19.08.2016
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Como an der Grenze zur Schweiz: Touristen spazieren vorbei, Flüchtlinge harren monatelang aus - sie werden an der Grenze immer wieder zurückgeschickt. Ein Symbolbild für Europas unmenschliche Politik. Foto: Keystone / TI-Press / Francesca Agosta

Auch in Italien wurden durch die Einrichtung von sogenannten »Hotspots« Zonen des Elends und der Inhaftierung von ankommenden Flüchtlingen geschaffen. Das italienische Aufnahmesystem ist am Kollabieren. Schutzsuchenden wird die Weiterflucht zunehmend rabiater unmöglich gemacht.

Festsetzen, registrieren und wenn möglich abschieben

Ins­ge­samt erreich­ten in 2016 bis­her 101.485 Schutz­su­chen­de die ita­lie­ni­schen Küs­ten. Auch in Ita­li­en heißt die Devi­se ent­spre­chend dem euro­päi­schen Hot­spot-Ansatz: Flücht­lin­ge sol­len sogleich fest­ge­setzt, regis­triert und schnellst­mög­lich in Abzu­schie­ben­de und Men­schen mit guter Schutz­per­spek­ti­ve unter­teilt wer­den.

Mitt­ler­wei­le sind vier Hot­spots in Ita­li­en in Betrieb: in Lam­pe­du­sa, Tra­pa­ni, Pozz­al­lo (Sizi­li­en) und Taran­to (Apu­li­en). Ins­ge­samt ver­fü­gen die Zen­tren über eine Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät von 1.600 Plät­zen. Ankom­men­de oder auf See geret­te­te Flücht­lin­ge wer­den in die Hot­spots ver­bracht, wo sie regis­triert und erken­nungs­dienst­lich behan­delt wer­den. 17 Beam­te des Euro­päi­schen Asyl­un­ter­stüt­zungs­bü­ros sowie 95 Fron­tex-Beam­te sol­len die ita­lie­ni­schen Behör­den bei der Abwick­lung unter­stüt­zen.

Journalist*innen wur­de der Zugang zu den Hot­spots lan­ge Zeit ver­wehrt. Erst im Juli konn­te die ita­lie­ni­sche Jour­na­lis­ten­ver­ei­ni­gung durch eine Beschwer­de beim Innen­mi­nis­te­ri­um die Erlaub­nis erwir­ken, die Ein­rich­tun­gen mit zwölf Stun­den Vor­ankün­di­gung besich­ti­gen zu kön­nen.

»Ita­li­en ist aktu­ell nicht fähig, glei­che Stan­dards für den Schutz der Men­schen­rech­te im Auf­nah­me­sys­tem für Migran­ten zu gewähr­leis­ten.«

Pia Obe­roi, Bera­te­rin für Migra­ti­ons­fra­gen im UN-Men­schen­rechts­bü­ro

Nach der medi­zi­ni­schen Unter­su­chung, der Befra­gung und der bio­me­tri­schen Erfas­sung in den Hot­spots wer­den Flücht­lin­ge mit guter Bleibe­per­spek­ti­ve lan­des­weit in Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen ver­teilt. Rund 80 Pro­zent der Neu­an­kom­men­den stel­len in Ita­li­en einen Asyl­an­trag.

Wer nicht um Asyl ersucht, erhält ein Doku­ment mit der Auf­for­de­rung, inner­halb von sie­ben Tagen das Land zu ver­las­sen. Einer gro­ßen Anzahl Schutz­su­chen­der wer­den kurz nach Anlan­dung Abschie­be­an­ord­nun­gen aus­ge­stellt – vie­le von ihnen lan­den auf der Stra­ße, wo sie ledig­lich durch Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen und Frei­wil­li­ge etwas Unter­stüt­zung erhal­ten.

UN: Kritik am Haftregime und menschenunwürdigen Bedingungen

Anfang August ver­öf­fent­lich­te das UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sa­ri­at Ergeb­nis­se einer Dele­ga­ti­ons­rei­se vom 27. Juni zum 1. Juli 2016. Die Kri­tik an den ita­lie­ni­schen Hot­spots ist deut­lich: Beden­ken sei­en an das Team der UN her­an­ge­tra­gen wor­den, dass die Ein­rich­tun­gen in ers­ter Linie als Haft­zen­tren genutzt wür­den, anstatt zur Regis­trie­rung der Ankom­men­den. Unklar­hei­ten hin­sicht­lich der maxi­ma­len Zeit, in der Flücht­lin­ge in den Hot­spots fest­ge­hal­ten wer­den und die Fra­ge, wie viel Zwang bei der Fin­ger­ab­druck­nah­me ange­wandt wer­den kön­ne, sei­en beson­ders besorg­nis­er­re­gend, so die UN-Dele­ga­ti­on.

