27.03.2017
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Unter großem Protest wurden im Februar Menschen vom Münchener Flughafen nach Afghanistan abgeschoben. Heute findet die nächste Sammelabschiebung statt. Foto: Thomas Bergmann

Die nächste Sammelabschiebung nach Afghanistan steht an. Aus München soll heute erneut ein Charterflieger nach Kabul abheben. Dort erwartet die Abgeschobenen praktisch keine Unterstützung, sondern ausschließlich Unsicherheit, wie auch Berichte der vergangenen Abschiebungen zeigen.

Ins­ge­samt 77 Men­schen (Dezem­ber: 34, Janu­ar: 25, Febru­ar: 18) wur­den seit Beginn der Sam­mel­ab­schie­bun­gen nach Afgha­ni­stan zurück­ge­schickt. Berich­te über die Betrof­fe­nen zeich­nen ein sehr hete­ro­ge­nes Bild, fest steht nur: Ent­ge­gen der Behaup­tun­gen fin­det eine »gründ­li­che Ein­zel­fall­prü­fung« offen­bar eben nicht statt.

Anders ist nicht zu erklä­ren, dass etli­che Betrof­fe­ne bereits lan­ge Jah­re in Deutsch­land leb­ten, gut inte­griert waren und häu­fig einen Job oder Aus­sich­ten auf eine Aus­bil­dung hat­ten. Zu vie­len die­ser Fäl­le gibt es mitt­ler­wei­le auch öffent­lich zugäng­li­che Medi­en­be­rich­te:

Ati­qul­lah A. hat­te in Bay­ern einen Job als Alten­pfle­ger. Er wur­de im Janu­ar nach Kabul abge­scho­ben. Dort hat er weder Fami­lie noch Kon­tak­te, da sei­ne Fami­lie in die Tür­kei geflo­hen ist. Eini­ge Wochen spä­ter wur­de er bei einem Selbst­mord­an­schlag am Obers­ten Gericht in Kabul ver­letzt (sie­he Tages­schau-Bericht vom 15. Febru­ar und Bericht von ARD-Moni­tor vom 16. Febru­ar).

Kasim hat 6 Jah­re in Augs­burg gelebt und dort als Wach­mann gear­bei­tet. Er wur­de im Dezem­ber nach Kabul abge­scho­ben und hält sich jetzt in Masar-i-Scha­rif auf. In sein Dorf kann er nicht zurück, da dort die Tali­ban die Kon­trol­le haben. Sein Vater wur­de von den Tali­ban getö­tet, die Mut­ter ist nach Paki­stan geflo­hen. Kasim hat weder Per­spek­ti­ve noch eine fes­te Unter­kunft: Er schläft manch­mal auf der Stra­ße und schlägt sich als Tage­löh­ner durch (sie­he Tages­schau-Bericht vom 9. Janu­ar).

Rah­mat K. war 5 Jah­re in Deutsch­land, bevor er im Dezem­ber nach Kabul abge­scho­ben wur­de. Er hat­te eine fes­te Stel­le mit unbe­fris­te­tem Arbeits­ver­trag bei einer Fir­ma für Metall­bau in Nie­der­bay­ern (sie­he Bericht der Süd­deut­schen Zei­tung vom 15. Dezem­ber sowie Bericht von ARD-Moni­tor vom 16. Febru­ar).

Badam H. hat 7 Jah­re in Würz­burg gelebt und davon die meis­te Zeit voll gear­bei­tet. Er wur­de im Janu­ar nach Kabul abge­scho­ben und stammt aus der, selbst nach Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung, unsi­che­ren Pro­vinz Gas­ni (sie­he dpa-Bericht vom 24. Janu­ar).

Arasch A. leb­te 6 Jah­re in Nürn­berg und hat­te bereits einen Aus­bil­dungs­ver­trag als Karos­se­rie­bau­er in der Tasche gehabt. Sei­ne Freun­din sei im drit­ten Monat schwan­ger, berich­te­te er. Im Janu­ar wur­de Arasch nach Kabul abge­scho­ben (sie­he dpa-Bericht vom 24. Janu­ar).

Ramin A. (19) berich­tet, er sei in Deutsch­land zur Berufs­schu­le gegan­gen, bevor er im Janu­ar am frü­hen Mor­gen abge­holt und direkt nach Afgha­ni­stan abge­scho­ben wur­de (sie­he dpa-Bericht vom 24. Janu­ar).

Jam­shid H. arbei­te­te in Deutsch­land in einer Schwei­ße­rei. In Afgha­ni­stan war er zuletzt vor 15 Jah­ren, sei­ne Fami­lie lebt im Iran. Er ist in Kabul völ­lig auf sich allei­ne gestellt, seit er im Janu­ar abge­scho­ben wur­de (sie­he SWP-Bericht vom 06. Febru­ar).

