30.08.2018
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Die syrische Stadt Homs, 2012. Foto: Bo Yaser / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Mitten im Sommerloch hat CDU-Politiker Haseloff eine Debatte angestoßen, die weitere Kreise gezogen hat als es die Absurdität des Vorschlags vermuten ließ: Syrische Flüchtlinge sollen bald in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden. Angesichts der katastrophalen Zustände im Land und der Gefahren für Rückkehrer ist das eine absolut abwegige Idee.

Ja, es gibt seit lan­gem Bin­nen­flücht­lin­ge, die inner­halb Syri­ens an ihre Wohn­or­te zurück­keh­ren. Es gibt auch Flücht­lin­ge, die aus dem Aus­land zurück­keh­ren, zum Bei­spiel aus Deutsch­land wegen des Frusts über den geschei­ter­ten Fami­li­en­nach­zug oder aus dem Liba­non, wo der sozia­le und poli­ti­sche Druck zur Rück­kehr wächst. Die »frei­wil­li­ge« Rück­kehr ist bis­lang aller­dings ein Expe­ri­ment auf eige­nes Risi­ko, das bis­wei­len böse endet.

Neben Sach­sen-Anhalts Minis­ter­prä­si­dent Haseloff, pro­pa­giert vor allem der rus­si­sche Prä­si­dent und Assad-Ver­bün­de­te Putin die Heim­kehr von Syre­rin­nen und Syrern. Im Vor­feld eines Tref­fens mit Bun­des­kanz­le­rin Mer­kel am 18. August in Mese­berg for­der­te er die Euro­päi­sche Uni­on auf, sich finan­zi­ell am Wie­der­auf­bau Syri­ens zu betei­li­gen, sodass Geflüch­te­te so schnell wie mög­lich zurück­keh­ren kön­nen – unter Assad. Im Hin­blick auf frü­he­rer außen­po­li­ti­sche Bezie­hun­gen mit Syri­en wäre es für die deut­sche Füh­rung gar nicht so abwe­gig, die­ser For­de­rung nach­zu­kom­men: Vor gar nicht all­zu lan­ger Zeit haben vie­le deut­sche Poli­ti­ker den Assad-Clan um Vater und Sohn hofiert, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen igno­riert und Geflüch­te­te in die Fol­ter­knäs­te des Regimes abge­scho­ben, mit dem sie ein Rück­über­nah­me­ab­kom­men abschlos­sen, als sei­en die Assads demo­kra­ti­sche Part­ner. Nun ist es durch­aus denk­bar, dass Assad als real­po­li­ti­sches Übel aus der Asche sei­nes Lan­des wie­der zu einem »Freund Deutsch­lands« auf­steigt.

Die politische Debatte in Deutschland greift vor

Allen vor­an springt selbst­ver­ständ­lich die AfD auf die­sen Zug auf, lobt Putins Vor­schlag als »ver­nünf­tig«. AfD-Poli­ti­ker Ham­pel for­dert, das Ziel deut­scher Asyl­po­li­tik müs­se es sein, »eine Situa­ti­on zu schaf­fen, die die Rück­kehr der Flücht­lin­ge in ihre Hei­mat ermög­licht.« Wie die Asyl­po­li­tik in Deutsch­land einen Ein­fluss auf die Lage in Syri­en haben soll, erklärt Ham­pel nicht, doch die pas­sen­de For­de­rung hat die AfD schon in pet­to:  Als Sofort­maß­nah­me soll der Nach­zug von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen aus Syri­en aus­ge­setzt wer­den. Und mit Assad müs­se man ver­han­deln, ob es gefällt oder nicht. Die Bun­des­re­gie­rung bezeich­net eine Debat­te über die von Putin gefor­der­ten Wie­der­auf­bau­hil­fen zwar als ver­früht, der stell­ver­tre­ten­de CDU/C­SU-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­de Wade­phul betont aber, dass Deutsch­land prin­zi­pi­ell zum Wie­der­auf­bau bei­tra­gen soll­te. Nur so »wer­den Flücht­lin­ge zurück­keh­ren bezie­hungs­wei­se nicht wei­ter hier­her wan­dern wol­len.« FDP-Frak­ti­ons­vi­ze Lambs­dorff wünscht sich dabei defi­ni­tiv »eine Zukunft für Syri­en ohne den Assad-Clan.« Anders CDU-Poli­ti­ker Hardt: Er könn­te sich eine Rol­le des Regimes im Rah­men des Gen­fer Frie­dens­pro­zes­ses zumin­dest über­gangs­wei­se vor­stel­len. Der außen­po­li­ti­sche Spre­cher der SPD-Frak­ti­on Schmid ver­lang­te die Auf­ar­bei­tung der Kriegs­ver­bre­chen und die Ein­be­zie­hung der syri­schen Oppo­si­ti­on bei Ver­hand­lun­gen über eine Frie­dens­ord­nung. Soweit so gut.

