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Verloren, verraten, vergessen - Bei Flüchtlingskindern scheinen Rechte wie das auf Kindeswohl nicht zu gelten. Foto: Madalin Calita / pixabay

Die Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention am 20. November 1989 durch die Vereinten Nationen wurde von der Politik als Meilenstein in der Entwicklung des Völkerrechts, ihre Ratifizierung durch den Deutschen Bundestag im April 1992 als »Sternstunde« für die Menschenrechte gefeiert.

Erst­mals wur­den Kin­dern und Jugend­li­chen grund­le­gen­de und umfas­sen­de Rech­te auf Schutz, Grund­ver­sor­gung sowie Mit­be­stim­mung und Betei­li­gung garan­tiert. Zu den zen­tra­len Bestim­mun­gen der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on gehö­ren das abso­lu­te Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot (Art. 2) und der Vor­rang des »Kin­des­wohls« (Art. 3). Arti­kel 22 ver­pflich­tet die Ver­trags­staa­ten, Flücht­lings­schutz suchen­den Kin­dern die Ein­rei­se und den Auf­ent­halt zu gestat­ten und sie in jugend­hil­fe­recht­li­cher Hin­sicht wie ein­hei­mi­sche (deut­sche) Kin­der zu behan­deln.

Ratifizierung in den 90er Jahren, Willkommenskultur und Backlash 2015

Die dama­li­ge Bun­des­re­gie­rung hat­te jedoch – vor dem Hin­ter­grund einer bei­spiel­los auf­ge­heiz­ten Asyl­de­bat­te 1991/92 im Vor­feld der Ände­rung des Arti­kels 16 GG – bei der Rati­fi­zie­rung eine Vor­be­halts­klau­sel hin­ter­legt, die das Asyl- und Aus­län­der­recht über die Kon­ven­ti­on stell­te. Fort­an bestimm­ten über fast zwei Jahr­zehn­te – bis zur Rück­nah­me der Vor­be­hal­te im Som­mer 2010 – nicht das »Kin­des­wohl« und das Prin­zip des Opti­mums an För­de­rung und Ent­fal­tung den recht­li­chen und behörd­li­chen Umgang Deutsch­lands mit Flücht­lings­kin­dern, son­dern: ein­ge­schränk­te Rech­te, redu­zier­te Leis­tun­gen, ein unsi­che­rer Auf­ent­halts­sta­tus, man­geln­de För­de­rung und ver­wei­ger­te Bil­dungs­mög­lich­kei­ten.

Die Bun­des­re­gie­rung ver­säum­te es, sich deut­lich auf die Sei­te der Ver­fech­ter einer offe­nen und soli­da­ri­schen Gesell­schaft zu stel­len

In der kur­zen Pha­se der »Will­kom­mens­kul­tur« 2015 durch­ge­führ­te Ände­run­gen des Auf­ent­halts- und Asyl­ge­set­zes zur Ver­fah­rens­fä­hig­keit (ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Vor­schrift »erst« mit Voll­endung des 18. Lebens­jah­res) und umfang­rei­che Erwei­te­run­gen des Kin­der- und Jugend­hil­fe­ge­set­zes lie­ßen kurz­fris­tig auf eine grund­le­gen­de Ver­bes­se­rung der Lage min­der­jäh­ri­ger Geflüch­te­ter hof­fen. Doch schon ab Herbst 2015 – vor dem Hin­ter­grund flücht­lings­feind­li­cher und ras­sis­ti­scher Vor­fäl­le und eines gesell­schaft­lich atmo­sphä­ri­schen Rechts­rucks in Tei­len der Bevöl­ke­rung – ver­säum­te es die Bun­des­re­gie­rung, sich deut­lich auf die Sei­te der Ver­fech­ter einer offe­nen und soli­da­ri­schen Gesell­schaft zu stel­len, die – wie die Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen der Natio­nal Coali­ti­on, dar­un­ter PRO ASYL, terre des hom­mes und vie­le ande­re – sich seit vie­len Jah­ren für die umfas­sen­de Umset­zung der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on in Deutsch­land ein­set­zen. Statt­des­sen hat die Gro­ße Koali­ti­on mit einem »repres­si­ven Roll­back« an Geset­zes­ver­schär­fun­gen (Asyl­pa­ke­te I und II, »Lex Anker­zen­tren« u.a., bis hin zum »Geord­ne­te-Rück­kehr-Gesetz«, bes­ser: »Hau-ab-Gesetz«) Ängs­te und Res­sen­ti­ments soge­nann­ter »besorg­ter Bür­ger« bedient und Popu­lis­ten und der orga­ni­sier­ten Rech­ten damit noch Auf­trieb gege­ben.

