05.06.2022
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PRO ASYL & Breiti übergeben die Unterschriften der vergangenen gemeinsamen Aktion an Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth. Foto: Bastian Bochinski

Die Punkrock-Band Tote Hosen feiert 40 Jahre Bandjubiläum mit ihrer Tournee »Alles aus Liebe«. PRO ASYL ist auf den Konzerten wieder mit einem Stand dabei und informiert zu aktuellen asylpolitischen Themen. Wieso? Das erzählt der Gitarrist der Band, Michael Breitkopf (»Breiti«).

Die Toten Hosen unter­stüt­zen die Anlie­gen von PRO ASYL bereits seit Beginn der 2000er-Jah­re: Unter ande­rem mit ihrem Enga­ge­ment für eine CD-Com­pi­la­ti­on gegen Rechts 2005, mit einem eige­nen Song gegen die Abschot­tung Euro­pas 2012, mit gemein­sa­men Appel­len an den Bun­des­tag für eine flücht­lings­freund­li­che­re Poli­tik in den Jah­ren 2013 und 2019 – und eben mit dem tra­di­tio­nel­len Info­stand von PRO ASYL auf ihren Kon­zer­ten. Wir haben mit »Brei­ti« über das Ver­hält­nis zwi­schen PRO ASYL und der Band gesprochen.

Seit 20 Jah­ren besteht eine beson­de­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Toten Hosen und PRO ASYL. Was war der Aus­lö­ser, dass ihr damals auf uns zuge­kom­men seid?

Nach Mau­er­fall und Wie­der­ver­ei­ni­gung gab es in Deutsch­land einen extre­men Aus­bruch frem­den­feind­li­cher Gewalt. Men­schen wur­den bedroht, ange­grif­fen und getö­tet. Solin­gen, Mölln oder Hoyers­wer­da wur­den zu Syn­ony­men dafür. Beson­ders auch Asyl­su­chen­de waren immer wie­der Opfer der Angrif­fe. Nach den Aus­schrei­tun­gen von Ros­tock-Lich­ten­ha­gen 1992, als ein hass­erfüll­ter Mob von teil­wei­se bis zu 3.000 Per­so­nen tage­lang und ohne Ein­grei­fen der Poli­zei Leib und Leben von Asyl­su­chen­den und ehe­ma­li­gen viet­na­me­si­schen Vertragsarbeiter*innen bedroht hat­te, sag­te die eigent­lich als libe­ral bekann­te CDU-Poli­ti­ke­rin Rita Süss­muth, dass das so nicht wei­ter­ge­hen kön­ne, man müs­se jetzt das Recht auf Asyl ein­schrän­ken. Kein Wort zur Ver­tei­di­gung der Opfer, son­dern Bestä­ti­gung der hass­erfüll­ten Täter*innen.

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Micha­el Breit­kopf. Foto: JKP

»Da hat­te ich end­gül­tig den Glau­ben an den Wil­len der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen ver­lo­ren, die Opfer rechts­ex­tre­mer Gewalt und das Men­schen­recht auf Asyl zu verteidigen«

Brei­ti, Die Toten Hosen

Da hat­te ich end­gül­tig den Glau­ben an den Wil­len der poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen ver­lo­ren, die Opfer rechts­ex­tre­mer Gewalt und das Men­schen­recht auf Asyl zu ver­tei­di­gen. Danach such­te ich nach Mög­lich­kei­ten, das nicht ein­fach so hin­zu­neh­men, und stieß dann irgend­wann auf PRO ASYL. Die spra­chen mir nicht nur aus der See­le, son­dern sind auch eine Orga­ni­sa­ti­on, die mit Fach­leu­ten jeden Tag pro­fes­sio­nell dafür arbei­tet, die Situa­ti­on der Betrof­fe­nen zu ver­bes­sern und poli­ti­sche Pro­zes­se zu beein­flus­sen. Ab da inter­es­sier­te ich mich für deren Arbeit und wur­de bald auch Mitglied.

War­um ist dir das The­ma Asyl so wichtig?

Unse­re Eltern haben Dik­ta­tur, Krieg, rus­si­sche Besat­zung, Ver­trei­bung und Leben im Flücht­lings­la­ger mit­ge­macht. Die Fami­lie mei­ner Mut­ter zum Bei­spiel leb­te nach der Ver­trei­bung aus Schle­si­en jah­re­lang mit neun Kin­dern in einem Lager bei Han­no­ver und hat­te dort nicht nur unter Hun­ger und Seu­chen, son­dern auch unter den Anfein­dun­gen der loka­len Bevöl­ke­rung zu lei­den. Mit den Erzäh­lun­gen davon bin ich groß geworden.

