23.09.2022
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Foto: picture alliance/dpa/TASS | Mikhail Tereshchenko

Seitdem Machthaber Putin in Russland die Teilmobilisierung für den Krieg gegen die Ukraine ausgerufen hat, melden sich minütlich Männer und Frauen bei PRO ASYL, die aus Angst vor dem Kriegsdienst und staatlicher Repressionen aus dem Land fliehen wollen. Dies sind die Informationen, die wir den Betroffenen aktuell geben können.

Einen Asyl­an­trag kann man nicht aus dem Aus­land stel­len. Wer in Deutsch­land einen Asyl­an­trag stel­len will, kann dies nur in Deutsch­land selbst bzw. an einer Außen­gren­ze tun. Dies gilt genau­so auch in ande­ren EU-Staaten.

Zur Ein­rei­se nach Deutschland

Rus­si­sche Staatsbürger*innen benö­ti­gen für die lega­le Ein­rei­se nach Deutsch­land ein Visum. Die Vis­aver­ga­be wird sehr restrik­tiv gehand­habt. Es gibt Schen­gen­vi­sa und Visa für lang­fris­ti­ge Auf­ent­hal­te, etwa für Fach­kräf­te (Infor­ma­tio­nen dazu hier und hier). Die Nach­bar­staa­ten zu Russ­land Est­land und Lett­land sowie Litau­en und Polen las­sen seit dem 19. Sep­tem­ber 2022 aber kei­ne rus­si­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen mit ein­fa­chen Schen­gen-Visa mehr ein­rei­sen, wodurch der Land­weg stark ein­ge­schränkt ist. Direk­te Flug­ver­bin­dun­gen nach Deutsch­land bestehen aktu­ell nicht.

Deutsch­land hat in eini­gen beson­ders her­aus­ge­ho­be­nen Fäl­len von Per­so­nen, die öffent­lich auf­ge­tre­ten sind, etwa kri­ti­sche Journalist*innen, auch huma­ni­tä­re Visa erteilt. Für die Mehr­heit der Per­so­nen wird das aber aktu­ell kei­ne schnel­le Lösung sein. Die deut­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen leh­nen sol­che Anträ­ge in aller Regel ab. Aus­sa­gen von Poli­ti­kern, Deutsch­land sei bereit, Per­so­nen, die gegen den Krieg sind oder nicht kämp­fen wol­len, auf­zu­neh­men und ihnen Asyl zu geben, schei­tern der­zeit vor allem an feh­len­den prak­ti­schen Mög­lich­kei­ten der Einreise!

Zu den Chan­cen im Asylverfahren

Stellt eine Per­son in Deutsch­land einen Asyl­an­trag, prüft das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge (BAMF) als ers­tes, ob Deutsch­land nach der euro­päi­schen Ver­ord­nung, die die Zustän­dig­keit für die Prü­fung eines Asyl­an­trags regelt, über­haupt zustän­dig ist. Die­se soge­nann­te Dub­lin-III-Ver­ord­nung gilt in allen EU-Län­dern und in Nor­we­gen, Island, Liech­ten­stein und der Schweiz. In der Regel ist der Staat für das Asyl­ver­fah­ren zustän­dig, der das Visum für die Ein­rei­se erteilt hat. Bei ille­ga­ler Ein­rei­se ist der Staat zustän­dig, den die Per­son als ers­tes betre­ten hat. Schiebt Deutsch­land eine asyl­su­chen­de Per­son inner­halb einer bestimm­ten Frist nicht in den zustän­di­gen EU-Staat ab, geht die Zustän­dig­keit zur Prü­fung des Asyl­an­tra­ges auf Deutsch­land über. Mehr Infor­ma­tio­nen zu Dub­lin-Ver­fah­ren fin­den Sie hier.

