15.11.2013
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Tod in der Ägäis: Ein syrischer Flüchtling zeigt Bilder von Familienangehörigen, die bei der Überfahrt von der Türkei nach Griechenland ums Leben kamen. Im dazugehörigen <a href="http://www.youtube.com/watch?v=F1m8l-NBYqY">UNHCR-Video auf Youtube</a> berichten Flüchtlinge von einer Zurückweisung auf See.

Nach der Veröffentlichung eines PRO ASYL-Berichts über systematische völkerrechtswidrige Push-Back-Operationen an der griechischen EU-Außengrenze stehen Griechenland, Frontex und die EU international in der Kritik. Frontex gerät mehr und mehr unter Druck, den Einsatz an den griechischen Grenzen aufgrund der Menschenrechtsverletzungen an der Land- und Seegrenze abzubrechen.

Mona­te­lang kur­sier­ten Gerüch­te, dass Flücht­lin­ge, die größ­ten­teils aus Syri­en stam­men, an der grie­chi­schen Land­gren­ze von mas­kier­ten Son­der­kom­man­dos miss­han­delt und völ­ker­rechts­wid­rig zurück­ge­wie­sen wer­den. Der PRO ASYL-Bericht „Pushed Back“ hat die­se Pra­xis anhand zahl­rei­cher Zeu­gen­aus­sa­gen von Betrof­fe­nen bele­gen kön­nen und zeigt, dass die ille­ga­len Push-Backs der Son­der­kom­man­dos sys­te­ma­tisch gesche­hen. So wer­den etwa auf grie­chi­schen Inseln lan­den­de Flücht­lin­ge von sol­chen Son­der­kom­man­dos meist unter mas­si­vem Gewalt­ein­satz in tür­ki­sche Gewäs­ser zurück­ge­bracht und dort in oft see­un­taug­li­chen Boo­ten mit­ten auf dem Meer aus­ge­setzt. Der Bericht hat inter­na­tio­nal zahl­rei­che Reak­tio­nen her­vor­ge­ru­fen.

UNHCR bestä­tigt Bericht über ille­ga­le Zurück­wei­sun­gen

UNHCR äußer­te in einem State­ment, die Zahl und das Aus­maß der mut­maß­li­chen Ereig­nis­se sei­en besorg­nis­er­re­gend. Ein Teil der im Bericht genann­ten Metho­den glei­che Aus­sa­gen über Push-Back-Ope­ra­tio­nen, die dem UNHCR vor­lä­gen. „2013 hat UNHCR über Zeu­gen­aus­sa­gen von Flücht­lin­gen etli­che Anga­ben über sol­che Push-Backs an Land- und zuneh­mend auch See­gren­zen erhal­ten“, bestä­tig­te UNHCR.

Das Flücht­lings­hilfs­werk der ver­ein­ten Natio­nen beton­te, dass Men­schen auf der Suche nach Schutz das Recht haben, dass ihnen Zugang zu EU-Ter­ri­to­ri­um gestat­tet wer­de. Sofern es Prak­ti­ken gebe, die dies ver­hin­dern und dabei das Leben von Flücht­lin­gen gefähr­den, müss­ten die­se sofort gestoppt wer­den. Die Vor­wür­fe der Miss­hand­lun­gen von Flücht­lin­gen bei ihrer Ankunft in Grie­chen­land sowie die Berich­te über Prak­ti­ken, die die Betrof­fe­nen Lebens­ge­fahr aus­set­zen, müss­ten von den grie­chi­schen Behör­den sofort auf­ge­klärt wer­den. UNHCR wer­de die zustän­di­gen Behör­den mit den vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen kon­fron­tie­ren. Die grie­chi­schen Behör­den hat­ten gegen­über dem UNHCR behaup­tet, sol­che Push-Back-Ope­ra­tio­nen fän­den nicht statt.

Wie drin­gend die Auf­klä­rung die­ser schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ist, doku­men­tiert unter ande­rem eine Nach­richt des UNHCR, dass vor­ges­tern im Evros-Gebiet rund 150 syri­sche Flücht­lin­ge – dar­un­ter zahl­rei­che Fami­li­en mit Kin­dern – nach der Über­que­rung des Evros-Grenz­flus­ses in Poli­zei­ge­wahr­sam genom­men wur­den. Als ein Team des UNHCR die Betrof­fe­nen auf­su­chen woll­te, waren die­se bereits ver­schwun­den – Augen­zeu­gen schil­der­ten, dass die Flücht­lin­ge zuvor in Poli­zei­fahr­zeu­ge gebracht wur­den. Wohin die Flücht­lin­ge gefah­ren wur­den, konn­te das UNHCR trotz mehr­ma­li­ger Anfra­gen bei den Poli­zei­be­hör­den nicht her­aus­fin­den, auch bei den Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen in der Regi­on tauch­ten die Betrof­fe­nen nicht auf. Die Mel­dung des UNHCR legt nahe, dass die Flücht­lin­ge Opfer ille­ga­ler Push-Backs gewor­den sein könn­ten.

