14.07.2022
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Hunderte Kilo Kartons sammeln die »Cartoneros«, die Kartonsammler Athens, täglich, um den Lebensunterhalt ihrer Familien zu sichern. Foto: Salinia Stroux

Anerkannte Flüchtlinge kämpfen in Griechenland ums nackte Überleben, denn sie bekommen keine Unterstützung vom Staat. In ihrer Not sammeln viele Müll, verdienen kaum etwas mit der harten Arbeit und werden von der Polizei drangsaliert. Einige haben ihre Geschichten Refugee Support Aegean, der griechischen Partnerorganisation von PRO ASYL, erzählt.

Auf den beleb­ten Stra­ßen von Athen kann man sie jeden Tag sehen, die Kar­tonsamm­ler, wie sie Kar­ren, Ein­kaufs- oder Kin­der­wa­gen vor sich her schie­ben, die mit Papp­kar­ton-Sta­peln bela­den sind. Die Arbeit ist schmut­zig und nicht legal. Die Stadt­po­li­zei von Athen geht gegen sie vor, regel­mä­ßig beschlag­nah­men Stadtpolizist*innen die Kar­ren, auch Geld­stra­fen wer­den verhängt.

Doch um ihr Über­le­ben zu sichern, haben vie­le aner­kann­te Flücht­lin­ge in Grie­chen­land gar kei­ne ande­re Wahl, als im Müll nach ver­wert­ba­ren Mate­ria­li­en zu suchen. In Müll­ton­nen, vor Super­märk­ten und Geschäf­ten genau­so wie auf Wochen­märk­ten sam­meln sie vor allem Papp­kar­tons, um sie an Recy­cling­un­ter­neh­men zu ver­kau­fen. So ver­die­nen sie sich ein paar Euro am Tag.

»Jetzt bin ich ein »Car­ton­jam­kar« gewor­den, ein Kar­tonsamm­ler in Euro­pa. Was kann ich tun? Wenn ich arbei­te, brin­ge ich nur so viel Geld nach Hau­se, dass ich an die­sem Tag etwas essen kann. Am nächs­ten Tag muss ich wie­der raus. Ges­tern wur­de unser Wagen gestoh­len. Jetzt wis­sen wir nicht, wie wir unse­re Fami­li­en ernäh­ren sol­len«, berich­te­te zum Bei­spiel Maj­jid den Mitarbeiter*innen von Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA), der grie­chi­schen Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on von PRO ASYL, die mit eini­gen Kartonsammler*innen in Athen gespro­chen haben.

Elend an allen Ecken und Enden

Einen posi­ti­ven Asyl­be­scheid zu erhal­ten, soll­te für Schutz­su­chen­de eigent­lich eine gute Nach­richt sein. Nach den Stra­pa­zen der Flucht und dem oft jah­re­lan­gen ban­gen War­ten signa­li­siert der posi­ti­ve Bescheid ihnen: »Du bist schutz­be­rech­tigt und wir als schutz­ge­wäh­ren­der Staat sind dafür ver­ant­wort­lich, dich und dei­ne Rech­te zu schüt­zen.«  Für Schutz­su­chen­de wie Maj­jid aber, die in Grie­chen­land eine Aner­ken­nung erhal­ten, klingt das wie blan­ker Hohn. Für sie hat ein posi­ti­ver Bescheid ganz ande­re Kon­se­quen­zen. Der grie­chi­sche Staat signa­li­siert ihnen: »Ab jetzt bist du kom­plett auf dich allein gestellt, von uns als Staat kannst du kei­ner­lei Unter­stüt­zung erwarten.«

»Ab jetzt bist du kom­plett auf dich allein gestellt, von uns als Staat kannst du kei­ner­lei Unter­stüt­zung erwarten.«

So müs­sen Flücht­lin­ge in Grie­chen­land die staat­li­chen Lager und Unter­künf­te sofort nach Erhalt der Aner­ken­nung ver­las­sen, sämt­li­che Leis­tun­gen wer­den ein­ge­stellt. Sie lan­den mit­tel­los auf der Stra­ße. Regu­lä­re Leis­tun­gen des grie­chi­schen Sozi­al­staats sind an so hohe Vor­aus­set­zun­gen geknüpft, dass nur die wenigs­ten aner­kann­ten Flücht­lin­ge sie erhal­ten kön­nen. Einen regu­lä­ren Job zu fin­den ist so gut wie aus­sichts­los: Grie­chen­land hat eine der höchs­ten Arbeits­lo­sen­quo­ten in der EU.

