­agen­tur EUAA im Hot­spot Lam­pe­du­sa ein neu­es Über­prü­fungs­ver­fah­ren getes­tet hat – offen­sicht­lich in Vor­be­rei­tung auf die Umset­zung des EU-Pakts. Die­se »Scree­ning Tool­box« soll bald an allen EU-Außen­gren­zen ange­wen­det wer­den. Dabei kommt wohl auch ein neu­es Sys­tem der bio­me­tri­schen Daten­er­fas­sung zum Ein­satz, mit dem Men­schen direkt nach der Ankunft iden­ti­fi­ziert und regis­triert wer­den. Wir von Mal­du­sa wer­den die wei­te­re Umset­zung kri­tisch beobachten.

Maldusa ist auch Teil des »Sizilien Monitoring Projekts«, das die Umsetzung der GEAS-Reform in Sizilien beobachtet…

Chia­ra: Ja, denn auch Sizi­li­en ist schon seit Jah­ren ein Expe­ri­men­tier­feld für Ver­schär­fun­gen im Bereich Flucht und Asyl. Vie­les, was die EU-Asyl­rechts­re­form ab Juni 2026 vor­sieht, wur­de hier bereits erprobt: Erst wur­de das Hot­spot-Sys­tem mit De-fac­to-Haft ein­ge­führt, dann wur­den in Modi­ca-Pozz­al­lo und in Por­to Empe­do­cle Haft­ein­rich­tun­gen für Grenz­ver­fah­ren unter ande­rem für Asyl­su­chen­de aus soge­nann­ten siche­ren Her­kunfts­län­dern gebaut. Das Ziel die­ser Model­le ist jeweils das­sel­be wie das der anste­hen­den GEAS-Reform: Den Zugang zu Asyl durch De-fac­to-Inhaf­tie­rung zu begren­zen. In den Haft­ein­rich­tun­gen wer­den sowohl der Zugang zu recht­li­cher Bera­tung und Ver­tre­tung als auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on nach außen struk­tu­rell behin­dert oder unterbunden.

Seit Jahren kämpft ihr auf Lampedusa und Sizilien für die Verteidigung der Rechte von Asylsuchenden. Wie organisiert ihr euch, um gegen Entrechtung und insbesondere gegen die Inhaftierungen vorzugehen?

Edo­ar­do: Es ist enorm wich­tig, früh­zei­tig mit Schutz­su­chen­den in Kon­takt zu kom­men, um sie über ihre Rech­te zu infor­mie­ren. Des­halb ist unse­re Anwe­sen­heit in Lam­pe­du­sa auch so wich­tig. Über eine Hot­line ver­su­chen wir, mit den Men­schen in Kon­takt zu blei­ben, auch nach­dem sie nach Sizi­li­en oder in ande­re Tei­le Ita­li­ens ver­legt wor­den sind. Denn man­che wer­den spä­ter für das (ver­meint­li­che) Steu­ern eines Boo­tes straf­recht­lich belangt oder inhaftiert.

Was macht ihr in solchen Fällen?

Edo­ar­do: Bei Bedarf ver­wei­sen wir sie an soli­da­ri­sche Netz­wer­ke wie zum Bei­spiel Cap­tain Sup­port oder an Anwält*innen der juris­ti­schen Ver­ei­ni­gung Asso­cia­ti­on for Juri­di­cal Stu­dies on Immi­gra­ti­on (ASGI), die eine wich­ti­ge Rol­le beim Kampf gegen die­se Kri­mi­na­li­sie­rung spielen.

Auch die italienische Justiz scheint sich der Absicht der italienischen Regierung, systematisch Asylsuchende einzusperren, immer wieder entgegenzustellen.

Chia­ra: Ja, ita­lie­ni­sche Richter*innen haben die Inhaf­tie­rung von Asyl­su­chen­den aus Her­kunfts­län­dern, die in Ita­li­en als »sicher« ein­ge­stuft sind, in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bis auf weni­ge Aus­nah­men abge­lehnt. Das hat dazu geführt, dass die bei­den sizi­lia­ni­schen Haft­zen­tren in Modi­ca-Pozz­al­lo und Por­to Empe­do­cle, die für beschleu­nig­te Grenz­ver­fah­ren vor­ge­se­hen waren, mona­te­lang leer stan­den. Aus dem­sel­ben Grund hat dann auch das soge­nann­te Alba­ni­en-Modell, also der Ver­such der ita­lie­ni­schen Regie­rung, Asyl­su­chen­de in einem Haft­la­ger in Alba­ni­en zu inhaf­tie­ren und ihr Asyl­ver­fah­ren dort durch­zu­füh­ren, nicht funk­tio­niert: Das zustän­di­ge Gericht in Rom hat die Inhaf­tie­rung abge­lehnt. Trotz meh­re­rer Ver­su­che von Gior­gia Melo­ni muss­ten die Asyl­su­chen­den schluss­end­lich nach Ita­li­en gebracht werden.

Der Europäische Gerichtshof in Luxemburg hat im August 2025 entschieden, dass Herkunftsländer nur dann als »sicher« eingestuft werden können, wenn dort alle Menschen ausreichend geschützt sind. Für Melonis Regierung und ihre Pläne zur Inhaftierung von Asylsuchenden war das eine herbe Niederlage.