Gleich­zei­tig habe ich schon früh immer mehr dar­über erfah­ren, wie vie­le Men­schen durch den Ver­nich­tungs­krieg der Deut­schen zur Flucht gezwun­gen wur­den, oder dass ver­folg­te Juden viel­fach kei­ne Auf­nah­me in ande­ren Län­dern fan­den. All das hat bei mir sicher dazu geführt, dass ich glau­be, dass man Men­schen, die wegen Krieg und Ver­fol­gung ihre Hei­mat ver­las­sen müs­sen, Zuflucht bie­ten muss. Den ande­ren in der Band geht es da ganz genauso.

Was ver­bin­det ihr mit PRO ASYL?

Die Rech­te und die Lebens­be­din­gun­gen von Asyl­su­chen­den in Deutsch­land und in Euro­pa wer­den gezielt immer wei­ter ein­ge­schränkt und ver­schlech­tert, an den Außen­gren­zen der EU wer­den Schutz­su­chen­de teil­wei­se bru­tal abge­wehrt. Ein Teil der Öffent­lich­keit ist dem­ge­gen­über gleich­gül­tig bis ableh­nend, und für die­je­ni­gen, die sich dafür inter­es­sie­ren, ist es oft schwie­rig, über das kom­ple­xe The­ma zuver­läs­si­ge Infor­ma­tio­nen zu bekommen.

»Wie wir mit Schutz­su­chen­den umge­hen, die vor Krieg und Ver­fol­gung flie­hen müs­sen, ent­schei­det mit dar­über, in wel­cher Gesell­schaft wir leben wollen«

Brei­ti, Die Toten Hosen

PRO ASYL geht in pro­fes­sio­nel­ler, jah­re­lan­ger Arbeit all das an und ver­sucht, poli­ti­sche Ent­schei­dungs­pro­zes­se zu beein­flus­sen um Ver­bes­se­run­gen zu errei­chen, berät Flüch­ten­de in Ein­zel­fäl­len und stellt Infor­ma­tio­nen für alle zur Ver­fü­gung. Wie wir mit Schutz­su­chen­den umge­hen, die vor Krieg und Ver­fol­gung flie­hen müs­sen, ent­schei­det mit dar­über, in wel­cher Gesell­schaft wir leben wol­len – des­we­gen ist die Arbeit von PRO ASYL für Flüch­ten­de genau­so wich­tig wie für jeden von uns.

Ihr seid eine Band, die sich immer wie­der poli­tisch äußert und kla­re Hal­tung zeigt. Hast du Momen­te erlebt, die dir beson­ders in Erin­ne­rung geblie­ben sind? 

Da gab es sehr viel Kon­zer­te und Ereig­nis­se, sodass es etwas schwie­rig ist, ein­zel­ne beson­ders her­vor­zu­he­ben. Beson­ders beein­dru­ckend war aber zum Bei­spiel das spon­tan orga­ni­sier­te Kon­zert in Chem­nitz 2018 unter dem Mot­to »Wir sind mehr« als Ant­wort auf die frem­den­feind­li­chen Aus­schrei­tun­gen dort eini­ge Tage zuvor. 65.000 über­wie­gend sehr jun­ge Besucher*innen fei­er­ten bei die­sem Fes­ti­val fröh­lich die Demo­kra­tie und das Grund­ge­setz, das war großartig.

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Fans beim Auf­tritt der Toten Hosen in Chem­nitz. Foto: Bas­ti­an Bochinski

Es gibt natür­lich zahl­lo­se Erin­ne­run­gen an wei­te­re Fes­ti­vals und Aktio­nen, vom Pro­test gegen die ato­ma­re Wie­der­auf­be­rei­tungs­an­la­ge in Wackers­dorf bis zum Fes­ti­val in Jamel für Demo­kra­tie und Tole­ranz. Am bes­ten dar­an fin­de ich immer, dass alle, die vor und hin­ter den Kulis­sen dar­an betei­ligt sind, für ein gutes Ziel zusam­men­kom­men, obwohl sie sonst viel­leicht gar nichts mit­ein­an­der zu tun haben.

Ihr nehmt uns seit 20 Jah­ren mit auf Tour. Warum?

Wir freu­en uns, dass ihr wie­der dabei seid, weil wir eure Arbeit für sehr wich­tig hal­ten. Die Erfah­run­gen eurer Mitarbeiter*innen und Helfer*innen und die Infor­ma­tio­nen, die ihr in Gesprä­chen über das The­ma Asyl lie­fern könnt, sto­ßen bei unse­ren Kon­zer­ten am Stand auf gro­ßes Inter­es­se. Bei Leu­ten, die eher skep­tisch ein­ge­stellt sind, könnt ihr immer wie­der zumin­dest einen Denk­pro­zess ansto­ßen. Mit ande­ren Wor­ten: Wir glau­ben, dass sich die Mühe lohnt! Außer­dem sind vie­le Vor­ur­tei­le über Flüch­ten­de im Umlauf, des­we­gen wei­sen wir ger­ne dar­auf hin, dass es bei PRO ASYL detail­lier­te und aktu­el­le Infor­ma­tio­nen gibt, was im Rah­men einer Tour­nee immer gut mög­lich ist.

(nv)