01.06.2016

Im Herbst 2015 entdeckt die Bundesregierung »sichere« Fleckchen in Afghanistan und erklärt seither Abschiebungen wieder für denkbar. Hintergrund: Steigende Flüchtlingszahlen aus Afghanistan. Tatsächlich ist die Lage für die Menschen dort schlimmer denn je.

In Afgha­ni­stan lässt es sich leben – meint jeden­falls Bun­des­in­nen­mi­nis­ter de Mai­ziè­re und macht die Speer­spit­ze der neu­en Anti-Flücht­lings­po­li­tik – mit dilet­tan­ti­schen Aus­flü­gen in die Ent­wick­lungs­po­li­tik. Es sei schließ­lich viel Ent­wick­lungs­hil­fe aus Deutsch­land nach Afgha­ni­stan geflos­sen, so de Mai­ziè­re am 28.10.2015 bei einer Pres­se­kon­fe­renz: »Da kann man erwar­ten, dass die Afgha­nen in ihrem Land blei­ben.« Die­se Erwar­tung nennt man dann wohl Flucht­ur­sa­chen­be­kämp­fung.

Die Idee, dass ent­wick­lungs­po­li­ti­sche Gel­der in Afgha­ni­stan Flucht ver­hin­dern könn­ten, krankt nicht nur an der ende­mi­schen Kor­rup­ti­on im Lan­de selbst. Der Afgha­ni­stan­krieg zei­ge, wie zuneh­men­de Mili­ta­ri­sie­rung und Pri­va­ti­sie­rung ent­wick­lungs­po­li­ti­sche Prin­zi­pi­en sys­te­ma­tisch außer Kraft gesetzt hät­ten, schrieb der Afgha­ni­st­an­ex­per­te Tho­mas Rut­tig in einer Bilanz nach 13 Jah­ren NATO-Ein­satz »Mili­ta­ri­sier­te Ent­wick­lungs­hil­fe«. Die Auf­wen­dun­gen der Geber­län­der für Afgha­ni­stan wür­den inzwi­schen auf eine Bil­li­on (1.000 Mil­li­ar­den) US-Dol­lar geschätzt, 90 Pro­zent davon gin­gen in den Sicher­heits­sek­tor. (…) Ent­wick­lungs­zie­le wie die Über­win­dung der Armut oder die Ver­tei­di­gung der Men­schen­rech­te habe man dem Anti-Ter­ror-Kampf weit­ge­hend unter­ge­ord­net, so Rut­tig.

Ein wirtschaftliches Desaster

60 %

der Kin­der in Afgha­ni­stan sind man­gel­er­nährt;

1 Mio.

Bin­nen­ver­trie­be­ne gibt es in dem Land, das zu den ärms­ten Staa­ten der Welt zählt.

Afgha­ni­stan nach inzwi­schen fast 15 Jah­ren Inter­ven­ti­on: In einem der ärms­ten Län­der der Welt sind 60 Pro­zent der Kin­der man­gel­er­nährt, 7,4 Mil­lio­nen Men­schen lei­den unter aku­ter Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit. Die Zahl der Bin­nen­ver­trie­be­nen beträgt nahe­zu eine Mil­li­on.

Bereits ab 2010 nah­men die Trans­fers aus den Geber­län­dern ab. Seit 2014, par­al­lel zum Abzug der ISAF Trup­pen, erlebt Afgha­ni­stan einen wirt­schaft­li­chen Ein­bruch. Mehr­mals stand das Land am Ran­de der Zah­lungs­un­fä­hig­keit. Nur durch Son­der­über­wei­sun­gen west­li­cher Regie­run­gen konn­ten wenigs­tens die Gehäl­ter für die natio­na­len Sicher­heits­kräf­te Afgha­ni­stans gezahlt wer­den, damit die­se nicht ins Lager der Regie­rungs­geg­ner über­lie­fen.

Die Sicher­heits­si­tua­ti­on in Afgha­ni­stan hat sich gleich­zei­tig kon­ti­nu­ier­lich ver­schlech­tert. War schon 2014 nach einem UN-Bericht das schlimms­te Jahr für Zivi­lis­ten, seit es eine Opfer­sta­tis­tik der UNO gibt, so setz­te sich die­se Ten­denz fort. Auch die afgha­ni­schen Sicher­heits­kräf­te, die gegen die Tali­ban vor­ge­hen, zah­len einen hohen Preis mit vie­len Toten und Ver­letz­ten.

