13.04.2016
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Stacheldraht und Grenzpfeiler hatten Ende 2015 Hochkonjunktur in den Balkanländern. Hunderte Kilometer an Zäunen wurden hochgezogen.

Die Balkanroute 2015: Erst wurden Grenzen geöffnet, dann wieder geschlossen und sogar mit Zäunen abgeriegelt – nun sind viele Menschen im Niemandsland gestrandet.

Im Jahr 2015 wur­de der Weg über Grie­chen­land, Maze­do­ni­en, Ser­bi­en, Ungarn und schließ­lich Öster­reich zur Haupt­flucht­rou­te von Schutz­su­chen­den – vor allem aus den Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­ten in Syri­en, dem Irak und Afgha­ni­stan. Auch vor­her kamen bereits Men­schen über die Bal­kan­län­der nach Euro­pa – je nach­dem, wie stark die Gren­zen gesi­chert wur­den, war mal der Land­weg über Bul­ga­ri­en und mal der See­weg über Grie­chen­land der meist genutz­te Weg.

Fluchtroute verschiebt sich 2015 in die Ägäis

Ab dem April 2015 kamen mehr und mehr Men­schen über die Ägä­is auf den grie­chi­schen Inseln an und mach­ten sich von dort auf den lan­gen Weg nach West­eu­ro­pa. Nach­dem das grie­chi­sche Asyl­sys­tem bereits Jah­re zuvor zusam­men­ge­bro­chen war und Dub­lin-Über­stel­lun­gen in das Land gestoppt wur­den, hat­te sich Ungarn für vie­le Men­schen zum fak­ti­schen Erstein­rei­se­land inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on ent­wi­ckelt. Zwar gab es kaum Flücht­lin­ge, die dort blei­ben woll­ten – men­schen­un­wür­di­ge Behand­lung, Dis­kri­mi­nie­rung, Ver­brin­gung in Haft­la­ger sind dort an der Tages­ord­nung – unter Zwang lie­ßen sich dort aber vie­le als Asyl­su­chen­de regis­trie­ren, for­mal war also Ungarn für die Durch­füh­rung ihres Asyl­ver­fah­rens zustän­dig.

Die Asyl­an­trags­zah­len in Ungarn stie­gen 2015 sprung­haft an – von ca. 18.000 im Jahr 2013 über 42.000 im Jahr 2014 auf über 170.000. Der Anstieg der Zah­len in Ita­li­en war ver­gleichs­wei­se gerin­ger (2013: 26.000 / 2014: 64.000 / 2015: 84.000) – ein Indiz dafür, dass sich die Flucht­rou­te über das Meer vom zen­tra­len Mit­tel­meer in die Ägä­is ver­scho­ben hat­te. In Ita­li­en blieb die Zahl der Ankünf­te über Früh­ling und Som­mer hin­weg bei kon­stant ca. 20.000 pro Monat, über die kür­ze­re und unge­fähr­li­che­re Ägäis­rou­te kamen aber bei­spiels­wei­se im Juni über 100.000 Men­schen nach Euro­pa – im April waren es noch 13.000 gewe­sen, in den Anfangs­mo­na­ten des Jah­res kaum mehr als 1.000.

Europa baut wieder Zäune

Als ers­tes EU-Land kün­dig­te Ungarn im Juli 2015 dann aller­dings an, kei­ne Flücht­lin­ge mehr ins Land las­sen zu wol­len und sei­ne Gren­ze zu Ser­bi­en mit Zäu­nen abzu­rie­geln. Auch die Zustän­de in Maze­do­ni­en und Ser­bi­en wur­den immer schlim­mer, tage­lang harr­ten die Men­schen an ver­las­se­nen Bahn­hö­fen aus, schlu­gen sich zu Fuß bis zur nächs­ten Gren­ze durch, wur­den Opfer von Poli­zei­ge­walt und Über­fäl­len durch Ban­den. Direk­te Aus­wir­kun­gen auf die Flucht­rou­ten hat­te das zunächst nicht, Ende August begann Ungarn jedoch, mehr und mehr Flücht­lin­ge dar­an zu hin­dern, in Züge nach Öster­reich und Deutsch­land zu stei­gen. Erst als von dort signa­li­siert wur­de, die­se Men­schen auf­zu­neh­men, durf­ten sie wei­ter­rei­sen. Zu jenem Zeit­punkt wur­den in Deutsch­land auch Dub­lin-Ver­fah­ren für syri­sche Flücht­lin­ge aus­ge­setzt.

