04.02.2015
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Die Friedenskirche in Jena. In der Gemeinde wird ein afghanischer Flüchtling vor der Abschiebung geschützt. Foto: flickr / HydaspisChaos

Bundesinnenminister DeMaizière (CDU) und Parteikollegen haben die Praxis des Kirchenasyls ungewöhnlich scharf kritisiert. Der verbale Vorstoß des Ministers flankiert Pläne der Bundesregierung, Kirchenasyle durch eine zweifelhafte Rechtsauslegung massiv zu erschweren.

Im Jahr 2014 doku­men­tier­te die Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Asyl in der Kir­che 200 Kir­chen­asyle für min­des­tens 359 Per­so­nen, dar­un­ter 109 Kin­der. Damit wur­den dop­pelt so vie­le Men­schen durch Kir­chen­ge­mein­den vor der Abschie­bung geschützt wie noch im Vor­jahr: Im Jahr 2013 waren 162 Per­so­nen in ins­ge­samt 79 Kir­chen­asy­len gemel­det wor­den.

Dem Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um ist der Anstieg der Kir­chen­asyle ein Dorn im Auge. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU) übte bei einem Tref­fen mit 19 katho­li­schen Bischö­fen am 27. Janu­ar 2015 schar­fe Kri­tik. „Als Ver­fas­sungs­mi­nis­ter leh­ne ich das Kir­chen­asyl prin­zi­pi­ell und fun­da­men­tal ab“, sag­te de Mai­ziè­re nach Anga­ben des Spie­gel. Als Christ habe er zwar Ver­ständ­nis, den­noch gehe es nicht, dass sich Gemein­den über Geset­ze hin­weg­set­zen. Der kir­chen­po­li­ti­sche Spre­cher der Uni­on, Franz Josef Jung, bekräf­tig­te in der „Welt“ die Kri­tik: „Wir müs­sen bei Asyl­fra­gen nach rechts­staat­li­chen Regeln vor­ge­hen, und es kann dabei über den Rechts­staat hin­aus kein geson­der­tes Kir­chen­recht geben.“

Kir­chen­asyl erin­nert an Schutz der Men­schen­wür­de

„Die Wor­te des Minis­ters belas­ten in unge­wöhn­li­cher und über­flüs­si­ger Wei­se das gute Ver­hält­nis zwi­schen Kir­che und Staat“, kon­ter­te der han­no­ver­sche Lan­des­bi­schof Ralf Meis­ter gegen­über dem Evan­ge­li­schen Pres­se­dienst. Als Rats­vor­sit­zen­der der Kon­fö­de­ra­ti­on evan­ge­li­scher Kir­chen in Nie­der­sach­sen sag­te Meis­ter, dass Kir­chen­asyl sei ein offen­sicht­lich not­wen­di­ger Schutz­raum für Men­schen­rech­te. „Es wird nur gewährt, wenn jemand trotz aller staat­li­chen Geset­ze und Hil­fen von Abschie­bung, men­schen­un­wür­di­gen Umstän­den oder Lebens­ge­fahr bedroht ist.“ Kir­chen­asyl wen­de sich nicht gegen den Rechts­staat, son­dern erin­ne­re die­sen an das grund­ge­setz­lich ver­an­ker­te Recht auf Men­schen­wür­de, Frei­heit und kör­per­li­che Unver­sehrt­heit. In den meis­ten Fäl­len kön­ne den Men­schen in einem Kir­chen­asyl durch eine erneu­te Über­prü­fung ihres Schutz­be­geh­rens gehol­fen wer­den, sag­te Meis­ter. Das zei­ge ganz klar sei­ne Not­wen­dig­keit, auch wenn es gegen gesetz­li­che Bestim­mun­gen ver­stößt.

Durch Kir­chen­asyle wer­den aktu­ell oft Per­so­nen geschützt, die in ande­re EU-Staa­ten abge­scho­ben wer­den sol­len. Im Jahr 2014 waren 169 der Kir­chen­asyle soge­nann­te Dub­lin-Fäl­le. Durch den Ein­satz der Kir­chen­ge­mein­den wird ver­hin­dert, dass die­se Flücht­lin­ge in den EU-Rand­staa­ten in Haft, Obdach­lo­sig­keit und Elend lan­den. So etwa im Fall von Aha­mad H., der über Bul­ga­ri­en nach Deutsch­land geflo­hen ist. Er wird in Jena durch ein Kir­chen­asyl geschützt, damit er nicht nach Bul­ga­ri­en über­stellt wird. Dort lei­den Flücht­lin­ge unter feh­len­der medi­zi­ni­scher Hil­fe und sind Obdach­lo­sig­keit und ras­sis­ti­scher Gewalt aus­ge­setzt.

