06.11.2012
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AME-Sprecher Alassane Dicko zeigt sich besorgt über die Lage der Flüchtlinge in der Sahel-Sahara-Region. Bild: medico international

Der gewaltsame Konflikt beeinflusst auch die Arbeit der malischen Flüchtlingsorganisation AME, berichtet ihr Sprecher, Alassane Dicko, im Interview mit PRO ASYL.

Seit Janu­ar 2012 wird der Nor­den Malis von Kämp­fen erschüt­tert. Wäh­rend die hier mehr­heit­lich leben­den Tua­reg für einen unab­hän­gi­gen Staat „Aza­wad“ kämp­fen, brin­gen isla­mis­ti­sche Mili­zen, gestützt u.a. durch Dro­gen­han­del, gan­ze Regio­nen unter ihre Kon­trol­le. Wegen sei­ner Untä­tig­keit gegen die Mili­zen im Nor­den wur­de inzwi­schen der mali­sche Prä­si­dent geputscht. Jetzt dro­hen Isla­mis­ten immer wei­ter in den Süden vor­zu­drin­gen. Der bewaff­ne­te Kon­flikt hat bereits rund eine hal­be Mil­li­on Men­schen in die Flucht getrie­ben.

Nach neu­es­ten Zäh­lun­gen geht das UNO-Flücht­lings­kom­mis­sa­ri­at UNHCR von allein 204 000 Bin­nen­flücht­lin­gen aus. Zudem haben bereits 210 000 mali­sche Flücht­lin­ge in den Nach­bar­län­dern Mau­re­ta­ni­en (109 000), Niger (65 000) und Bur­ki­na Faso (36 000) Zuflucht gesucht.

Nach Infor­ma­tio­nen unse­res Koope­ra­ti­ons­part­ners in Mali, der Flücht­lings­or­ga­ni­sa­ti­on AME (Asso­cia­ti­on Mali­en­ne des Expul­sés, „Asso­zia­ti­on Mali­scher Abge­scho­be­ner“), regis­trier­te UNHCR seit dem 15. Okto­ber 2012 allein in der Stadt Mop­ti rund 35 000 Flücht­lin­ge.

Sie befürch­ten, dass die Stadt unter die Kon­trol­le von isla­mis­ti­schen Grup­pen gera­ten kön­ne. Im wei­ter nörd­lich gele­ge­nen Tim­buk­tu, das sich unter der Kon­trol­le der isla­mis­ti­schen Grup­pe „Ansar Dine“ befin­det, sind laut der AME  70 % der Bevöl­ke­rung nach schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen geflo­hen.

Der Kon­flikt hat auch gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen auf die Arbeit der AME. PRO ASYL sprach mit dem Spre­cher der Orga­ni­sa­ti­on, Alas­sa­ne Dicko, über die aktu­el­le Situa­ti­on der Flücht­lin­ge.

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Die Orga­ni­sa­ti­on der Aus­ge­wie­se­nen Malis (AME) wur­de 1996 von Mali­ern gegrün­det, die aus Frank­reich und Ango­la abge­scho­ben wur­den. Heu­te küm­mert sich die AME vor­ran­gig um abge­scho­be­ne Migran­ten und Flücht­lin­ge aus Euro­pa und dem Maghreb. Gemein­sam mit med­ico inter­na­tio­nal unter­stützt die STIFTUNG PRO ASYL seit 2010 die­ses wich­ti­ge Selbst­hil­fe­pro­jekt von Flücht­lin­gen und Migran­ten.

Alas­sa­ne Dicko, wel­ches sind die von der Kri­se im Nor­den Malis betrof­fe­nen Grup­pen?

Es gibt zunächst ein­mal die Grup­pe der Bin­nen­flücht­lin­ge, die aus dem Nor­den Malis ver­trie­ben wur­de in die süd­li­chen Regio­nen des Lan­des. Das ist die größ­te Flücht­lings­grup­pe mit 200.000 Men­schen. Aber wei­te­re Tau­sen­de Men­schen sind nach Mau­re­ta­ni­en, Alge­ri­en, Niger und Bur­ki­na Faso geflo­hen. Die mali­schen Flücht­lin­ge in Niger und Alge­ri­en gehö­ren zur beson­ders ver­wund­ba­ren Grup­pe der  „migrants errants“ („her­um irren­de Migran­ten“).

Wer sind die­se „migrants errants“, wie ihr die­se bestimm­te Grup­pe von Flücht­lin­gen nennt?

Es han­delt sich dabei haupt­säch­lich um Arbeits­mi­gran­ten, zum Teil aus Sub­sa­ha­ra-Staa­ten, die im Nor­den Afri­kas arbei­te­ten und regel­mä­ßig die malisch-alge­ri­sche Gren­ze über­quer­ten. Die Grenz­re­gi­on ist eine wich­ti­ge Tran­sit­zo­ne, die den Über­gang zwi­schen dem Sahel und der Saha­ra bil­det. Hier haben sich Migran­ten getrof­fen und orga­ni­siert, dar­un­ter auch zahl­rei­che an der Gren­ze zurück­ge­wie­se­ne Migran­ten und Flücht­lin­ge.

