21.04.2020
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Provisorische Zelte als selbsterschaffene Unterkunft: So beengt ist das Leben in Malakasa. Foto: privat

Das Flüchtlingslager Malakasa nahe Athen ist voll. Etwa 60% der 1.611 Schutzsuchenden hier sind nicht registriert. Viele leben in Zelten. 14 Tage war das Lager unter Quarantäne. PRO ASYL / Refugee Support Aegean hat die Situation von unregistrierten Flüchtlingen in Malakasa dokumentiert und legt systematische Versäumnisse offen.

Das Flücht­lings­la­ger Mal­a­ka­sa hat offi­zi­ell 1.589 Plät­ze. Neben einem Mili­tär­camp 40 km außer­halb Athens gele­gen, ist es eine Anlauf­stel­le für obdach­lo­se Flücht­lin­ge gewor­den, die über die tür­kisch-grie­chi­sche Gren­ze in der Evros-Regi­on ein­ge­reist sind.

Vie­le Schutz­su­chen­den kom­men selb­stän­dig in das Lager  und leben hier oft unre­gis­triert unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen. Im Febru­ar 2020 sind 958 der 1.611 Schutz­su­chen­den nicht im Lager regis­triert.

Nach der rechts­wid­ri­gen Aus­set­zung der Asyl­an­trags­stel­lung durch die grie­chi­sche Regie­rung im März 2020 wur­de ein sepa­ra­tes Abschie­be­la­ger neben dem gleich­na­mi­gen Flücht­lings­la­ger Mal­a­ka­sa eröff­net. Inmit­ten die­ser Situa­ti­on wur­de am 5. April 2020 der ers­te Fall von Covid-19 in Mal­a­ka­sa fest­ge­stellt und das Lager unter Qua­ran­tä­ne gestellt.

Update, 23.04.2020: Nach wei­te­ren posi­ti­ven Tests auf Covid-19 wur­de die Qua­ran­tä­ne ver­län­gert.

PRO ASYL / Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) hat in den ver­gan­ge­nen Mona­ten 27 Asyl­su­chen­de und ihre Fami­li­en, ins­ge­samt 106 Per­so­nen, in Mal­a­ka­sa beglei­tet.

Ein­drü­cke aus dem Lager Mal­a­ka­sa. Foto: pri­vat
Ein­drü­cke aus dem Lager Mal­a­ka­sa. Foto: pri­vat
Ein­drü­cke aus dem Lager Mal­a­ka­sa. Foto: pri­vat
Ein­drü­cke aus dem Lager Mal­a­ka­sa. Foto: pri­vat
Ein­drü­cke aus dem Lager Mal­a­ka­sa. Foto: pri­vat

PRO ASYL / Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) hat in den ver­gan­ge­nen Mona­ten 27 Asyl­su­chen­de und ihre Fami­li­en, ins­ge­samt 106 Per­so­nen, beglei­tet, die größ­ten­teils ohne offi­zi­el­le Zuwei­sung im Flücht­lings­la­ger Unter­brin­gung such­ten. Die über­wie­gen­de Mehr­heit der Befrag­ten (24) erreich­te Grie­chen­land über die Regi­on Evros. Unter ihnen sind vie­le Per­so­nen mit beson­de­rem Schutz­be­darf wie klei­ne Kin­der, schwan­ge­re Frau­en, Per­so­nen mit men­ta­ler oder phy­si­schen Beein­träch­ti­gun­gen, Kran­ke und Opfer von Gewalt­ver­bre­chen.

