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Ein elfminütiges Video zeigt wie Rechtsradikale immer wieder mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Steinen angreifen, Blockaden errichten und Hetzparolen rufen. Foto: Screenshot Youtube-Video / SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag

Seit Freitag fliegen Böller, Steine und Flaschen auf eine Asylunterkunft, Polizisten und antirassistische Demonstranten in Heidenau. Vor einer Strafverfolgung fühlen sich die Nazis offenbar sicher. Justiz und Polizei müssen endlich konsequent gegen rechte Angreifer vorgehen. Maßnahmen zum Schutz der Flüchtlinge sind dringend nötig.

In der säch­si­schen Klein­stadt Hei­denau bela­gern Rechts­ra­di­ka­le seit Frei­tag­abend eine Unter­kunft, in die aktu­ell Flücht­lin­ge ein­zie­hen. Zeit­wei­se ver­sam­meln sich bis zu 300 Nazis. Es flie­gen Böl­ler, Stei­ne und Fla­schen. Rechts­ra­di­ka­le grö­len Hass­pa­ro­len, errich­ten Stra­ßen­blo­cka­den und grei­fen Beam­te, Gegendemonstrant*innen sowie das Flücht­lings­heim an. Umste­hen­de applau­die­ren.

Volks­fest­stim­mung: Nazis füh­len sich vor Straf­ver­fol­gung sicher

Die Nazis füh­len sich offen­bar sicher vor straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen und wol­len ihre Macht auf der Stra­ße demons­trie­ren. Sie grei­fen ohne Ver­mum­mung ihres Gesichts ande­re Men­schen an – selbst als sie auf lin­ke Gegen­de­mons­tra­ti­on los­ge­hen, wie Augen­zeu­gen berich­ten. Es herrscht Volks­fest­stim­mung: Orga­ni­sier­te rech­te Kader aus Hei­denau und der säch­si­schen Umge­bung hät­ten den Tag vor der Unter­kunft mit ihren Fami­li­en ver­bracht, berich­ten Gegendemonstrant*innen.

„Bür­ger“ und Nazis demons­trie­ren gemein­sam

Vor­an­ge­gan­gen waren meh­re­re NPD-Demons­tra­tio­nen gegen die Unter­brin­gung von Flücht­lin­gen in Hei­denau. Sowohl am Mitt­woch und Don­ners­tag ver­brei­te­ten Rech­te ihren Hass zunächst bei ange­mel­de­ten Pro­tes­ten. An der Demons­tra­ti­on am Frei­tag mit 1000 Rech­ten sol­len zahl­rei­che Anwohner*innen teil­ge­nom­men haben. „Vor und hin­ter erkenn­bar Rech­ten (lau­fen) auch schein­bar nor­ma­le Bür­ger mit, dar­un­ter Frau­en mit Kin­der­wa­gen und Kin­der“, berich­tet etwa die TAZ.

Nach­dem die offi­zi­el­le Demons­tra­ti­on mit bis zu 1000 Teil­neh­mern am Frei­tag been­det wur­de, wird mit eini­gen Stun­den Abstand aus der Het­ze Gewalt. 200 bis 300 Nazis blo­ckie­ren erst die Zufahrt zum Heim, dann flie­gen Stei­ne, Feu­er­werks­kör­per und Fla­schen auf die Unter­kunft und auf Poli­zis­ten. Aus der Men­ge gibt es Applaus, wenn die Nazis die Unter­kunft oder Men­schen tref­fen.

Gegen­de­mons­tran­ten blei­ben weit­ge­hend schutz­los

Die aus­län­der­feind­li­chen Kra­wal­le set­zen sich auch Sams­tag­nacht fort. Ein elf­mi­nü­ti­ges Video, dass von den Angrei­fern ins Netzt gestellt wur­de, zeigt wie Rechts­ra­di­ka­le immer wie­der eine Poli­zei­ket­te mit Feu­er­werks­kör­pern, Fla­schen und Stei­nen angrei­fen, Blo­cka­den errich­ten und Hetz­pa­ro­len rufen. Ent­ge­gen der bis­he­ri­gen Mel­dun­gen, berich­ten Augen­zeu­gen, dass die Angrif­fe der Nazis zunächst der Gegen­de­mons­tra­ti­on gal­ten, die sich in Soli­da­ri­tät zu den Flücht­lin­gen ver­sam­melt hat­te.

