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Helfer*innen und neu ankommende Flüchtlinge im Februar 2016 am Strand von Lesbos. Foto: Björn Kietzmann

Nirgendwo in Europa ist die Flüchtlingsaufnahme derart an ihre Grenzen gelangt wie in Griechenland, dort ist man mit der Versorgung der Flüchtlinge komplett überfordert, nur durch freiwillige Helfer*innen können Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgt werden. Lisa Thielsch ist eine von ihnen und erzählt uns im Interview von ihren Erfahrungen.

Ohne freiwillige Helfer*innen würde die Grundversorgung der Menschen vollends zusammenbrechen. Tausende Freiwillige haben sich 2015 auf den Weg nach Griechenland gemacht, um Flüchtlinge mit dem Notwendigsten zu versorgen. Sie kommen aus aller Welt – Europa, aber auch aus Kanada, den USA, Neuseeland oder Australien, und auch die lokale griechische Bevölkerung setzt sich ein.  Mobile Küchenteams wie »Grenzenlos Kochen Hannover« oder »Aid Delivery Mission« bereiten Mahlzeiten für Tausende von Menschen zu. Freiwillige Helfer*innen verteilen Kleidung, Essen und Hygienebedarf oder bauen Zelte auf. Eine davon ist Lisa Thielsch. Sie war im vergangenen Herbst dreieinhalb Wochen lang auf Lesbos aktiv. Anđelka Križanović hat mit ihr gesprochen.

Anđelka Križanović: Wie hast Du Dich entschieden, nach Lesbos zu fahren?

Lisa Thielsch: In der Flüchtlingshilfe bin ich schon eine Weile aktiv. Aber die Bilder von Lesbos und die Schlagzeilen haben mich einfach nicht mehr losgelassen. Ich dachte nur: Da musst du hin! Ich wusste, wenn ich nicht früher oder später dorthin gehe, dass ich mir immer sagen würde: »Was wäre, wenn…« und »Ach, wärst du doch gegangen!« Trotzdem war ich mir unsicher, ob ich dort überhaupt von Nutzen bin, ich bin ja weder Ärztin noch Seelsorgerin. Also habe ich eine Mail an PRO ASYL geschrieben und die Antwort erhalten: Ja, es würden händeringend Leute gebraucht, zusammen mit Tipps, an wen ich mich wenden kann.

Am nächsten Tag war mein Flug gebucht. Zwei Wochen später saß ich im Flugzeug. Ich hatte mich darauf eingestellt, die Reisekosten selbst zu tragen. Dann gaben mir andere Freiwillige den Tipp mit dem Crowdfunding. Von den positiven Reaktionen, dem Zuspruch und der Großzügigkeit der Menschen um mich herum war ich einfach überwältigt! Ich wäre zwar auch ohne diese Hilfe nach Lesbos gereist, aber ich hätte es finanziell sehr viel mehr gespürt. So konnte ich nicht nur meine Reisekosten decken, sondern auch vor Ort Dinge kaufen, die im Kleiderzelt benötigt wurden. Oder auch Süßigkeiten für die Kinder.

Wie hast Du vor Ort Anschluss an die anderen Freiwilligen gefunden?

Die Helfer organisieren sich hauptsächlich in Facebook-Gruppen. Ich habe mich der Starfish Foundation in Molyvos angeschlossen. Mit anderen Freiwilligen habe ich mir ein Zimmer geteilt, wir haben zusammen ein Auto gemietet und wurden von erfahrenen Helfern in die Abläufe eingewiesen. Wir arbeiteten meistens in 8-Stunden-Schichten.

Wie war die Situation an der Küste?

Wenn ein Boot zu uns kam, war es davor in aller Regel in Seenot gewesen. Die griechische Küstenwache fuhr von Molyvos aus aufs Meer und brachte die Flüchtlinge mit dem Boot in den Hafen. Das bedeutete, dass die Menschen, die bei uns ankamen, oftmals nasse Kleider hatten, entweder weil das Boot mit Wasser vollgelaufen war oder sie sogar ins Wasser gefallen waren. Zuerst untersuchten die Ärzte, ob jemand ernsthaft verletzt war, dann wurden die Flüchtlinge vorregistriert und dann konnten sie sich bei uns Essen und Kleider holen. Dann hieß es für sie stundenlang warten auf Busse, die sie in das Registrierungscamp Moria bringen.

