29.05.2015
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Sie haben die lebensgefährliche Überfahrt über die Ägäis überlebt - und landen in der EU im Elend - mitten auf den bei europäischen Touristen so beliebten Inseln: Flüchtlinge auf der Insel Kos.

Auf den griechischen Inseln kommen derzeit tausende Bootsflüchtlinge an. Die meisten vegetieren dort unter elenden Bedingungen, da es dramatisch an staatlicher Hilfe mangelt. Das berichten Kolleginnen von unserem RSPA-Projekt, die vor Ort Nothilfe leisten. Griechenland und die EU stehen in der Pflicht, die Gestrandeten menschenwürdig aufzunehmen.

Wäh­rend in der Euro­päi­schen Uni­on dar­über dis­ku­tiert wird, ob inner­halb der nächs­ten 2 Jah­re 16.000 Flücht­lin­ge aus Grie­chen­land per Quo­te auf ande­re EU Staa­ten ver­teilt wer­den sol­len, errei­chen Grie­chen­land allein die­sen April 11.873 neue Schutz­su­chen­de, die vor allem auf den Ägäis­in­seln anlan­den. Der Groß­teil der Flücht­lin­ge stammt aus Syri­en und aus Afgha­ni­stan.

Zuvor im März waren bereits 6.583 Grenz­über­trit­te ver­zeich­net wor­den, womit allein in den letz­ten zwei Mona­ten die Zahl der Flücht­lin­ge über­schrit­ten wur­de, die die EU viel­leicht aus Grie­chen­land auf­zu­neh­men bereit wäre. Die geplan­te Auf­nah­me von 16.000 Flücht­lin­gen ist vor die­sem Hin­ter­grund nicht mehr als einen Trop­fen auf den hei­ßen Stein.

Die Situa­ti­on in dem kri­sen­ge­schüt­tel­ten Grenz­staat und vor allem auf den Inseln der Ägä­is ist ent­spre­chend dra­ma­tisch. Vor Ort sind unse­re Kol­le­gin­nen vom Refu­gee Sup­port Pro­gram in the Aege­an (RSPA) aktiv, das von PRO ASYL zur juris­ti­schen und sozia­len Unter­stüt­zung von Flücht­lin­gen in Grie­chen­land auf­ge­baut wur­de.

Huma­ni­tä­re Kri­se auf grie­chi­schen Inseln

Die Rechts­an­wäl­tin Natas­sa Stra­chi­ni vom RSPA berich­tet, dass in Les­bos jeden Tag 50 bis 500 Flücht­lin­ge neu ankom­men. Kos ver­zeich­net ähn­lich vie­le Neu­an­künf­te. Da die Neu­an­kom­men­den nicht aus­rei­chend unter­ge­bracht und ver­sorgt wer­den kön­nen, ste­hen Les­bos und die ande­ren Inseln einer huma­ni­tä­ren Kri­se gegen­über. „Vor allem auf Kos ist die Situa­ti­on völ­lig außer Kon­trol­le. Es fehlt am Nötigs­ten“, berich­tet Stra­chi­ni.

Ange­sichts der aktu­el­len Ankunfts­zah­len leis­ten sie und die ande­ren Pro­jekt­mit­ar­bei­te­rin­nen vor allem Not­hil­fe, ers­te recht­li­che Bera­tung sowie juris­ti­sche und sozia­le Unter­stüt­zung in Ein­zel­fäl­len beson­ders schutz­be­dürf­ti­ger Per­so­nen, vor allem unbe­glei­te­ter Min­der­jäh­ri­ger und Fami­li­en mit klei­nen Kin­dern.

Obdach­lo­sig­keit und Elend

Obdach­lo­sig­keit ist dabei eines der drän­gends­ten Pro­ble­me. Auf Kos gibt es kei­ner­lei Unter­künf­te außer einem pro­vi­so­risch umge­wid­me­tem leer­ste­hen­den Hotel ohne sani­tä­re Anla­gen. Auf Les­bos ist es mitt­ler­wei­le so gut wie unmög­lich, men­schen­wür­di­ge Unter­brin­gun­gen für die Boots­flücht­lin­ge zu fin­den. Wer, wie der Groß­teil der ankom­men­den Flücht­lin­ge, nahe dem Hafen­ort Moly­vos anlan­det, muss zunächst 70 Kilo­me­ter Stre­cke über­brü­cken, um bis in die Insel­haupt­stadt Myti­li­ni zu gelan­gen. Da es Bus-, Taxi- und Auto­fah­rern wegen „Bei­hil­fe zum Schlep­per­tum“ bei Stra­fe ver­bo­ten ist Flücht­lin­ge mit­zu­neh­men, sind vie­le Schutz­su­chen­de gezwun­gen, die­sen lan­gen Weg zu Fuß zu bewäl­ti­gen.