Bereits im Mai 2016 hat­te Oxfam einen Bericht ver­öf­fent­licht, in dem die Situa­ti­on in den vier Hot­spots im Süden Ita­li­ens aus­führ­lich doku­men­tiert wird. Oxfam stell­te eine weit­ge­hend will­kür­li­che Unter­schei­dung zwi­schen Asyl­su­chen­den und soge­nann­ten »irre­gu­lä­ren Migrant*innen« an Grenz­über­gän­gen durch die ita­lie­ni­sche Poli­zei (unter­stützt von Fron­tex) fest. Außer­dem feh­le es an recht­li­cher Infor­ma­ti­on. Der Auf­ent­halt in den Zen­tren kön­ne sich von meh­re­ren Tagen bis zu meh­re­re Wochen hin­zie­hen, obwohl die Hot­spots für einen bedeu­tend kür­ze­ren Auf­ent­halt kon­zi­piert waren. Die Auf­nah­me­zen­tren sei­en chro­nisch über­füllt, die Lebens­be­din­gun­gen, unter denen selbst unbe­glei­te­te min­der­jäh­ri­ge Flücht­lin­ge dort aus­har­ren, sei­en men­schen­un­wür­dig.

Unbegleitete Minderjährige: Schutzlos

Mehr als 7.000 unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge sei­en allein von Janu­ar bis Mai 2016 in Ita­li­en ange­lan­det, so UNICEF. Human Rights Watch kri­ti­sier­te Ende Juni, dass Kin­der ohne Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge über Wochen unter unsi­che­ren Bedin­gun­gen im völ­lig über­füll­ten Hot­spot in Pozz­al­lo fest­ge­hal­ten wür­den. Eini­ge müss­ten über einen Monat dort aus­har­ren. Die Situa­ti­on wür­de Kin­der der Gefahr sexu­el­len Miss­brauchs und Gewalt durch Erwach­se­ne aus­set­zen, so die Orga­ni­sa­ti­on.

»Die Bedin­gun­gen, unter denen die Ankom­men­den in Sizi­li­en auf­ge­nom­men wer­den, sind men­schen­un­wür­dig.«

Ste­fa­no di Car­lo, Ein­satz­lei­ter von Ärz­te ohne Gren­zen in Ita­li­en

Regis­trier­te Erwach­se­ne und Kin­der über 15 Jah­re dürf­ten das bewach­te Zen­trum zwi­schen acht Uhr mor­gens und acht Uhr abends ver­las­sen, wäh­rend unbe­glei­te­te jün­ge­re Kin­der dau­er­haft auf dem Gelän­de blei­ben müs­sen. Die Orga­ni­sa­ti­on Ärz­te ohne Gren­zen hat­te bereits im Dezem­ber 2015 ihre Arbeit im Auf­nah­me­zen­trum Pozz­al­lo aus Pro­test gegen die »men­schen­un­wür­di­gen Bedin­gun­gen« ein­ge­stellt.

Gescheiterte europäische Umverteilung

Der euro­päi­sche Hot­spot-Ansatz geht auf die Euro­päi­sche Migra­ti­ons­agen­da zurück, die im Mai 2015 ver­öf­fent­licht wur­de. Hot­spots sol­len dort ent­ste­hen, wo Mit­glied­staa­ten ihre Außen­gren­ze  nicht genü­gend gegen Schutz­su­chen­de abschot­ten. Der Ansatz sieht wei­ter vor, dass nach der mög­lichst zeit­na­hen Regis­trie­rung der Schutz­su­chen­den eini­ge Schutz­be­dürf­ti­ge in ande­re EU-Mit­glied­staa­ten umver­teilt wer­den.

961

der geplan­ten 39.600 Flücht­lin­ge wur­den bis­lang erst aus Ita­li­en umver­teilt.

Im Sep­tem­ber hat­te die EU ein Relo­ca­ti­on-Pro­gramm beschlos­sen, über das 160.000 Flücht­lin­ge aus Grie­chen­land und Ita­li­en umver­teilt wer­den soll­ten, wobei 39.600 Auf­nah­men aus Ita­li­en erfol­gen soll­ten. Doch die bis­her erfolg­ten Auf­nah­men sind schlicht beschä­mend:  Bis zum 12. August wur­den erst 961 Flücht­lin­ge aus Ita­li­en auf ande­re EU-Mit­glied­staa­ten umver­teilt.

