24.04.2014
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Freiwillige entfernen rassistische Parolen. Bild: Theo Schneider

Ob Berlin-Hellersdorf oder Schneeberg: Vielerorts, wo neue Flüchtlingsunterkünfte entstehen, versuchen Rechtsextreme ein Klima der Angst und der Abwehr zu schaffen. Die Mobile Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus in Berlin (MBR) zeigt, was man dagegen tun kann: Nazis konsequent ausgrenzen. Lesen Sie Teil 8 unserer Newsserie über gelebte Willkommenskultur für Flüchtlinge.

Sie grün­den Bür­ger­initia­ti­ven, die schein­bar harm­los daher­kom­men, orga­ni­sie­ren Kund­ge­bun­gen und ver­net­zen sich auf Face­book und Twit­ter: Nicht nur in Ber­lin-Hel­lers­dorf ist es Rechts­ex­tre­men so gelun­gen, mit ihrer ras­sis­ti­schen Panik­ma­che eine öffent­li­che Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung zum The­ma Flücht­lings­un­ter­kunft zu domi­nie­ren und ihre „Mei­nung“ medi­en­wirk­sam zu ver­brei­ten. 

Dass dies pas­siert, will nie­mand. Und doch herrscht bei öffent­li­chen Ver­samm­lun­gen oft Unsi­cher­heit, wie mit Rechts­ex­tre­men umge­gan­gen wer­den soll, beob­ach­tet die Mobi­le Bera­tungs­stel­le gegen Rechts­ex­tre­mis­mus in Ber­lin (MBR). Soll man mit den Rechts­ex­tre­mis­ten ernst­haft dis­ku­tie­ren? Sie igno­rie­ren? Oder kon­se­quent aus­schlie­ßen?

Rechts­ex­tre­me zie­len dar­auf ab, sich durch mode­ra­tes Auf­tre­ten als Teil des demo­kra­ti­schen Mei­nungs­spek­trums zu prä­sen­tie­ren. Hier­zu ver­fol­gen sie eine geziel­te Stra­te­gie der „Wort­er­grei­fung“ –  etwa indem sie aktu­el­le The­men wie das der Flücht­lings­auf­nah­me nut­zen, um ihr ras­sis­ti­sches Welt­bild als „nor­ma­le Mei­nung“ im demo­kra­ti­schen Dis­kurs zu eta­blie­ren. Wer­den Rechts­ex­tre­me etwa auf Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen oder Ver­samm­lun­gen nicht kon­se­quent zurück­ge­wie­sen, kann ihnen das gelin­gen.

Das Gegen­mit­tel gegen die Stra­te­gie der Rechts­ex­tre­men kann daher nicht hei­ßen, mit ihnen zu dis­ku­tie­ren oder ihre Aus­sa­gen zu igno­rie­ren. Rechts­ex­tre­me Posi­tio­nen müs­sen aus dem Dis­kurs kon­se­quent aus­ge­schlos­sen wer­den. Aber halt – ist das nicht schreck­lich unde­mo­kra­tisch?

Kei­ne Platt­form für Nazis!

Nein, ist es nicht. Wäh­rend der Staat die Mei­nungs­frei­heit aller zu ach­ten und zu schüt­zen hat, sind Bür­ge­rin­nen und Bür­ger nicht ver­pflich­tet, auf ihren Ver­an­stal­tun­gen sicher­zu­stel­len, dass jeder sei­ne Mei­nung kund­tun darf, und sei sie noch so demo­kra­tie- und men­schen­ver­ach­tend. So wün­schens­wert ein frei­er Mei­nungs­aus­tausch auch ist: Mit stra­te­gisch agie­ren­den Rechts­ex­tre­men, die an Auf­klä­rung, Eman­zi­pa­ti­on und Men­schen­rech­ten nicht das gerings­te Inter­es­se haben,  einen öffent­li­chen Dis­kurs füh­ren zu wol­len, führt zu nichts –  oder schlimms­ten­falls dazu, dass Rechts­ex­tre­me eine Platt­form für ihre Het­ze gegen Min­der­hei­ten erhal­ten.

Ver­an­stal­te­rin­nen und Ver­an­stal­ter von Ver­samm­lun­gen haben nach dem Ver­samm­lungs­ge­setz sogar ein Recht, bestimm­te Per­so­nen oder Per­so­nen­krei­se in der Ein­la­dung und Ankün­di­gung von der Teil­nah­me an einer Ver­samm­lung in einem geschlos­se­nen Raum aus­zu­schlie­ßen. Sie sind als Teil der Zivil­ge­sell­schaft nicht ver­pflich­tet, Rechts­ex­tre­men eine Platt­form zu bie­ten, ihre Ideo­lo­gie pro­pa­gie­ren, oder sich hof­fä­hig machen zu las­sen.