Kurz dar­auf, Mit­te Sep­tem­ber, began­nen ein­zel­ne west­eu­ro­päi­sche Staa­ten – allen vor­an Deutsch­land – aller­dings, Grenz­kon­trol­len ein­zu­füh­ren. Die seit dem Schen­gen-Abkom­men offe­nen Gren­zen wur­den so geschlos­sen, im Fal­le Deutsch­lands wur­de nun an der öster­rei­chi­schen Gren­ze kon­trol­liert. Gleich­zei­tig stell­te Ungarn auch den 175km lan­gen Grenz­zaun zu Ser­bi­en fer­tig, so dass die Flücht­lin­ge zunächst ver­such­ten, über Kroa­ti­en und Slo­we­ni­en in die EU-Staa­ten zu gelan­gen. Elen­de Zustän­de auch auf die­ser Rou­te waren die Fol­ge – bis die Men­schen in West­eu­ro­pa anka­men, gab es weder adäqua­te Unter­brin­gung noch Ver­sor­gung. Oft wur­den Flücht­lin­ge tage­lang an einem Ort fest­ge­hal­ten, bis sie wei­ter­rei­sen konn­ten.

Nach dem Dominoprinzip: Die Abschottung setzt sich fort

Nach dem EU-Beschluss, dass sich Flücht­lin­ge fort­an in soge­nann­ten „Hot­spots“ in Grie­chen­land und Ita­li­en regis­trie­ren soll­ten und von dort dann in EU-Län­der ver­teilt wür­den, setz­ten die Staa­ten der Bal­kan­rou­te die Abschot­tung suk­zes­si­ve fort: Im Novem­ber bau­te Slo­we­ni­en einen Zaun zum Nach­bar­land Kroa­ti­en, auch Öster­reich und Maze­do­ni­en fin­gen an, Grenz­zäu­ne zu errich­ten, die grie­chisch-maze­do­ni­sche Gren­ze blieb nun nur noch für Men­schen aus Syri­en, Afgha­ni­stan und dem Irak geöff­net. Die EU ver­ab­re­de­te der­weil mit der Tür­kei einen ers­ten Deal, nach­dem man dem Land groß­zü­gi­ge finan­zi­el­le Unter­stüt­zung zukom­men las­sen will, im Gegen­zug soll die Tür­kei dabei hel­fen, Euro­pa abzu­schot­ten und die Men­schen an der Flucht über die Ägä­is zu hin­dern.

Ende 2015 wur­de das Camp im grie­chisch-maze­do­ni­schen Grenz­ort Ido­me­ni, in dem sich Men­schen ver­schie­dens­ter Natio­na­li­tä­ten befan­den, die die Gren­ze nicht pas­sie­ren durf­ten, geräumt. Die Flücht­lin­ge wur­den zurück nach Athen gebracht. Immer rigi­der wur­de in der Fol­ge die Grenz­po­li­tik in Maze­do­ni­en, bis irgend­wann nur noch syri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge pas­sie­ren durf­ten – und schließ­lich Anfang März die Gren­ze voll­stän­dig abge­rie­gelt wur­de. Seit­dem ist die Bal­kan­rou­te fak­tisch dicht. Das Camp in Ido­me­ni gibt es mitt­ler­wei­le wie­der. Die abge­wie­se­nen Schutz­su­chen­den har­ren dort ver­zwei­felt aus und hof­fen dar­auf, dass die Gren­zen doch noch ein­mal geöff­net wer­den.

Von der geschlossenen Route profitieren Schlepper

Von der geschlos­se­nen Bal­kan­rou­te pro­fi­tie­ren vor allem Schlep­per, die ihr lukra­ti­ves Geschäft, das sie nach der weit­ge­hen­den Grenz­öff­nung im Sep­tem­ber auf­ge­ben muss­ten, nun wie­der auf­neh­men kön­nen und Flücht­lin­ge ille­gal über die nun geschlos­se­nen Gren­zen brin­gen – oder neue Alter­na­tiv­rou­ten wie über Alba­ni­en und Ita­li­en aus­ar­bei­ten. Auch die weit gefähr­li­che­re zen­tra­le Mit­tel­meer­rou­te, bei der die Men­schen oft tage­lang mit kaum see­taug­li­chen Boo­ten unter­wegs sind, könn­te wie­der an Zulauf gewin­nen.


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