15.05.2014
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Syrische Kinder danken Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig für Ihre Rettung aus Bürgerkrieg und Flüchtlingselend - das suggeriert die Aktion des Zentrums für politische Schönheit. Für die Dankbarkeit gibt es in Wirklichkeit keinen Anlass. Foto: <a href="http://www.kindertransporthilfe-des-bundes.de">www.kindertransporthilfe-des-bundes.de</a>

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig sucht Privatpersonen in Deutschland, die bereit sind, syrische Flüchtlingskinder bei sich aufzunehmen. Wirklich? Nein. Hinter der Aktion „Kindertransporthilfe des Bundes“ steckt nicht das Ministerium, sondern das „Zentrum für politische Schönheit“. Wir haben mit den Politkünstlern über ihre Aktion gesprochen.

Auf den ers­ten Blick ist alles da: Büro­kra­tisch anmu­ten­de Antrags­for­mu­la­re, sal­bungs­vol­le Gruß­wor­te der Minis­te­rin und ihres Staats­se­kre­tärs, seri­ös drein­bli­cken­de Pres­se­spre­che­rin­nen, Erläu­te­run­gen zu angeb­li­chen recht­li­chen Grund­la­gen: Die Web­site „Kin­der­tran­sort­hil­fe des Bun­des“ sug­ge­riert detail­reich, es gäbe ein breit ange­leg­tes Pro­gramm der Fami­li­en­mi­nis­te­rin, das Pfle­ge­el­tern für 55.000 syri­sche Kin­der sucht. Erst auf den zwei­ten Blick wird klar: Das ist kein vom Him­mel gefal­le­nes Not­hil­fe­pro­gramm, son­dern eine poli­ti­sche Kunst­ak­ti­on.

Wir haben Künst­ler Phil­lip Ruch vom Zen­trum für poli­ti­sche Schön­heit die uns drän­gens­ten Fra­gen gestellt:

Was wollt Ihr mit der Akti­on bewir­ken? 

Wir haben für die Bun­des­re­gie­rung ein Sofort­hil­fe­pro­gramm ent­wi­ckelt. Flücht­lings­po­li­tik in Deutsch­land ver­lief bis­lang so, dass man alles unter­nahm, um sich nicht der Fra­ge zu stel­len, ob Deutsch­land zu vie­le oder zu weni­ge Flücht­lin­ge auf­nimmt. Wir, die Kin­der­trans­port­hil­fe des Bun­des, set­zen uns bewusst der Fra­ge aus und for­mu­lie­ren eine ers­te Ant­wort. Die Ant­wort ist nicht ange­nehm, aber bes­ser als gar kei­ne.

War­um kon­zen­triert sich Eure Akti­on auf die Auf­nah­me von Flücht­lings­kin­dern? Bloß die Kin­der auf­zu­neh­men, die Eltern aber ihrem Schick­sal zu über­las­sen, ist doch für alle Betei­lig­ten schreck­lich, oder nicht? 

Das ist nicht „unse­re“ Akti­on. Das ist die Geschich­te der Kin­der­trans­por­te von 1938, die sie gera­de in Echt­zeit auf unse­rer Sei­te ver­fol­gen kön­nen. Wir haben das adap­tiert. Die Kin­der­trans­por­te waren für alle Betei­lig­ten fürch­ter­lich. Aus den von Ihnen genann­ten Grün­den. Nie­mand glaubt doch ernst­haft, dass es 1938 für Müt­ter ein­fa­cher war, ihre Kin­der ins Unbe­kann­te zu schi­cken.

Da ist Kurt Gut­mann, der bei unse­rer Akti­on dabei ist. Sein eige­ner Bru­der, der schon lan­ge vor ihm nach Schott­land kin­der­trans­por­tiert wur­de, ver­hin­der­te die Gele­gen­heit, dass sei­ne Mut­ter aus­rei­sen und zu ihnen gelan­gen konn­te. Gut­manns Mut­ter wur­de im KZ Sobi­bor getö­tet.