Der Report »In this place, we have to help our­sel­ves! – Mal­a­ka­sa Camp« macht deut­lich, dass bereits vor der pha­sen­wei­sen Aus­set­zung des Asyl­rechts mas­si­ve Pro­ble­me beim Zugang zur Regis­trie­rung zum Asyl­ver­fah­ren von Schutz­su­chen­den, die über die Evros-Regi­on ein­ge­reist sind, bestan­den. Dar­über hin­aus wer­den die Kon­se­quen­zen der aus­blei­ben­den Zuwei­sung einer Unter­brin­gungs­mög­lich­keit für Schutz­su­chen­de auf­ge­zeigt. Sie haben sys­te­ma­ti­sche Pro­ble­me, ihr Asyl­ver­fah­ren auf­zu­neh­men. Es kommt zu Ver­zö­ge­run­gen im Asyl­ver­fah­ren und bei Frist­ab­läu­fen. Davon betrof­fen sind auch Flücht­lin­ge, die auf eine Zusam­men­füh­rung mit ihrer Fami­lie in Deutsch­land hof­fen.

Die Ver­sor­gung in Mal­a­ka­sa ist ledig­lich auf die Deckung von Grund­be­dürf­nis­sen aus­ge­rich­tet. Ins­be­son­de­re für unre­gis­trier­te Bewohner*innen ist das nicht sicher gewähr­leis­tet. Es ver­strei­chen Mona­te, bis die­se ihren Asyl­an­trag regis­trie­ren kön­nen und Zugang zum Cash-Card Sys­tem und zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung außer­halb des Lagers besteht.

»Bei unse­rer Ankunft in Fyla­kio haben wir direkt gesagt, dass wir zu unse­ren bei­den Söh­nen in Deutsch­land wol­len. Sie sag­ten uns, wir soll­ten nach Athen gehen und uns bewer­ben. Wir kamen nach Athen und waren obdach­los. Wir waren ver­lo­ren. Ein ande­rer Afgha­ne sag­te uns, wir soll­ten nach Mal­a­ka­sa gehen. Wir kamen dort an, aber die Orga­ni­sa­tio­nen sag­ten uns, das Lager sei voll. Wir such­ten nach einem Zelt. Wir kon­stru­ier­ten etwas aus Kar­tons, um ein »Dach« zu haben. In den schlech­ten Näch­ten bekam ich Panik­at­ta­cken und schlug mich selbst. Ich konn­te nicht atmen. Wegen der Schwan­ger­schaft füh­le ich mich häu­fig krank. … Wir baten die Orga­ni­sa­tio­nen im Lager um Hil­fe, um einen Ter­min zu bekom­men um die Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung zu bean­tra­gen. Sie schick­ten eine E‑Mail nach Pirae­us (Asyl­bü­ro). Sie gaben uns einen Ter­min in sechs Mona­ten  …  jetzt sind wir in Qua­ran­tä­ne. Ich kann mei­nen Psy­cho­lo­gen nicht sehen, und ich kann mei­ne Heb­am­me nicht besu­chen. Wir war­ten dar­auf, dass unse­re Cash-Card zum ers­ten Mal auf­ge­la­den wird. Wir sind seit sechs Mona­ten ohne Geld. Wir leben nur von den Lebens­mit­tel­kör­ben, die uns die Orga­ni­sa­ti­on hier geben. Frü­her hat­ten wir eini­ge kos­ten­lo­se Mahl­zei­ten, die uns von Frei­wil­li­gen ange­bo­ten wur­den, aber jetzt dür­fen sie sie uns nicht mehr aus­hän­di­gen (da wir in Qua­ran­tä­ne sind)«.

Unregistrierte Flüchtlinge in Griechenland hängen in der Luft

Die meis­ten Befrag­ten wur­den nach der Ein­rei­se in Grie­chen­land nahe der Insel Samo­thra­ki und Alex­and­rou­po­lis auf­ge­grif­fen und für ein bis drei Näch­te unrecht­mä­ßig in einem Lager­haus am Hafen von Alex­and­rou­po­lis fest­ge­hal­ten. Danach erst folg­te der vor­ge­se­he­ne Trans­fer in das geschlos­se­ne Lager Fyla­kio.

