18.12.2013
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Screenshot aus dem von Rainews veröffentlichten Video.

Im Haftlager von Lampedusa müssen sich Flüchtlinge einer erniedrigenden Prozedur unterziehen: Das Video eines Inhaftierten zeigt, wie sich Männer gegen Kälte ungeschützt reihenweise nackt ausziehen müssen.

Der italienische TV-Sender Rai veröffentlichte die Bilder, die inzwischen international Kritik ausgelöst haben. Im Interview mit dem Sender sagt der namentlich nicht genannte Flüchtling, der die Aufnahmen gemacht hat, dass die Flüchtlinge im Lager „wie Tiere“ behandelt würden. Zu der entwürdigenden Prozedur werden die Inhaftierten regelmäßig gezwungen, um sie gegen Krätze zu desinfizieren.

Empörte Reaktionen 

Lampedusas Bürgermeisterin Giusi Nicolini zeigte sich entsetzt. Durch die Bilder fühlte sie sich an „Konzentrationslager“ erinnert. Nicolini machte die italienische Regierung für die Situation verantwortlich und forderte, dass Italien sein Aufnahmesystem ändern müsse. Italiens Innenminister Angelino Alfano beauftragte die Staatsanwaltschaft, ein Verfahren gegen die offenbar staatlich kontrollierte, private Betreiberfirma zu eröffnen. EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström kündigte an, die EU werde Italien um Aufklärung bitten und nicht davor zurückschrecken, ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien einzuleiten, falls Italien seinen Verpflichtungen bei der Aufnahme von Flüchtlingen nicht nachkäme.

Zustände seit Jahren problematisch

Das Haftlager Contrada Imbriacola steht nicht zum ersten Mal in der Kritik. „Wir wurden gezwungen, in mit Fäkalien und Urin völlig verdreckten Räumen zu leben. Und wir wurden brutal geschlagen“, sagte der italienische Journalist Fabricio Gatti 2010 dem TV-Sender 3sat nach seiner Undercover-Recherche.  Wenige Tage nach der Bootskatastrophe vor Lampedusa im Oktober warfen Flüchtlinge Matratzen aus den Gebäuden, um gegen ihre Unterbringung dort zu protestieren.

UNHCR kritisiert zu lange Haftzeiten und Überbelegung

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR kritisiert die Zustände in dem Lager bereits seit Jahren – insbesondere, weil Flüchtlinge zu lange auf dem als Durchgangslager für Asylsuchende, Migrantinnen und Migranten gedachten Gelände inhaftiert werden. Das Lager ist permanent überfüllt. Es war zunächst für 850 Menschen ausgelegt worden. Seit einem Brand im Jahr 2011 stehen dort regulär nur noch 250 Plätze zur Verfügung. Je nach der Zahl der Neuankünfte von Bootsflüchtlingen halten sich allerdings oft bis zu 1000 Menschen dort auf.

Medienberichte:  rainews, FAZ, BBC, Malta today, tagesschau.de; ZDF; euronews

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