Systemische Mängel im Aufnahmesystem Italiens

Die meis­ten Schutz­su­chen­den müs­sen somit in Ita­li­en aus­har­ren, wo sie kein effek­ti­ves Schutz- und Auf­nah­me­sys­tem vor­fin­den. Ein Mit­te August ver­öf­fent­lich­ter Bericht der Schwei­ze­ri­schen Flücht­lings­hil­fe stellt sys­te­mi­sche Män­gel im Auf­nah­me­sys­tem fest und auch die Dele­ga­ti­on des UN-Men­schen­rechts­kom­mis­sa­ri­ats kri­ti­sier­te in ihrem Bericht: »Ita­li­en ist aktu­ell nicht fähig, glei­che Stan­dards für den Schutz der Men­schen­rech­te im Auf­nah­me­sys­tem für Migran­ten zu gewähr­leis­ten.«

Die Plät­ze in Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen wur­den zwar von rund 22.000 in 2013 auf 120.000 Ende 2015 erhöht, doch die Ver­ant­wor­tung für die Unter­hal­tung der Zen­tren lager­te die Regie­rung an pri­va­te Unter­neh­men oder Wohl­fahrts­ver­bän­de aus. Die Kon­trol­le der Bedin­gun­gen in den Zen­tren sei damit beschränkt, so die Dele­ga­ti­on. Auch dürf­ten die 120.000 Plät­ze immer noch weit unter dem tat­säch­li­chen Bedarf lie­gen.

Auch die Bedin­gun­gen in die­sen Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen wer­den immer wie­der mas­siv kri­ti­siert. Ärz­te ohne Gren­zen ver­öf­fent­lich­te Mit­te Juli einen Bericht, der auf Recher­chen in außer­or­dent­li­chen Unter­brin­gungs­ein­rich­tun­gen (CAS – Cen­tri de Acco­gli­en­za Stra­or­di­na­ria) basiert.

Die Ergeb­nis­se sind erschre­ckend: In den Ein­rich­tun­gen der Pro­vinz Ragu­sa in Sizi­li­en lit­ten 42% der Befrag­ten an einer Post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung, 27% an Angst­stö­run­gen und 19% an Depres­sio­nen, so die Stu­die. MSF zufol­ge ver­stär­ke die Art der Unter­brin­gung in Ita­li­en die­se psy­chi­schen Stö­run­gen und mache eine Ret­rau­ma­ti­sie­rung in Ita­li­en sehr wahr­schein­lich.

Schweiz und Frankreich blockieren die Weiterreise

Auf­nah­men von den Flücht­lings­grup­pen an den Grenz­über­gän­gen in Como (Ita­li­en-Schweiz) und Ven­ti­miglia (Ita­li­en-Frank­reich) bebil­dern die Schutz- und Per­spek­tiv­lo­sig­keit, der vie­le Schutz­su­chen­de in Ita­li­en aus­ge­lie­fert sind. Die Schwei­ze­ri­sche Jus­tiz­mi­nis­te­rin, Simo­net­ta Som­ma­ru­ga, zeig­te sich scho­ckiert hin­sicht­lich der meh­re­ren hun­dert Flücht­lin­ge, die in der Grenz­stadt Como gestran­det sind: »Das ist schwer erträg­lich, sol­che Zustän­de zu sehen.«

Doch die »Zustän­de« sind haus­ge­macht: Schwei­zer Beam­ten wei­sen die  Schutz­su­chen­den an der Gren­ze zurück – die Schweiz wol­le nicht zum Tran­sit­land wer­den, so Som­ma­ru­ga. Wer die Schweiz nur durch­que­ren wol­le, wer­de abge­wie­sen.

Amnes­ty Inter­na­tio­nal äußer­te Kri­tik am Vor­ge­hen der Schwei­zer Grenz­be­am­ten: »Wir sind besorgt über Berich­te von Min­der­jäh­ri­gen, die nach eige­nen Anga­ben an der Schwei­zer Gren­ze wie­der nach Ita­li­en zurück­ge­schickt wur­den und an der Wei­ter­rei­se zu ihren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in der Schweiz gehin­dert wur­den«, erklär­te Amnes­ty. Und die Schwei­ze­ri­sche Flücht­lings­hil­fe fragt: »Gibt es eine sys­te­ma­ti­sche Abwei­sung von Per­so­nen, die eigent­lich in der Schweiz um Asyl bit­ten wol­len?«

Fazit: Italien bietet nur unzureichenden Schutz

Das ita­lie­ni­sche Asyl- und Auf­nah­me­sys­tem bie­tet nur unzu­rei­chen­den Schutz für die in Ita­li­en anlan­den­den Flücht­lin­ge und die Umver­tei­lung inner­halb Euro­pas ist ein Trau­er­spiel. Eine tat­säch­li­che Schutz­per­spek­ti­ve kann nur durch die zügi­ge Eröff­nung der lega­len Wei­ter­rei­se zu Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen und Com­mu­nities in ande­ren EU-Län­dern eröff­net wer­den. Genau das ver­sucht Euro­pa um jeden Preis zu ver­hin­dern.

Auf den Punkt gebracht hat der schwei­ze­ri­sche Abge­ord­ne­te Car­lo Som­ma­ru­ga die Gesamt­mi­se­re: »Die­se Situa­ti­on ist Aus­druck des Schei­terns des Dub­lin Sys­tems.«