28.05.2014
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Maya Alkhechen bei der PRO-ASYL- Pressekonferenz am 21. Mai in Berlin. Foto: Schokofeh Kamiz

Sie schiffen sich in Ägypten, in der Türkei oder in Libyen nach Europa ein, in der Hoffnung auf Schutz. Doch die Regierungen Europas halten ihre Türen verschlossen. Immer wieder sterben syrische Bürgerkriegsflüchtlinge im Mittelmeer, Menschen, die von ihren Angehörigen in Europa sehnsüchtig erwartet wurden. Eine, die es nach Europa geschafft hat, ist Maya Alkhechen.

Sie fürch­tet um ihre Schwes­tern in Liby­en. „Manch­mal fra­gen wir uns zu Hau­se, also ich und mei­ne Mut­ter, wie lan­ge hal­ten die das denn aus? Sie steht jetzt vor der Fra­ge, vor der ich vor sie­ben Mona­ten, acht Mona­ten stand: Ent­we­der gehe ich zurück nach Syri­en und ster­be dort. Oder ich blei­be jetzt hier und habe nach ein paar Mona­ten über­haupt kei­nen Cent mehr übrig und lebe mit den Kin­dern auf der Stra­ße und kann bet­teln“, sagt Maya Alk­he­chen.

Die Syre­rin war in Deutsch­land auf­ge­wach­sen, hat hier ihr Abitur gemacht, hät­te gern eine Aus­bil­dung gemacht oder stu­diert. Weil ihr hier als Gedul­de­te ver­bo­ten wur­de, eine Aus­bil­dung zu machen, ging sie zurück nach Syri­en, hei­ra­te­te, bekam Kin­der. Dann kam der Bür­ger­krieg und zwang ihre Fami­lie in die Flucht, sie stran­de­ten in Ägyp­ten.

Kei­ne Hil­fe von der deut­schen Bot­schaft  

Mayas Bemü­hun­gen um ein Visum bei der deut­schen Bot­schaft in Kai­ro schlu­gen fehl: „Ein­mal hieß es dann: Schrei­ben Sie eine E-Mail, dann hieß es: rufen Sie mal an.“ Maya Alk­he­chen schil­dert den Behör­den ihre Situa­ti­on: Dass sie Deutsch­land frei­wil­lig ver­las­sen hat, dass ihre Eltern, ihre Brü­der in Deutsch­land leben. Die Ant­wort fällt ernüch­ternd aus. Asyl kann man nur von deut­scher Erde aus bean­tra­gen. „Für mich hieß das: Kom­men Sie erst­mal ille­gal rein“, sagt Maya Alk­he­chen.

In Deutsch­land bemüht sich der­wei­len ihr Bru­der um ihre Auf­nah­me im Rah­men des ers­ten Bun­des­auf­nah­me­pro­gramms für syri­sche Flücht­lin­ge. Doch sein Antrag schei­tert an büro­kra­ti­schen Hür­den. Als dann zusätz­lich ein Län­der­auf­nah­me­pro­gramm ver­ab­schie­det wird, sitzt Maya bereits mit ihrer Fami­lie im Flücht­lings­boot nach Ita­li­en. „Ich woll­te nicht ille­gal nach Deutsch­land zurück­kom­men, uner­wünscht sozu­sa­gen. Aber dann hat sich unse­re Situa­ti­on  in Ägyp­ten sehr ver­schlech­tert, wir hat­ten kei­ne ande­re Wahl mehr“, sagt sie. Inzwi­schen ist Maya Alk­he­chen in Deutsch­land als Flücht­ling aner­kannt.

In Liby­en in der Fal­le

Nun sorgt sie sich um ihre Schwes­tern Rima und Hana. Die bei­den sit­zen mit ihren Fami­li­en in Liby­en fest wie in einer Fal­le: Für die Flücht­lin­ge gibt es kei­ne Arbeits­mög­lich­keit – eine Fra­ge der Zeit also, bis die Erspar­nis­se nicht ein­mal mehr für den Schlep­per nach Euro­pa rei­chen. Auch fehlt der Zugang zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung, dabei ist Rimas Ehe­mann nie­ren­krank. In Deutsch­land könn­ten sie bei ihrer Fami­lie leben.

Aber der Ver­such, zunächst Rima und ihre Fami­lie auf lega­lem Weg nach Deutsch­land zu holen, schei­ter­te – die Auf­nah­me im ers­ten Bun­des­pro­gramm schei­tert aus den­sel­ben Grün­den wie bei Maya. Ein Antrag über das Län­der­pro­gramm in Nord­rhein-West­fa­len wur­de zunächst posi­tiv beschie­den. Auch die Vor­aus­set­zun­gen für die Ver­pflich­tungs­er­klä­rung und sons­ti­ge Bedin­gun­gen konn­te der Bru­der mit Hil­fe des Inte­gra­ti­ons­zen­trums in Bochum erfül­len.

Vor­aus­set­zun­gen erfüllt, Auf­nah­me­platz ver­wei­gert

Den­noch erhielt Fadi Alk­he­chen eine Absa­ge durch die zustän­di­ge Aus­län­der­be­hör­de. Die Begrün­dung: Sei­ne Schwes­ter hal­te sich nicht in einem Anrai­ner­staat Syri­ens auf, son­dern in Liby­en. Eine Aus­nah­me zu machen, lehn­te die Behör­de ab. Auf einen Antrag für das zwei­te Bun­des­pro­gramm ver­zich­tet Fahid Alk­he­chen: Die Vor­aus­set­zun­gen sei­en die­sel­ben wie beim vor­he­ri­gen Län­der­pro­gramm, erfuhr er auf Anfra­ge.

Wie lan­ge wird die Schwes­ter in Liby­en durch­hal­ten? Wer­den sie alle ins Boot stei­gen, bevor die Fal­le zuschnappt? „Weil ich die­sen Weg gegan­gen bin und weiß, wie schlimm das ist – es wird da wirk­lich mit den Leu­ten gehan­delt – habe ich ihr gesagt: Halt aus. Ich will auch, dass sie legal hier­her kommt“, sagt Maya.

Der syri­sche Bür­ger­krieg hat eine der größ­ten Flücht­lings­ka­ta­stro­phen unse­rer Zeit aus­ge­löst. Mehr als 2,7 Mil­lio­nen Men­schen sind aus Syri­en ins Aus­land geflüch­tet, wo sie not­dürf­tig über­le­ben. Euro­pa muss jetzt han­deln.

Geben Sie syri­schen Flücht­lin­gen ihre Stim­me! Unter­zeich­nen Sie die euro­pa­wei­te Peti­ti­on »Help Syri­as Refu­gees«

Maya Alk­he­chen im Video

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