Ist Deutsch­land für das Asyl­ver­fah­ren zustän­dig (gewor­den), prüft das BAMF die indi­vi­du­el­len Asyl­grün­de:

Die Recht­spre­chung in Deutsch­land zur Mili­tär­dienst­ver­wei­ge­rung ist grund­sätz­lich restriktiv:

Per­so­nen, die aus dem bereits ange­tre­te­nen Mili­tär­dienst in Russ­land deser­tie­ren, kön­nen unse­rer Ein­schät­zung nach eine Flücht­lings­an­er­ken­nung bekom­men. Hier­von geht auch das Bun­des­in­nen­mi­nis­te­ri­um bei Deser­teu­ren aus. Wer aus dem akti­ven Mili­tär­dienst flieht, soll­te dies mög­lichst durch ent­spre­chen­de Doku­men­te nach­wei­sen und glaub­haft machen, war­um er mit sei­nem Gewis­sen nicht ver­ein­ba­ren kann, Men­schen im Krieg zu töten. Noch offen ist, ob das BAMF ver­lan­gen wird, dass die Per­so­nen zunächst noch in Russ­land ver­su­chen müs­sen, den Kriegs­dienst zu ver­wei­gern. In Russ­land gibt es dazu aber nur sehr ein­ge­schränk­te Möglichkeiten.

Die Recht­spre­chung in Deutsch­land zur Mili­tär­dienst­ver­wei­ge­rung ist grund­sätz­lich restrik­tiv: Es wird als legi­ti­mes staat­li­ches Han­deln gese­hen, Bür­ger zum Mili­tär­dienst zu ver­pflich­ten und bei Ver­wei­ge­rung auch zu bestra­fen. Nur wenn die­se Bestra­fung unver­hält­nis­mä­ßig hoch ist oder wenn durch die Ver­wei­ge­rung eine poli­ti­sche Ver­fol­gung aus­ge­löst wird, wird ein Mili­tär­dienst­ver­wei­ge­rer als Flücht­ling aner­kannt – hier­von ist bei rus­si­schen Deser­teu­ren aus­zu­ge­hen. Auch wenn der Asyl­su­chen­de im Kriegs­dienst etwa zur Teil­nah­me an Kriegs­ver­bre­chen, Ver­bre­chen gegen den Frie­den oder Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit ver­pflich­tet gewe­sen wäre, kann er unter Umstän­den als Flücht­ling aner­kannt werden.

Für Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, die noch nicht ein­ge­zo­gen wur­de, gibt es kei­ne ver­gleich­ba­ren Aus­sa­gen der Bun­des­re­gie­rung bezüg­lich des Schut­zes in Deutsch­land. Auch wer bis­her nur einen Ein­be­ru­fungs­be­fehl bekom­men hat, soll­te die­sen im Asyl­ver­fah­ren vor­le­gen, um zu bele­gen, dass die Ein­be­ru­fung kurz bevor­stand. Auch wer nach­wei­sen kann, zur Grup­pe der­je­ni­gen zu gehö­ren, die von der Teil­mo­bil­ma­chung erfasst sind, soll­te ent­spre­chen­de Nach­wei­se im Asyl­ver­fah­ren vor­le­gen. Ob auch die­se Per­so­nen im Asyl­ver­fah­ren aner­kannt wer­den, kön­nen wir noch nicht abse­hen. Die poli­ti­schen Zei­chen spre­chen dafür. Die bis­he­ri­ge Pra­xis des BAMF sah aber anders aus. Das BAMF könn­te auf­grund der oben genann­ten Punk­te also in die­sen Fäl­len auch ablehnen.

Es gibt Berich­te, dass auch jen­seits der offi­zi­el­len Kri­te­ri­en der Teil­mo­bil­ma­chung Män­ner im wehr­pflich­ti­gen Alter zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen wer­den. Ob auch die­se einen Schutz­sta­tus im Asyl­ver­fah­ren bekom­men kön­nen ohne bereits einen Ein­be­ru­fungs­be­fehl zu haben, ist der­zeit noch nicht abzu­se­hen. Das wird davon abhän­gen, ob das BAMF die Gefahr zur Ein­be­ru­fung als aus­rei­chend wahr­schein­lich einschätzt.

