07.09.2015
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Auch am Hauptbahnhof Frankfurt wurden aus Ungarn eintreffende Flüchtlinge am Wochenende mit Wasser, Lebensmitteln und Kleiderspenden empfangen. Doch die Politik der Bundesregierung konterkariert die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung: Schon am Sonntag beschloss sie ein Paket, dass Flüchtlinge durch Ausgrenzung, Entrechtung und Stigmatisierung abschrecken soll. Foto: flickr / Franz-Ferdinand-Photography

Die Bundesregierung hat sich am Sonntag im Koalitionsausschuss auf ein Maßnahmenpaket zur Asylpolitik geeinigt. Unter der Überschrift „Fehlanreize beseitigen“ werden dort mehrere Maßnahmen der Abschreckungspolitik der neunziger Jahre reaktiviert.

Am Sams­tag hat­te die Bun­des­re­gie­rung noch mit einer groß­zü­gi­gen Ges­te meh­re­ren Tau­send am Buda­pes­ter Haupt­bahn­hof fest­sit­zen­den Flücht­lin­gen die Ein­rei­se nach Deutsch­land erlaubt, doch schon am Sonn­tag prä­sen­tier­te die gro­ße Koali­ti­on einen Beschluss, der unter ande­rem zahl­rei­che restrik­ti­ve Maß­nah­men ent­hält.

Abschre­ckungs­po­li­tik wie in den Neun­zi­ger Jah­ren

Um angeb­li­che „Fehl­an­rei­ze“ zu ver­mei­den, sol­len Asyl­su­chen­de künf­tig nicht mehr drei, son­dern sechs Mona­te lang in den Erst­auf­nah­me­la­gern ver­blei­ben müs­sen. Die Maß­nah­me wird flan­kiert vom Beschluss, die in den Erst­auf­nah­me­la­gern zusam­men­ge­pferch­ten Men­schen künf­tig wie­der der Resi­denz­pflicht zu unter­wer­fen, die ihnen ver­bie­tet, sich frei im Bun­des­ge­biet zu bewe­gen. Dazu sol­len die Betrof­fe­nen künf­tig wie­der mit Sach­leis­tun­gen abge­speist wer­den – nach dem Mot­to: Geges­sen wird, was vom Amt kommt. Damit wer­den meh­re­re Instru­men­te der Abschre­ckungs- und Aus­gren­zungs­po­li­tik der Neun­zi­ger Jah­re reak­ti­viert, die erst in den letz­ten Jah­ren Schritt für Schritt libe­ra­li­siert wor­den waren.

Die sechs­mo­na­ti­ge Unter­brin­gung in Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen wird die ohne­hin kata­stro­pha­le Unter­brin­gungs­si­tua­ti­on wei­ter ver­schär­fen. Die dop­pel­te oder drei­fa­che Bele­gung bestehen­der Ein­rich­tun­gen wird uner­träg­li­che Lebens­um­stän­de für tau­sen­de Men­schen schaf­fen, Kon­flik­te inner­halb der Ein­rich­tun­gen befeu­ern und die Betrof­fe­nen aus­gren­zen und stig­ma­ti­sie­ren. Das Ver­spre­chen der Bun­des­re­gie­rung, die Kapa­zi­tä­ten der Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen von ca. 45.000 auf 150.000 auf­zu­sto­cken, wird kurz­fris­tig nicht zu rea­li­sie­ren sein.

Aus­gren­zung, Dis­kri­mi­nie­rung, Stig­ma­ti­sie­rung

Die geplan­te Aus­ga­be von Sach­leis­tun­gen statt Bar­geld ist  ver­fas­sungs­wid­rig und soll – ent­ge­gen der öffent­li­chen Wahr­neh­mung – Flücht­lin­ge aus sämt­li­chen Her­kunfts­län­dern betref­fen. Der Bar­be­trag ist aber kei­ne frei­wil­li­ge Zusatz­leis­tung, son­dern dient dazu, das ver­fas­sungs­recht­lich garan­tier­te sozio­kul­tu­rel­le Exis­tenz­mi­ni­mum – also ein Mini­mum an Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben – zu ermög­li­chen.

Flücht­lin­gen zu unter­stel­len, wegen der gerin­gen Bar­geld­leis­tun­gen (143 Euro für Allein­ste­hen­de) nach Deutsch­land ein­zu­rei­sen, ist nicht nur ein Hohn für all jene Men­schen, die vor ras­sis­ti­scher Dis­kri­mi­nie­rung, Krieg und Ver­fol­gung flie­hen, die­ser Popu­lis­mus befeu­ert eine Neid­de­bat­te, die den Nähr­bo­den für eine wei­te­re Zunah­me der ras­sis­ti­schen Het­ze und Gewalt gegen Flücht­lin­ge schafft.

All dies ist ein fata­les Signal ange­sichts der nicht abeb­ben­den Wel­le ras­sis­ti­scher Gewalt gegen Flücht­lin­ge: Auch in der letz­ten Nacht wur­den wie­der Flücht­lings­hei­me ange­zün­det, bei einem mut­maß­li­chen Brand­an­schlag in Baden-Würt­tem­berg wur­den meh­re­re Men­schen ver­letzt.

Hilfs­be­reit­schaft der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger wird kon­ter­ka­riert

Ein fata­les Signal sind die Beschlüs­se auch ange­sichts der Tat­sa­che, dass in den letz­ten Tagen in Deutsch­land tau­sen­de Men­schen Flücht­lin­ge an den Bahn­hö­fen und ande­ren Orten mit spon­ta­nen Hilfs­ak­tio­nen begrüß­ten. Die Wel­le der Hilfs­be­reit­schaft gegen­über Schutz­su­chen­den wird zwar von der Bun­des­re­gie­rung in höchs­ten Tönen gelobt, doch de fac­to wird das Enga­ge­ment der Zivil­ge­sell­schaft durch das dis­kri­mi­nie­ren­de und aus­gren­zen­de Maß­nah­men­pa­ket der Bun­des­re­gie­rung deut­lich kon­ter­ka­riert.

Den Flücht­lin­gen, die hoff­nungs­voll mit Mer­kel­pos­tern oder Deutsch­land­fah­nen aus Ungarn nach Deutsch­land ein­reis­ten und hier an den Bahn­hö­fen von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern mit Hilfs­gü­tern und Applaus emp­fan­gen wur­den, droht, dass sie schon bald über län­ge­re Zeit in zer­mür­ben­den über­füll­ten Lagern fest­ge­setzt wer­den – aus­ge­grenzt, ent­rech­tet und stig­ma­ti­siert.

Die Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen wird sich daher nicht län­ger auf Klei­der­spen­den und Will­kom­mens­ges­ten beschrän­ken kön­nen, son­dern sich drin­gend gegen die aktu­el­len Plä­ne der Bun­des­re­gie­rung rich­ten müs­sen – um CDU, CSU und SPD zu ver­deut­li­chen, dass die neun­zi­ger Jah­re defi­ni­tiv vor­bei sind.

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