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Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Foto: Max Klöckner

In den Elendslagern auf den griechischen Inseln herrscht Angst vor drohenden Abschiebungen in die Türkei. 15 syrische Flüchtlinge befinden sich bereits in Haft. Der rechtliche Kampf geht weiter: Unsere Partnerorganisation bereitet Klagen zum EGMR vor. Die griechischen Kolleginnen verteidigen stellvertretend für uns alle das Asylrecht in Europa.

Das höchs­te grie­chi­sche Gericht, der Coun­cil of Sta­te, bestä­tig­te in einem am 22. Sep­tem­ber ver­öf­fent­lich­ten Urteil die Ent­schei­dun­gen der Beschwer­de­aus­schüs­se, wonach die Tür­kei für die bei­den syri­schen Antrag­stel­ler ein »siche­res Dritt­land« sei. Mit einer hauch­dün­nen Mehr­heit von 13 gegen 12 Stim­men schei­ter­te im 25-köp­fi­gen Rich­ter­gre­mi­um auch der Antrag, die recht­li­chen Fra­gen zur Aus­le­gung der »siche­ren Drittstaaten«-Regelung dem Euro­päi­schen Gerichts­hof in Luxem­burg vor­zu­le­gen.

Vor dem Coun­cil of Sta­te in Athen klag­ten zwei syri­sche Flücht­lin­ge. Das Legal Team unse­rer grie­chi­schen Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) und eine Anwäl­tin der Orga­ni­sa­ti­on METADRASI ver­tra­ten jeweils einen der Klä­ger.

Zusicherungen der Türkei unglaubwürdig

Das Stim­men­ver­hält­nis ver­deut­licht, wie groß die Zwei­fel im Rich­ter­kol­le­gi­um waren und vor allem wie poli­ti­siert die Fra­ge des Tür­kei-Deals ist. Der Vize­prä­si­dent des Coun­cil of Sta­te kri­ti­sier­te in einem abwei­chen­den Votum scharf das Ver­trau­en auf die soge­nann­ten Quel­len zur Begrün­dung der ver­meint­li­chen Sicher­heit der Schutz­su­chen­den in der Tür­kei: »Die Zusi­che­run­gen der diplo­ma­ti­schen Behör­den die­ses Lan­des, …haben kei­ne Glaub­wür­dig­keit.«

Es sei hin­ge­hend bekannt, dass in den ver­gan­ge­nen Jah­ren und ins­be­son­de­re seit 2016 – sowohl vor als auch nach dem geschei­ter­ten Staats­streich vom 15. Juli 2016 – in der Tür­kei ein Regime herr­sche, in dem die Grund­rech­te und Grund­frei­hei­ten offen ver­letzt wer­den, die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit abge­baut wur­de, in dem die Mei­nungs- und Pres­se­frei­heit nicht gewährt wer­de und Rechts­staat­lich­keits­ga­ran­ti­en nicht auf die­je­ni­gen ange­wandt wür­den, die gegen das Regime sind.

Lage in der Türkei unberücksichtigt

Der Vize­prä­si­dent moniert, dass nicht unter­sucht wor­den sei, ob und wie die Flücht­lings­schutz­ge­setz­ge­bung in der Tür­kei in die Pra­xis umge­setzt wur­de. Berich­te unab­hän­gi­ger kon­su­la­ri­scher Behör­den, Jour­na­lis­ten und unab­hän­gi­ger Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen über die Art und Wei­se, wie die­se Rechts­vor­schrif­ten tat­säch­lich ange­wandt wer­den, sei­en nicht bei der Urteils­fin­dung hin­zu­ge­zo­gen wor­den.

Last Exit Straßburg

Die Anwäl­tin­nen der PRO ASYL-Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on in Grie­chen­land, Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA), und ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen berei­ten nun Kla­gen zum Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te (EGMR) in Straß­burg vor. In den Fäl­len der inhaf­tier­ten Schutz­su­chen­den wer­den soge­nann­te »Rule 39«-Anträge vor­be­rei­tet. Um eine Abschie­bung oder ande­re staat­li­che Maß­nah­men zu ver­hin­dern, steht als Eil­maß­nah­me des Men­schen­rechts­ge­richts­ho­fes die soge­nann­te »Rule 39« (einst­wei­li­ge Anord­nung) zur Ver­fü­gung. PRO ASYL kün­dig­te an, die Kla­gen bis hin zum EGMR zu finan­zie­ren.

Seit Inkraft­tre­ten des Tür­kei-Deals im März 2016 bis heu­te ist noch kein Flücht­ling aus Syri­en auf der Grund­la­ge eines Beschlus­ses, die Tür­kei sei ein »siche­res Dritt­land«, abge­scho­ben wor­den. Dies ist ein gro­ßer Ver­dienst der grie­chi­schen Anwäl­tin­nen, die den Flücht­lin­gen in einem unfai­ren soge­nann­ten Zuläs­sig­keits­ver­fah­ren bei­ste­hen. Die grie­chi­schen Anwäl­tin­nen ver­tei­di­gen stell­ver­tre­tend für uns alle das Asyl­recht in Euro­pa.