Mit nur einer Aus­nah­me berich­te­ten die Inter­view­ten, dass hier ledig­lich ihr Wil­le zur Asyl­an­trags­stel­lung auf­ge­nom­men wur­de. Die Regis­trie­rung des eigent­li­chen Asyl­an­trags erfolgt erst in einem zwei­ten Schritt bei dem zustän­di­gen Asyl­bü­ro. Das Pro­blem: Für Schutz­su­chen­de ist es unklar, wel­ches Asyl­bü­ro für sie zustän­dig ist und wie sie die­ses errei­chen kön­nen. Auch für die Ter­min­ver­ga­be, die meh­re­re Mona­te in Anspruch neh­men kann, sind Schutz­su­chen­de auf sich allein­ge­stellt. Die Zuwei­sung eines Flücht­lings­la­gers fin­det nicht statt. Statt­des­sen fan­den sich die Befrag­ten, wie vie­le ande­re, in der Obdach­lo­sig­keit und auf sich allein gestellt wie­der. Sie such­ten Schutz in Mal­a­ka­sa.

»[Als wir Athen erreich­ten] schlie­fen wir zwei Wochen lang in ver­schie­de­nen nahe­ge­le­ge­nen Parks. Wir wuss­ten nicht wohin wir soll­ten und muss­ten auf mei­ne Ver­wand­ten war­ten, bis die­se ihre Asyl­kar­te beka­men. [Dann] fuh­ren wir nach Mal­a­ka­sa. Wir haben uns ein Zelt für uns alle gekauft: 8 Leu­te. Mei­ne Brü­der schlie­fen drau­ßen. Nach 10 Tagen set­zen die Wehen ein. Die Lager­lei­tung brach­te mich in einen Raum, den ich mit zwei Fami­li­en teil­te. Ich schlief in der Küche. Eini­ge Tage, nach­dem ich in dort­hin gezo­gen war, muss­te mei­ne Fami­lie den Kran­ken­wa­gen rufen um mich zur Geburt ins Kran­ken­haus zu brin­gen. Das Baby kam die gan­ze Nacht nicht und ich litt. Am Mor­gen ging ich zur Poli­zei am Tor und sie rief erneut den Kran­ken­wa­gen. Er kam zwei Stun­den spä­ter. Ich hat­te einen Kai­ser­schnitt. Nach einer Woche kehr­te ich in die Küche zurück, in der ich schlief. Einen Monat spä­ter wur­den die bei­den Zim­mer geräumt, und mei­ne Fami­lie zog ein. Die Situa­ti­on in dem Gebäu­de, in dem wir blei­ben, ist schwie­rig. Es herrscht Feuch­tig­keit in den Wän­den. Sie­ben Mona­te lang war ich ohne Geld. Mein Baby wur­de krank, ich muss­te es ins Kin­der­kran­ken­haus in Athen brin­gen, weil der Lager-Kin­der­arzt nicht auf klei­ne Kin­der spe­zia­li­siert ist, aber ich konn­te das Ticket nicht bezah­len. Ich reis­te ohne. Manch­mal war­fen sie mich aus dem Zug. Ich hat­te kein Geld für Medi­ka­men­te. Ich brau­che Tro­cken­milch für mein Baby. Ich hat­te Zusam­men­brü­che. Ich bekom­me Panik­at­ta­cken. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir jemand hel­fen kann, solan­ge ich noch in die­sem Lager bin.«

Hunderte vulnerable Schutzsuchende in provisorischen Unterkünften

Das Lager besteht aus über 250 Con­tai­nern und 28 Zim­mern. Der Anstieg von Schutz­su­chen­den, die über die Evros-Regi­on Grie­chen­land errei­chen, hat in Mal­a­ka­sa dazu geführt, dass Neu­an­kom­men­de ohne Zuwei­sung häu­fig dün­ne Som­mer­zel­te und pro­vi­so­ri­sche Unter­künf­te nut­zen müs­sen. Der­zeit gibt es mehr als 100 sol­cher pro­vi­so­ri­schen Unter­künf­te im Flücht­lings­la­ger Mal­a­ka­sa.