Ein bal­di­ger Frie­den ist über­haupt nicht in Sicht – schon gar kei­ner, der ein Ende der Dik­ta­tur von Assad zur Fol­ge hät­te.

Aber all die­se Äuße­run­gen ver­schlei­ern einen essen­ti­el­len Punkt: Ein bal­di­ger Frie­den ist über­haupt nicht in Sicht – schon gar kei­ner, der ein Ende der Dik­ta­tur von Assad zur Fol­ge hät­te. Beob­ach­ter im Iran spe­ku­lie­ren sogar, dass die Opti­on »Assad bleibt, Iran geht« ein inter­na­tio­na­ler Kom­pro­miss sein könn­te, da die USA und Isra­el Russ­land drän­gen, den ira­ni­schen Ein­fluss in Syri­en zu begren­zen. Bis­her gehört der Iran gemein­sam mit Russ­land und der schii­ti­schen His­bol­lah-Miliz aus dem Liba­non zu den wich­tigs­ten Unter­stüt­zern von Staats­chef Assad. Sogar für den Iran selbst, scheint »Assad bleibt, Iran geht« eine mög­li­che Lösung zu sein: Dem Han­dels­blatt zufol­ge sag­te ein ira­ni­scher Regie­rungs­spre­cher: »Sobald wir das Gefühl haben, dass Syri­en sich einer Sta­bi­li­tät nähert, kön­nen auch wir defi­ni­tiv unse­re mili­tä­ri­schen Bera­tun­gen redu­zie­ren – oder ganz abzie­hen« und folgt damit einem Auf­ruf Russ­lands, mit Beginn des poli­ti­schen Pro­zes­ses in Syri­en (und dem Sieg Assads) soll­ten sich alle aus­län­di­schen Trup­pen aus Syri­en zurück­zie­hen.

Rückkehrer in Gefahr

Russ­lands Son­der­ge­sand­ter für Syri­en, Alex­an­der Lav­ren­tiev, beteu­ert, die rück­keh­ren­den Flücht­lin­ge hät­ten in ihrer Hei­mat unter Assad nichts zu befürch­ten, doch Zwei­fel an die­sen Beteue­run­gen sind groß. Statt um Reinte­gra­ti­on und Ver­söh­nung geht es dem syri­schen Staats­chef wahr­schein­lich doch eher um Abrech­nung mit sei­nen Geg­nern.

Um sich aus­zu­ma­len, was Rück­keh­rern blüht, falls Assad bleibt, braucht man dann auch nicht viel Fan­ta­sie. Der Dik­ta­tor meint, durch acht Jah­re Krieg sei eine »gesün­de­re und homo­ge­ne­re Gesell­schaft« ent­stan­den. Sein Luft­waf­fen­ge­heim­dienst­chef schießt nach: Für Gene­ral Jamil Hassan ist ein Syri­en mit »10 Mil­lio­nen ver­trau­ens­wür­di­gen Leu­ten, die der Füh­rung gehor­chen« bes­ser als ein Land mit »30 Mil­lio­nen Van­da­len«. Der Fol­ter­ge­ne­ral, in des­sen Ver­lie­sen Tau­sen­de zu Tode gequält wur­den, soll kürz­lich gesagt haben, dass das Regime syri­sche Flücht­lin­ge nach ihrer Rück­kehr »wie Scha­fe« behan­deln wird: »Wir wer­den die schlech­ten aus­sor­tie­ren und die guten nut­zen«. Man muss nicht beim Schlach­ter arbei­ten, um zu wis­sen, was mit aus­sor­tier­ten Scha­fen pas­siert. Rund 1,5 Mil­lio­nen Per­so­nen sol­len auf einer Fahn­dungs­lis­te der Geheim­diens­te ste­hen, vie­le wei­te­re wis­sen nicht, ob sie auch ohne Nen­nung dar­auf nicht trotz­dem gesucht wer­den.

