09.09.2015

PRO ASYL wirft der EU-Kom­mis­si­on und den EU-Staa­ten eine Poli­tik der kol­lek­ti­ven Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung vor. „Die Debat­te um die Ein­rich­tung von Auf­nah­me­zen­tren (Hot Spots) an den EU-Außen­gren­zen sowie Ver­tei­lungs­quo­ten und siche­re Her­kunfts­län­der trägt irrea­le Züge“, sagt Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL. Mit den Plä­nen der EU-Kom­mis­si­on, die heu­te in Brüs­sel vor­ge­stellt wer­den, droht die Fest­set­zung tau­sen­der Flücht­lin­ge in den EU-Außen­grenz­staa­ten ohne Schutz­per­spek­ti­ve.

In sei­ner heu­ti­gen Rede zur „Lage der Euro­päi­schen Uni­on“ vor dem Euro­pa­par­la­ment hat Jean-Clau­de Juncker die EU-Plä­ne zur Flücht­lings­po­li­tik vor­ge­stellt. Sie zei­gen, dass hart­nä­ckig ver­wei­gert wird, die Rea­li­tät der aktu­el­len Flucht­be­we­gun­gen über­haupt wahr­zu­neh­men – mit fata­len Fol­gen für Schutz­su­chen­de. Mit dem Kon­zept der Hot Spots in Grie­chen­land, Ungarn und Ita­li­en sol­len tau­sen­de Flücht­lin­ge in War­te­zo­nen ent­lang der EU-Außen­gren­zen fest­ge­setzt wer­den. Der aktu­el­le Stand der Dis­kus­si­on um die Auf­nah­me von Flücht­lin­gen in den EU-Mit­glied­staa­ten zeigt, dass die angeb­lich vor­ge­se­he­ne Wei­ter­rei­se in ande­re EU-Län­der kaum erfol­gen dürf­te. Außer­dem ist klar: Die gegen­wär­tig in Grie­chen­land ankom­men­den und über die Bal­kan-Staa­ten wei­ter­rei­sen­den Flücht­lin­ge wird man nicht in den Grenz­staa­ten inter­nie­ren kön­nen – es sei denn, die EU plant rie­si­ge Inter­nie­rungs­la­ger, die das beschwo­re­ne „Euro­pa der Wer­te“ voll­kom­men unter­mi­nie­ren wür­den.

Der Kom­mis­si­ons­prä­si­dent will wei­ter­hin auf Quo­ten für die Ver­tei­lung von Flücht­lin­gen inner­halb der EU drän­gen. Mit­te Juli noch war die EU-Kom­mis­si­on mit dem Ziel, 40.000 Flücht­lin­ge aus Grie­chen­land und Ita­li­en umzu­ver­tei­len, geschei­tert. Nach ernüch­tern­den Ver­hand­lun­gen zeig­ten sich die Mit­glied­staa­ten bereit, auf frei­wil­li­ger Basis rund 32.000 Flücht­lin­gen Relo­ca­ti­on-Plät­ze anzu­bie­ten. Nun schlägt die Kom­mis­si­on vor, wei­te­re 120.000 Flücht­lin­ge inner­halb der EU umzu­ver­tei­len. Auf­nah­men sol­len vor allem aus Ungarn und Grie­chen­land erfol­gen, ein klei­ne­rer Teil aus Ita­li­en. Dass 120.000 ankom­men­de Flücht­lin­ge nach einer Quo­te ver­teilt wer­den, ist unwahr­schein­lich. Allein in Grie­chen­land sind bis­her über 250.000 Schutz­su­chen­de in 2015 ange­kom­men, so dass der Bedarf schon jetzt die in die Quo­ten­dis­kus­si­on ein­ge­brach­te Zahl weit über­steigt. Gleich­zei­tig soll wei­ter­hin am Dub­lin-Sys­tem fest­ge­hal­ten wer­den, das ersicht­lich geschei­tert ist.

Die Debat­te um angeb­li­che „siche­re Her­kunfts­län­der“, sowohl in Euro­pa als auch in Deutsch­land, zei­tigt immer empö­ren­de­re Ide­en. Die EU-Kom­mis­si­on zieht sogar in Erwä­gung, Län­der wie die Tür­kei, in der aktu­ell ein de fac­to Bür­ger­krieg wie­der auf­lebt, oder Paki­stan, wo reli­giö­se Min­der­hei­ten mas­siv ver­folgt wer­den, zu siche­ren Her­kunfts­län­dern zu erklä­ren. Die EU-Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie sieht eine gemein­sa­me euro­päi­sche Lis­te soge­nann­ter „siche­rer Her­kunfts­staa­ten“ nicht vor. Wie in Deutsch­land soll auch auf EU-Ebe­ne Stim­mungs­ma­che betrie­ben wer­den, die jeg­li­cher sach­li­cher Grund­la­ge ent­behrt. Bedroht ist damit der Kern des Flücht­lings­rechts, die indi­vi­du­el­le Ein­zel­fall­prü­fung im Asyl­ver­fah­ren. Die meis­ten der über Ser­bi­en und Ungarn in die EU kom­men­den Men­schen sind nach Ein­schät­zung der Ver­ein­ten Natio­nen Flücht­lin­ge und haben damit ein Recht auf Asyl. Die meis­ten aktu­ell über die Bal­kan­rou­te kom­men­den Schutz­su­chen­den kämen aus Syri­en, Afgha­ni­stan und Irak, so UNHCR-Koor­di­na­tor Vin­cent Coche­tel am Diens­tag. Rund 85 Pro­zent der Ankom­men­den sei­en Flücht­lin­ge und kei­ne Wirt­schafts­mi­gran­ten.

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