Natur­ge­mäß reagie­ren Rechts­ex­tre­me auf ihren Aus­schluss, indem sie sich als Opfer von Zen­sur und „unde­mo­kra­ti­schem Ver­hal­ten“ dar­stel­len. Tat­säch­lich sind Rechts­ex­tre­me an einem demo­kra­ti­schen Dis­kurs gar nicht inter­es­siert. Sie wie­der­ho­len etwa gern immer wie­der die­sel­ben Schlag­wor­te – zum Bei­spiel “Volks­ge­mein­schaft statt mul­ti­kul­tu­rel­les Cha­os“. Ver­an­stal­ter sehen sich dann gezwun­gen, die­sen Paro­len argu­men­ta­tiv ent­ge­gen zu tre­ten. Dadurch gelingt es den Neo­na­zis, nicht nur die Agen­da des Gesprächs, son­dern auch die Rol­len­ver­tei­lung zu bestim­men. Wäh­rend die Rechts­ex­tre­men ihre gefähr­lich simp­len Paro­len dar­bie­ten, müs­sen sich die ande­ren recht­fer­ti­gen. In die­ser Situa­ti­on kommt es nicht zu einem Aus­tausch ver­nünf­ti­ger Argu­men­te.

Emp­feh­lens­wert: Publi­ka­tio­nen der MBR

In der Bro­schü­re „Wir las­sen uns nicht das Wort neh­men“ setzt sich die MBR mit den Wort­er­grei­fungs­stra­te­gi­en von Rechts­ex­tre­men aus­ein­an­der, durch­leuch­tet kri­tisch die Ideo­lo­gie der NPD und lie­fert Argu­men­te und Hand­rei­chun­gen gegen rechts­ex­tre­me  Mobi­li­sie­rungs­stra­te­gi­en. Geziel­te Emp­feh­lun­gen zur „Durch­füh­rung von öffent­li­chen Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tun­gen in geschlos­se­nen Räu­men anläss­lich der Ein­rich­tung einer Flücht­lings­un­ter­kunft“ gibt die MBR in der Bro­schü­re. „Kei­ne Büh­ne für Ras­sis­mus“. Damit Rechts­ex­tre­me von einer Ver­samm­lung aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen, soll­te dies bereits bei der Pla­nung berück­sich­tigt wer­den. Gesprächs­re­geln, die gleich zu Anfang ver­le­sen wer­den, stel­len klar, dass ein dis­kri­mi­nie­ren­der Sprach­ge­brauch nicht tole­riert wird.

Einen etwas brei­te­ren Ansatz ver­folgt der von der MBR mit­her­aus­ge­ge­be­ne Leit­fa­den „Was tun, damit’s nicht brennt?“, der durch Hil­fe­stel­lun­gen zur Kon­sens­fin­dung und Vor­schlä­gen für Koope­ra­tio­nen Stra­te­gi­en auf­zeigt, mit denen unter­schied­li­che Initia­ti­ven im brei­ten zivil­ge­sell­schaft­li­chen Bünd­nis Flücht­lin­ge unter­stüt­zen und sich rechts­ex­tre­mer Mobi­li­sie­rung gegen Flücht­lin­ge ent­ge­gen­stel­len kön­nen. 

Infor­ma­tio­nen über rech­te Mobi­li­sie­rungs­stra­te­gi­en gegen Flücht­lings­un­ter­künf­te lie­fert auch die Bro­schü­re „Die Brand­stif­ter“, die PRO ASYL und die Ama­deu Anto­nio Stif­tung gemein­sam her­aus­ge­ge­ben haben. 

Die Bro­schü­re „Kei­ne Büh­ne für Ras­sis­mus“ wur­de auch in der von PRO ASYL und der Ama­deu Anto­nio Stif­tung gemein­sam her­aus­ge­ge­be­nen Bro­schü­re Refu­gees Wel­co­me – Gemein­sam Will­kom­mens­kul­tur gestal­ten ver­öf­fent­licht.  

Gemein­sam gegen Ras­sis­mus! 

PRO ASYL ruft dazu auf, ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len ent­schie­den zu wider­spre­chen, Flücht­lin­ge will­kom­men zu hei­ßen und sich rech­ten Het­zern in den Weg zu stel­len.

Bit­te infor­mie­ren Sie sich unter fol­gen­den Links:

 Gemein­sam gegen Ras­sis­mus! (20.03.14)

 Ras­sis­mus gegen Schutz­su­chen­de: Mehr Het­ze und mehr Gewalt (07.07.14)

 Will­kom­mens­kul­tur sel­ber machen! (05.03.14)

 Neue Bro­schü­re klärt über rech­te Het­ze auf (04.03.14)

 Neue Bro­schü­re: Fak­ten und Argu­men­te gegen Vor­ur­tei­le (04.03.14)