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Menschen auf der Flucht vor dem Feuer in Moria. Foto: Giorgos Moutafis

Moria ist weitgehend niedergebrannt, tausende Schutzsuchende sind obdachlos und ohne Versorgung. PRO ASYL fordert einen konzertierten europäischen Rettungsplan, die sofortige Evakuierung der Flüchtlinge und die Aufnahme in Deutschland und anderen europäischen Staaten. Jetzt!

Am Diens­tag, den 8. Sep­tem­ber sind meh­re­re Feu­er im EU- Hot­spot Moria und in der umlie­gen­den Zelt­stadt aus­ge­bro­chen. Über 70 % des Lagers auf der grie­chi­schen Insel Les­bos sind bereits zer­stört. Im Lau­fe des Mitt­wochs bra­chen immer wie­der neue Brän­de aus, es kam ver­ein­zelt zu Explo­sio­nen.

Rund 12.500 Schutz­su­chen­de – dar­un­ter über 4.000 Kin­der – sind obdach­los und ohne jeg­li­che Ver­sor­gung kom­plett auf sich allein gestellt. Schutz­su­chen­de berich­ten unse­rem Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) – Team vor Ort, dass sie ohne Was­ser und Nah­rung sei­en.

Unse­re Anwäl­tin Natas­sa Strac­chi­ni: »Die Flücht­lin­ge wis­sen nicht wohin. Moria ist abge­brannt. Sie haben ihre letz­ten Hab­se­lig­kei­ten ver­lo­ren. Poli­zei­ein­hei­ten hin­dern sie, sich der Stadt Myti­li­ni zu nähern. Ver­su­che, ihnen unmit­tel­ba­re Hil­fe zukom­men zu las­sen, schei­tern aktu­ell an der bra­chia­len Abrie­ge­lung durch die Poli­zei­kräf­te.«

»Die Flücht­lin­ge wis­sen nicht wohin. Moria ist abge­brannt. Sie haben ihre letz­ten Habselig­keiten ver­lo­ren.«

Natas­sa Stra­chi­ni, PRO ASYL / RSA
12.500

Schutz­su­chen­de auf der Insel Les­bos sind nun obdach­los.

Zwi­schen Poli­zei-Bar­ri­ka­den sit­zen Flücht­lin­ge auf der Stra­ße. Die­se Kata­stro­phe ist eine direk­te Fol­ge der men­schen­ver­ach­ten­den Poli­tik der Euro­päi­schen Uni­on und ihrer Mit­glieds­staa­ten.

Was ist jetzt zu tun?

Wir erwar­ten die glei­chen Maß­nah­men, wie wenn sich über 10.000 euro­päi­sche Tou­ris­tin­nen und Tou­ris­ten in aku­ter Gefahr befän­den: Tem­po­rä­re Unter­brin­gun­gen müs­sen geschaf­fen, die Essens- und Was­ser­ver­sor­gung sofort sicher­ge­stellt, medi­zi­ni­sches Per­so­nal muss ein­ge­flo­gen wer­den. Nicht irgend­wann, son­dern sofort!

Zeit­gleich ist eine Luft­brü­cke zu orga­ni­sie­ren, um die Schutz­su­chen­de mög­lichst schnell nach Deutsch­land und in ande­re euro­päi­sche Län­der aus­zu­flie­gen.

Um die ver­zwei­fel­ten Schutz­su­chen­den kurz­fris­tig zu ver­sor­gen, muss der euro­päi­sche Kata­stro­phen­schutz akti­viert wer­den. Anstatt Schutz­su­chen­de im Umfeld von Moria mit Poli­zei­ge­walt unter frei­em Him­mel fest­zu­set­zen, muss die Erst­ver­sor­gung der Men­schen gewähr­leis­tet wer­den.

Die huma­ni­tä­ren Zustän­de in Moria und den ande­ren Hot­spots auf den grie­chi­schen Inseln hät­ten schon vor dem Brand zur Auf­lö­sung der Lager füh­ren müs­sen. Die dra­ma­ti­sche Zuspit­zung auf Les­bos macht klar: Die Schutz­su­chen­den von den grie­chi­schen Inseln müs­sen eva­ku­iert wer­den!

Einer Kata­stro­phe die­ses Aus­ma­ßes kann nicht mit Mini­mal­lö­sun­gen, wie einem Trans­fer von 400 unbe­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen auf das grie­chi­sche Fest­land, begeg­net wer­den. Es braucht eine dau­er­haf­te Lösung für alle Betrof­fe­nen – und die heißt Auf­nah­me in ande­ren euro­päi­schen Län­dern.

Auf dem grie­chi­schen Fest­land sind bereits tau­sen­de Flücht­lin­ge obdach­los, eine blo­ße Ver­le­gung aller bis­he­ri­gen Bewohner*innen von Moria auf das grie­chi­sche Fest­land ist kei­ne Alter­na­ti­ve.