Spe­zi­el­le Pro­gram­me, um Flücht­lin­ge in Jobs zu brin­gen, exis­tie­ren in Grie­chen­land nicht. Ohne Geld kön­nen die Men­schen auch kei­ne Woh­nung mie­ten. Die Fol­gen: Obdach­lo­sig­keit und Hun­ger, es herrscht Elend an allen Ecken und Enden. Dass sich an den kata­stro­pha­len Zustän­den seit der letz­ten Stel­lung­nah­me von PRO ASYL aus dem Jahr 2021 nichts geän­dert hat, belegt ein Bericht, den Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) im März 2022 ver­öf­fent­licht hat.

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Eindeutige Rechtsprechung in Deutschland

Seit 2021 ist sich auch die deut­sche Recht­spre­chung weit­ge­hend einig, dass die Situa­ti­on, der aner­kann­te Flücht­lin­ge in Grie­chen­land aus­ge­setzt sind, eine unmensch­li­che und ernied­ri­gen­de Behand­lung im Sin­ne von Arti­kel 3 der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on dar­stellt. Flücht­lin­ge dür­fen des­halb nicht von Deutsch­land nach Grie­chen­land zurück­ge­schickt wer­den. Gleich fünf Ober­ge­rich­te haben das inzwi­schen bestä­tigt (OVG NRW, Urtei­le vom 21.01.2021, 11 A 1564/20.A und 11 A 2982/20.A; OVG Nie­der­sach­sen, Urtei­le vom 19.04.2021, 10 LB 244/20 und 10 LB 245/20; OVG Bre­men, Urteil vom 16.11.2021, 1 LB 371/21; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27.01.2022, A 4 S 2443/21; OVG Sach­sen, Urteil vom 27.4.2022, 5 A 492/21.A).

Eini­ge aner­kann­te Flücht­lin­ge haben den Mitarbeiter*innen von RSA berich­tet, wie es ihnen ergeht, wenn sie in den Stra­ßen von Athen Müll sam­meln. Hier sind ihre Geschichten:

Wali lebt mit sei­ner ein­ein­halb Jah­re alten Toch­ter in Athen. Er stammt aus Afgha­ni­stan und kam 2018 zusam­men mit sei­ner Frau und sei­nen vier Kin­dern mit einem Boot auf der Insel Les­bos an. Sie ver­brach­ten meh­re­re Mona­te in dem berüch­tig­ten Lager Moria, ein fünf­tes Kind wur­de auf der Insel gebo­ren. Nach ihrer Aner­ken­nung kamen sie im Som­mer 2020 nach Athen und leb­ten obdach­los auf dem Vic­to­ria-Platz. Alle Kin­der wur­den krank. Da sie kei­ne Mög­lich­keit sahen, ihre Kin­der in Grie­chen­land durch­zu­brin­gen, muss­ten die Eltern eine Ent­schei­dung tref­fen: Walis Frau flog mit vier Kin­dern nach Deutsch­land und bean­trag­te dort erneut Asyl. Da die grie­chi­schen Behör­den der jüngs­ten Toch­ter bis­her kei­ne Rei­se­do­ku­men­te aus­ge­stellt haben, lebt Wali allein mit ihr in Athen. Zeit­wei­se leb­te er mit sei­ner Toch­ter in einem Zelt, was er irre­gu­lär in einem Flücht­lings­la­ger auf­bau­te. Am 18. März 2022 erzähl­te er RSA:

»Sie hat jeden Tag nach Mut­ter­milch geweint. Ich ver­su­che, ein klei­nes Ein­kom­men zu fin­den, um mei­ne klei­ne Toch­ter zu ernäh­ren. Ich lau­fe von einer Orga­ni­sa­ti­on zur ande­ren, um nach Milch und Win­deln zu fra­gen. Ich habe gelernt, ihr eine Mut­ter und ein Vater zu sein. Aber die Rea­li­tät ist, dass ich unse­ren Lebens­un­ter­halt als Allein­er­zie­hen­der nicht sichern kann, und alle unse­re Kin­der brau­chen unse­re Fami­lie. Ich ver­su­che gera­de, mit mei­ner Toch­ter in Grie­chen­land zu über­le­ben, indem ich ein paar Tage pro Woche Kar­tons sam­me­le, bis wir unse­re Rei­se­do­ku­men­te bekom­men. Dann wer­den wir zu unse­rer Fami­lie nach Deutsch­land kom­men. Ich habe mit dem Kar­tons­am­meln ange­fan­gen, weil wir kei­ne Leis­tun­gen mehr erhal­ten, wir Geld für Lebens­mit­tel brau­chen und ich kei­ne ande­re Arbeit fin­den konn­te. Im Lager hat­te ich kei­ne Mög­lich­keit, Grie­chisch zu ler­nen. Ich konn­te nicht ein­mal eine Steu­er­num­mer bekom­men. Seit sie lau­fen kann, neh­me ich sie manch­mal für ein paar Stun­den mit zum Kar­ton sam­meln. Jetzt las­se ich sie manch­mal bei einer befreun­de­ten Fami­lie, damit ich sie nicht über­an­stren­ge. Ich benut­ze ihren Kin­der­wa­gen, um die Kar­tons, die ich fin­de, abzu­le­gen. Einen rich­ti­gen Wagen habe ich nicht. Ich hat­te nie das Geld, einen zu kau­fen. Er kos­tet etwa 250 Euro.

Ich lau­fe vom Stadt­teil Kip­se­li in Rich­tung des Stadt­teils Omo­nia und hal­te an den gro­ßen Super­märk­ten und allen Müll­ton­nen an. Eini­ge Geschäf­te haben Ver­trä­ge mit Kar­tonsamm­lern geschlos­sen, die ihnen für wenig Geld eine Mono­pol­stel­lung für die weg­ge­wor­fe­nen Kar­tons geben. Ande­re Geschäf­te ver­kau­fen selbst die Kar­tons an die Recy­cling­fir­men. Es gibt vie­le, die wie ich auf der Suche nach Kar­tons sind. Ich muss viel lau­fen und noch mehr suchen. Wenn der Kin­der­wa­gen schließ­lich voll mit Kar­tons ist, brin­ge ich sie zu einem ande­ren Kar­tonsamm­ler, der einen rich­ti­gen Wagen besitzt, und ver­kau­fe sie an ihn. Ich ver­die­ne etwa zehn Euro am Tag. Das ist nicht viel Geld, aber bes­ser als nichts. Mit der huma­ni­tä­ren Hil­fe allein, die ich gele­gent­lich von ver­schie­de­nen Orga­ni­sa­tio­nen erhal­te, kann ich mei­ner Toch­ter nicht geben, was sie braucht. Ich muss dafür sor­gen, dass sie das bekommt, was sie braucht, auch wenn das ein har­ter Job ist. «

Mari­am und Osman stam­men eben­falls aus Afgha­ni­stan. Sie kamen Ende 2018 mit ihren fünf Kin­dern nach Grie­chen­land. Nach eini­gen Mona­ten im Lager Moria auf der Insel Les­bos und mehr als zwei Jah­ren im Lager Vol­vi in Nord­grie­chen­land wur­den sie in eine Woh­nung nach Athen ver­legt, die sie als aner­kann­te Flücht­lin­ge jedoch ver­las­sen müs­sen. Mari­am lei­det an Blut­ar­mut und einer Depres­si­on, Osman hat seit fast zwei Jahr­zehn­ten eine Herz­er­kran­kung. Anfang 2022 erhiel­ten sie ihre Asyl­be­schei­de. Ein ande­rer Afgha­ne schlug ihnen vor, Kar­tons zu sam­meln, wie sie am 17. März 2022 berichten:

»Wir hat­ten kei­ne ande­re Wahl. In Afgha­ni­stan war ich Mecha­ni­ker. Jetzt bin ich ein Kar­tonsamm­ler. Ich habe ver­sucht, einen Job zu fin­den, aber man sag­te mir, ich sei zu alt und sol­le Grie­chisch spre­chen. Also habe ich etwas Geld gespart und wir haben zusam­men mit einer ande­ren Per­son einen Wagen gekauft. Ich habe ein Herz­lei­den und die har­te und schmut­zi­ge Arbeit bringt mich an mei­ne Gren­zen, aber was sol­len wir tun? Wir müs­sen unse­re Kin­der ernäh­ren«, sagt Osman.