Die Kin­der­trans­por­te sind die Geschich­te eines kurz­fris­ti­gen Ris­ses im Eiser­nen Vor­hang der alli­ier­ten Flücht­lings­ab­wehr – ein Riss, der bis heu­te hoch gefei­ert und geprie­sen wird, was uns im Zusam­men­hang mit Fron­tex und der euro­päi­schen Flücht­lings­ab­wehr viel mehr zu den­ken geben soll­te, als die meis­ten zunächst mei­nen, die den Kin­der­trans­por­ten von 1938 hul­di­gen und heu­te weg­se­hen. Kei­ne alli­ier­te Regie­rung war 1938 bereit, deutsch-jüdi­sche Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men. Aber: die Kin­der­trans­por­te sind auch die Geschich­te von der Zer­stö­rung gan­zer deutsch-jüdi­scher Fami­li­en.

Ich habe mich jetzt ein gan­zes Jahr mit den Kin­der­trans­por­ten aus­ein­an­der­ge­setzt. Wenn es eine Leh­re gibt, die wir in die Gegen­wart mit der Geschich­te von 1938 mit­neh­men soll­ten, dann die­se: Flücht­lings­ab­wehr ist in Kri­sen­zei­ten für rei­che und freie Staa­ten eine abso­lu­te Schan­de. 

Wie vie­le Leu­te haben sich denn bei Euch schon gemel­det, die bereit wären, Flücht­lings­kin­der bei sich auf­zu­neh­men?

Mit Stand vom Ende des zwei­ten Tages: über 600 Anru­fer, davon mehr als 300 Pfle­ge­wil­li­ge.

War­um habt Ihr als Adres­sa­ten Eurer Akti­on das Fami­li­en­mi­nis­te­ri­um gewählt? Beim The­ma Asyl­po­li­tik ist ja nor­ma­ler­wei­se das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um feder­füh­rend. 

Wenn man sich die aktu­el­len Macht­ver­hält­nis­se inner­halb der Gro­ßen Koali­ti­on anschaut, wird man erken­nen, dass eine jun­ge Hoff­nung aus der SPD und in einem nicht ganz so wich­ti­gen Minis­te­ri­um genau der rich­ti­ge Ort ist, um eine sol­che Initia­ti­ve zu lan­cie­ren, die sich Gabri­el oder Stein­mei­er aus ver­schie­de­nen macht­ar­chi­tek­to­ni­schen Grün­den nicht erlau­ben.

Des­wei­te­ren ist inner­halb der SPD-Basis ein unge­still­ter Durst nach einer inter­na­tio­na­len Frie­dens­po­li­tik zu ver­zeich­nen, die die­sen Namen auch ver­dient. Wil­ly Brandt lebt in den Köp­fen wei­ter. Die SPD muss, um die Bevöl­ke­rung ein­zu­fan­gen, Akte poli­ti­scher Schön­heit voll­brin­gen.

Seit Aus­bruch des syri­schen Bür­ger­kriegs rufen bei uns ver­zwei­fel­te Men­schen mit syri­schen Wur­zeln an, die in Deutsch­land leben und die ihre Ange­hö­ri­gen aus Syri­en oder aus dem Flücht­lings­elend in den Nach­bar­staa­ten zu sich in Sicher­heit brin­gen wol­len. Wie geht ihr damit um, wenn ihr ver­zwei­fel­te Men­schen am Tele­fon habt, deren Hoff­nung ihr letzt­lich ent­täu­schen müsst?

Der­art „har­te“ Fäl­le gab es zwar bis­lang noch nicht, aber die wer­den umge­hend auf­ge­klärt. Wir schi­cken sie an die Medi­en wei­ter, die ihre Anlie­gen im Rah­men der aktu­el­len Bericht­erstat­tung wesent­lich bes­ser und drän­gen­der für die deut­sche Öffent­lich­keit auf­be­rei­ten kön­nen als unse­re his­to­ri­sche „Blau­pau­se“ eines Hilfs­pro­jek­tes.

Vie­len Dank für das Gespräch – und die Akti­on!

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