Zur Situation von Flüchtlingskindern in Deutschland

Ins­ge­samt kön­nen ein­zel­ne Ver­bes­se­run­gen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass die Rech­te und Bedürf­nis­se die­ser beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Grup­pe von Kin­dern und Jugend­li­chen in Deutsch­land noch immer mas­siv ver­nach­läs­sigt wer­den: Nach wie vor leben vie­le geflüch­te­te Kin­der und Jugend­li­che in auf­ent­halts­recht­lich unsi­che­rer Situa­ti­on; beim Zugang zu Schutz und Hil­fe und bei der Wahr­neh­mung ihrer Rech­te nach der UN-KRK sind erheb­li­che recht­li­che und tat­säch­li­che Ver­schär­fun­gen zu ver­zeich­nen; noch immer gibt es gra­vie­ren­de Defi­zi­te bei behörd­lich ange­ord­ne­ten will­kür­li­chen Alters­fik­tio­nen, auch die Anwen­dung medi­zi­nisch frag­wür­di­ger und zwei­fel­haf­ter Metho­den ist nach wie vor nicht aus­ge­schlos­sen; geflüch­te­te Kin­der kön­nen wei­ter­hin in Abschie­bungs­haft kom­men; Unter­brin­gung und beschleu­nig­te Ver­fah­ren in sog. Anker­zen­tren gefähr­den ihre unge­hin­der­te Ent­wick­lung und Inte­gra­ti­on; die Ableh­nun­gen von Fami­li­en­zu­sam­men­füh­run­gen für Kin­der und Jugend­li­che durch deut­sche Behör­den stellt eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der Arti­kel 3, 9 und 10 der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on dar; und nach wie vor wer­den unbe­glei­te­te Min­der­jäh­ri­ge an der Gren­ze abge­wie­sen oder zurück­ge­scho­ben. Auch 30 Jah­re nach der Ver­ab­schie­dung der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on besteht ein gro­ßer Hand­lungs­be­darf für ihre umfas­sen­de Umset­zung in Deutsch­land.

Kinder auf der Flucht

Eine noch grö­ße­re Kluft zwi­schen Anspruch und Wirk­lich­keit der Men­schen­rech­te für Kin­der nach der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on besteht in der oft töd­li­chen Abwehr und sys­te­ma­ti­schen Igno­ranz der EU-Regie­run­gen gegen­über den Schick­sa­len Tau­sen­der Flücht­lings­kin­der am Ran­de und an den Außen­gren­zen Euro­pas.

Sie ertran­ken im Mit­tel­meer, ver­durs­te­ten in der Wüs­te, erstick­ten in Last­wa­gen und Con­tai­nern, erfro­ren beim Über­que­ren von Gebirgs­päs­sen oder eisi­gen Grenz­flüs­sen