Syrischen Flüchtlingen droht nun Abschiebung

Das Athe­ner Urteil stellt nun einen bedroh­li­chen Prä­ze­denz­fall auch für vie­le ande­re Schutz­su­chen­de dar, die der­zeit auf den grie­chi­schen Inseln fest­sit­zen. Ihnen droht die Abschie­bung in die Tür­kei. Seit der Ver­öf­fent­li­chung des Urteils ist die Angst und Ver­zweif­lung vor einer dro­hen­den Abschie­bung in den völ­lig über­füll­ten grie­chi­schen Hot­spots noch grö­ßer gewor­den. Nach Ein­schät­zung von RSA sind aktu­ell 15 syri­sche Flücht­lin­ge in Haft, in drei Fäl­len konn­te ges­tern die Haft­ent­las­sung gericht­lich erwirkt wer­den.

Völ­lig offen ist momen­tan, ob ein ande­res grie­chi­sches Gericht die Aus­le­gungs­fra­gen hin­sicht­lich der »siche­ren Drittstaaten«-Regelung in der EU-Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie dem Luxem­bur­ger Gerichts­hof (EuGH) vor­legt.

Man­nig­fal­ti­ge Anhalts­punk­te dies zu tun, bie­tet das Votum der 12 Rich­te­rin­nen und Rich­ter des Coun­cil of Sta­te. Fol­gen­de Fra­gen sol­len dem Luxem­bur­ger Gerichts­hof vor­ge­legt wer­den:

  • Wider­spricht der geo­gra­phi­sche Vor­be­halt zur Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on der euro­pa­recht­li­chen Ein­stu­fung der Tür­kei als siche­rer Dritt­staat?
  • Wenn ein Land nicht gemäß Arti­kel 38 der Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie als sicher gilt, weil es die Gen­fer Kon­ven­ti­on mit der oben genann­ten geo­gra­fi­schen Beschrän­kung unter­zeich­net hat, kann ein Land als siche­res Dritt­land betrach­tet wer­den, wenn
  1. sei­ne Rechts­vor­schrif­ten ledig­lich den Zugang von Antrag­stel­lern zu einem Sta­tus des »vor­über­ge­hen­den Schut­zes« vor­se­hen?
  2. die­ser Sta­tus ohne unab­hän­gi­ge Berück­sich­ti­gung jedes Ein­zel­falls gewährt wird und den Flücht­ling unter die­sem Sta­tus davon aus­schließt, einen ande­ren Schutz­sta­tus (z. B. Flücht­lings­sta­tus oder sub­si­diä­ren Schutz) zu erlan­gen?
  3. gemäß den Rechts­vor­schrif­ten die­ses Lan­des durch eine all­ge­mei­ne Ent­schei­dung der Exe­ku­ti­ve die­ser Sta­tus been­det wer­den kann?
  • Ist es erfor­der­lich, dass ein Land gemäß Arti­kel 38 Absatz 1 (und ins­be­son­de­re Buch­sta­be e) der EU-Asyl­ver­fah­rens­richt­li­nie als siche­res Dritt­land benannt wird, dass es in sei­nen Rechts­vor­schrif­ten alle Rech­te und Ansprü­che aner­kennt und in der Pra­xis schützt, die Flücht­lin­gen nach der Gen­fer Kon­ven­ti­on (Arti­kel 3–34) gewährt wer­den ? Oder reicht es aus, dass nur bestimm­te Rech­te und Ansprü­che aner­kannt und wirk­sam geschützt wer­den? Wenn ja, wel­che?

Türkei ist kein sicherer Drittstaat

Die Tür­kei ist für Flücht­lin­ge kein siche­rer Dritt­staat. Schutz­su­chen­de erhal­ten in der Tür­kei kei­nen dau­er­haf­ten Schutz­sta­tus, nicht die Rech­te aus der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on. Die Tür­kei hält weder das Refou­le­ment-Ver­bot in sei­ner Form als Zurück­wei­sungs- noch in sei­ner Form als Abschie­bungs­ver­bot ein. Das Euro­pa­recht und Völ­ker­recht ver­bie­ten es somit, Flücht­lin­ge in die Tür­kei zurück zu brin­gen.

Unsere Partnerorganisation Refugee Support Aegean

Refu­gee Sup­port Aege­an (RSA) ist eine grie­chi­sche Non-Pro­fit Orga­ni­sa­ti­on, die Flücht­lin­ge unter­stützt. Das RSA-Team in Athen, Les­vos und Chi­os setzt das PRO ASYL-Flücht­lings­pro­jekt in Grie­chen­land um, doku­men­tiert Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, leis­tet Rechts­hil­fe und sozia­le Unter­stüt­zung für Asyl­su­chen­de und Flücht­lin­ge.