In Deutsch­land haben sich meh­re­re Bun­des­län­der und hun­der­te Kom­mu­nen zur Auf­nah­me von Geflüch­te­ten bereit erklärt. Die­se Bestre­bun­gen dür­fen durch das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um nicht mehr wei­ter blo­ckiert wer­den.

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Moria nach den Brän­den am Mitt­woch. Zwi­schen­zeit­lich sind die Flam­men offen­bar erneut auf­ge­lo­dert. Foto: Gior­gos Mou­ta­fis

Rückblick: Sechs Monate Isolation

Auf Les­bos folgt eine huma­ni­tä­re Kata­stro­phe der nächs­ten. Nach­dem es erst Ende Febru­ar 2020 zu gewalt­sa­men Aus­schrei­tun­gen, Brand­stif­tung und Ver­hin­de­rung der Anlan­dung von Schutz­su­chen­den gekom­men ist, leben die Schutz­su­chen­den in Moria seit Mit­te März unter Aus­gangs­be­schrän­kun­gen. Die­se wur­den als Coro­na-Prä­ven­ti­ons­maß­nah­me ange­kün­digt und seit­her immer wie­der ver­län­gert.

Für die hier unter­ge­brach­ten Flücht­lin­ge ver­schärft das die Lage unge­mein: War zunächst die Insel ihr Gefäng­nis, hat sich die­ses Gefäng­nis im März auf das Lager ver­klei­nert.

Am 2. Sep­tem­ber und nach Covid-19 Fäl­len in Lagern auf dem grie­chi­schen Fest­land und dem Hot­spot Vial auf Chi­os erreich­te die Pan­de­mie auch das Lager Moria. Die Poli­tik reagier­te mit der kom­plet­ten Abrie­ge­lung des Lagers.

5 Jahre Moria – das traurige Symbol einer gescheiterten Politik

Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) und PRO ASYL doku­men­tie­ren seit Jah­ren die abscheu­li­chen, ent­mensch­li­chen­den und unsi­che­ren Bedin­gun­gen, denen Flücht­lin­ge in Moria und ande­ren EU-Hot­spots aus­ge­setzt sind.

Das Kon­zept hin­ter die­sen Lagern ist der EU-Tür­kei-Deal, auf des­sen Grund­la­ge Geflüch­te­te auf grie­chi­schen Inseln fest­ge­hal­ten und in die Tür­kei zurück­ge­schickt wer­den sol­len. Dort gibt es für Flücht­lin­ge weder Schutz noch Per­spek­ti­ve, die Tür­kei ist kein siche­rer Staat für Flücht­lin­ge (aus­führ­li­cher Text vom März 2020).

»Wer sich jetzt wun­dert, wie es dort zu einem sol­chen Infer­no kom­men konn­te, hat offen­bar mona­te­lang, jah­re­lang weg­ge­schaut und soll­te jetzt nicht Kro­ko­dils­trä­nen heu­cheln. Nicht in Brüs­sel, nicht in Ber­lin oder sonst­wo in der EU«, so Alex­an­der Göbel in einem tref­fen­den Kom­men­tar für die ARD.

Haftlager sind keine Lösung

PRO ASYL warnt ent­schie­den davor, nun mit noch grö­ße­rer Här­te zu reagie­ren und als Reak­ti­on Schutz­su­chen­de ein­sper­ren zu wol­len. Plä­ne zur Inhaf­tie­rung der Ankom­men­den lie­gen in der Schub­la­de der grie­chi­schen Regie­rung. Auch die Plä­ne der Bun­des­re­gie­rung und der EU-Staa­ten sehen vor, die Asyl­ver­fah­ren an der Gren­ze in Haft­la­gern durch­zu­füh­ren, mit dem Ziel mög­lichst vie­le in angeb­lich siche­re Dritt­staa­ten zurück­zu­schi­cken.

Euro­pa braucht unter der deut­schen EU-Rats­prä­si­dent­schaft einen grund­le­gen­den Para­dig­men­wech­sel hin zu einer men­schen­rechts­ba­sier­ten Poli­tik. Jetzt!

Ende Sep­tem­ber soll der »New Pact on Migra­ti­on« der EU-Kom­mis­si­on vor­ge­stellt wer­den, mit unmit­tel­ba­ren Fol­gen für Geflüch­te­te auf den grie­chi­schen Inseln.

Anstatt die­se inhu­ma­ne Poli­tik fort­zu­set­zen, braucht Euro­pa unter der Rats­prä­si­dent­schaft von Deutsch­land einen grund­le­gen­den Para­dig­men­wech­sel hin zu einer men­schen­rechts­ba­sier­ten Poli­tik. Jetzt!