Dub­lin-Abschie­bun­gen auf Bie­gen und Bre­chen durch­set­zen

Hin­ter den jüngs­ten ver­ba­len Atta­cken steht der Unmut des Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­ums, dass zahl­rei­che Dub­lin-Abschie­bun­gen nicht voll­zo­gen wer­den kön­nen. Bei 35.115 Über­stel­lungs­er­su­chen im Jahr 2014 kam es zu ledig­lich 4.772 Abschie­bun­gen. Die­se Quo­te soll nach Wil­len des BMI deut­lich gestei­gert wer­den. Dass Flücht­lin­ge in den EU-Rand­staa­ten bit­te­re Not erwar­ten und ihnen in man­chen der Staa­ten – etwa in Ungarn – die Inhaf­tie­rung droht, wird dabei voll­stän­dig igno­riert.

Das Kir­chen­asyl wird jedoch nur bei einem Bruch­teil der Dub­lin-Fäl­le gewährt – 200 Kir­chen­asylfäl­le bei  35.115 Dub­lin-Ver­fah­ren sind ver­schwin­dend gering. Der ver­ba­le Groß­an­griff ist daher kaum mit der Rele­vanz des Kir­chen­asyls für gerin­ge Über­stel­lungs­quo­ten zu erklä­ren. Der Minis­ter will offen­bar vor allem die öffent­li­chen Debat­ten been­den, die Kir­chen­asyle aus­lö­sen: Kir­chen­asyle machen die Not der Flücht­lin­ge in Dub­lin-Ver­fah­ren für vie­le Men­schen direkt erfahr­bar. Es wächst auch über die Gemein­den hin­aus die Erkennt­nis, dass das Dub­lin-Sys­tem unmensch­li­che Här­ten am lau­fen­den Band pro­du­ziert.

Der ver­ba­le Angriff auf das Kir­chen­asyl ist nur eine Begleit­maß­nah­me von meh­re­ren Vor­stö­ßen, mit denen Dub­lin-Abschie­bun­gen künf­tig rigo­ro­ser durch­ge­setzt wer­den sol­len. So kün­dig­te der Chef des Bun­des­amts für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge an, im Zwei­fel auch dann Abschie­bun­gen durch­zu­füh­ren, wenn durch die­se Fami­li­en getrennt wer­den. Zudem plant der Gesetz­ge­ber, in Dub­lin-Ver­fah­ren neue Haft­grün­de ein­zu­füh­ren, um den Voll­zug der Abschie­bun­gen zu erleich­tern.

Zwei­fel­haf­te Rechts­aus­le­gung soll Kir­chen­asyle erschwe­ren

Am 17. Novem­ber 2014 fand eine Bund-Län­der-Bespre­chung statt, bei der ver­schie­de­ne Stra­te­gi­en bera­ten wur­den, um in Dub­lin-Ver­fah­ren schnel­ler und effek­ti­ver abschie­ben zu kön­nen. Das BMI will Per­so­nen, die sich in ein Kir­chen­asyl bege­ben, in Zukunft als „flüch­tig“ im Sin­ne von Arti­kel 29 Abs. 2 der Dub­lin-III-Ver­ord­nung ein­stu­fen. Setzt sich die­se zwei­fel­haf­te Rechts­auf­fas­sung durch, wür­de vor allem eines erreicht: Kir­chen­asyle wer­den deut­lich län­ger dau­ern als bis­her.

Bis­her war in Dub­lin-Ver­fah­ren die Regel: Wer nach Ablauf einer sechs­mo­na­ti­gen Über­stel­lungs­frist noch in Deutsch­land ist, wird nicht abge­scho­ben. Doch wer als flüch­tig gilt, für den ver­län­gert sich die Über­stel­lungs­frist auf 18 Mona­te. Die BAG Asyl in der Kir­che stell­te hier­zu fest: „Dass Men­schen im Kir­chen­asyl nicht „flüch­tig” sind, ist offen­sicht­lich: ihr Auf­ent­halts­ort ist den Behör­den bekannt. Wir sind über­zeugt, dass auch Gerich­te in die­sem Sin­ne ent­schei­den wer­den.“