Anfra­ge an die EU-Kom­mis­si­on aus dem Euro­pa-Par­la­ment

In Fol­ge des PRO ASYL-Berichts rich­tet die Abge­ord­ne­te Fran­zis­ka Kel­ler (Grü­ne) eine Anfra­ge zur schrift­li­chen Beant­wor­tung an die Kom­mis­si­on, die der euro­päi­schen Dimen­si­on der doku­men­tier­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen nach­geht. Sie betont dar­in, dass fast alle der im Bericht doku­men­tier­ten Push-Back-Ope­ra­tio­nen im Ein­satz­ge­biet der euro­päi­schen Grenz­schutz­agen­tur Fron­tex lie­gen, die eng mit der grie­chi­schen Grenz­po­li­zei koope­riert. Fron­tex ist laut der Fron­tex-Ver­ord­nung dazu ver­pflich­tet, Ein­sät­ze abzu­bre­chen, wenn es im Ein­satz­ge­biet zu Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen kommt. „Ist die Kom­mis­si­on der Ansicht, dass Fron­tex die Ope­ra­ti­on an der grie­chisch-tür­ki­schen Gren­ze und in der Ägä­is been­den soll­te?“, heißt es dazu in der Anfra­ge, in die Kom­mis­si­on auch mit der Fra­ge kon­fron­tiert wird, was sie unter­neh­me, „um zu ver­hin­dern, dass Grie­chen­land Menschen‐ und Flücht­lings­rech­te offen­bar sys­te­ma­tisch ver­letzt“ und wie sie kon­trol­lie­re, „dass dafür kei­ne EU-Mit­tel, etwa aus dem Außen­gren­zen­fonds, ver­wen­det“ wür­den. Die Ant­wort der Kom­mis­si­on steht noch aus.

Ver­ant­wor­tung von Fron­tex: Euro­päi­sche Ombuds­frau for­dert Beschwer­de­me­cha­nis­mus

Die Euro­päi­sche Ombuds­frau Emi­ly O’Reilly, die Beschwer­den über Miss­stän­de in EU–Institutionen unter­sucht, hat heu­te Fron­tex auf­ge­for­dert, einen Beschwer­de-Mecha­nis­mus über die Ver­let­zung von Grund­rech­ten ein­zu­rich­ten. „Vor dem Hin­ter­grund der Lam­pe­du­sa-Tra­gö­die und ande­ren huma­ni­tä­ren Kata­stro­phen an EU-Gren­zen in jüngs­ter Zeit ist es von größ­ter Wich­tig­keit, dass Fron­tex direkt Beschwer­den von Ein­wan­de­rern und ande­ren betrof­fe­nen Per­so­nen behan­deln kann“, so O’Reilly. O’reilly weist dar­auf hin, dass zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen und die Par­la­men­ta­ri­sche Ver­samm­lung des Euro­pa­ra­tes immer wie­der Zwei­fel dar­an geäu­ßert haben, ob sich Fron­tex an die Grund­rech­te hal­te. Als Bei­spiel wur­de auf den Ein­satz von Grenz­schutz-Teams durch Fron­tex in Grie­chen­land ver­wie­sen. „Ich kann die Ansicht von Fron­tex nicht tei­len, dass Men­sch­rechts­ver­let­zun­gen aus­schließ­lich in der Ver­ant­wor­tung der jewei­li­gen Mit­glied­staa­ten lie­gen,“ reagier­te O’Reilly auf die übli­che Stra­te­gie der Agen­tur, die Ver­ant­wor­tung für Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen stets auf die betei­lig­ten Mit­glied­staa­ten abzu­wäl­zen.

Auf­grund der Häu­fig­keit und Schwe­re der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in Grie­chen­land for­dert PRO ASYL, dass  Fron­tex sei­ne Ope­ra­tio­nen in Grie­chen­land been­den muss. Die EU muss vor dem Hin­ter­grund die­ser schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen drin­gend die Finanz­hil­fen für grie­chi­sche Grenz­schutz­maß­nah­men über­prü­fen. Die völ­ker­rechts­wid­ri­gen Prak­ti­ken der Zurück­wei­sung und Miss­hand­lun­gen von Schutz­su­chen­den müs­sen unver­züg­lich been­det wer­den.

Deut­sche Zusam­men­fas­sung des Berichts mit Fall­be­rich­ten (deutsch)

Bericht „Pushed Back – sys­te­ma­tic human rights vio­la­ti­ons against refu­gees in the aege­an sea and the greek-tur­kish land bor­der“

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