Seit der Öff­nung des als Not­un­ter­kunft geplan­ten Lagers 2016 berich­ten hier leben­de Schutz­su­chen­de, sich auf­grund der Abge­le­gen­heit iso­liert zu füh­len. Zwar wird eine grund­le­gen­de recht­li­che und psy­cho­so­zia­le Bera­tung ange­bo­ten, auch gibt es Ärzt*innen im Lager, jedoch über­steigt der Bedarf das Ange­bot bei Wei­tem. Beson­ders vul­nerable Per­so­nen und Fami­li­en mit klei­nen Kin­dern berich­ten anhal­tend von man­geln­der Unter­stüt­zung im recht­li­chen, medi­zi­ni­schen und sozia­len Bereich.

In vie­len Fäl­len müs­sen die Bewohner*innen nach Athen fah­ren um Unter­stüt­zung oder eine Behand­lung zu erhal­ten. Geld für den Trans­port soll­te ihnen über das Cash Card Sys­tem zur Ver­fü­gung ste­hen. Jedoch ist dafür die Regis­trie­rung des Antrags not­wen­dig. Zudem kommt es regel­mä­ßig zu Ver­zö­ge­run­gen in der Bereit­stel­lung und bei der Über­wei­sung.

»Ab dem Tag an dem ich Grie­chen­land erreich­te erklär­te ich, dass ich eine Woh­nung brau­che. Ich schlief eine Woche im Vic­to­ria-Park und in Saint Pan­te­lei­mo­nas, bis mir jemand sag­te, ich sol­le ins Lager Mal­a­ka­sa gehen. Ande­re Bewoh­ner hal­fen mir beim Bau eines Zel­tes. Seit­dem [Sep­tem­ber 2019] lebe ich unre­gis­triert in Mal­a­ka­sa. Seit fünf Mona­ten bin ich in Grie­chen­land als Flücht­ling aner­kannt, aber ich habe immer noch kein Geld und kein Zuhau­se. Ich bin auf Lebens­mit­tel­kör­be und kos­ten­lo­se Mahl­zei­ten von Frei­wil­li­gen­or­ga­ni­sa­tio­nen ange­wie­sen. Auf­grund mei­ner Behin­de­rung kann ich die öffent­li­chen Toi­let­ten im Lager nicht ohne wei­te­res benut­zen. Ich muss in den „Dschun­gel“ gehen. Das Was­ser in den Duschen ist kalt, des­halb kochen mei­ne Freun­de manch­mal Was­ser ab und kom­men direkt neben mei­nem Zelt, um mir den Kopf zu waschen. Im Win­ter brach mein Zelt nur eine Sekun­de, nach­dem ich ihm ent­kom­men konn­te, zusam­men. Ein Baum fiel dar­auf. Ich hät­te ster­ben kön­nen. Tags­über muss ich mir von ande­ren eine Hei­zung lei­hen. Manch­mal ist mein gan­zes Zelt mit Was­ser über­schwemmt. Ich bin eine Über­le­bens­künst­le­rin, aber ich bin [am Ende mei­ner Kräf­te] … Jetzt sind wir in Qua­ran­tä­ne. Sie sag­ten: »Jeder bleibt in sei­nem Zelt, geht nicht hin­aus, gebt euch nicht die Hand, kommt ein­an­der nicht zu nahe!« Vor­her war Hil­fe weit ent­fernt, aber jetzt bin ich abge­schnit­ten. Ich kann kei­ne Hil­fe erhal­ten. (…). Ich bin eine ver­letz­li­che Per­son, ein aner­kann­ter Flücht­ling in einem Zelt. Ich schä­me mich sogar vor mei­nen Freun­den über mei­ne Lebens­be­din­gun­gen, mein Aus­se­hen, mei­nen Geruch. Die­je­ni­gen, die in Grie­chen­land Asyl erhal­ten, haben sehr viel Pech. Ich kann nicht ein­mal mei­nen Hun­ger stil­len.«