Augen­zeu­gen, die am Sams­tag an einer Gegen­de­mons­tra­ti­on teil­nah­men, gaben gegen­über PRO ASYL an, dass sie weit­ge­hend unge­schützt 250–300 Angrei­fern gegen­über­stan­den, obschon die Poli­zei in direk­ter Nähe war. Die Poli­zei habe erst ein­ge­grif­fen, als Nazis mit Zaun­lat­ten und Böl­lern auf Antirassist*innen los­gin­gen, die die Unter­kunft zu schüt­zen ver­such­ten. Poli­zis­ten hät­ten dabei kei­ne Hel­me getra­gen, zu wenig Poli­zei sei vor Ort gewe­sen. Offen­bar schaff­te es die Poli­zei nicht ein­mal in der zwei­ten Kra­wall­nacht für Sicher­heit zu sor­gen und die Pogrom­stim­mung zu been­den. Erst nach­dem Sach­sens Minis­ter­prä­si­dent Til­lich am Sonn­tag den Ort besucht hat­te, wur­den aus­rei­chend Ein­satz­kräf­te her­an­ge­fah­ren und eine Sicher­heits­zo­ne um die Unter­kunft errich­tet. Von einer adäqua­ten Gefah­ren­ein­schät­zung fehl­te bis dato jede Spur.

Zahl rechts­ex­tre­mer Angrif­fe dras­tisch gestie­gen

Die Zahl der rechts­ex­tre­mis­ti­schen Straf­ta­ten gegen Flücht­lings­un­ter­künf­te im Jahr 2014 hat sich mit 170 gegen­über dem Vor­jahr mehr als ver­drei­facht – 2013 waren es laut Ver­fas­sungs­schutz 55.  Auch im ers­ten Halb­jahr 2015 (Stand 28.6.2015) gab es laut Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um bereits 150 gegen Flücht­lings­un­ter­künf­te gerich­te­te Straf­ta­ten, zu denen in der Sta­tis­tik des Ver­fas­sungs­schut­zes Sach­be­schä­di­gun­gen und Pro­pa­gan­da­de­lik­te wie das Zei­gen des Hit­ler­gru­ßes zäh­len. Die Sta­tis­ti­ken für 2015 kön­nen nur schwer aktu­ell gehal­ten wer­den, da sich jeden Tag neue Anschlä­ge ereig­nen, so wur­de in der Nacht zu Mon­tag im baden-würt­tem­ber­gi­schen Weiss­ach eine künf­ti­ge Flücht­lings­un­ter­kunft ange­zün­det.

Maß­nah­men zum Schutz der Flücht­lin­ge drin­gend not­wen­dig

Ins­be­son­de­re die Innen­mi­nis­ter von Bund und Län­dern tra­gen die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung dafür, dass Flücht­lin­ge und Migrant*innen in Deutsch­land vor Anschlä­gen und ras­sis­ti­schen Angrif­fen effek­tiv geschützt wer­den. Sie müs­sen geeig­ne­te Maß­nah­men zum Schutz der Betrof­fe­nen ergrei­fen und sich klar auf ihre Sei­te stel­len. Es darf kein Zwei­fel dar­an gelas­sen wer­den, dass Gewalt und Anfein­dun­gen gegen­über Flücht­lin­gen und Migrant*innen in Deutsch­land  geäch­tet und mit aller Här­te straf­recht­lich ver­folgt wer­den. Gleich­zei­tig müs­sen effek­ti­ve Maß­nah­men zum Schutz von Flücht­lin­gen ergrif­fen wer­den. Dazu gehö­ren mehr­spra­chi­ge Not­ruf­num­mern, Poli­zei­schutz bei Gefah­ren­si­tua­tio­nen und ein Ver­bot bedroh­li­cher Kund­ge­bun­gen vor Unter­künf­ten.

Als Anfang der 1990er Jah­re Pogro­me gegen Flücht­lin­ge und Aus­län­der von Nazis ver­übt wur­den, konn­ten sich eben­falls vie­le rech­te Kader in Gewiss­heit wie­gen, kei­ne ernst­haf­ten Kon­se­quen­zen durch die Sicher­heits­be­hör­den und die Poli­tik fürch­ten zu müs­sen. Der nächs­te Schritt war eine mas­si­ve Radi­ka­li­sie­rung der Sze­ne, die in der Bil­dung des Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grunds (NSU) gip­fel­te, der kalt­blü­tig zehn Men­schen in Deutsch­land ermor­de­te. Will man die rich­ti­gen Leh­ren aus dem NSU zie­hen, dür­fen sich die Nazis nicht erneut durch feh­len­de Kon­se­quen­zen in ihren Aktio­nen bestä­tigt sehen.

Rech­ter Ter­ror: Sechs Maß­nah­men zum Schutz der Flücht­lin­ge (29.07.15)

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