Män­ner bis ins mitt­le­re Alter wer­den zwangs­re­kru­tiert, Ärz­te, Weiß­hel­me und Akti­vis­ten ver­haf­tet und gefol­tert.

Auch die Erfah­run­gen mit angeb­li­chen Ver­söh­nungs­ab­kom­men spre­chen für sich. Sol­che wur­den in allen Gebie­ten, die das Regime in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zurück­er­obert oder durch jah­re­lan­ge Bela­ge­rung zur Auf­ga­be gezwun­gen hat, geschlos­sen. Doch sobald die Auf­stän­di­schen ihre Waf­fen nie­der­ge­legt hat­ten, gal­ten die Ver­spre­chen des Regimes nichts mehr. Män­ner bis ins mitt­le­re Alter wer­den zwangs­re­kru­tiert, medi­zi­ni­sches Per­so­nal, Weiß­hel­me und Akti­vis­ten ver­haf­tet und gefol­tert. Etwa der Arzt Mutaz Htai­ta­ni, der in Ost-Ghou­ta prak­ti­zier­te, wäh­rend das Regime das Gebiet bela­ger­te. Als im März rus­si­sche und syri­sche Trup­pen den Zivi­lis­ten frei­es Geleit ver­spra­chen, nahm Htai­ta­ni das Ange­bot an. Trotz­dem wur­de er fest­ge­nom­men. Anfang August infor­mier­te das Regime sei­ne Fami­lie über den Tod Htai­ta­nis. Der Will­kür des Assad-Regimes aus­ge­setzt sind auch die ers­ten Rück­keh­rer aus Jor­da­ni­en, Liba­non, Tür­kei und Euro­pa. Sie berich­ten von Dro­hun­gen, Ver­hö­ren und Schi­ka­nen. Von Auf­ar­bei­tung kei­ne Spur – Rück­keh­rer müs­sen sich statt­des­sen mit dem Staat »ver­söh­nen«. Das heißt, sie müs­sen unter­schrei­ben, an der Rebel­li­on gegen die Regie­rung betei­ligt gewe­sen zu sein, womit das Regime dann über Jah­re ein Druck­mit­tel gegen die Betrof­fe­nen in der Hand hat. Die Doku­men­te die­nen als Grund­la­ge für hun­der­te von Fest­nah­men – vor allem in den ehe­ma­li­gen Rebel­len­en­kla­ven Ost-Ghou­ta und Dar­aa. Manch­mal genügt sogar ein Tele­fo­nat mit Ver­wand­ten in Idlib oder der Tür­kei, um im Gefäng­nis zu lan­den. Im Juli nah­men Geheim­dienst­mit­ar­bei­ter meh­re­re Frau­en fest, die mit ver­trie­be­nen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen tele­fo­niert hat­ten. Ursprüng­lich soll­te das rus­si­sche Mili­tär die Ein­hal­tung der »Ver­söh­nungs­ab­kom­men« kon­trol­lie­ren. Bewoh­ner der Vor­or­te von Damas­kus berich­ten dage­gen, dass sich die rus­si­schen Mili­tär­po­li­zis­ten weit­ge­hend aus dem Gebiet zurück­ge­zo­gen hät­ten. Dem­entspre­chend könn­ten die syri­schen Geheim­diens­te und Sicher­heits­ap­pa­ra­te nun unge­hin­dert Ein­woh­ner ter­ro­ri­sie­ren.

