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Das Schiff der Seenotrettungsorganisation Jugend Rettet wurde im August festgesetzt. Foto: picture alliance / AP Photo

Noch immer wird die Arbeit von privaten Seenotrettungsorganisationen durch italienische Behörden blockiert, gleichzeitig werden dubiose libysche Milizen unterstützt. Der dortige Bürgerkrieg verschärft die Lage von Flüchtlingen währenddessen immer weiter.

Die »Iuven­ta«, das Ret­tungs­schiff der Orga­ni­sa­ti­on »Jugend Ret­tet«, wur­de am 2. August 2017 von den ita­lie­ni­schen Behör­den kon­fis­ziert. Seit­her liegt sie im Hafen von Tra­pa­ni fest. Bis­her ist kei­ne Ankla­ge gegen Ein­zel­per­so­nen erfolgt, doch die 550-Sei­ten star­ke Ankla­ge­schrift lässt nichts Gutes erwar­ten. Die Ankla­ge gegen die Iuven­ta beruht auf den Zeu­gen­aus­sa­gen von Mit­ar­bei­tern des Sicher­heits­diens­tes IMI, die sich an Bord der Vos Hes­tia, dem Ret­tungs­schiff der Orga­ni­sa­ti­on Save the Child­ren, befan­den und die in Ver­bin­dung mit der rechts­ex­tre­men Iden­ti­tä­ren Bewe­gung in Ita­li­en ste­hen.

Sie hat­ten aus­ge­sagt, dass die Besat­zung der Iuven­ta mit liby­schen Schlep­pern han­deln wür­de. Doch das ist nicht beleg­bar, wie der ita­lie­ni­sche Anwalt von Jugend Ret­tet, Leo­nar­do Mari­no, in sei­nem Antrag zur Frei­ga­be des Schif­fes aus­gie­big erläu­ter­te. Erfah­rung hat er genug in die­sem Metier: er ver­tei­dig­te auch die sie­ben tune­si­schen Fischer, die 2007 nach der Ret­tung von 44 Flücht­lin­gen ver­haf­tet und wegen Bei­hil­fe zur ille­ga­len Ein­rei­se vor Gericht gestellt wur­den.

Politisch motiviertes Verfahren

Im Fall der Iuven­ta soll die­se in drei Ret­tungs­ope­ra­tio­nen Bei­hil­fe zur ille­ga­len Ein­rei­se geleis­tet haben. Die angeb­lich als Bewei­se die­nen­den Fotos zei­gen tat­säch­lich nur Aus­schnit­te des wirk­li­chen Gesche­hens die­ser drei Ein­sät­ze, zudem ist es nicht ein­mal das klei­ne Ret­tungs­boot der Iuven­ta, wel­ches dort zu sehen ist, son­dern das der Vos Hes­tia. Den­noch lehn­te das Gericht in Tra­pa­ni eine Frei­ga­be des Schif­fes wort­reich ab – doch die­se Ableh­nung unter­schei­det sich kaum von der Ankla­ge­schrift, das Gericht ist also über­haupt nicht auf die Aus­le­gun­gen des Anwal­tes ein­ge­gan­gen.

Hier wird klar, dass es sich im Fall Iuven­ta um ein poli­tisch moti­vier­tes Vor­ge­hen des Gerichts han­delt. Am 9. Okto­ber wur­de nun vor dem Kas­sa­ti­ons­ge­richt in Rom Ein­spruch gegen die­ses Urteil ein­ge­legt, eine Ant­wort ist Anfang nächs­ten Jah­res zu erwar­ten. Soll­te auch das Kas­sa­ti­ons­ge­richt in Rom den Antrag ableh­nen, wird es zu Ankla­gen gegen ein­zel­ne Mit­glie­der von Jugend ret­tet kom­men – wie im Jahr 2004–2009 im Fal­le der Cap Ana­mur.

Am 22. Sep­tem­ber berich­te­te die ita­lie­ni­sche Tages­zei­tung Giorna­le di Sici­lia, dass die Behör­den in Tra­pa­ni nun auch gegen den Kapi­tän der Vos Hes­tia, Mar­co Ama­to, ermit­teln. Auch hier hat­ten der Sicher­heits­leu­te der IMI aus­ge­sagt. Als schließ­lich die Pru­dence, das Ret­tungs­schiff von Ärz­te ohne Gren­zen, am 5. Okto­ber ihren Dienst vor­erst ein­stell­te, da die Abfahr­ten von Schutz­su­chen­den aus Liby­en mas­siv zurück­ge­gan­gen sind, folg­te eine Durch­su­chung des Schif­fes durch die Poli­zei.

