05.01.2018
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Mädchen blicken aus einem Haus in der Nähe des Anschlags in Kabul. Die Wucht der Explosion hat die Fenster der anliegenden Häuser zerstört. Foto: Reuters / Omar Sobhani

Mit Anschlägen, die viele Menschenleben fordern – und mit Abschiebungen aus Deutschland. Wieder war die Hauptstadt Kabul betroffen, davon unbeirrt landen genau dort weiterhin die Abschiebeflieger.

500

Todes­op­fer durch Ter­ror­an­schlä­ge – allein in Kabul. Allein 2017.

Min­des­tens zwan­zig Tote, dar­un­ter Teil­neh­mer einer Demons­tra­ti­on: Auch 2018 rei­ßen die Mel­dun­gen über blu­ti­ge Anschlä­ge in Afgha­ni­stan nicht ab. Allein in der Haupt­stadt Kabul gab es im ver­gan­ge­nen Jahr über 20 gro­ße Anschlä­ge mit mehr als 500 Todes­op­fern. Erst ver­gan­ge­ne Woche star­ben über 30 Per­so­nen bei einem Anschlag auf ein Kul­tur­zen­trum. Zu bei­den Anschlä­gen bekann­te sich der afgha­ni­sche IS-Able­ger, der sei­ne Akti­vi­tät im letz­ten Jahr merk­lich erhöht hat.

Aller­dings zei­gen nicht nur die aktu­el­len, dem IS zuge­schrie­be­nen, Ter­ror­ak­te, son­dern auch Anschlä­ge der Tali­ban, in welch gro­ßem Maße auch Zivil­per­so­nen unter­schieds­los dabei  zu Tode kom­men, selbst wenn deren pri­mä­res Ziel staat­li­che Ein­rich­tun­gen, Sicher­heits­kräf­te oder ähn­li­ches gewe­sen sein mögen.

Ausführliche Quellen zeigen verfahrene Lage

Eine Über­sicht über fast alle rele­van­ten Medi­en­be­rich­te zu Gewalt­ak­ten in Afgha­ni­stan aus den letz­ten Mona­ten des Jah­res 2017 fin­det sich im Bericht »Indi­vi­du­als tar­ge­ted by armed actors in the con­flict« des European Asyl­um Sup­port Office (EASO). Dazu ent­hält der Report auch für Asyl­ver­fah­ren von Afghan*innen in Deutsch­land rele­van­te Infor­ma­tio­nen zur Vor­ge­hens­wei­se der Tali­ban (modus ope­ran­di) und sich dar­aus erge­ben­den Gefähr­dungs­pro­fi­len für bestimm­te Per­so­nen­grup­pen.

In einem wei­te­ren Report aus dem Dezem­ber 2017 beschreibt EASO die Sicher­heits­la­ge im Land detail­iert auch für ein­zel­ne Distrik­te und Pro­vin­zen und führt die am Kon­flikt betei­lig­ten Akteu­re auf.

17,8%

aller Ter­ror-Toten welt­weit gab es 2016 in Afgha­ni­stan.

Traurige Spitzenplätze im Terror-Ranking

Der ehe­ma­li­ge grü­ne Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te und Afgha­ni­stan-Exper­te Win­nie Nacht­wei hat bereits im Novem­ber 2017, anläss­lich der Ver­län­ge­rung des deut­schen Afgha­ni­stan-Man­dats, eine aus­führ­li­che Zwi­schen­bi­lanz der Sicher­heits­la­ge gezo­gen (den emp­feh­lens­wer­ten Voll­text gibt es hier): »Kämp­fe, Anschlä­ge, Zivilop­fer und Opfer unter den Kon­flikt­par­tei­en sind so zahl­reich wie nie seit 2002. Laut Glo­bal Ter­ro­rism Index 2017 stand Afgha­ni­stan 2016 nach Irak auf Platz 2 der ter­ror­be­trof­fe­nen Län­der. 17,8 Pro­zent aller Ter­ror-Toten welt­weit ent­fie­len auf Afgha­ni­stan.«

Eskalation statt Wiederaufbau

Dabei wird es für die inter­na­tio­na­len Auf­bau­hel­fer und ihre loka­len Part­ner immer schwie­ri­ger, sich im Land zu bewe­gen und ihren Auf­trag zu erfül­len. Auch der UN-Sicher­heits­rat äußert sich sehr besorgt über die Sicher­heits­la­ge im Land.

»Die Lage­ver­schär­fun­gen der letz­ten Jah­re in Afgha­ni­stan müs­sen als Weck­ru­fe genom­men wer­den, nach Jah­ren von Schön­red­ne­rei und Ver­drän­gung sich end­lich ehr­lich zu machen über die kom­ple­xe – und noch erheb­lich eska­la­ti­ons­fä­hi­ge – Lage in Afgha­ni­stan.«

Win­nie Nacht­wei

Nacht­wei plä­diert – bei aller Kri­tik an den aktu­el­len Sach­stän­den und den Stra­te­gi­en der Trup­pen­stel­ler-Natio­nen und einer pes­si­mis­ti­schen Sicht auf die Bilan­zen – nicht für einen schnel­len Abzug des ver­blie­be­nen  deut­schen Kon­tin­gen­tes mit sei­ner Bera­tungs­funk­ti­on. Das wäre, so sei­ne Mei­nung, der Anfang vom Ende.

Man mag letz­te­re Ein­schät­zung tei­len oder nicht: Die Lage im Lan­de wird jeden­falls  immer gefähr­li­cher. Mit dem Ein­si­ckern von immer mehr IS-Kämp­fern und der IS-Stra­te­gie, die Grä­ben zwi­schen Reli­gio­nen und Eth­ni­en zu ver­tie­fen, etwa durch Angrif­fe auf schii­ti­sche Ein­rich­tun­gen, meh­ren sich die Befürch­tun­gen der afgha­ni­schen Bevöl­ke­rung, dass wei­te­re Eska­la­tio­nen dro­hen.

Realitätsverweigerung in Deutschland

Des­sen unge­ach­tet ist in Deutsch­land der nächs­te Abschie­bungs­flug schon für den 23.1. (ab Düs­sel­dorf) geplant. Obwohl immer noch kein neu­er Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vor­liegt – der eigent­lich tur­nus­ge­mäß bereits im Okto­ber 2017 hät­te erschei­nen sol­len. Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung scheint Abschie­bungs­vor­aus­set­zung zu sein.

(bm/mk)