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Alep­po 2009, inzwi­schen gleicht die Stadt einer Trüm­mer­wüs­te. Die Chus­ra­wi­y­ya-Moschee wur­de 2014 kom­plett zer­stört. Foto: Laz­har Nef­ti­en / flickr / CC BY 2.0

Kriegerische Auseinandersetzungen gehen weiter

Wo die Zwei­fel an Assads Ver­söh­nungs­wil­len und rus­si­schen Beteue­run­gen her­rüh­ren, ist also klar. Und selbst wenn man den Ver­spre­chun­gen Glau­ben schen­ken wür­de – so herr­schen in Syri­en noch immer Bür­ger­kriegs­ver­hält­nis­se. Das Jahr 2018 begann mit einem Luft­an­griff auf ein Kran­ken­haus in Idlib. Nach UN-Anga­ben flo­hen Tau­sen­de aus der Regi­on. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen war­fen dem Assad-Regime vor, gezielt Kran­ken­häu­ser in der Pro­vinz anzu­grei­fen.

Assads Ver­bün­de­ter Russ­land ging wäh­rend­des­sen inten­siv gegen Auf­stän­di­sche in Ost-Ghou­ta vor. Von Febru­ar bis April eska­lier­te der Kampf um Ost-Ghou­ta, Che­mie­waf­fen wie Chlor­gas sol­len vom syri­schen Regime ein­ge­setzt wor­den sein und selbst kur­ze Feu­er­pau­sen, um die Men­schen mit Hilfs­gü­tern zu ver­sor­gen und Ver­wun­de­te abzu­trans­por­tie­ren, wur­den von Assad lan­ge Zeit abge­lehnt. Nach der Erobe­rung durch die Regie­rung flüch­te­ten tau­sen­de Zivi­lis­ten, vor allem in die noch über­wie­gend von Rebel­len beherrsch­te Regi­on Idlib.

Das Ein­grei­fen der Tür­kei im Nor­den Syri­ens ver­schärf­te die Kon­flik­te wei­ter.

Vor eini­gen Mona­ten hat­te auch das Ein­grei­fen der Tür­kei im Nor­den Syri­ens die Kon­flik­te wei­ter ver­schärft. Die Tür­kei sieht die kur­di­schen Ein­hei­ten unter der Füh­rung der Grup­pe YPG an ihrer Gren­ze als syri­schen Able­ger der ver­bo­te­nen kur­di­schen Arbei­ter­par­tei PKK. Im Janu­ar 2018 beschos­sen die tür­ki­sche Artil­le­rie und pro-tür­ki­sche Mili­zen daher Dör­fer um die von Kur­den kon­trol­lier­te Stadt Afrin im Nord­wes­ten Syri­ens. Dort leb­ten auch schät­zungs­wei­se rund 10.000 Jesi­den, die somit  direk­te Zie­le der tür­ki­schen Mili­tär­of­fen­si­ve wur­den. Es folg­ten schwe­re Angrif­fe auf die Stadt selbst, bis sie im März von der Tür­kei ein­ge­nom­men wur­de. Der tür­ki­sche Staats­prä­si­dent will die grenz­über­schrei­ten­den Ein­sät­ze des tür­ki­schen Mili­tärs in Syri­en und im Irak jetzt aus­wei­ten. Er wer­de »die Quel­le der Bedro­hung« für sein Land tro­cken­le­gen, sag­te er kürz­lich beim Par­tei­tag sei­ner isla­misch-kon­ser­va­ti­ven AKP in Anka­ra.

Was das nun unter ande­rem für die umkämpf­te Regi­on Idlib bedeu­tet ist unklar. Assad will sie erobern – Russ­land, Iran und die Tür­kei wol­len das Vor­ha­ben aus ihrem jewei­li­gen poli­ti­schen Inter­es­se her­aus nicht unter­stüt­zen. «Idlib ist nun das nächs­te Ziel», sag­te der syri­sche Dik­ta­tor Ende Juli. Mit­te August ver­stärk­te die syri­sche Armee ihre Mili­tär­ope­ra­ti­on gegen die Al-Nus­ra-Front nörd­lich von Hama, einem stra­te­gisch wich­ti­gen Punkt, da das Gebiet an die Regi­on Idlib grenzt.

Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen war­nen vor einer huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe in der Regi­on Idlib.

