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Motiviert loslegen können - das wünschen sich die Freien Dozent*innen für die Teilnehmenden an ihren Integrationskursen. Foto: Symbolbild, Pixapay

Menschen, die nach Deutschland kommen, sei es als Asylsuchende, als Bürger*innen der Europäischen Union oder als sonstige Migrant*innen, wollen in der Regel Deutsch lernen, wenn sie es nicht schon können. Ihre Motivation muss aber aufrechterhalten werden.

Ein Gast­bei­trag von Clau­dia Dren­da und Lin­da Guz­zet­ti

Es ist kei­ne leich­te Auf­ga­be, für vie­le Men­schen mit sehr unter­schied­li­chen Kennt­nis­sen und Lern­bio­gra­phi­en aus­rei­chen­de und pas­sen­de Sprach­kur­se zu orga­ni­sie­ren. Trotz­dem darf bezwei­felt wer­den, dass das Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Inne­ren die rich­ti­ge Behör­de dafür ist, da es für sei­ne sons­ti­gen Auf­ga­ben eine ord­nungs­po­li­ti­sche Bril­le trägt. Ist es in der Lage, die­se abzu­set­zen, um für die Gestal­tung der Rah­men­be­din­gun­gen der Kur­se eine didak­ti­sche zu benut­zen? Per­spek­ti­visch ist die­se Debat­te wich­tig, aber gegen­wär­tig ist die Situa­ti­on so, dass Asyl­su­chen­de mit guter Blei­be­per­spek­ti­ve zu den Inte­gra­ti­ons­kur­sen vom BAMF ver­pflich­tet wer­den. Alle ande­ren Asyl­su­chen­den und Migrant*innen wer­den durch die Kur­se auf­ge­fan­gen, die Län­der und Kom­mu­nen bereit­stel­len.

Die Inte­gra­ti­ons­kur­se sol­len die Teil­neh­men­den zum Sprach­ni­veau B1 nach dem Euro­päi­schen Refe­renz­rah­men füh­ren, aber die Erfah­rung zeigt, dass die dafür ein­ge­räum­te Zeit in vie­len Fäl­len nicht reicht. Erst mit dem Trä­ger­schrei­ber vom 11. April 2019 hat das BAMF end­lich die Stun­den­zahl der Kur­se von 600 auf 900 erhöht, lei­der aus­schließ­lich für die­je­ni­gen, die erst das latei­ni­sche Alpha­bet ler­nen müs­sen; hin­zu kom­men die 300 mög­li­chen »Wie­der­ho­lungs­stun­den«.

Nach den Bestim­mun­gen vom August 2018 (Rund­schrei­bens des BAMF an die Trä­ger vom 08.08.2018) müs­sen Teil­neh­men­de der Inte­gra­ti­ons­kur­se vom Trä­ger dem Job­cen­ter / der Aus­län­der­be­hör­de gemel­det wer­den, wenn sie mehr als 20 Pro­zent der Unter­richts­stun­den in einem Kurs­ab­schnitt oder ab drei Tagen am Stück ent­schul­digt oder unent­schul­digt feh­len. Bei Krank­heit muss nun schon ab dem 2. Fehl­tag ein ärzt­li­cher Nach­weis erbracht wer­den. Als Stra­fe kann Ihnen zum Bei­spiel die Mög­lich­keit ver­sagt wer­den, Wie­der­ho­lungs­stun­den in Anspruch zu neh­men. Dar­über hin­aus wur­de die freie Wahl des Bil­dungs­trä­gers sowie der Wech­sel zu einem ande­ren Trä­ger für die Teilnehmer*innen ein­ge­schränkt. Die­se Zwangs­maß­nah­men hal­ten wir für kon­tra­pro­duk­tiv und unhalt­bar, da sie an der Rea­li­tät der Teilnehmer*innen vor­bei­ge­hen und ein repres­si­ves Kurs­kli­ma schaf­fen.

Für die Teil­neh­men­den ent­steht durch so ein Kon­troll­sys­tem ein Kli­ma des Gene­ral­ver­dachts und dies belas­tet das Ver­trau­ens­ver­hält­nis

Zwar set­zen Sank­tio­nen nur beim unent­schul­dig­ten Feh­len ein, aber die­ses Kon­troll­sys­tem hat Aus­wir­kun­gen auf den All­tag der Kur­se. Die täg­li­che Mit­tei­lung der Teil­nah­me jeder Per­son in jedem Kurs bedeu­tet für die Leh­ren­den und die Trä­ger eine zusätz­li­che Arbeits­be­las­tung. Für die Teil­neh­men­den ent­steht durch so ein Kon­troll­sys­tem ein Kli­ma des Gene­ral­ver­dachts und dies belas­tet das für den Lern­er­folg so wich­ti­ge Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Teil­neh­men­den und Dozent*innen.