Auch wenn es der­zeit ruhi­ger gewor­den ist um die Ankla­gen gegen Seenotretter*innen und um den »Ver­hal­tens­ko­dex« der ita­lie­ni­schen Regie­rung, den z.B. das erst seit weni­gen Wochen fah­ren­de deut­sche Ret­tungs­schiff »Life­li­ne« nicht, Sea Watch hin­ge­gen am 14. Okto­ber nun doch unter­zeich­net hat, es ist die Ruhe vor dem Sturm. Pri­va­te See­not­ret­tung ist nicht gewollt und man scheint ein Exem­pel sta­tu­ie­ren zu wol­len.

Und was passiert in Libyen…?

Dass in Liby­en Cha­os, Armut und Ter­ror herr­schen, ist wohl inzwi­schen unbe­strit­ten. Hier kann nicht näher auf die Ver­stri­ckun­gen der ver­schie­de­nen Mili­zen, die unter ande­rem auch den »Oil Com­po­und«, die gro­ße ENI-Erd­öl­an­la­ge in Meli­ta, aus der Ita­li­en sein Erd­öl bezieht, schüt­zen, ein­ge­gan­gen wer­den. Klar ist nur: Schaut man sich die­ses Mili­zen­wirr­warr ein­mal genau­er an wird recht schnell deut­lich, dass das Liby­en der Mili­zen Ita­li­en an der Nase her­um­führt und die Regie­rung  von Prä­si­dent al-Sarradsch gar nichts zu sagen hat.

1700

ver­schie­de­ne Mili­zen­grup­pen sind in Liby­en aktiv

Laut dem ita­lie­ni­schen Vize­au­ßen­mi­nis­ter Mario Giro hät­te man es in Liby­en mit ins­ge­samt 150 Mili­zen zu tun, eini­ge sei­en nun mal eben auch im Men­schen­han­del tätig (!), der Jour­na­list Micha­el Obert sprach sogar von 1.700 ver­schie­de­nen Mili­zen­grup­pen dort.

Ita­li­en behaup­tet zwar, kei­ne Mili­zen zu finan­zier­ten, war­um Ita­li­en wem in Liby­en Geld zuschiebt, scheint nun aber auch den EU-Men­schen­rechts­kom­mis­sar Nils Muiz­nieks zu inter­es­sie­ren. In einem Brief frag­te er den ita­lie­ni­schen Innen­mi­nis­ter Min­niti an, wor­in genau denn die ita­lie­ni­sche Unter­stüt­zung bestehe. Wis­sen möch­te er zudem, wel­che Maß­nah­men denn ergrif­fen wor­den sei­en, damit die pri­va­ten See­not­ret­ter trotz des Ver­hal­tens­ko­dex Ret­tun­gen sicher und effi­zi­ent durch­füh­ren kön­nen.

Min­niti ant­wor­te­te knapp zwei Wochen spä­ter: man bil­de die liby­sche Küs­ten­wa­che aus und ver­sor­ge sie mit Mate­ri­al, um den Abfahr­ten von Migrant*innen Ein­halt zu gebie­ten. Natür­lich füh­re man kei­ne (vom Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ver­bo­te­nen) Zurück­schie­bun­gen nach Liby­en durch. Und natür­lich sei man dar­um bemüht, dass auch Liby­en die Men­schen­rech­te respek­tie­re [sic!], daher habe es am 15. Sep­tem­ber ein Tref­fen mit liby­schen Behör­den­ver­tre­tern, dem UNHCR und IOM gege­ben, damit das »Memo­ran­dum of Under­stan­ding« auch ein­ge­hal­ten wer­de (die­ses Memo­ran­dum wur­de von den bei­den Staa­ten am 17. Febru­ar die­ses Jah­res unter­zeich­net. Ein hohes Gericht in Tri­po­lis hat­te es aller­dings voerst aus­ge­setzt, doch der Außen­mi­nis­ter der von der UNO vor­ge­schla­ge­nen Regie­rung, Moham­med Saya­la, leg­te gegen das Urteil des Obers­ten Gerichts­hofs Beru­fung ein und gewann. Das MoU ist dem­nach nicht mehr anfecht­bar.) Zudem habe IOM schon 7.300 Per­so­nen in ihre Hei­mat­län­der zurück­ge­führt, bis Ende des Jah­res sei geplant, dass ins­ge­samt bis zu 20.000 Men­schen Liby­en mit Unter­stüt­zung der IOM wie­der ver­las­sen.