Eine schwei­ze­ri­sche Zei­tung berich­tet unter Beru­fung auf die regie­rungs­na­he syri­sche Zei­tung Al-Watan, dass Assad das größ­te Trup­pen­auf­ge­bot seit 2011 in die Regi­on im Nor­den geschickt hat. Dort leben aktu­ell zwei bis drei Mil­lio­nen Men­schen, vie­le sind syri­sche Bin­nen­flücht­lin­ge oder Auf­stän­di­sche, die Assad dort­hin gedrängt bzw. sogar in eige­nen Bus­sen dort­hin ver­frach­tet hat. Mög­li­cher­wei­se um ihnen jetzt den letz­ten, töd­li­chen Schlag zu ver­set­zen. In die Schuss­li­nie gera­ten wer­den wohl vor allem Zivi­lis­ten. Mit der Offen­si­ve auf die letz­te gro­ße Hoch­burg der Auf­stän­di­schen, bei der auch wie­der Che­mie­waf­fen zum Ein­satz kom­men könn­ten, wür­de Assad erneut eine gro­ße Flucht­wel­le aus­lö­sen. Die Ver­ein­ten Natio­nen befürch­ten, dass der Ein­marsch in Idlib über zwei Mil­lio­nen Men­schen zur Flucht in Rich­tung tür­ki­sche Gren­ze zwin­gen könn­te, was wie­der­um der tür­ki­sche Prä­si­dent Erdo­gan zu ver­hin­dern sucht.

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Syri­sche Gou­ver­ne­ments. Gra­fik: Wiki­pe­dia / CC BY-SA 3.0

Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen war­nen vor einer Offen­si­ve der syri­schen Armee in Idlib, wel­che zu einer huma­ni­tä­ren Kata­stro­phe füh­ren wür­de. Care Inter­na­tio­nal sieht ein Aus­maß an zivi­lem Leid vor­aus, wie es in sie­ben Jah­ren Krieg noch nie da gewe­sen sei. Die Kran­ken­häu­ser in Idlib sei­en bereits über­las­tet und könn­ten die erwar­ten­den Ver­letz­ten bei einer gro­ßen Mili­tär­of­fen­si­ve nicht mehr ver­sor­gen. Auch die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) warnt vor einem Anstieg aku­ter Unter­ernäh­rung und dem Aus­bruch von Krank­hei­ten in Idlib. Die Ver­hin­de­rung von Imp­fun­gen kön­ne dazu füh­ren, dass sich Krank­hei­ten wie Polio aus­brei­te­ten. »Die Gesund­heits­si­tua­ti­on im Nord­wes­ten Syri­ens ist bereits schlecht und wird sich vor­aus­sicht­lich ver­schlech­tern«, sag­te WHO-Regio­nal­di­rek­tor Thie­ren. »Wenn die WHO kei­ne zusätz­li­chen Mit­tel erhält, haben mehr als zwei Mil­lio­nen Men­schen, die zwi­schen die Fron­ten gera­ten sind, kei­nen Zugang zu medi­zi­ni­scher Grund­ver­sor­gung, ein­schließ­lich lebens­ret­ten­der Maß­nah­men.«

Todesfälle wegen Wassermangel

Abge­se­hen von der kata­stro­pha­len Pro­gno­se für Idlib sind Wohn­vier­tel, Dör­fer und Städ­te in ganz Syri­en oft völ­lig zer­stört und geplün­dert. Es gibt weder Was­ser noch Strom, weder Schu­len noch Kran­ken­häu­ser. »Vor­ab bereit gestell­te Mate­ria­li­en für Not­un­ter­künf­te und ein­fachs­te Haus­halts­ge­gen­stän­de sind nun auf­ge­braucht. Damit sind die Ver­trie­be­nen hohen Tem­pe­ra­tu­ren und Wüs­ten­win­den schutz­los aus­ge­setzt. Es gibt bereits Berich­te von Todes­fäl­len wegen Was­ser­man­gels oder ver­schmutz­tem Was­ser«, berich­tet der Chef der UN-Not­hil­fe Low­cock.