»Wir kamen in Mal­a­ka­sa an und such­ten uns ein Zelt. Wir baten dar­um, im Lager regis­triert zu wer­den. Wir baten auch dar­um, unse­re Asyl­an­trä­ge zu regis­trie­ren… Der Ter­min, den wir in Pirä­us erhiel­ten, war vier Mona­te spä­ter. Seit sie­ben Mona­ten sind wir ohne Zugang [zu Zula­gen], d.h. ohne Zugang zu Athen und ohne Hil­fe. Wir suchen nach den Lebens­mit­teln, die die Men­schen nach den Wochen­märk­ten weg­wer­fen. … Ich habe vie­le gesund­heit­li­che Pro­ble­me. Die Ärz­te im Lager sagen mir, ich sol­le zu medi­zi­ni­schen Unter­su­chun­gen und zur Phy­sio­the­ra­pie nach Athen fah­ren. Mein klei­ner Sohn ist Epi­lep­ti­ker und hat Fie­ber­an­fäl­le. Außer­dem lei­det er seit mehr als drei Jah­ren an psy­chi­schen Pro­ble­men. Ich habe kein Geld, um eine Zug­fahr­kar­te zu kau­fen. Wenn ich gehe, wer­fen sie mich manch­mal aus dem Zug, und ich muss dann auf den nächs­ten war­ten. Ein­mal sagen sie mir: »War­um kommt ihr nach Grie­chen­land?« Manch­mal ste­hen Griech*innen auf und wech­seln ihren Platz, weil sie nicht ger­ne neben uns sit­zen. Wenigs­tens wer­de ich nicht ver­letzt. Neu­lich sah ich, wie der Fahr­kar­ten­kon­trol­leur einen jun­gen Afgha­nen auf den Kopf schlug, weil er kei­ne Fahr­kar­te hat­te und den Zug nicht ver­las­sen woll­te. Er hat stark geblu­tet und muss­te ins Kran­ken­haus gebracht wer­den. Ich neh­me Medi­ka­men­te ein, um mich an die­sem schlim­men Ort bes­ser zu füh­len. Hier wer­den die Men­schen krank und krän­ker. Unser Leben ist wie das offe­ne Meer in der Nacht. Wir kön­nen das Ende nicht sehen und alles ist dun­kel.«

»Ich war schwan­ger, blu­te­te und hat­te Schmer­zen, und wir waren in einem Zelt. Ich hat­te Angst mein Baby zu ver­lie­ren. Am Ende hat­te ich eine Fehl­ge­burt. Ich glau­be wegen der Bedin­gun­gen und des Stres­ses. Die Toi­let­ten sind schmut­zig, die Duschen kalt. In den ers­ten Wochen hat­ten wir kein Zim­mer und kein Geld, weil wir kein Asyl bean­tra­gen konn­ten. Vier Mona­te spä­ter beka­men wir einen Ter­min. Ich besu­che einen Psych­ia­ter, um mit der Situa­ti­on fer­tig zu wer­den. Aber wenn sich unse­re Situa­ti­on nicht ändert, wie soll dann mei­ne See­le hei­len?«

»Zwei von uns Brü­dern wur­den im Lager ange­grif­fen. Wir wur­den von mas­kier­ten Per­so­nen geschla­gen. Ohne Grund. Wir haben geblu­tet und unser gan­zer Kör­per schmerz­te. Wir wis­sen nicht, wer es war. Mei­ne Mut­ter wein­te, als sie uns sah. Dann beschloss sie, mit mei­nem kleins­ten Bru­der nach Deutsch­land zu gehen, um einen Weg zu fin­den, uns vier auch dort­hin zu brin­gen und in Sicher­heit zu sein. Man sag­te ihr, es wäre der sichers­te und schnells­te Weg, wenn sie zuerst gehen und wir die Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung bean­tra­gen wür­den. Bis heu­te wer­den wir nachts bedroht. …«

»Wie eine Maus in der Falle«

Die Qua­ran­tä­ne ver­schärf­te die bereits vor­han­de­nen Pro­ble­me. Die Bewohner*innen leben in beeng­ten Ver­hält­nis­sen. Abstand­hal­ten ist vor allem für Schutz­su­chen­de, die in Pro­vi­so­ri­en wie Zel­ten oder Gemein­schafts­räu­men leben, nicht mög­lich. Sie tei­len sich die Sani­tär­an­la­gen mit vie­len und befürch­ten die Anste­ckung.

