14.02.2017
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Wie diesem Jungen in der Provinz Herat geht es über 1,5 Millionen Afghan*innen: Sie mussten ihre Heimat verlassen und befinden sich innerhalb des Landes auf der Flucht. Foto: Reuters / Omar Sobhani

Im vergangenen Jahr sind knapp 600.000 afghanische Flüchtlinge aus Pakistan zurückgekehrt – viele von ihnen unfreiwillig. Dazu kommt die ohnehin schon hohe Zahl an Binnenflüchtlingen im Land: Die humanitäre Krise droht sich zu verschlimmern. Human Rights Watch kritisiert das Verhalten des UNHCR in Pakistan.

Knapp 2,5 Mil­lio­nen afgha­ni­sche Flücht­lin­ge leb­ten Ende 2015 in Paki­stan – aber nur rund 1,5 Mil­lio­nen von ihnen sind regis­triert, seit 2007 wur­den kei­ne Neu­re­gis­trie­run­gen mehr vor­ge­nom­men. Vie­le Flücht­lin­ge sind bereits seit Jahr­zehn­ten im Nach­bar­land, 2016 kehr­ten nun knapp 600.000 Afghan*innen allein aus Paki­stan zurück.

Pakistan: Misshandlung von Flüchtlingen

Das liegt nicht etwa an einer Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on dort, son­dern an Zwangs­ab­schie­bun­gen und mas­si­vem Druck sei­tens der paki­sta­ni­schen Regie­rung, wie Human Rights Watch (HRW) in einem aus­führ­li­chen Bericht dar­legt. Unter dem Titel »Paki­stans Zwang, Kom­pli­zen­schaft der UN« wirft die Orga­ni­sa­ti­on auch UNHCR vor, mit­schul­dig dar­an zu sein.

»UNHCR fun­da­ment­al­ly abro­ga­ted its refu­gee pro­tec­tion man­da­te by effec­tively sup­por­ting Pakistan’s mass refou­le­ment.«

Bericht von Human Rights Watch, Febru­ar 2017

In der zwei­ten Hälf­te des ver­gan­ge­nen Jah­res hat die paki­sta­ni­sche Regie­rung damit begon­nen, afgha­ni­sche Flücht­lin­ge immer deut­li­cher zum Ver­las­sen des Lan­des auf­zu­for­dern. Neben Abschie­be­dro­hun­gen und repres­si­ven Poli­zei­maß­nah­men (will­kür­li­che Ver­haf­tun­gen, Miss­hand­lun­gen, Erpres­sung) gibt es auch Berich­te über geschlos­se­ne Flücht­lings­schu­len und den Aus­schluss afgha­ni­scher Kin­der von staat­li­chen Schu­len.

HRW: UNHCR unterstützt Pakistans Rechtsbrüche

Zeit­gleich wur­de auch die finan­zi­el­le Rück­kehr­hil­fe von UNHCR ver­dop­pelt und die afgha­ni­sche Regie­rung ver­sprach rück­keh­ren­den Fami­li­en Land in Afgha­ni­stan – eine Zusa­ge, die nie­mals ein­ge­hal­ten wur­de.

Human Rights Watch kri­ti­siert UNHCR dafür, dass die Erhö­hung der Rück­kehr­hil­fe im Zusam­men­spiel mit der Per­spek­tiv­lo­sig­keit in Paki­stan und dem aus­ge­üb­ten Druck zu einem pull fac­tor wur­de, der für eine über­eil­te Rück­kehr afgha­ni­scher Flücht­lin­ge sorg­te.

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Mas­si­ver Anstieg der Rück­keh­rer aus Paki­stan im Jahr 2016. Quel­le: Human Rights Watch

Zudem sei­en vie­le Men­schen nicht aus­rei­chend dar­über infor­miert wor­den, wie schlecht die Lage im Land, in das sie zurück­keh­ren, tat­säch­lich ist. Außer­dem wirft man UNHCR vor, zu den fort­ge­setz­ten Rechts­brü­chen der paki­sta­ni­schen Regie­rung zu schwei­gen.

Hoffnungslose Situation für Rückkehrer

Afgha­ni­stan »bleibt eines der gefähr­lichs­ten, gewalt­tä­tigs­ten und kri­sen­ge­schüt­telts­ten Län­der der Welt«, kon­sta­tier­te UNOCHA im Jah­res­be­richt »Huma­ni­ta­ri­an Needs Over­view«. Mitt­ler­wei­le sind ver­mut­lich über 1,5 Mil­lio­nen Men­schen inner­halb des Lan­des als Bin­nen­ver­trie­be­ne auf der Flucht.

Dazu kom­men nun noch vie­le der Rück­keh­rer aus Paki­stan, die sich vor allem in Kabul und Dscha­lal­al­abad nie­der­las­sen, denn gera­de Flücht­lin­ge, die nach Jah­ren oder Jahr­zehn­ten und teil­wei­se unter Zwang zurück­keh­ren, haben Pro­ble­me, schnell wie­der Fuß zu fas­sen.

»UNHCR fai­led to ensu­re that refu­gees were ful­ly infor­med of the con­di­ti­ons to which they were retur­ning. And regard­less of con­di­ti­ons in Afgha­ni­stan, huge num­bers of refu­gees […] did not return vol­un­ta­ri­ly.«

Bericht von Human Rights Watch, Febru­ar 2017

Bereits bei 40 Pro­zent der Rück­keh­rer in den Vor­jah­ren hat UNHCR »ernst­haf­te Schwie­rig­kei­ten« beim »Wie­der­auf­bau des Lebens in Afgha­ni­stan« aus­ge­macht – und hier­bei han­delt es sich um weit­aus weni­ger Men­schen als 2016 zurück­ge­kehrt sind.

Abschiebungen in eine humanitäre Krise hinein

Rück­keh­rer in Afgha­ni­stan erhal­ten – von der ein­ma­li­gen Hil­fe durch UNHCR abge­se­hen – kaum wei­te­re Unter­stüt­zung. Vie­le von ihnen leben daher in slum­ähn­li­chen Zustän­den, wie auch in einem ARD-Bericht von Anfang Janu­ar deut­lich wird.

Auch UNHCR spricht nach Anga­ben von Human Rights Watch davon, dass sich eine gro­ße huma­ni­tä­re Kri­se ent­wi­cke­le – eine Kri­se, zu der auch Deutsch­land mit dem Beginn der Sam­mel­ab­schie­bun­gen nach Afgha­ni­stan Ende des ver­gan­ge­nen Jah­res offen­bar bei­tra­gen möch­te.