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Mazar-i-Sharif nach einer Attacke der Taliban. Afghanistan kommt nicht zur Ruhe: In fast allen Landesteilen gibt es Kämpfe oder Anschläge. Foto: Reuters / Anil Usyan

Deutschland plant, in Zukunft verstärkt nach Afghanistan abzuschieben – obwohl sich die Situation im Land immer weiter verschlechtert. Die Bundesregierung hält Afghanistan für Abgeschobene aber immer noch für sicher und beruft sich dabei sogar auf Aussagen der Taliban.

Die Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan sei »aus­rei­chend kon­trol­lier­bar«, vor allem in den »meis­ten urba­nen Zen­tren«, ant­wor­te­te die Bun­des­re­gie­rung auf eine Bun­des­tags-Anfra­ge. Um Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan zu recht­fer­ti­gen scheut man dort auch nicht davor zurück, sich auf die Tali­ban zu beru­fen. Die Taliban­füh­rung habe schließ­lich »ihre Kämp­fer wie­der­holt glaub­haft und deut­lich ange­wie­sen, zivi­le Opfer zu ver­mei­den«.

Die­se Aus­sa­ge ist mei­len­weit von der Rea­li­tät in Afgha­ni­stan ent­fernt – dazu muss man nur den Anschlag in Kabul vor weni­gen Tagen mit über 300 Ver­letz­ten und 40 Toten betrach­ten: Wenig wahr­schein­lich, dass dar­un­ter kei­ne Zivi­lis­ten gewe­sen sein sol­len.

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zivi­le Opfer gab es allein im ers­ten Quar­tal 2016.

Taliban starten Frühjahrsoffensive

Bereits Ende März kün­dig­ten die Tali­ban eine groß­an­ge­leg­te Früh­jahrs­of­fen­si­ve an. Dabei sol­len auch gezielt Groß­städ­te erobert wer­den – also genau jene Gebie­te, die die Bun­des­re­gie­rung für sicher erach­tet.

UN-Bericht: Die Zahl der zivi­len Opfer in Afgha­ni­stan hat einen neu­en Höchst­stand erreicht.

Den Anfang macht dabei offen­bar ein neu­er­li­cher Angriff auf den ehe­ma­li­gen Bun­des­wehr­stand­ort Kun­duz. Bereits ver­gan­ge­nes Jahr war die Stadt kurz­zei­tig unter Kon­trol­le der Tali­ban, jetzt kommt es dort erneut zu hef­ti­gen Gefech­ten. Und auch die Haupt­stadt Kabul kommt nicht zur Ruhe: Auch vor dem oben erwähn­ten beson­ders blu­ti­gen Anschlag kam es bei­spiels­wei­se allein im Janu­ar 2016 zu min­des­tens sie­ben Tali­ban-Anschlä­gen in der Stadt – unter ande­rem beim Besuch des deut­schen Innen­mi­nis­ters de Mai­ziè­re.

2016 beginnt noch blutiger als 2015 endete

2015 war das Jahr mit den meis­ten zivi­len Opfern in Afgha­ni­stan, seit die UN 2009 damit begon­nen hat, die­se Zah­len zu erhe­ben. Die Sta­tis­tik für das ers­te Quar­tal 2016 zeigt: Der trau­ri­ge Trend hält wei­ter an, die Opfer­zah­len sind noch ein­mal 2 Pro­zent höher als im Vor­jahr. 600 tote und 1343 ver­letz­te Zivi­lis­ten zäh­len die Ver­ein­ten Natio­nen, dar­un­ter beson­ders vie­le Frau­en und Kin­der.

»Fast ein Drit­tel aller Opfer sind Kin­der.«

Danie­le Bell, UNAMA

Wäh­rend die Bun­des­re­gie­rung wei­ter auf vor­geb­lich »siche­ren Regio­nen« beharrt, zei­gen Kar­ten vom ISW oder von der New York Times deut­lich, dass es in ganz Afgha­ni­stan umkämpf­te Gebie­te gibt und Tali­ban und IS-Ter­ro­ris­ten sich immer wei­ter aus­brei­ten – auch in den bis­lang ver­meint­lich siche­ren Lan­des­tei­len kann es jeder­zeit zu Kämp­fen und Anschlä­gen kom­men. Der Bun­des­re­gie­rung muss bewusst sein: Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan bedeu­ten für die Betrof­fe­nen Abschie­bun­gen in lebens­ge­fähr­li­che Zustän­de.