Am Anfang sei es für sie sehr schwer gewe­sen, in der Öffent­lich­keit den Müll zu durch­su­chen, erklärt Mari­am wei­ter: »Am Anfang sind mein Mann und ich gemein­sam los­ge­zo­gen, um Kar­tons zu sam­meln. Wir gin­gen nur nachts von 22 Uhr bis 3 Uhr mor­gens raus. Wir schäm­ten uns, beim Durch­su­chen der Müll­ton­nen gese­hen zu wer­den. Mein Mann hat sich inzwi­schen dar­an gewöhnt. Er sagt, dass Arbeit kei­ne Schan­de ist. Aber er lei­det unter den Arbeits­be­din­gun­gen und hat Angst, Pro­ble­me mit der Stadt­po­li­zei zu bekom­men. Um ehr­lich zu sein, schä­me ich mich immer noch. Aber ohne die­ses klei­ne Ein­kom­men müss­ten wir hun­gern. Mein Mann geht nur noch ein paar Mal pro Woche zur Arbeit, weil sich sei­ne Herz­pro­ble­me in letz­ter Zeit ver­schlim­mert haben. Außer­dem hat er Atem­pro­ble­me, seit er Kar­tons sam­melt. Er arbei­tet nur so lan­ge, wie er es aushält.«

Ver­zwei­felt fährt Mari­am fort, ihren Über­le­bens­kampf in der grie­chi­schen Haupt­stadt zu beschrei­ben: »An schlech­ten Tagen kommt mein Mann erst nach 22 Uhr nach Hau­se. Manch­mal gehe ich mit ihm mit, dann gehen wir nach Laden­schluss zum Wochen­markt, wo wir Kar­tons und weg­ge­wor­fe­nes Obst und Gemü­se fin­den. Wenn wir fer­tig sind, gehen wir und ver­kau­fen, was wir gesam­melt haben. Sie geben uns etwa zehn Cent pro Kilo. Sie kön­nen sich vor­stel­len, dass das kaum reicht, um unse­re Fami­lie zu ernäh­ren. Wir müs­sen uns zusätz­lich nach Lebens­mit­tel­spen­den und kos­ten­lo­sen Mahl­zei­ten umse­hen. Bald wer­den sie uns auf­for­dern, unse­re Woh­nung zu ver­las­sen. Wir wer­den Ärger mit dem Gericht bekom­men, wenn wir blei­ben, denn die Orga­ni­sa­ti­on, die uns beher­bergt, schickt zuerst Droh­brie­fe und, wenn eine Fami­lie wei­ter­hin im Haus bleibt, geht sie recht­lich gegen sie vor. Wir haben kein Geld für Lebens­mit­tel, wie sol­len wir das Geld für eine Woh­nung auf­brin­gen? Wir kön­nen kei­ne Hil­fe von HELIOS [aus EU-Mit­teln finan­zier­tes Pro­gramm, über das unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen Miet­zu­schüs­se bean­tragt wer­den kön­nen] erhal­ten, weil uns das Geld für die ers­ten Mie­ten fehlt. Jeden Tag leben wir von einem Tag auf den ande­ren, ohne zu wis­sen, was am nächs­ten Mor­gen pas­sie­ren wird.«

 

Maj­jid lebt seit drei Jah­ren mit sei­ner Frau und drei min­der­jäh­ri­gen Kin­dern in Grie­chen­land. Sie stam­men aus Afgha­ni­stan. Das Ehe­paar und ihr ältes­tes Kind lei­den an gesund­heit­li­chen Fol­gen einer Bom­ben­ex­plo­si­on in ihrem Hei­mat­land. Die Fami­lie kam im Som­mer 2019 auf Les­bos an. Nach mehr als einem Jahr auf der Insel wur­den sie noch wäh­rend des Asyl­ver­fah­rens in eine Woh­nung in Athen ver­legt. Anfang 2022 erhiel­ten sie ihren posi­ti­ven Asyl­be­scheid. Am 17. März 2022 berich­te­te Maj­jid  von den Pro­ble­men, sei­ne Fami­lie zu ernähren.

