28.01.2014
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Ein Überlebender, der bei der mutmaßlichen Push-Back-Operation der griechischen Küstenwache seine Frau und Kinder verlor, bei der Ankunft in Piräus. Foto: <a href="http://refugeegr.blogspot.gr/2014/01/the-greek-coast-guard-drowned-asylum.html">Greek Forum of Refugees</a>

Nachdem bei einer mutmaßlichen Push-Back-Operation der griechischen Küstenwache zwölf afghanische Flüchtlinge starben, drängen Menschenrechtsorganisationen auf eine lückenlose Aufklärung des Vorfalls. Die griechischen Behörden reagieren darauf offenbar mit Einschüchterung und Desinformation.

UNHCR, der Men­schen­rechts­kom­mis­sar des Euro­pa­ra­tes, amnes­ty inter­na­tio­nal, der Grie­chi­sche Flücht­lings­rat, ECRE, PRO ASYL und ande­re Orga­ni­sa­tio­nen drän­gen auf eine Unter­su­chung des Vor­falls vom 20.01.2014 in der Ägä­is zwi­schen der grie­chi­schen Insel Far­ma­ko­ni­si und der tür­ki­schen Küs­te, bei dem neun Kin­der und zwei Frau­en star­ben. Aus­sa­gen der Über­le­ben­den zufol­ge hat­te die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che nicht die Ret­tung der Schiff­brü­chi­gen beab­sich­tigt, son­dern ver­sucht, ihr Boot bei schwe­rer See Rich­tung tür­ki­sche Küs­te zurück­zu­schlep­pen, wobei das Boot sank. Zahl­rei­che ande­re von PRO ASYL doku­men­tier­te Fäl­le ähn­li­cher lebens­ge­fähr­den­der Push-Back-Ope­ra­tio­nen der grie­chi­schen Küs­ten­wa­che – ins­be­son­de­re im Ein­satz­ge­biet vor Far­ma­ko­ni­si – ver­lei­hen den Aus­sa­gen der Über­le­ben­den hohe Plau­si­bi­li­tät.

Des­sen unge­ach­tet hal­ten die grie­chi­schen Behör­den an ihrer Ver­si­on fest, es hand­le sich um einen bedau­er­li­chen Unfall bei einer Ret­tungs­ak­ti­on der Küs­ten­wa­che, die allein dar­auf gezielt habe, die Schiff­brü­chi­gen sicher nach Far­ma­ko­ni­si zu brin­gen.

Meh­re­re Über­le­ben­de der Kata­stro­phe wur­den am Frei­tag in der Nähe ihres Auf­ent­halts­orts in Athen vor­rüber­ge­hend von der Poli­zei fest­ge­nom­men – offen­bar um die Über­le­ben­den und damit die ein­zi­gen unmit­tel­ba­ren Zeu­gen der Kata­stro­phe ein­zu­schüch­tern. Über­le­ben­de berich­ten, bereits an Bord des Schif­fes der Küs­ten­wa­che sowie spä­ter im Gewahr­sam auf der Insel Leros bedroht wor­den zu sein. Wie ein Über­le­ben­der auf einer Pres­se­kon­fe­renz des Greek Forum of Refu­gees berich­te­te, wur­den die Über­le­ben­den im Gewahr­sam der Küs­ten­wa­che dazu gebracht, ein ihnen unver­ständ­li­ches Doku­ment zu unter­schrei­ben, dem­zu­fol­ge die Küs­ten­wa­che die Über­le­ben­den geret­tet habe.

Der für die grie­chi­sche Küs­ten­wa­che zustän­di­ge Schiff­fahrts­mi­nis­ter Var­vit­sio­ti Mil­tia­des warf dem Men­schen­rechts­kom­mis­sar des Euro­pa­ra­tes und den Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen vor, aus dem Vor­fall „eine poli­ti­sche Ange­le­gen­heit“ machen zu wol­len. „Es herrscht ein täg­li­cher Kampf in der Ägä­is“, so der Minis­ter. „Die­ser Kampf betrifft zwei­er­lei: Ers­tens sen­den wir das Signal aus, dass unse­re Gren­zen kein unge­si­cher­ter Hin­ter­hof sind und nicht jeder­mann, der sich ein Boot nimmt, nach Grie­chen­land kom­men kann. Zwei­tens fol­gen wir allen Geset­zen der Euro­päi­schen Uni­on und unse­res natio­na­len Rechts.“ Wei­ter kom­men­tier­te der Minis­ter den Vor­fall mit der Aus­sa­ge, er den­ke nicht, „dass irgend­je­mand von uns erwar­tet, dass wir die Tore offen­hal­ten und allen Ein­wan­de­rern erlau­ben, in die­sem Land Asyl zu genie­ßen”.

In der grie­chi­schen Öffent­lich­keit wird anläss­lich der Kata­stro­phe inten­siv über die Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen gegen­über Flücht­lin­gen und ille­ga­le Zurück­wei­sun­gen durch den grie­chi­schen Grenz­schutz dis­ku­tiert. In Athen fan­den anläss­lich der Ereig­nis­se meh­re­re Soli­da­ri­täts­kund­ge­bungen statt.

Die schwer trau­ma­ti­sier­ten Über­le­ben­den, von denen eini­ge bei dem Vor­fall ihre Kin­der und Ehe­frau­en ster­ben sahen, wer­den der­zeit von Psy­cho­lo­gen, Anwäl­tin­nen und Anwäl­ten des Grie­chi­schen Flücht­lings­rats und von PRO ASYL betreut, ein Mit­ar­bei­ter ist vor Ort in Athen. Zugleich lau­fen Ver­hand­lun­gen mit den Behör­den, um für die Über­le­ben­den einen siche­ren Auf­ent­halts­sta­tus zu erwir­ken.

Die Über­le­ben­den und die unter ande­rem auch in Deutsch­land leben­den Ange­hö­ri­gen for­dern die Ber­gung des gesun­ke­nen Boo­tes und ihrer Toten, um ihnen ein wür­di­ges Begräb­nis zu ermög­li­chen. Sie ver­lan­gen zudem Aus­kunft über den exak­ten Fund­ort und eine Obduk­ti­on der­je­ni­gen Toten, die offen­bar an der tür­ki­schen Küs­te ange­spült wur­den. Sei­tens der Über­le­ben­den und der Ange­hö­ri­gen herrscht gro­ße Sor­ge, dass es bei der Beweis­si­che­rung zu Unge­nau­ig­kei­ten und Mani­pu­la­tio­nen kom­men könn­te.

Medi­en­be­rich­te: 

BBC: Inqui­ry calls after migrants die under tow in Greece

The Guar­di­an: Migrants saved in Greek boat acci­dent mourn rela­ti­ves – and dis­pu­te claims

Die Zeit: Zu Tode geret­tet

Tele­po­lis: Das grie­chi­sche Lam­pe­du­sa

Taz: Mit Absicht zum Ken­tern gebracht?

Ekha­ti­meri­ni: Sur­vi­vors of sea tra­ge­dy say were kicked, threa­tened

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