Die neuen Routen: Tunesien und Algerien

Leid­tra­gen­de die­ses gan­zen Abschot­tungs­wahn­sinns sind die Geflüch­te­ten, die in einem bür­ger­kriegs­ge­schüt­tel­ten Liby­en fest­sit­zen, in dem auch die eige­ne Bevöl­ke­rung inzwi­schen am Hun­ger­tuch nagt. Auch in Tune­si­en ist es spür­bar, dass die Libyer*innen kein Geld mehr haben – nie­mand kommt mehr von dort, um sich ärzt­lich in Tune­si­en ver­sor­gen zu las­sen.

So fin­den sich dann unter den Ankom­men­den in Sizi­li­en auch immer mehr Libyer*innen, oft gan­ze Fami­li­en. Stel­len sie kei­ne Asyl­an­trä­ge in Ita­li­en, haben sie kei­ner­lei Chan­cen hier – sie erhal­ten ein Papier, das von Flücht­lin­gen auch »7 days«genannt wird. Die­ses Papier besagt, dass sie Ita­li­en inner­halb von sie­ben Tagen über den Flug­ha­fen Rom Fium­ici­no zu ver­las­sen haben – Geld für die Fahrt oder sons­ti­ge Hil­fe gibt es nicht. Direkt nach der Ertei­lung des Papie­res  wer­den sie ohne jeg­li­che Ver­sor­gung auf die Stra­ße gesetzt.

Eben­so ergeht es in Ita­li­en schon seit gerau­mer Zeit Men­schen aus den Maghreb-Staa­ten, von denen vie­le jah­re­lang in Liby­en gear­bei­tet haben. Ein jun­ger Marok­ka­ner, der am 16. Sep­tem­ber in Paler­mo ankam, berich­te­te von sei­ner Flucht aus Liby­en, von der Fol­ter, den Gefäng­nis­sen, von miss­glück­ten Abfahr­ten, die von den Schleu­sern so orga­ni­siert wer­den, davon, dass man immer wie­der neu bezah­len muss.

Zu beob­ach­ten ist auch, dass sich die Flucht­rou­ten, wie so oft, bloß ver­la­gern: Schon seit den ers­ten Dro­hun­gen der liby­schen Behör­den im Som­mer spiel­ten sich vie­le See­not­ret­tun­gen sehr viel wei­ter nörd­lich ab. Gene­rell sind die Ankünf­te aus Liby­en zwar zunächst stark zurück­ge­gan­gen, seit Sep­tem­ber stei­gen sie aller­dings lang­sam wie­der an. Dazu kommt: Seit dem »Ara­bi­schen Früh­ling« vor sechs Jah­ren sind nicht mehr so vie­le Men­schen aus Tune­si­en auf Sizi­li­en ange­kom­men. Auch aus Alge­ri­en sind ver­mehrt Ankünf­te in Sar­di­ni­en zu ver­mel­den.

Am 15.Oktober wur­de berich­tet, dass Gene­ral Haftar, der Wider­sa­cher der von der UN aner­kann­ten Sarradsch-Regie­rung, den west­li­chen Teil des Lan­des von Zawi­yah bis Zuwa­rah (an der tune­si­schen Gren­ze) in die Gewalt des ihm unter­ste­hen­den Mili­tärs gebracht haben soll. Das hät­te auch star­ke Aus­wir­kun­gen auf die Abfahr­ten nach Ita­li­en.

Die See­not­ret­tungs­leit­zen­tra­le in Rom hat jeden­falls eine War­nung an alle Ret­tungs­schif­fe aus­ge­ge­ben, sich aus der SAR, der See­not­ret­tungs­zo­ne, zu ent­fer­nen. Der dro­hen­de Fall der Stadt Zawi­yah, in deren Hafen die Schif­fe lie­gen, die die ita­lie­ni­sche Regie­rung den Liby­ern über­las­sen hat und in der die »liby­sche Küs­ten­wa­che« u.a. sta­tio­niert ist, sowie der Fall der Anas Dabba­shi-Miliz könn­te das Bild kom­plett ver­än­dern. Anas Dabba­shi und die Bri­ga­de 48 waren in den letz­ten Wochen vor allem für die ver­min­der­ten Abfahr­ten ver­ant­wort­lich, nach­dem Ita­li­en dafür bezahlt hat­te. Die Anas Dabba­shi-Miliz, die auch Al-Ammu-Miliz genannt wird, wird dabei aller­dings selbst ver­däch­tigt, im Schleu­ser­ge­schäft tätig zu sein.

(Judith Gleit­ze)