Da die malisch-alge­ri­sche Gren­ze jetzt geschlos­sen ist, suchen die­se Men­schen nun den gefähr­li­chen Weg über Marok­ko und/oder Mau­re­ta­ni­en. Genau­so geht es den rund 25 000 nord­ma­li­schen Flücht­lin­gen, die unmit­tel­bar nach Aus­bruch der Kämp­fe nach Alge­ri­en und Niger geflo­hen sind, bevor die Gren­zen im März 2012 geschlos­sen wur­den. Sie alle sind in einer Situa­ti­on der „erzwun­ge­nen Migra­ti­on“. In den Län­dern, die ihnen eigent­lich Schutz gewäh­ren soll­ten, sind sie äußerst gefähr­det.

In wel­cher Lage befin­den sich die „migrants errants“?

Häu­fig gera­ten die „migrants errants“ in ein „Ping-Pong“-Spiel von Zurück­wei­sun­gen zwi­schen Alge­ri­en und Marok­ko, da sie mit Men­schen­händ­lern oder Schleu­sern ver­su­chen, die Gren­ze zu über­que­ren – ein sehr gefähr­li­ches Unter­fan­gen, denn das Gebiet ist ver­mint. Eini­ge Men­schen stran­den aber auch in Mau­re­ta­ni­en. Wir haben 400 Flücht­lin­ge in Nouad­hi­bou getrof­fen. Bis­her bekom­men sie kei­ne huma­ni­tä­re Hil­fe, sie befin­den sich also in einer sehr unsi­che­ren und ver­letz­li­chen Situa­ti­on. Unse­ren letz­ten Infor­ma­tio­nen zufol­ge ver­su­chen sie nun, wei­ter auf die Kana­ri­schen Inseln zu flie­hen.

In Niger sind die „migrant errants“ von Men­schen­han­del bedroht. Sie wer­den erpresst und kön­nen nur gegen Geld in Rich­tung Liby­en oder Marok­ko wei­ter rei­sen. Wir pla­nen gera­de eine Recher­che-Rei­se nach Agadez, um mehr über die Situa­ti­on der mali­schen Flücht­lin­ge in den bei­den Lagern im Niger zu erfah­ren. Dabei wol­len wir auch mehr über die Rou­ten der „migrants errants“ in Erfah­rung brin­gen. All­ge­mein berich­ten die­se von einer Ver­stär­kung der Sicher­heits­sys­te­me, Kon­trol­len auf allen Ebe­nen und zahl­rei­chen Fest­nah­men in den Nach­bar­län­dern Malis.

Siehst du einen Zusam­men­hang zwi­schen der aktu­el­len Flücht­lings­kri­se und und dem Grenz­re­gime der EU?

Die direk­te Kon­se­quenz der EU-Poli­tik ist die Ver­stär­kung der Sicher­heits­maß­nah­men in Alge­ri­en, Marok­ko und Mau­re­ta­ni­en mit dem Ziel, Migra­ti­ons­be­we­gun­gen in den Her­kunfts­re­gio­nen bes­ser zu steu­ern. Ins­be­son­de­re Mau­re­ta­ni­en ist heu­te eine sehr gute Schü­le­rin der euro­päi­schen Migra­ti­ons­po­li­tik. Das „Sys­tem Fron­tex“ wur­de immer wei­ter ver­stärkt. In Mau­re­ta­ni­en ist außer­dem das spa­ni­sche Mili­tär sehr aktiv. Die Mobi­li­täts­blo­cka­de zwi­schen dem Süden und dem Nor­den wird durch die bewaff­ne­ten Kon­flikt­par­tei­en im Nor­den Malis wei­ter ver­schärft. Das führt wie­der­um zur Ver­stär­kung des euro­päi­schen Migra­ti­ons­ma­nage­ments, die Saha­ra wird also vom süd­li­chen Teil West­afri­kas getrennt.

Wel­ches sind die jüngs­ten Infor­ma­tio­nen der AME zur Situa­ti­on der Flücht­lin­ge in ver­schie­de­nen Regio­nen?