Auch Oppo­si­tio­nel­le oder ver­folg­te Journalist*innen kön­nen im Asyl­ver­fah­ren einen Schutz­sta­tus in Deutsch­land bekom­men. Die vor­ge­brach­te Ver­fol­gung und die Grün­de hier­für müs­sen im Asyl­ver­fah­ren glaub­haft gemacht wer­den. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen zum Asyl­ver­fah­ren in Deutsch­land fin­den Sie hier.

Wenn sich die Lage ändert oder wir genaue­re Aus­kunft geben kön­nen, wer­den wir ent­spre­chen­de Hin­wei­se auf unse­rer Home­page veröffentlichen.

Da es zur­zeit kei­ne direk­ten Flug­ver­bin­dun­gen nach Russ­land gibt, gehen wir davon aus, dass der­zeit Abschie­bun­gen nach Russ­land unmög­lich sind.

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You can­not app­ly for asyl­um from abroad. Only tho­se who are alrea­dy in Ger­ma­ny can app­ly for asylum.

Access to Germany

Rus­si­an citi­zens need a visa to enter Ger­ma­ny legal­ly. The issuing of visas is hand­led very restric­tively. The­re are Schen­gen visas and visas for long-term stays, such as for skil­led workers (infor­ma­ti­on here and here). Howe­ver, sin­ce Sep­tem­ber 19 this year, Rus­sia’s neigh­bours Esto­nia and Lat­via as well as Lit­hua­nia and Poland no lon­ger allow Rus­si­an citi­zens to enter the coun­try on simp­le Schen­gen visas, which severely restricts land tra­vel. The­re are cur­r­ent­ly no direct flight con­nec­tions to Germany.

Ger­ma­ny has also gran­ted huma­ni­ta­ri­an visas in some par­ti­cu­lar­ly high-pro­fi­le cases of peop­le who have made public appearan­ces, such as cri­ti­cal jour­na­lists. For the majo­ri­ty of peop­le, howe­ver, this will not be a fast solu­ti­on at the moment. The Ger­man embas­sies and con­su­la­tes gene­ral­ly reject such app­li­ca­ti­ons. State­ments by poli­ti­ci­ans that Ger­ma­ny is wil­ling to take in peop­le who are against the war or do not want to fight and to give them asyl­um are cur­r­ent­ly fai­ling main­ly due to a lack of prac­ti­cal pos­si­bi­li­ties to enter the country!

Juris­pru­dence in Ger­ma­ny on mili­ta­ry con­sci­en­tious objec­tion is gene­ral­ly restrictive

Asyl­um in Germany

If a per­son app­lies for asyl­um in Ger­ma­ny, the Federal Office for Migra­ti­on and Refu­gees (BAMF) first checks whe­ther Ger­ma­ny is respon­si­ble for this accord­ing to the Euro­pean Regu­la­ti­on, which regu­la­tes the respon­si­bi­li­ty for exami­ning a request for asyl­um. This so-cal­led Dub­lin III Regu­la­ti­on app­lies in all EU coun­tries and in Nor­way, Ice­land, Liech­ten­stein and Switz­er­land. As a rule, the sta­te that issued the visa for ent­ry is respon­si­ble for the asyl­um pro­ce­du­re. In the case of ille­gal ent­ry, the sta­te that the per­son ent­e­red first is respon­si­ble. If Ger­ma­ny does not deport an asyl­um see­king per­son wit­hin a cer­tain peri­od of time, the respon­si­bi­li­ty for exami­ning the asyl­um app­li­ca­ti­on is trans­fer­red to Ger­ma­ny. You can find more infor­ma­ti­on on Dub­lin pro­ce­du­res here.