Miserable Sicherheitssituation

Die Rück­schlä­ge bei der Sicher­heits­si­tua­ti­on führ­ten dazu, dass die Bun­des­re­gie­rung im Herbst 2015 das noch im Lan­de ver­blie­be­ne Bun­des­wehr­kon­tin­gent auf­stock­te und das Man­dat bis Ende 2016 ver­län­ger­te. Schlag­zei­len hat­te kurz zuvor die fast zwei­wö­chi­ge Beset­zung der nord­af­gha­ni­schen Pro­vinz­haupt­stadt Kun­duz gemacht, ehe­mals Stand­ort eines gro­ßen deut­schen Feld­la­gers. Die­se erst­ma­li­ge Beset­zung einer Pro­vinz­haupt­stadt durch die Tali­ban war ein Sym­bol und ein Wen­de­punkt. Seit­dem flie­hen Men­schen aus vie­len Regio­nen Nord­af­gha­ni­stans. Das Ein­fluss­ge­biet der Tali­ban ist heut­zu­ta­ge ins­ge­samt sogar grö­ßer als zu Beginn der NATO Inter­ven­ti­on im Jahr 2001. Schlech­ter kann die Bilanz des als »War on Ter­ror« aus­ge­ru­fe­nen Feld­zu­ges wirk­lich nicht sein.

Das Ein­fluss­ge­biet der Tali­ban ist heu­te grö­ßer als zu Beginn der NATO-Inter­ven­ti­on im Jahr 2001.

Der afgha­ni­sche Flücht­lings­mi­nis­ter hat zur Sicher­heits­si­tua­ti­on im Lan­de eine Ein­schät­zung gelie­fert, die sich in einem Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes wie­der­fin­det. Drei Pro­vin­zen in Afgha­ni­stan sei­en sicher: Kabul, Bami­yan, Pan­js­hir. Das ist ein win­zi­ger Teil der Lan­des­flä­che, ledig­lich Kabul ist per Flug­zeug ohne wei­te­res erreich­bar. Auch ist die Vor­stel­lung abwe­gig, man kön­ne etwa sun­ni­ti­sche Flücht­lin­ge aus Nord­af­gha­ni­stan ein­fach in eine von Schii­ten bewohn­te Gebirgs­re­gi­on schi­cken. Das Aus­wär­ti­ge Amt stellt fest, dass eine inner­af­gha­ni­sche Auf­nah­me von Flücht­lin­gen ohne­hin eigent­lich nur in grö­ße­ren Städ­ten rea­lis­tisch sei. Die aber plat­zen aus allen Näh­ten, ins­be­son­de­re die Haupt­stadt, wo die infor­mel­len Sied­lun­gen (Slums) grö­ßer sind als die Kern­stadt.

Politische Propaganda

Allen Fak­ten zum Trotz dis­kre­di­tiert de Mai­ziè­re die Flucht­grün­de afgha­ni­scher Asyl­su­chen­der bei jeder Gele­gen­heit: Die Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan erlau­be zumin­dest in eini­gen Regio­nen eine Rück­kehr aus­rei­se­pflich­ti­ger afgha­ni­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger und auch Abschie­bun­gen sei­en dort­hin mög­lich. Dem hat sich auch die Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz im Dezem­ber 2015 ange­schlos­sen, nach­dem Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan über vie­le Jah­re hin­weg sehr zurück­hal­tend voll­zo­gen wor­den sind und sich auf Straf­tä­ter beschränk­ten.

Absurd: Bay­erns Minis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer brach­te Afgha­ni­stan gar als »siche­res Her­kunfts­land« ins Gespräch.

Die Ankün­di­gung von Abschie­bun­gen dient zunächst ein­mal der Ver­un­si­che­rung afgha­ni­scher Flücht­lin­ge: sol­cher, die bereits im Lan­de sind und sol­cher, die sich mit dem Gedan­ken tra­gen, aus Afgha­ni­stan zu flie­hen. Die deut­sche Bot­schaft wur­de mit Gegen­pro­pa­gan­da beauf­tragt. Beun­ru­higt ver­such­ten im Spät­herbst in Deutsch­land ankom­men­de Flücht­lin­ge, ins­be­son­de­re in die skan­di­na­vi­schen Län­der wei­ter­zu­flie­hen.