»Ich habe ver­sucht, eine ande­re Arbeit zu fin­den, aber ich konn­te nicht, weil ich kein Grie­chisch kann. Als wir nach Athen kamen, mel­de­ten mei­ne Frau und ich uns für einen Grie­chisch­kurs an, aber einen Monat, nach­dem er end­lich begon­nen hat­te, wur­de er plötz­lich abge­bro­chen. Man sag­te uns, wir soll­ten auf einen Anruf war­ten. Auf die­sen Anruf war­ten wir bis heu­te. Dann schlug ein Freund vor, dass wir gemein­sam einen Wagen kau­fen könn­ten, um Kar­tons zu sam­meln und das Geld zu tei­len. Allei­ne könn­ten wir uns das nicht leis­ten. Wir arbei­ten vier bis fünf Tage pro Woche, ent­we­der tags­über ab 6 Uhr mor­gens oder nachts, dann kom­men wir um 3 Uhr mor­gens zurück. Nor­ma­ler­wei­se sind wir sechs bis 13 Stun­den unter­wegs. Da ich Kin­der im schul­pflich­ti­gen Alter habe, muss ich mit­tags zu Hau­se sein. Wir haben unse­re eige­ne Rou­te zwi­schen mei­ner Woh­nung und der mei­nes Part­ners. Wir arbei­ten so lan­ge, wie wir brau­chen, um genü­gend Kar­tons zu sam­meln. Wenn wir fer­tig sind, ver­kau­fen wir die gesam­mel­ten Kar­tons an die Recy­cling­fir­ma. Sie sor­tie­ren die Kar­tons, die wir mit­brin­gen, nach Qua­li­tät. Dann geben sie uns zwi­schen  zwei und 25 Cent pro Kilo, je nach Qua­li­tät der Kar­tons. Dann tei­len wir uns die Einnahmen.«

Maj­jid hat in Afgha­ni­stan als Last­wa­gen­fah­rer gear­bei­tet. Dass Men­schen gezwun­gen sind, Kar­tons zu sam­meln, kann­te er bis­her nur von den Ärms­ten der Armen in Afgha­ni­stan: »Die Leu­te, die in Afgha­ni­stan Papier sam­meln, wer­den »Kog­hazjam­kar« genannt, was so viel wie Papier­samm­ler bedeu­tet. Es sind alles arme Leu­te. Sie haben kein Geld, um Holz oder Gas zu kau­fen, um das Essen für ihre Fami­li­en zu kochen. Sie haben kein Geld, um ihre Häu­ser im Win­ter zu hei­zen. Manch­mal ver­kau­fen sie das Papier an Restau­rants und Haus­hal­te, die es zum Feu­er­ma­chen und Kochen ver­wen­den. Jetzt bin ich ein »Car­ton­jam­kar« gewor­den, ein Kar­tonsamm­ler in Euro­pa. Was kann ich tun? Wenn ich arbei­te, brin­ge ich nur so viel Geld nach Hau­se, dass ich an die­sem Tag etwas essen kann. Am nächs­ten Tag muss ich wie­der raus. Ges­tern wur­de unser Wagen gestoh­len. Jetzt wis­sen wir nicht, wie wir unse­re Fami­li­en ernäh­ren sol­len. Wir wer­den eine ande­re Per­son dafür bezah­len müs­sen, dass sie uns ihren Wagen für eine Wei­le ausleiht.«

Die Fami­lie muss auch die not­wen­di­gen Medi­ka­men­te für ihr kran­kes Kind bezah­len und hat Angst, dass sie bald auf der Stra­ße lan­den: »Wir haben zusätz­li­che Aus­ga­ben für Medi­ka­men­te für unse­ren Sohn, der an Migrä­ne lei­det. Allein dafür geben wir rund 30 Euro pro Woche aus. Jetzt, da wir Asyl bekom­men haben, hat uns die Orga­ni­sa­ti­on, die uns unter­ge­bracht hat,  gesagt, dass wir unse­re Woh­nung ver­las­sen müs­sen. Sie haben uns schon zwei­mal gedroht. Ich habe ver­sucht, in einem Lager in Athen einen Platz für uns zu fin­den, aber sie sag­ten mir, sie könn­ten uns nicht auf­neh­men. Ich wer­de es in ande­ren Lagern ver­su­chen. Ich habe mich auch bei HELIOS [aus EU-Mit­teln finan­zier­tes Pro­gramm, über das unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen Miet­zu­schüs­se bean­tragt wer­den kön­nen] bewor­ben. Aber sie sag­ten, wir soll­ten erst eine Woh­nung fin­den und ihnen den Ver­trag vor­le­gen. Mit viel Mühe habe ich ein paar Woh­nun­gen gefun­den, aber für eine so gro­ße Fami­lie lagen die Prei­se alle um die 500 Euro. Die Woh­nungs­be­sit­zer woll­ten zwei Mie­ten im Vor­aus, um den Ver­trag zu unter­schrei­ben. Wo sol­len wir 1.000 Euro her­neh­men, wenn wir schon nichts zu essen haben und bald auch noch obdach­los sein wer­den? «