Ein jun­ger Pasch­tu­ne aus der umkämpf­ten und damit auch nach Auf­fas­sung der Bun­des­re­gie­rung unsi­che­ren) Ost­pro­vinz Nangar­har hat 5 Jah­re in Deutsch­land gelebt und als Koch gear­bei­tet. Er wur­de im Febru­ar nach Kabul abge­scho­ben (sie­he taz-Bericht von Tho­mas Rut­tig vom 22. Febru­ar).

Mati­ul­lah kam als 15-Jäh­ri­ger vor 7 Jah­ren nach Euro­pa. Er hat einen deut­schen Schul­ab­schluss und einen Aus­bil­dungs­ver­trag in einer Piz­ze­ria. Er ist gut inte­griert mit Woh­nung, Job und einer fes­ten Part­ne­rin. Sei­ne Ärz­te haben ihm eine Depres­si­on beschei­nigt, außer­dem ist er an Hepa­ti­tis erkrankt. Ärz­te eines Kran­ken­hau­ses in Hes­sen beschei­ni­gen, dass er in Kabul nicht behan­delt wer­den kann. Trotz­dem wur­de er im Dezem­ber abge­scho­ben (sie­he Tages­schau-Bericht vom 15. Febru­ar).

Samir N. ist Ange­hö­ri­ger der Hin­du-Min­der­heit und vor 4 Jah­ren aus Afgha­ni­stan geflo­hen. Er wur­de im Dezem­ber abge­scho­ben. In Kabul hat er weder Fami­lie noch Kon­tak­te; Eltern und Schwes­ter leben in Ham­burg. Er lebt in stän­di­ger Angst und Iso­la­ti­on (sie­he ZDF-Bericht vom 22. Dezem­ber und NDR-Bericht vom 14. Dezem­ber).

Was mit den Menschen dort passiert, weiß die Bundesregierung nicht

Innen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re behaup­te­te im Inter­view mit der tages­schau, die Abge­scho­be­nen erhiel­ten Unter­stüt­zung vor Ort.  Die Rea­li­tät sieht jedoch anders aus – das zeigt auch die Recher­che des ARD-Maga­zins MONITOR.

Bei meh­re­ren Ver­su­chen hat der von den Repor­tern beglei­te­te Flücht­ling Ati­qul­lah A. kei­ne Hil­fe von der »Inter­na­tio­nal Orga­ni­za­ti­on for Migra­ti­on« (IOM) in Kabul erhal­ten. Der zustän­di­ge Mit­ar­bei­ter bekräf­tigt, dass dies für Abge­scho­be­ne nicht vor­ge­se­hen sei – und wider­spricht damit der Ant­wort des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums auf eine Anfra­ge des Abge­ord­ne­ten Omid Nou­ripour.

Offen­bar igno­riert man im Innen­mi­nis­te­ri­um völ­lig, dass es sich bei den Betrof­fe­nen um Men­schen han­delt, die nun sehen­den Auges in eine Gefähr­dungs­la­ge trans­por­tiert wer­den.

Dort hieß es wört­lich: »Nach Ankunft in Kabul besteht für Rück­keh­rer (auch für zurück­ge­führ­te Per­so­nen) […] die Mög­lich­keit, über den ERIN-Ver­trags­part­ner IOM Afgha­ni­stan auch noch nach­träg­lich (bis zu etwa zwei Mona­te nach einer Rück­kehr oder Rück­füh­rung) ERIN-Leis­tun­gen zu bean­tra­gen.« (Anmer­kung: ERIN ist ein euro­päi­sches Reinte­gra­ti­ons­pro­jekt)

Offen­bar funk­tio­niert dies in der Pra­xis aber nicht – und auch ansons­ten befasst sich die Regie­rung nicht wei­ter mit der Situa­ti­on der Abge­scho­be­nen. In der Ant­wort auf eine Anfra­ge der Lin­ken bestä­tigt sie, sie wis­se nichts über deren Ver­bleib.

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Pro­test gegen die Abschie­bung von 18 Afgha­nen im Febru­ar am Mün­che­ner Flug­ha­fen. Foto: Twit­ter / @Preiselbauer

Bedenken ignorieren, Schwierigkeiten schönreden

Nicht nur bei der Beur­tei­lung der Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan, son­dern auch bei der angeb­li­chen Ein­zel­fall­prü­fung und der Situa­ti­on der Men­schen nach der Abschie­bung zeigt sich also: Die Bun­des­re­gie­rung redet die Lage schön und wischt alles bei­sei­te, was der Umset­zung ihrer Abschie­be-Agen­da im Weg ste­hen könn­te.

Die­ses Han­deln ist zynisch und unver­ant­wort­lich – offen­bar igno­riert man im Innen­mi­nis­te­ri­um völ­lig, dass es sich bei den betrof­fe­nen Per­so­nen um Men­schen han­delt, die nun sehen­den Auges in eine Gefähr­dungs­la­ge trans­por­tiert wur­den.