Sor­ge berei­te­te vie­len Inter­view­ten die Fra­ge, ob Medi­ka­men­te im Bedarfs­fall bereit­ge­stellt wer­den. Per­so­nen mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen gaben an, nicht genü­gend Medi­ka­men­te zur Ver­fü­gung zu haben. Vie­le klag­ten über den Man­gel an nahr­haf­ter und gesun­der Ernäh­rung.

»Ich habe Angst, dass wir mit dem Virus hier ster­ben könn­ten. Was immer wir auch tun, um Abstand von­ein­an­der zu hal­ten, wir sind hier zu vie­le. Wir beten, dass nicht noch mehr Men­schen hier im Lager und in der gan­zen Welt krank wer­den. Wir sind alle gleich, nie­mand soll krank wer­den. Jeden Tag rufe ich mei­ne Fami­lie im Iran an und fle­he sie an, nicht aus­zu­ge­hen. Gott soll­te uns alle ret­ten!«

»Wir sind in Qua­ran­tä­ne ein­ge­sperrt, leben aber Sei­te an Sei­te mit Dut­zen­den in einem gro­ßen Zelt. Sie sagen: »Hal­te zwei Meter Abstand von­ein­an­der«, aber wir hän­gen Tag und Nacht neben­ein­an­der fest. Wir tei­len uns die schmut­zi­gen Toi­let­ten und Duschen. Wir haben kein war­mes Was­ser. Manch­mal gibt es über­haupt kein flie­ßen­des Was­ser. Wir kom­men die gan­ze Zeit zusam­men, an den Was­ser­häh­nen und im Zelt. Wenn einer von uns das Virus bekommt, wer­den wir alle infi­ziert wer­den. Die psy­chi­sche Gesund­heit der Men­schen wird von Tag zu Tag schlech­ter. Zusätz­lich zu den Pro­ble­men, die wir bereits hat­ten, sind wir jetzt auch besorgt, nicht krank zu wer­den und in Sor­ge dar­über, ob unse­re Fami­li­en sicher sind. Wir haben nichts, um uns zu ver­tei­di­gen, so dass wir nur dar­auf war­ten kön­nen, dass das Schlimms­te ein­trifft. Wir kön­nen nicht schla­fen. Vie­le Men­schen hat­ten bereits psy­chi­sche Pro­ble­me, und es geht ihnen jetzt immer schlech­ter. Wir bewe­gen uns auf einen Über­le­bens­kampf zu, in dem wir ver­su­chen, das Virus, die Bedin­gun­gen und die Gefahr zu über­le­ben. Lasst uns nicht allein!«

Aufnahmen aus Griechenland jetzt!

Das Auf­nah­me­sys­tem in Grie­chen­land ist flä­chen­de­ckend über­las­tet. Die Eva­ku­ie­run­gen aus Grie­chen­land müs­sen aus­ge­wei­tet wer­den, es braucht einen nach­hal­ti­gen Relo­ca­ti­on-Mecha­nis­mus. Ins­be­son­de­re der Fami­li­en­nach­zug darf nicht län­ger behin­dert wer­den – zur Ent­las­tung, aber ins­be­son­de­re zur Wah­rung des Rechts auf Fami­li­en­le­ben, hat die Beschleu­ni­gung der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung obers­te Prio­ri­tät.

Auch nach Locke­run­gen der pan­de­mie­be­ding­ten Maß­nah­men, ist an der Ein­stel­lung der Dub­lin-Über­stel­lun­gen nach Grie­chen­land fest­zu­hal­ten. Die vor­lie­gen­de Stu­die ergänzt eine frü­he­re Stu­die von PRO ASYL / RSA, in der die Auf­nah­me­be­din­gun­gen in den Fest­land­la­gern Grie­chen­lands und in den Insel­hot­spots doku­men­tiert wer­den. Den voll­stän­di­gen Bericht sowie Fotos und Vide­os gibt es auf der Web­site von RSA.

(rsa / mz)

*Namen geändert