In der Hoff­nung auf ein bes­se­res und fried­li­ches Leben mach­ten sich seit Beginn die­ses Jahr­hun­derts Hun­dert­tau­sen­de von Flücht­lings­kin­dern mit ihren Eltern, mit Ver­wand­ten oder allein auf sich gestellt auf den Weg nach Euro­pa. Sie flo­hen vor Krieg, Gewalt, Ter­ror und Armut. Tau­sen­de kamen bei dem Ver­such, hier ein Leben in Sicher­heit füh­ren zu kön­nen, ums Leben. Sie ertran­ken im Mit­tel­meer, ver­durs­te­ten in der Wüs­te, erstick­ten in Last­wa­gen und Con­tai­nern, erfro­ren beim Über­que­ren von Gebirgs­päs­sen oder eisi­gen Grenz­flüs­sen im Win­ter; sie star­ben in den Trieb­wer­ken von Flug­zeu­gen oder an den Stra­pa­zen der Flucht; sie star­ben in Gefan­gen­schaft, in den grau­sams­ten Lagern Liby­ens; sie wur­den Opfer von Aus­beu­tung, Fol­ter, Miss­hand­lung und Krank­hei­ten. Tau­sen­de Kin­der leben am Ran­de Euro­pas in über­füll­ten Flücht­lings­la­gern unter unmensch­li­chen Bedin­gun­gen, ohne Schutz und Per­spek­ti­ve.

Solan­ge noch Kin­der auf der Suche nach Schutz im Mit­tel­meer und auf dem Weg nach Euro­pa ster­ben oder in über­füll­ten Lagern ver­elen­den und dahin vege­tie­ren, solan­ge blei­ben der Huma­ni­täts­an­spruch Deutsch­lands und Euro­pas und ihre viel­be­schwo­re­nen Wer­te gänz­lich in Fra­ge gestellt

Die­se Kin­der sind die Flücht­lings­kin­der Euro­pas, für die euro­päi­sche Staa­ten und Regie­run­gen gemein­sam Ver­ant­wor­tung tra­gen: Sie sind die unschul­digs­ten Opfer unver­ant­wort­li­cher »Deals« mit natio­na­lis­ti­schen Auto­kra­ten und der Zusam­men­ar­beit euro­päi­scher Regie­run­gen mit men­schen­recht­lich bedenk­li­chen Staa­ten; sie sind die Opfer der Unter­stüt­zung von War­lords und kri­mi­nel­len Mili­zen durch die EU; sie sind Opfer einer ver­fehl­ten deut­schen und euro­päi­schen Flücht­lings- und Kin­der­schutz­po­li­tik. Die­se Poli­tik straft den Anspruch der EU als einer »Wer­te­ge­mein­schaft« – Euro­pa als »Raum der Frei­heit, der Sicher­heit und des Rechts« – Lügen. Die euro­päi­sche Kin­der­flücht­lings­schutz-Poli­tik stellt sich heu­te als gren­zen­los bru­ta­les Sys­tem der Be- und Ver­hin­de­rung der Inan­spruch­nah­me des Asyl­rechts und von Schutz und Hil­fe dar. Im Umgang mit der schwächs­ten und schutz­be­dürf­tigs­ten Grup­pe von Flücht­lin­gen, den Flücht­lings­kin­dern, zei­gen zivi­li­sier­te Staa­ten, wie zivi­li­siert sie wirk­lich sind: Solan­ge noch Kin­der auf der Suche nach Schutz im Mit­tel­meer und auf dem Weg nach Euro­pa ster­ben oder in über­füll­ten Lagern ver­elen­den und dahin vege­tie­ren, solan­ge blei­ben der Huma­ni­täts­an­spruch Deutsch­lands und Euro­pas und ihre viel­be­schwo­re­nen Wer­te »Men­schen­wür­de«, »Frei­heit«, »Demo­kra­tie« und »Rechts­staat­lich­keit« gänz­lich in Fra­ge gestellt.

Kin­der- und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen, die demo­kra­ti­schen Zivil­ge­sell­schaf­ten Deutsch­lands und Euro­pas sind gefor­dert: damit die »Stern­stun­de« der Kin­der­rech­te nicht als »Stern­schnup­pe« ver­glüht.

Hei­ko Kauffmann, Mit­grün­der und ehe­ma­li­ger Spre­cher von PRO ASYL e.V.

Die­ser Text wur­de zunächst ver­öf­fent­licht …

… im Miga­zin

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… in Ost­see-Zei­tung

… in Blick­punkt