Auch die in Deutsch­land leben­den Afgha­nin­nen und Afgha­nen neh­men wahr, dass sie trotz bis­lang sehr hoher Schutz­quo­te nicht mehr als Flücht­lin­ge mit guten Grün­den gel­ten. Indem sie von Sprach- und Inte­gra­ti­ons­kur­sen wäh­rend des Asyl­ver­fah­rens mit der Begrün­dung aus­ge­schlos­sen blei­ben, sie hät­ten »kei­ne Blei­be­per­spek­ti­ve«, führt man ihnen vor Augen, dass sie mit einem wei­ter ver­schärf­ten Kurs rech­nen müs­sen. Absurd: Bay­erns rang­höchs­ter Popu­list See­ho­fer brach­te Afgha­ni­stan gar als »siche­res Her­kunfts­land« ins Gespräch.

Geheimer EU-Plan

Im März 2016 wur­de ein gehei­mer EU-Plan bekannt. Danach wird die Abschie­bung von 80.000 Afgha­nin­nen und Afgha­nen »in naher Zukunft« ins Auge gefasst. Man befürch­tet wei­te­re Flucht­be­we­gun­gen und nennt sogar die Grün­de: Die sich ver­schlech­tern­de Lage durch zuneh­men­de Gewalt im Lan­de, der Druck auf afgha­ni­sche Flücht­lin­ge in den Erst­auf­nah­me­staa­ten Iran und Paki­stan. Das aber soll nicht zu Auf­nah­me und Schutz füh­ren.

Statt­des­sen will man »eine Ver­stär­kung der Inter­ven­tio­nen, Zufluchts­mög­lich­kei­ten in der Regi­on zu erhal­ten.« Nach den jüngs­ten Erfah­run­gen mit dem Tür­kei-Deal kann man ver­mu­ten, dass hier ver­sucht wer­den soll, mit dem Iran und Paki­stan ähn­li­che Abma­chun­gen zu tref­fen: Flucht­ver­hin­de­rung und mate­ri­el­le Gegen­leis­tun­gen von EU-Sei­te, even­tu­ell die beschränk­te Auf­nah­me eini­ger Flücht­lings­kon­tin­gen­te. Afgha­ni­stan selbst will man vor dem Hin­ter­grund, dass das Land in hohem Maße von Ent­wick­lungs­hil­fe und sons­ti­gen inter­na­tio­na­len Gebern abhän­gig ist, in die Pflicht neh­men: Man will ein Rück­über­nah­me­ab­kom­men schlie­ßen und erwar­tet Koope­ra­ti­on bei der Auf­nah­me Abge­scho­be­ner.

Strategie der Verunsicherung

Zwar gibt es noch kei­ne Mas­sen­ab­schie­bun­gen. Aber immer mal wie­der wer­den Abschie­bun­gen demons­tra­tiv vor­be­rei­tet, auch von Men­schen, die vie­le Jah­re unbe­hel­ligt im Deutsch­land gelebt haben. Am 5. Febru­ar 2016 schrieb der Bun­des­in­nen­mi­nis­ter einen Brief an die Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz. Nach Gesprä­chen mit der afgha­ni­schen Regie­rung sei es jetzt an der Zeit, rasch zu prak­ti­schen Schrit­ten zu kom­men: »Daher bit­te ich Sie um Ihre Unter­stüt­zung, damit noch in die­sem Monat min­des­tens ein Flug nach Afgha­ni­stan mit zurück­keh­ren­den afgha­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen durch­ge­führt wer­den kann.« Im Klar­text: Ver­un­si­che­rungs­stra­te­gie gepaart mit demons­tra­ti­vem Abschie­bungs­char­ter und Druck auf die Län­der, dabei mit­zu­ma­chen.

»Reso­lu­te Sup­port« heißt die NATO Fol­ge­mis­si­on in Afgha­ni­stan, mit der 13.000 inzwi­schen über­wie­gend nur noch bera­tend täti­ge Mili­tärs angeb­lich schaf­fen sol­len, was 130.000 Sol­da­ten mit Kampf­auf­trag 14 Jah­re lang nicht geschafft haben: Sicher­heit in Afgha­ni­stan her­zu­stel­len. Man wird alles dar­an set­zen müs­sen, das deut­sche und euro­päi­sche Begleit­pro­gramm der »Reso­lu­te Depor­ta­ti­on« ins unsi­che­re Afgha­ni­stan zu ver­hin­dern.

Bernd Meso­vic

(Die­ser Bei­trag erschien im Juni 2016 im Heft zum Tag des Flücht­lings 2016.)


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