»Wenn ein Boot zu uns kam, war es davor in aller Regel in Seenot gewesen.«

Wie ging es den Flüchtlingen nach der Ankunft?

Viele waren unterkühlt und froren. Ich habe gleich am ersten Tag mitgeholfen, einem Kind die nassen Sachen zu wechseln, weil seine Mutter zu schwach dafür war. Manche standen unter Schock, wussten erst einmal nicht, ob sie wirklich in Europa waren. Andere waren froh,  die Überfahrt überlebt und es nach Europa geschafft zu haben. Dabei stehen die Menschen, wenn sie in Griechenland ankommen, erst am Anfang. Sie haben noch lange nicht Zuflucht gefunden. Alle haben sich tausendmal bei uns bedankt. Sie sagten uns, dass sie zum ersten Mal wie Menschen behandelt wurden. Einige erzählten, dass im Iran auf sie geschossen wurde. Und in der Türkei sei es ihnen schlecht gegangen.

Wie ging es Dir in diesen dreieinhalb Wochen?

Ganz am Anfang war ich nervös. Ich dachte, hoffentlich mache ich keine Fehler! Bei der Kleiderausgabe tat es mir richtig leid, wenn ich für die Menschen keine Schuhe in der richtigen Größe hatte. Manchmal hatte ich völlig das Zeitgefühl verloren, weil um mich herum so viel passierte. Ich war aber mit einem wirklich tollen Freiwilligenteam unterwegs, das mich dann aufgefangen hat.

Welche Momente bleiben Dir besonders in Erinnerung?

Einmal haben wir Kisten mit Hygieneartikeln und anderen nützlichen Dingen verteilt. Es ist wirklich toll, wie viel gespendet wird und die strahlenden Gesichter, wenn man jemandem Seife oder Creme in die Hand gibt – oder einer allein reisenden Frau mit Baby und Kleinkind eine Babytragetasche – das ist einfach unbezahlbar! Einmal kam ein Mädchen zu mir und sagte etwas auf Arabisch. Ich bat einen Helfer zu übersetzen und er sagte, dass sie gern Stifte zum Malen und ein Malbuch hätte. Da ich wusste, dass wir so etwas im Zelt hatten, holte ich sie ihr. Wie sie daraufhin strahlte, werde ich nie vergessen!

»Ich bin froh, dass ich da war und vor Ort ungeschönt sehen konnte, was in Griechenland passiert.«

Habt Ihr als Freiwillige mitbekommen, was politisch in Europa los war?

Den EU-Deal mit der Türkei haben wir sofort gespürt. Von einem Tag auf den anderen kamen in Molyvos plötzlich keine Boote mehr an. Vom Hörensagen wussten wir, dass die Menschen auf türkischer Seite festsaßen und nicht rüber konnten, weil die Strände überwacht wurden. Wenn sie dann doch in die Boote stiegen, wurden sie auf See aufgegriffen und zurückgebracht. Die Boote kamen vermehrt nachts oder in der Frühe und sie landeten weiter im Süden, wo es zwar keine Nachtwache auf den Stränden gab, aber die Strecke zwischen den beiden Küsten viel länger war. Nach Griechenland zu kommen, wurde für die Menschen viel gefährlicher.

Was nimmst Du für Dich aus Lesbos mit?

Ich bin froh, dass ich da war und vor Ort ungeschönt sehen konnte, was in Griechenland passiert. Ich bin froh, dass ich zumindest  für eine kurze Zeit helfen konnte. Einige der Flüchtlinge, die ich auf Lesbos getroffen habe, habe ich hier in Deutschland wiedergesehen. Sie haben es geschafft, es geht ihnen gut. Wir haben immer noch Kontakt. Wenn es Zeit und Geld erlauben, würde ich wieder nach Lesbos fahren.

Bleibst Du in der Flüchtlingshilfe aktiv?

Klar, das bin ich schon seit langem. In meinem Heimatort Oftersheim leite ich in einer Notunterkunft die Bildungsarbeit für Flüchtlinge und gebe dort Deutschkurse. Wenn ich in Oftersheim bin, bin ich jeden Tag in der Unterkunft, manchmal bis zu acht Stunden am Tag. Da fragen die Security-Leute schon mal: Mädel, willst du nicht auch mal nach Hause? Aber ich bin gern dort. Mir machen die Arbeit und der Kontakt zu den Menschen viel Spaß.

(Dieser Text ist zuerst erschienen im Heft zum Tag des Flüchtlings 2016.)