If Ger­ma­ny has (beco­me) respon­si­ble for the asyl­um pro­ce­du­re, the BAMF exami­nes the grounds for asyl­um individually.

Per­sons who desert from acti­ve mili­ta­ry ser­vice in Rus­sia can, in our esti­ma­ti­on, recei­ve refu­gee reco­gni­ti­on. This is also the assump­ti­on of the Federal Minis­try of the Inte­rior in the case of deserters. Tho­se who flee from acti­ve mili­ta­ry ser­vice should, if pos­si­ble, pro­ve this with appro­pria­te docu­ments and credi­b­ly exp­lain why they can­not recon­ci­le kil­ling peop­le in war with their con­sci­ence. It is still open whe­ther the BAMF will demand that peop­le first try to refu­se mili­ta­ry ser­vice. In Rus­sia, howe­ver, the­re are only very limi­ted pos­si­bi­li­ties to do so.

Juris­pru­dence in Ger­ma­ny on mili­ta­ry con­sci­en­tious objec­tion is gene­ral­ly restric­ti­ve: it is seen as legi­ti­ma­te sta­te action to obli­ge citi­zens to per­form mili­ta­ry ser­vice and also to punish them if they refu­se. Only if this punish­ment is dis­pro­por­tio­na­te­ly high or if poli­ti­cal per­se­cu­ti­on is trig­ge­red by the refu­sal (which can be assu­med in Rus­sia), is a con­sci­en­tious objec­tor reco­gnis­ed as a refu­gee. If the asyl­um see­ker would have been obli­ged to par­ti­ci­pa­te in war cri­mes, cri­mes against peace or cri­mes against huma­ni­ty during mili­ta­ry ser­vice, he or she may be reco­gnis­ed as a refu­gee under cer­tain circumstances.

For con­sci­en­tious objec­tors who have not yet been con­scrip­ted, the­re are no com­pa­ra­ble state­ments from the Ger­man government regar­ding pro­tec­tion in Ger­ma­ny. Even tho­se who have only recei­ved a con­scrip­ti­on order so far should pre­sent it in the asyl­um pro­ce­du­re to pro­ve that con­scrip­ti­on was immi­nent. Tho­se who can pro­ve that they belong to the group of tho­se who are cove­r­ed by the par­ti­al mobi­li­sa­ti­on should also sub­mit cor­re­spon­ding evi­dence in the asyl­um pro­ce­du­re. We can­not yet fore­see whe­ther the­se per­sons will also be reco­gnis­ed in the asyl­um pro­ce­du­re. The poli­ti­cal signs speak in favour of this. Howe­ver, the prac­ti­ce of the BAMF so far has been dif­fe­rent. The BAMF could the­re­fo­re also refu­se in the­se cases due to the points men­tio­ned above.

The­re are reports that even bey­ond the offi­cial cri­te­ria of par­ti­al mobi­li­sa­ti­on, men of mili­ta­ry age are being cal­led up for mili­ta­ry ser­vice. Whe­ther they can also be gran­ted pro­tec­tion sta­tus in the asyl­um pro­ce­du­re without a con­scrip­ti­on order is not yet fore­see­ab­le. That will depend on whe­ther the BAMF con­si­ders the dan­ger to con­scrip­ti­on likely enough.

Oppo­si­ti­on mem­bers or per­se­cu­t­ed jour­na­lists can also be gran­ted pro­tec­tion sta­tus in Ger­ma­ny in the asyl­um pro­ce­du­re. The per­se­cu­ti­on clai­med and the rea­sons for it must be made credi­ble in the asyl­um procedure.

As soon as we can pro­vi­de more detail­ed infor­ma­ti­on on the­se ques­ti­ons, we will publish cor­re­spon­ding infor­ma­ti­on on our homepage.

Sin­ce the­re are no direct flight con­nec­tions to Rus­sia, we assu­me that depor­ta­ti­ons to Rus­sia are cur­r­ent­ly impossible.

(jb, wj)