Chia­ra: Genau. Die ita­lie­ni­sche Regie­rung sah sich auf­grund der mas­si­ven gericht­li­chen Nie­der­la­ge gezwun­gen, den Zweck der alba­ni­schen Lager zu ver­än­dern. Melo­ni nennt sie nun offi­zi­ell »Return Hubs« (»Rück­füh­rungs­zen­tren«) – das heißt, sie wer­den nicht län­ger für beschleu­nig­te Asyl­ver­fah­ren für Asyl­su­chen­de ver­wen­det, son­dern als Abschie­be­haft­an­stal­ten für Men­schen, deren Asyl­an­trag abge­lehnt wur­de. Der Druck und die Iso­la­ti­on in den Zen­tren in Alba­ni­en set­zen den Men­schen enorm zu. Immer wie­der hören wir von selbst­ver­let­zen­dem Ver­hal­ten. Recht­lich und mensch­lich ist natür­lich auch die­ses Modell höchst frag­wür­dig. Und auch aus Regie­rungs­sicht funk­tio­niert es bis­her nicht gut, denn die meis­ten Men­schen müs­sen nach recht­li­chen Inter­ven­tio­nen zurück nach Ita­li­en gebracht werden.

Heißt das, dass das Albanien-Modell endgültig gescheitert ist? 

Das bleibt abzu­war­ten. Denn die EU-Asyl­rechts­re­form erleich­tert ab Juni 2026 die Ein­stu­fung von Her­kunfts­län­dern als »sicher«. Es reicht dann aus, dass nur bestimm­te Gebie­te in einem Land als sicher gel­ten oder nur bestimm­te Grup­pen dort aus­rei­chend geschützt sind. Das erleich­tert es Regie­run­gen, Her­kunfts­län­der als »sicher« zu dekla­rie­ren und bei Schutz­su­chen­den aus die­sen Län­dern beschleu­nig­te Asyl­ver­fah­ren in Haft durch­zu­füh­ren. Und auch unab­hän­gig davon rech­nen wir damit, dass deut­lich mehr Men­schen in Haft lan­den wer­den, weil zukünf­tig alle Schutz­su­chen­den, für deren Her­kunfts­län­der die EU-wei­te Aner­ken­nungs­quo­te unter 20 Pro­zent liegt, ein beschleu­nig­tes Asyl­ver­fah­ren an der Gren­ze durch­lau­fen müssen.

Italien muss für diese neuen Außengrenzverfahren ungefähr 8.000 Plätze bereithalten. Das entspricht EU-weit rund 28 Prozent aller Kapazitäten. Wo könnten die dafür notwendigen und faktisch geschlossenen Einrichtungen stehen?

Chia­ra: Die Mit­glieds­staa­ten haben bis April 2026 Zeit, die EU-Kom­mis­si­on über die genau­en Stand­or­te für die neu­en Grenz­ver­fah­ren zu infor­mie­ren. Laut einem ita­lie­ni­schen Minis­te­ri­al­be­schluss sind ita­li­en­weit ver­schie­de­ne Regio­nen als Gren­ze defi­niert. Es kann also sein, dass die soge­nann­ten Grenz­ver­fah­ren nicht nur an der geo­gra­fi­schen EU-Außen­gren­ze im Süden Ita­li­ens durch­ge­führt wer­den. Wir gehen aber davon aus, dass die ita­lie­ni­sche Regie­rung zuerst die bereits exis­tie­ren­den Hot­spot- und Haft-Infra­struk­tu­ren in Sizi­li­en und Kala­bri­en nut­zen wird, die sie in den letz­ten Jah­ren auf­ge­baut hat.

»Wir befürch­ten, dass die Ände­run­gen durch die GEAS-Reform die Situa­ti­on wei­ter ver­schär­fen werden«

Wie bereitet ihr euch auf die anstehenden Veränderungen vor?

Chia­ra: Unse­re Erfah­rung der letz­ten Jah­re hat gezeigt, dass beschleu­nig­te Grenz­ver­fah­ren eine mas­si­ve Ein­schrän­kung grund­le­gen­der Rech­te von schutz­su­chen­den Men­schen dar­stel­len. Wir befürch­ten, dass die Ände­run­gen durch die GEAS-Reform die Situa­ti­on wei­ter ver­schär­fen wer­den. Aber ich erwar­te auch, dass sich mit der Umset­zung der GEAS-Reform die recht­li­chen und poli­ti­schen Kämp­fe ver­viel­fäl­ti­gen werden.

Edo­ar­do: Wir wer­den die Aus­wir­kun­gen der GEAS-Reform hier an der süd­li­chen EU-Außen­gren­ze auf Lam­pe­du­sa und Sizi­li­en jeden­falls genau ver­fol­gen und Geflüch­te­te, wo nötig, wei­ter­hin dabei unter­stüt­zen, ihre Rech­te wahrzunehmen.

Über Mal­du­sa

Das Pro­jekt Mal­du­sa hat zwei Stand­or­te in Süd­ita­li­en: In Paler­mo betreibt Mal­du­sa ein sozia­les Zen­trum als Begeg­nungs­ort für Men­schen mit und ohne Flucht­ge­schich­te, für loka­le Akteu­re, Neu-Ankom­men­de und Besucher*innen. In Lam­pe­du­sa liegt der Fokus auf der Doku­men­ta­ti­on von Ankünf­ten, der prak­ti­schen Unter­stüt­zung von Schutz­su­chen­den und kri­ti­scher Öffent­lich­keits­ar­beit.  Edo­ar­do Avio ist aktu­ell Koor­di­na­tor der Sta­ti­on auf Lam­pe­du­sa. Chia­ra Den­a­ro arbei­tet bei Mal­du­sa und betei­ligt sich an dem Doku­men­ta­ti­ons­pro­jekt »Sizi­li­en Moni­to­ring Pro­jekt«.

PRO ASYL unter­stützt die Arbeit von Mal­du­sa seit 2023 finanziell. 

(hk)