Für das Bünd­nis »Freie Dozent*innen« ist es hin­ge­gen wich­tig, dass die Neu­gier, mit der die Teil­neh­men­den zu den Kur­sen kom­men, ver­stärkt wird, sodass ihnen ein posi­ti­ver Zugang zur deut­schen Spra­che ermög­licht wird. Zwang ver­sperrt aber allen Erfah­run­gen nach die­sen Zugang. Wir erle­ben unse­re Teilnehmer*innen zum größ­ten Teil moti­viert und sehr inter­es­siert dar­an, die deut­sche Spra­che zu erler­nen, die nicht für ihre Ein­fach­heit bekannt ist. Gera­de Geflüch­te­te müs­sen oft ein völ­lig neu­es Schrift­sys­tem in einer Spra­che ler­nen, die von ihrer eige­nen Mut­ter­spra­che sehr weit ent­fernt ist. Es bedeu­tet sehr viel Arbeit und Übung, oft erschwert durch fol­gen­de Umstän­de: Unse­re Teilnehmer*innen sind nicht haupt­säch­lich jun­ge, gesun­de allein­ste­hen­de Men­schen, die ihren All­tag rein am Deutsch­kurs aus­rich­ten kön­nen. Vie­le haben Kin­der oder sogar schon Enkel­kin­der und/oder sind seit län­ge­rem kein Schul­um­feld mehr gewöhnt. Sie haben regel­mä­ßi­ge Behör­den­ter­mi­ne, vie­le sind auf Woh­nungs­su­che, leben oft auf engs­ten Raum in Hei­men, also an Orten ohne Ruhe zum Ler­nen. Vie­le wer­den von (chro­ni­schen) Krank­hei­ten geplagt, sind vor Krieg und Unrecht geflo­hen und haben lebens­be­droh­li­che Situa­tio­nen durch­lebt, deren Fol­gen oft Trau­ma­ta sind. Der Fehl­zei­ten­ka­ta­log des BAMF, der die offi­zi­ell aner­kann­ten Grün­de für das Fern­blei­ben vom Unter­richt auf­führt, sowie die neu­en Rege­lun­gen berück­sich­ti­gen die­se Lebens­rea­li­tä­ten der Teilnehmer*innen nicht.

Sie müs­sen abwä­gen, ob sie ihre gerin­ge Chan­ce auf eine Woh­nung im Vor­hin­ein auf­ge­ben, weil sie Besich­ti­gungs­ter­mi­ne zu Unter­richts­zei­ten nicht wahr­neh­men kön­nen.

Wir Dozent*innen sind dage­gen, dass der Ver­fall des Anspru­ches auf ihren Deutsch­un­ter­richt wie ein Damo­kles­schwert über den Teilnehmer*innen schwebt. Ihnen kann der Leis­tungs­be­zug vom Job­cen­ter gekürzt wer­den, obwohl das Job­cen­ter wie auch die Aus­län­der­be­hör­de oft­mals Ter­mi­ne in die Unter­richts­zeit legen und damit sel­ber eine ord­nungs­ge­mä­ße Kurs­teil­nah­me ver­hin­dern. So etwas erzeugt Ohn­macht. Auch ist es mög­lich, dass sich zu hohe Fehl­zei­ten nega­tiv auf die Teilnehmer*innen bezüg­lich ihrer Auf­ent­halts­ver­län­ge­rung und ihre Chan­ce auf Fami­li­en­nach­zug aus­wir­ken. So müs­sen sie z.B. auch abwä­gen, ob sie bei Krank­heit zu Hau­se blei­ben kön­nen bzw. sie ihre gerin­ge Chan­ce auf eine Woh­nung im Vor­hin­ein auf­ge­ben müs­sen, weil sie Besich­ti­gungs­ter­mi­ne zu Unter­richts­zei­ten nicht wahr­neh­men kön­nen. In die­ser Unsi­cher­heit zu leben ist eine Zumu­tung und kon­tra­pro­duk­tiv für das Ler­nen.