Wir haben im März/April 2012 eine Recher­che-Rei­se nach Fas­sa­la (Mau­re­ta­ni­en) gemacht, wo UNHCR ein Auf­nah­me- und Tran­sit­la­ger unter­hält. Außer­dem haben wir die Unter­brin­gung der Flücht­lin­ge im neu­en Lager in Mber­re wei­ter im Lan­des­in­ne­ren ver­folgt. Rund 30.000 Men­schen leben dort unter sehr pre­kä­ren Bedin­gun­gen. Das Lager liegt mit­ten in der Wüs­te und es gibt Schwie­rig­kei­ten mit der Ver­pfle­gung. Auch die gesund­heit­li­chen Pro­ble­me sind groß, es gibt zu wenig Nah­rung für die Kin­der. Aktu­ell ver­sucht UNHCR, die Bedin­gun­gen zu ver­bes­sern.

Was Alge­ri­en betrifft, ist es schwie­rig Aus­sa­gen zu tref­fen. Die alge­ri­sche Regie­rung gewährt nur ara­bi­schen huma­ni­tä­ren Orga­ni­sa­tio­nen Zutritt, um Hil­fe zu leis­ten. Alle ande­ren erhal­ten kei­ne Erlaub­nis dafür.

Wir wird die Arbeit der AME durch den gewalt­tä­ti­gen Kon­flikt in Mali beein­flusst?

Wir küm­mern uns um die Bin­nen­flücht­lin­ge, von denen ein gro­ßer Teil in Bama­ko Zuflucht sucht. Wir leis­ten medi­zi­ni­sche und sozia­le Unter­stüt­zung und huma­ni­tä­re Hil­fe. Außer­dem inten­si­vie­ren wir unse­re Recher­chen um mehr über die Situa­ti­on der „migrants errants“ zu erfah­ren. Es gibt zur­zeit sehr vie­le Zurück­wei­sun­gen von Mau­re­ta­ni­en nach Mali, die unser Büro in Nio­ro de Sahel auf­zu­fan­gen ver­sucht.

Wel­che Infor­ma­tio­nen hast du über die Über­grif­fe der isla­mis­ti­schen Grup­pen auf die Bevöl­ke­rung?

Im Lager Fas­sa­la wur­de häu­fig von Geld­erpres­sun­gen in der Regi­on um Tim­buk­tu berich­tet. Die Ver­trei­bun­gen der loka­len Bevöl­ke­rung zu Hun­der­ten haben im Janu­ar nach den ers­ten Auto­no­mie­er­klä­run­gen der MNLA (Natio­na­le Bewe­gung für die Befrei­ung des Aza­wad) und den Zusam­men­stö­ßen mit der mali­schen Armee begon­nen. Wir haben seit­her Berich­te von Ver­ge­wal­ti­gun­gen, von Frau­en, die geschla­gen wur­den und schwe­re Ver­let­zun­gen davon getra­gen haben. Sie müs­sen sich ver­schlei­ern und bereits Mäd­chen mit zwölf Jah­ren wer­den zwangs­ver­hei­ra­tet. Zahl­rei­che Frau­en sind allein mit ihren Kin­dern geflüch­tet. Ihre Män­ner sind ver­mut­lich auf der Flucht in die Nach­bar­län­der. Wir wis­sen, dass Män­ner gezwun­gen wur­den, mit den isla­mis­ti­schen Grup­pen zu kämp­fen oder für sie zu arbei­ten. Das betrifft übri­gens auch vie­le jugend­li­che Arbeits­mi­gran­ten, die aus Liby­en  abge­scho­ben wur­den. Die jun­gen Frau­en müs­sen in Haus­hal­ten arbei­ten. Vie­le Flücht­lin­ge sind trau­ma­ti­siert.

Was ist die Posi­ti­on der AME in Bezug auf eine inter­na­tio­na­le mili­tä­ri­sche Inter­ven­ti­on in Mali?

Wir sind klar für eine inter­na­tio­na­le Unter­stüt­zung, sowohl huma­ni­tä­rer als auch mili­tä­ri­scher Art. Die Bevöl­ke­rung befürch­tet, dass die Isla­mis­ten in einer nächs­ten Etap­pe bis nach Mop­ti vor­drin­gen. Wir appel­lie­ren an die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, dem Pro­blem Auf­merk­sam­keit zu schen­ken, denn die dji­ha­dis­ti­schen Grup­pen in Mali sind eine rea­le Gefahr für die gesam­te Sahel-Saha­ra-Regi­on.

Wel­ches sind die wich­tigs­ten For­de­run­gen der AME?

Wir for­dern UNHCR dazu auf, sich stär­ker um die mali­schen Flücht­lin­ge in den unter­schied­li­chen Län­dern zu küm­mern, ins­be­son­de­re in Alge­ri­en. Wir for­dern von der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft, die gefähr­li­che Situa­ti­on aller Flücht­lin­ge zu beach­ten. Es ist wich­tig, dass alle Flücht­lin­ge und Ver­trie­be­nen medi­zi­nisch-sozia­le Hil­fe erhal­ten.

Medi­en­be­rich­te von med­ico inter­na­tio­nal, NZZDie Welt, Inter­na­tio­nal Cri­sis Group 

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