Roya und Hous­seyn sind mit ihrer Toch­ter und der Wit­we ihres in Afgha­ni­stan getö­te­ten Soh­nes sowie deren vier min­der­jäh­ri­gen Kin­dern aus Afgha­ni­stan geflo­hen. Sie leben seit zwei Jah­ren in Grie­chen­land und haben sub­si­diä­ren Schutz erhal­ten. Sie sam­meln täg­lich acht bis zehn Stun­den Kar­tons im Zen­trum von Athen. Am 16.März 2022 berich­tet Roya von ihrem Schmerz:

»Unser Sohn wur­de in Afgha­ni­stan getö­tet. Wir haben schon so vie­le Gefah­ren erlebt, und jetzt lei­den wir hier in Grie­chen­land. Seit etwa einem Jahr leben wir ohne jeg­li­che staat­li­che Unter­stüt­zung [irre­gu­lär] in einem Lager in der Regi­on Athen. Als wir auf der Insel Les­bos den Stem­pel beka­men, dass wir Asyl erhal­ten,  sag­ten sie uns direkt, dass wir das Lager Moria ver­las­sen sol­len. Seit­dem haben wir kein Geld mehr. Wir haben nichts. Mein Mann und ich sind alte Leu­te. Wir kön­nen kei­ne ande­re Arbeit machen. Wir haben Pro­ble­me mit dem Rücken, mit den Knien. Ich habe psy­chi­sche Pro­ble­me und Kopf­schmer­zen. Die­se Arbeit hat uns noch krän­ker gemacht. Wir hat­ten schon vor­her gesund­heit­li­che Pro­ble­me, aber sie haben sich ver­schlim­mert. Wir kämp­fen jeden Tag vie­le Stun­den lang, nur um etwas zu essen zu bekom­men. Ob dann genug zu essen da ist oder nicht – wir müs­sen damit klar kom­men, mehr gibt es nicht. Die Arbeit ist hart. Jeden Tag gehe ich von einem Geschäft zum ande­ren und fra­ge nach Kar­tons. Wir las­sen unse­ren Wagen in der Nähe ste­hen. Die Kar­tons, die ich fin­de, tra­ge ich auf mei­nem schmer­zen­den Kopf. Manch­mal bin­de ich sie mit einem Seil zusam­men und zie­he sie hin­ter mir durch die Stra­ßen zu unse­rem Wagen, wo ich sie auf den Wagen wer­fe. Das Geld, das wir ver­die­nen, reicht gera­de aus, um die Kin­der zu ernäh­ren. Wenn wir krank sind, müs­sen wir im Lager blei­ben und wir ver­die­nen nichts. Dann gibt es nichts zu essen.« 

Roya erzählt, dass ihr ers­ter Wagen, für den sie lan­ge gespart hat­ten, gestoh­len wur­de. Der zwei­te Wagen wur­de von der Stadt­po­li­zei von Athen beschlag­nahmt: »Sie sag­ten: ‚Macht die­se Arbeit nicht!‘ Aber was sol­len wir essen? Die Regie­rung soll­te uns unter­stüt­zen, damit wir nicht gezwun­gen sind, Kar­tons zu sam­meln. Aber das tut sie nicht, was sol­len wir also tun? Ich ging jeden Tag zur Stadt­po­li­zei. Ich knie­te vor ihnen nie­der und bat sie, uns unse­ren Wagen zurück­zu­ge­ben. Wir sind ein altes Ehe­paar. Sie sag­ten: ‚Nein. Gehen Sie weg!‘.«

Mit Trä­nen in den Augen fasst sie zusam­men: „In Afgha­ni­stan herrscht Krieg. Men­schen ster­ben. Wir hat­ten unser eige­nes Haus, unser eige­nes Leben. Wir hät­ten unser Land nicht ver­las­sen, wenn wir dort sicher gewe­sen wären. Ich hof­fe auf Frie­den in Afgha­ni­stan und über­all. Ich hof­fe das Bes­te für die jun­ge Genera­ti­on. Mei­ne ein­zi­ge Hoff­nung für mich ist jetzt, dass ich genug Kar­tons für mei­ne Fami­lie fin­de. Die­se Kar­tons bedeu­ten für mich viel Stress und Schmerz. Aber sie sehen ja, unser ein­zi­ges Glück ist jetzt, wenn wir ein paar Kar­tons fin­den. Denn das ist alles, was wir zum Über­le­ben haben.«

*Namen zum Schutz der Betrof­fe­nen geändert.

(RSA, ame, wr)