Wir sehen uns soli­da­risch an der Sei­te unse­rer Teilnehmer*innen, denn wir wis­sen, mit wel­chen Vor­aus­set­zun­gen sie die Deutsch­kur­se besu­chen und in wel­chen Lebens­la­gen sie sich momen­tan befin­den. Wir möch­ten das Inter­es­se und die Neu­gier, mit der Teilnehmer*innen zu uns kom­men, wei­ter för­dern, so dass sie ihren posi­ti­ven Zugang zur deut­schen Spra­che und ihre Freu­de am Ler­nen bei­be­hal­ten. Mit Zwang ist dies unse­rer Ansicht und unse­rer Erfah­rung nach nicht mög­lich. Was sie neben Moti­va­ti­on und Ver­trau­en brau­chen, ist vor allem aus­rei­chend Zeit. Die Kurs­dau­er, -grö­ße und -sta­bi­li­tät soll­te drin­gend den spe­zi­fi­schen Lern-und Lebens­si­tua­tio­nen der Teilnehmer*innen Rech­nung tra­gen, auch der von älte­ren und ler­nun­ge­wohn­ten.

Um erfolg­reich ler­nen zu kön­nen, müs­sen sich die Teilnehmer*innen in ihren Kur­sen und mit den Dozent*innen wohl füh­len, sich von ihnen gefor­dert und geför­dert füh­len. Des­halb ist die selbst­be­stimm­te Wahl der Lern­um­ge­bung von immenser Bedeu­tung. Nicht immer passt die Stim­mung zwi­schen Dozent*in und Teilnehmer*in. Auch wer­den Teilnehmer*innen zur Wah­rung der Min­dest­teil­neh­men­den­zahl oft in fal­sche Kurs­ni­veaus ein­ge­stuft, was in der Regel weit­rei­chen­de Fol­gen nicht nur für den Lern­er­folg jedes Ein­zel­nen, son­dern auch für die Grup­pen­dy­na­mik im Kurs hat. Die ein­zi­ge Mög­lich­keit der Teilnehmer*innen, den eige­nen Lern­er­folg trotz alle­dem zu sichern, war bis­her der Wech­sel des Kurs­trä­gers. Die­se Mög­lich­keit wur­de nun erheb­lich beschnit­ten. Wir ver­ste­hen nicht, wie dies dazu füh­ren soll, dass mehr Men­schen die Spra­che ler­nen, um ihren All­tag in Deutsch­land meis­tern zu kön­nen, und den Deutsch­test für Zuwan­de­rer erfolg­reich bestehen.

Die Initia­ti­ve »Freie Dozent*innen Ber­lin« ruft gemein­sam mit Orga­ni­sa­tio­nen, die die Rech­te der Migrant*innen und Asyl­su­chen­den the­ma­ti­sie­ren und ver­tei­di­gen am 20. Juni 2019, dem inter­na­tio­na­len Welt­flücht­lings­tag, zu einer Kund­ge­bung vor dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Inne­ren in Ber­lin (Alt-Moa­bit 140) auf.

»Freie Dozent*innen Ber­lin« ist eine Grup­pe von in Inte­gra­ti­ons­kur­sen täti­gen Dozent*innen, die seit 2015 exis­tiert. Sie hat im März 2016 eine Kund­ge­bung vor dem Bun­des­mi­nis­te­ri­um des Inne­ren orga­ni­siert,  die zur Erhö­hung der Hono­ra­re der Dozent*innen in den Inte­gra­ti­ons­kur­sen bei­getra­gen hat. Aber die Grup­pe beschäf­tigt sich nicht nur mit den – immer noch pre­kä­ren – Arbeits­be­din­gun­gen der Lehr­kräf­te, son­dern hat im Dezem­ber 2018 eine Initia­ti­ve gestar­tet, bei der die Kurs­teil­neh­men­den im Mit­tel­punkt ste­hen. In einem Brief an das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF), der von 30 wei­te­ren Grup­pen und Initia­ti­ven sowie über 100 Ein­zel­per­so­nen mit­un­ter­zeich­net wur­de, wird auf die Aus­wir­kun­gen der Bestim­mun­gen des BAMF hin­ge­wie­sen, wel­che Eng­päs­se und Sank­tio­nen immer wei­ter ver­schär­fen.


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