05.10.2015

Beim heu­ti­gen tür­kisch-euro­päi­schen Gip­fel­tref­fen mit dem tür­ki­schen Staats­prä­si­den­ten Erdo­gan soll die Abrie­ge­lung der Ägä­is-Gren­ze ein­ge­lei­tet wer­den. Laut FAS plant die EU-Kom­mis­si­on, dass tür­ki­sche und grie­chi­sche Grenz­schutz­ein­hei­ten in Koope­ra­ti­on mit Fron­tex die See­gren­ze abrie­geln und alle Flücht­lin­ge in die Tür­kei zurück­wei­sen, wo die­se in von der EU mit­fi­nan­zier­ten Flücht­lings­la­gern fest­ge­hal­ten wer­den sol­len.

„Dies ist eine mora­li­sche Bank­rott­erklä­rung Euro­pas“, kri­ti­sier­te Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL, „die EU hebelt damit die Men­schen­rech­te aus.“ Arti­kel 33 der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on und Arti­kel 3 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on ver­bie­ten Zurück­wei­sun­gen von Schutz­su­chen­den. Die Plä­ne, die vor allem syri­sche, afgha­ni­sche und ira­ki­sche Flücht­lin­ge an der Flucht nach Euro­pa hin­dern sol­len, bre­chen mit dem inter­na­tio­na­len Flücht­lings­recht.

Die Tür­kei, die bereits mehr über zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­gen beher­bergt, soll den EU-Plä­nen zu Fol­ge  sechs Flücht­lings­la­ger für wei­te­re zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge auf­bau­en. „Für die­sen Deal wird die Tür­kei der EU einen sehr hohen Preis abver­lan­gen“, befürch­tet Gün­ter Burk­hardt. Um Flücht­lin­gen den Weg nach Euro­pa abzu­schnei­den, scheint die EU bereit zu sein, der Tür­kei weit­rei­chen­de Zuge­ständ­nis­se zu machen.

Die Tür­kei plant, in Nord­sy­ri­en eine soge­nann­te Sicher­heits­zo­ne zu schaf­fen, vor­geb­lich um Flücht­lings­la­ger auf syri­schem Boden zu errich­ten. Die Plä­ne set­zen eine mas­si­ve mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on der Tür­kei in Nord­sy­ri­en vor­aus und las­sen eine wei­te­re mili­tä­ri­sche Eska­la­ti­on des Kon­flikts zwi­schen der tür­ki­schen Regie­rung und Kur­den in Nord­sy­ri­en und der Tür­kei befürch­ten. „Unter kei­nen Umstän­den darf die EU die­se brand­ge­fähr­li­chen Plä­ne hin­neh­men oder gar unter­stüt­zen“, so Burk­hardt. Eine wei­te­re Eska­la­ti­on des Kon­flikts wird noch mehr Men­schen zur Flucht zwin­gen.

Vor dem Hin­ter­grund des auf­flam­men­den Kon­flikts zwi­schen der tür­ki­schen Regie­rung und der kur­di­schen Min­der­heit  sowie zahl­rei­chen Berich­ten über Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in der Tür­kei ist die Dis­kus­si­on um die Ein­stu­fung der Tür­kei als siche­res Her­kunfts­land zynisch. Sie zeigt, dass das Kon­zept der „siche­ren Her­kunfts­län­dern“ allein poli­ti­schem Kal­kül folgt, nicht der Rea­li­tät.

Angeb­lich soll die EU Bereit­schaft zei­gen, 500.000 Flücht­lin­ge direkt aus der Tür­kei auf­zu­neh­men. Ange­sichts der für zwei Mil­lio­nen Men­schen geplan­ten EU-Flücht­lings­la­ger in der Tür­kei ist die­se Zahl gering – und ange­sichts der Unwil­lig­keit der meis­ten EU-Staa­ten, Flücht­lin­gen Zuflucht zu gewäh­ren, zugleich hoch ange­setzt. Zu befürch­ten ist, dass sich die EU nur auf eine rigi­de Grenz­ab­rie­ge­lung eini­gen kann. Die Tür­kei droht für Flücht­lin­ge zur Fal­le zu wer­den.

Die Haupt­ver­ant­wor­tung für das huma­ni­tä­re Desas­ter tra­gen west­li­che Indus­trie­staa­ten wie Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Nie­der­lan­de und ande­re, die sich noch immer wei­gern, die über Grie­chen­land, Ungarn, Öster­reich, Deutsch­land kom­men­den Flücht­lin­ge ein­rei­sen zu las­sen. Statt der Abrie­ge­lung der Gren­zen muss die EU alles dar­an set­zen, dass sich alle Mit­glieds­staa­ten zu einer soli­da­ri­schen Asyl­po­li­tik bereit erklä­ren, die die Men­schen­rech­te von Schutz­su­chen­den wahrt.  

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