24.04.2017
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Bild aus dem angeblich »sicheren« Afghanistan: Einen Tag nach der Attacke der Taliban mit mehreren Hundert Opfern halten afghanische Sicherheitskräfte in Masar-i-Scharif Wache. Foto: REUTERS/Anil Usyan

Am vergangenen Wochenende kamen in Masar-i-Scharif mehr als 140 Menschen bei einem Taliban-Anschlag um, mehr als 160 wurden verletzt. Die Lage in Afghanistan verschlechtert sich rapide, doch die Schutzquote für Afghan*innen ist seit 2015 dramatisch gesunken.

Die Sicher­heits­la­ge in Afgha­ni­stan ist so schlecht wie lan­ge nicht mehr, doch die Bund­e­re­gie­rung wischt die Fak­ten ein­fach bei­sei­te.

Immer weniger Schutz für Afghan*innen

Das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um (BMI) ver­brei­tet wei­ter die Mär von angeb­lich »siche­ren« Regio­nen in Afgha­ni­stan, was sich dann auch in den Ent­schei­dun­gen des BAMF wie­der­fin­det. Die indi­vi­du­el­len Flucht­grün­de von Afgha­nIn­nen in den Asyl­ver­fah­ren wer­den beim Bun­des­amt in hohem Maße miss­ach­tet.

Die berei­nig­te Schutz­quo­te für afgha­ni­sche Flücht­lin­ge sank von 77,6 % im Jahr 2015 auf 60,5 % im Jahr 2016 (sie­he Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf BT-Druck­sa­che 18/11570) Mit die­ser Ent­wick­lung kon­fron­tiert ant­wor­tet die Bun­des­re­gie­rung aus­wei­chend, es gebe kei­ne poli­ti­schen Vor­ga­ben (Ant­wort 8).

Zahl der Ablehnungen steigt massiv an

Angeblich »sichere« Regionen

Das BAMF begrün­det zuneh­mend Ableh­nun­gen mit angeb­lich »siche­ren« Regio­nen, die den Betrof­fe­nen als soge­nann­te inlän­di­sche Flucht­al­ter­na­ti­ve angeb­lich zur Ver­fü­gung stün­den. Dabei ist die Lage­ein­schät­zung des UNHCR ein­deu­tig: Der UNHCR stellt in sei­nem Bericht fest, dass das gesam­te Staats­ge­biet Afgha­ni­stans von einem »inner­staat­li­chen bewaff­ne­ten Kon­flikt« im Sin­ne des euro­päi­schen Flücht­lings­rech­tes betrof­fen sei. Auf­grund der sich stän­dig ändern­den Sicher­heits­la­ge kön­ne man gar nicht zwi­schen siche­ren und unsi­che­ren Regio­nen in dem Bür­ger­kriegs­land ent­schei­den.

Abgeschobene auch aus Unruheprovinzen

Wie aus einer Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf eine Klei­ne Anfra­ge von Bünd­nis 90/Grüne her­vor­geht, stam­men Abge­scho­be­ne auch aus afgha­ni­schen Unru­he­pro­vin­zen – aber das inter­es­siert die Bun­des­re­gie­rung nicht.  Bei­spiels­wei­se wur­de im Janu­ar und Febru­ar jeweils eine Per­son aus Masar-i-Scha­rif abge­scho­ben – eben jener Pro­vinz, in der jüngst die Tali­ban zuge­schla­gen haben.

Abgeschoben nach Kabul: aus den Augen, aus dem Sinn

Die Ant­wor­ten der Bun­des­re­gie­rung zu Abschie­bun­gen nach Afgha­ni­stan sind teil­wei­se scho­ckie­rend. Wich­ti­ge medi­zi­ni­sche Infor­ma­tio­nen wer­den nicht über­mit­telt (Ant­wort auf Fra­ge 7). Es sind Zufäl­le, wenn eine Aus­län­der­be­hör­de dem mit­flie­gen­den Arzt Infos oder Medi­ka­men­te zusteckt, die die­sen zur »Selbst­me­di­ka­ti­on« mit­ge­ge­ben wer­den. Über den Ver­bleib der Abge­scho­be­nen hat die Bun­des­re­gie­rung kei­ne Kennt­nis­se, eben­so nicht über die ethi­sche oder reli­giö­se Zuge­hö­rig­keit. Es ist noch nicht ein­mal sicher­ge­stellt, dass die Abge­scho­be­nen ihr Gepäck mit­neh­men kön­nen (Ant­wort auf Fra­ge 21/22).

Afghanistan ist nicht sicher!

Dass Betrof­fe­ne in ein Kriegs- und Kri­sen­ge­biet abge­scho­ben wer­den, zei­gen aktu­ell ver­schie­de­ne Sicher­heits­be­rich­te und Mel­dun­gen über die Sicher­heits­la­ge am Hin­du­kusch: Die Hand­lungs­fä­hig­keit der afgha­ni­schen Armee ist nach 6.700 im letz­ten Jahr im Krieg getö­te­ten Sol­da­ten kaum noch gege­ben. Zudem soll die afgha­ni­sche Armee monat­lich meh­re­re Tau­send Sol­da­ten durch Fah­nen­flucht ver­lie­ren. Wie ein Report der US-Behör­de Spe­cial Inspec­tor Gene­ral for Afgha­ni­stan Recon­struc­tion (SIGAR) offen­legt, hat die afgha­ni­sche Regie­rung nur noch in etwas mehr als der Hälf­te des Lan­des über­haupt die Kon­trol­le oder maß­geb­li­chen Ein­fluss.

In 26 der 34 Pro­vin­zen Afgha­ni­stans wur­den Ver­trei­bun­gen auf­grund von Kampf­hand­lun­gen ver­zeich­net. Wie das Büro der Ver­ein­ten Natio­nen (OCHA) berich­te­te, gab es im Jahr 2017 bis dato fast 59.000 neue Bin­nen­ver­trie­be­ne.