06.08.2013
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"Safety first" - Die Crew der "MT Salamis" rettete 102 Flüchtlinge aus Seenot und wollte sie nach Malta in einen sicheren Hafen bringen.

Der Tanker „Salamis“ hat bei einer Rettungsaktion nahe der libyschen Küste 102 Flüchtlinge aufgenommen. Doch Malta und Italien weigern sich, die vermutlich aus Eritrea und Äthiopien stammenden Bootsflüchtlinge aufzunehmen, obwohl sie dazu nach internationalem Recht verpflichtet sind. PRO ASYL fordert die EU auf, die Aufnahme der geretteten Bootsflüchtlinge in einem sicheren Hafen in Europa zu gewährleisten.

In der Nacht von Sonn­tag auf Mon­tag ret­te­te die Crew der „Sala­mis“ 102 Flücht­lin­ge aus See­not. Die ita­lie­ni­schen See­not­ret­tungs­be­hör­den hat­ten das Schiff über den Auf­ent­halts­ort der Schiff­brü­chi­gen infor­miert und um deren Ret­tung ange­sucht. Wäh­rend die ita­lie­ni­schen Behör­den das Schiff anwie­sen, die Flücht­lin­ge „in einen siche­ren Hafen“ in Liby­en zurück­zu­brin­gen, nahm der Tan­ker Kurs auf Mal­ta, wird vom mal­te­si­schen Mili­tär jedoch an der Ein­fahrt in mal­te­si­sche Gewäs­ser gehin­dert. Die Schiff­brü­chi­gen, dar­un­ter 20 Frau­en und ein Baby, sit­zen auf dem Tank­schiff fest. Ihre Lage ist pre­kär, eini­ge benö­ti­gen medi­zi­ni­sche Hil­fe.

Das Inter­na­tio­na­le Über­ein­kom­men von 1979 über den Such- und Ret­tungs­dienst auf See (SAR) ver­pflich­tet Schiff­crews, geret­te­te Flücht­lin­ge „an einen siche­ren Ort“ zu brin­gen. Im Annex der Kon­ven­ti­on heißt es, der nächs­te siche­re Hafen kön­ne nicht allein geo­gra­fisch bestimmt wer­den. Geret­te­te Asyl­su­chen­de und Flücht­lin­ge dürf­ten nicht an einen Ort gebracht wer­den, an dem ihr Leben und ihre Frei­heit in Gefahr sei­en. Die Inter­na­tio­na­le Mee­res­or­ga­ni­sa­ti­on (IMO) betont aus­drück­lich: Bei der Suche nach einem siche­ren Ort muss berück­sich­tigt wer­den, ob den Geret­te­ten dort Gefah­ren für Leib und Leben dro­hen, weil sie von Ver­fol­gung bedroht sind (Mari­ti­me Safe­ty Com­mit­tee, Reso­lu­ti­on MSC.167(78), 6.17. In Liby­en dro­hen Flücht­lin­gen schwe­re Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, ein funk­tio­nie­ren­des Asyl­sys­tem, das Flücht­lin­gen Schutz bie­tet, exis­tiert nicht.

Die Anwei­sung der ita­lie­ni­schen Behör­den, das Schiff sol­le die Schutz­su­chen­den nach Liby­en zurück­brin­gen, kommt ange­sichts der Situa­ti­on von Flücht­lin­gen in Liby­en einem Ver­such gleich, die Schutz­su­chen­den unter Miss­ach­tung des soge­nann­ten Refou­le­ment-Ver­bots von einem Han­dels­schiff völ­ker­rechts­wid­rig zurück­zu­schie­ben zu las­sen. Nach Infor­ma­tio­nen von Mal­ta Today wur­den bereits Flücht­lin­ge, die in der­sel­ben Nacht von einem tür­ki­schen Schiff geret­tet wor­den waren, von die­sem auf Anwei­sung Ita­li­ens nach Tri­po­lis zurück­ge­scho­ben.

Erneut wird auf dem Rücken von aus See­not geret­te­ten Flücht­lin­gen ein zyni­scher euro­päi­scher Macht­kon­flikt aus­ge­tra­gen, bei dem die Mensch­lich­keit gegen­über 102 schutz­be­dürf­ti­gen Män­nern, Frau­en und Kin­dern auf der Stre­cke bleibt. Ihr Leben, ihre kör­per­li­che Unver­sehrt­heit spie­len bei die­ser mili­tä­ri­schen Blo­cka­de in den inter­na­tio­na­len Gewäs­sern vor Mal­ta kei­ne Rol­le. PRO ASYL stellt fest: Es gibt kei­nen „siche­ren Hafen“ für Flücht­lin­ge in Liby­en. Auch nach der Gad­da­fi- Ära sind Schutz­su­chen­de dort schwe­ren Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen aus­ge­setzt. Soll­ten euro­päi­sche Staa­ten den Tan­ker zur Rück­kehr nach Liby­en zwin­gen, wer­den die Men­schen- und Flücht­lings­rech­te der Geret­te­ten ver­letzt.

Der har­sche Umgang mit dem Schiff und der Crew der Sala­mis soll eine abschre­cken­de Wir­kung erzie­len. In die­sem See­ge­biet sind in den letz­ten bei­den Jah­ren cir­ca 3000 Boots­flücht­lin­ge ertrun­ken. In zahl­rei­chen doku­men­tier­ten Fäl­len, weil Poli­zei-, Mili­tär- und kom­mer­zi­el­le Schif­fe die See­not­ret­tung ver­wei­gert hat­ten. Das mili­tä­ri­sche Droh­sze­na­rio gegen­über des Tan­kers Sala­mis sen­det erneut eine fata­le Bot­schaft an ande­re Schiffs­be­set­zun­gen aus: Schaut weg, fahrt wei­ter und erspart Euch die Pro­ble­me im Umgang mit Schiffs­brü­chi­gen.

Ein Ende der euro­päi­schen Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem tau­send­fa­chen Ster­ben wür­de in einem ers­ten Schritt bedeu­ten, eine gemein­sa­me Auf­nah­me­po­li­tik für Boots­flücht­lin­ge zu ent­wi­ckeln und der völ­ker­rechts­wid­ri­gen Zurück­wei­sungs­po­li­tik nach Liby­en eine kla­re Absa­ge zu ertei­len.

Quel­len und wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen:

Mal­ta Today: “Mal­ta, Ita­ly bide their time as con­di­ti­ons on the Sala­mis worsen”
Mal­ta Today: “Tan­ker car­ry­ing migrants denies it was inst­ruc­ted to head to Libya”
Com­mis­sio­ner Ceci­lia Malm­ström urges the Mal­te­se aut­ho­ri­ties to take action
Erklä­rung mal­te­si­scher NGOs: “Pre­ser­va­ti­on of life should be the top-most prio­ri­ty” (PDF)
State­ment des Netz­werks “Wel­co­me to Euro­pe“
PRO ASYL: “Flücht­lin­ge in See­not – Han­deln und Hel­fen” (PDF)

 Haft­la­ger Hal Far auf Mal­ta: Poli­zei­ein­satz gegen Flücht­lin­ge (26.02.14)

 Land in Sicht: Flücht­lin­ge auf der MT Sala­mis in Ita­li­en auf­ge­nom­men (07.08.13)

 Refu­gees on „MT Sala­mis“ – PRO ASYL demands recep­ti­on in Euro­pe (06.08.13)

 Flücht­lin­ge auf der MT Sala­mis: Flücht­lin­ge nicht nach Liby­en abschie­ben (06.08.13)