In Myti­li­ni sind die Auf­nah­me­ka­pa­zi­tä­ten längst über­schrit­ten. Das auf 250 Per­so­nen aus­ge­leg­te, Haft­la­ger Moria beher­bergt bereits 1000 Men­schen und nimmt nie­man­den mehr auf. Flücht­lin­ge sind also gezwun­gen, irgend­wo auf der Insel unter frei­em Him­mel zu schla­fen, vie­le kam­pie­ren am Hafen. Die Obdach­lo­sen haben kei­nen Zugang zu sani­tä­ren Ein­rich­tun­gen, Essen und Trin­ken. Es gibt viel Soli­da­ri­tät unter den Anwoh­ne­rin­nen und Anwoh­nern, die immer wie­der Lebens­mit­tel, Decken und ande­re Din­ge anbie­ten. Staat­lich orga­ni­sier­te Hil­fe gibt es nicht.

Die Situa­ti­on auf ande­ren Inseln wie Samos, Chi­os, Leros und Rho­dos ist ver­gleich­bar. Die Insel Kos hat in den letz­ten Tagen viel Auf­merk­sam­keit in der Pres­se erfah­ren – weil sich eini­ge Tou­ris­ten durch die Anwe­sen­heit zahl­rei­cher obdach­lo­ser Flücht­lin­ge so in ihrem Urlaub gestört fühl­ten, dass die Dai­ly Mail von Kos als einem „ekel­haf­ten Höl­len­loch“ sprach. Aus wel­cher Höl­le die­se Men­schen erst flie­hen muss­ten und wie vie­le Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen  ihnen schlimms­ten Falls noch bevor­ste­hen, spiel­te bei die­ser Bericht­erstat­tung kei­ne Rol­le.

Soli­da­ri­tät und Hilfs­be­reit­schaft unter Straf­an­dro­hung

Gemein­sam mit unse­ren Part­nern von RSPA und ande­ren Soli­da­ri­täts­grup­pen auf den grie­chi­schen Inseln for­dert PRO ASYL von der grie­chi­schen Regie­rung sofort Maß­nah­men zu ergrei­fen, die der huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe Rech­nung tra­gen. Die zustän­di­gen Behör­den müs­sen pri­va­te Hil­fe zulas­sen. Es ist inak­zep­ta­bel, dass Soli­da­ri­tät und Hilfs­be­reit­schaft unter Straf­an­dro­hung ste­hen.

Es müs­sen drin­gend alter­na­ti­ve, offe­ne Unter­brin­gungs­mög­lich­kei­ten gefun­den wer­den und es braucht Trans­port­mög­lich­kei­ten für die Flücht­lin­ge auf den Inseln selbst und aufs Fest­land. Wei­ter­hin exis­tiert kein funk­tio­nie­ren­des Auf­nah­me­sys­tem für Flücht­lin­ge in Grie­chen­land, was PRO ASYL schon seit Jah­ren kri­ti­siert. Die neue Regie­rung hat Bes­se­rung gelobt, nun müs­sen Taten fol­gen.

Nicht nur Grie­chen­land steht in der Ver­ant­wor­tung

Grie­chen­land steht jedoch nicht allei­ne in der Pflicht, Ver­ant­wor­tung für Flücht­lin­ge zu über­neh­men: Euro­pa kann die Staa­ten an sei­nen Außen­gren­zen nicht allei­ne las­sen. Es bedarf unmit­tel­bar einer groß­zü­gi­gen huma­ni­tä­ren Auf­nah­me von beson­ders Schutz­be­dürf­ti­gen – vor allem von unbe­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen – aus Grie­chen­land sowie einen gut aus­ge­stat­ten Kri­sen­fonds zur Ein­rich­tung men­schen­wür­di­ger Auf­nah­me­ka­pa­zi­tä­ten und zur Sicher­stel­lung der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung Schutz­su­chen­der.

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