Das Kin­der­hilfs­werk UNICEF oder »Save the Child­ren« wei­sen schon län­ger auf die Fol­gen die­ses Krie­ges hin, spe­zi­ell für Kin­der, die wäh­rend ihrer wich­tigs­ten Ent­wick­lungs­pha­se nichts ande­res erle­ben als Krieg und Gewalt. Mäd­chen und Jun­gen sei­en so trau­ma­ti­siert, dass sie psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe bräuch­ten, um ihr Leben trotz der ver­hee­ren­den Bil­der im Kopf in den Griff zu bekom­men. Aber wo noch nicht ein­mal Was­ser und Lebens­mit­tel rei­chen, scheint die­se Form der Unter­stüt­zung weit ent­fernt.

Zu den Ver­bre­chen gegen Kin­der gehö­ren neben Rekru­tie­rung und Ermor­dung auch Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Angrif­fe auf Kran­ken­häu­ser und Schu­len, Ver­schlep­pun­gen und Hilfs­ver­wei­ge­rung.

UNICEF-Berich­ten zufol­ge war das ver­gan­ge­ne Jahr das töd­lichs­te für Kin­der in Syri­en: Min­des­tens 900 Mäd­chen und Jun­gen star­ben im Jahr 2017, die Dun­kel­zif­fer dürf­te weit höher lie­gen. Das lau­fen­de Jahr wird die­se Zah­len aber noch über­tref­fen: In den ers­ten bei­den Mona­ten 2018 wur­den bereits über 1.000 Kin­der getö­tet oder ver­letzt. Zu den Ver­bre­chen gegen Kin­der gehö­ren neben Rekru­tie­rung und Ermor­dung auch Ver­ge­wal­ti­gun­gen, Angrif­fe auf Kran­ken­häu­ser und Schu­len, Ver­schlep­pun­gen und die Wei­ge­rung, Kin­dern Hil­fe zukom­men zu las­sen. Vir­gi­nia Gam­ba, UN-Son­der­be­auf­trag­te für Kin­der in Kon­flik­ten, berich­tet: »Die meis­ten Tötun­gen und Ver­stümm­lun­gen gehen auf die syri­sche Armee und pro-Regie­rungs-Trup­pen zurück.«

Die­se Gräu­el pas­sie­ren, wäh­rend man in Deutsch­land schon über Wie­der­auf­bau­hil­fen und die Pros und Kon­tras von Ver­hand­lun­gen mit Assad debat­tiert. Russ­land, noch bis vor kur­zem als Alli­ier­ter und Luft­waf­fe des syri­schen Regimes von der deut­schen Regie­rung kri­ti­siert, soll jetzt offen­bar Garant des Rück­kehr­pro­zes­ses wer­den. Bei vie­len Flücht­lin­gen dürf­te dies nach ihren Erfah­run­gen eher Ängs­te her­vor­ru­fen als besei­ti­gen. Vie­len von ihnen ist die lan­ge Blut­spur des Assad-Regimes, die lan­ge vor dem Bür­ger­krieg begann, noch leb­haft in Erin­ne­rung.

Die Lage im Moment ist mehr als fatal und macht es für die meis­ten syri­schen Flücht­lin­ge unmög­lich, in das zer­stör­te Land zurück­zu­keh­ren.

Zwar sind nicht alle vor dem Dik­ta­tor geflo­hen. Die Situa­ti­on in Syri­en war und ist kom­plex, Syre­rin­nen und Syrer hat­ten die unter­schied­lichs­ten Grün­de aus dem Land zu flie­hen – vor dem Assad-Regime, vor geziel­ter Ver­fol­gung als Oppo­si­tio­nel­le, vor Flä­chen­bom­bar­de­ments und Kampf­hand­lun­gen, vor bewaff­ne­ten Mili­zen, vor dem »Isla­mi­schen Staat«, wie­der ande­re vor der all­ge­mei­nen Unsi­cher­heit, vor der kata­stro­pha­len Ver­sor­gungs­si­tua­ti­on. So unter­schied­lich, wie die Flucht­grün­de waren, so unter­schied­lich wer­den ihre Mög­lich­kei­ten für eine Rück­kehr sein. Aber egal wie: Die Lage im Moment ist mehr als fatal und macht es für die meis­ten syri­schen Flücht­lin­ge unmög­lich, in das zer­stör­te Land zurück­zu­keh­ren.

(Tina Zapf)


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