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MediNetze, Medizinische Flüchtlingshilfen und Medibüros sind an 33 Standorten in Deutschland im Bereich der Gesundheitsversorgung für Flüchtlinge tätig. Foto: Flickr / Frank Jakobi / CC BY-ND 2.0

Der Leistungsumfang der gesundheitlichen Versorgung für Flüchtlinge ist in den §§ 4, 6 AsylbLG geregelt. Das Team von »Gesundheit für Geflüchtete«, einem Informationsportal von Medibüros und Medinetzen, hat auf seiner Homepage ausführlich beschrieben, in welchem Umfang Flüchtlinge von Ärzt*innen behandelt werden können.

Die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Gesund­heits­ver­sor­gung ist für alle Grup­pen geflüch­te­ter Men­schen im Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz fest­ge­legt.
Aller­dings gibt das Gesetz kei­ne kla­re Defi­ni­ti­on über die kon­kret zu erbrin­gen­den medi­zi­ni­schen Leis­tun­gen, was in der Pra­xis oft­mals zu Ver­un­si­che­run­gen und inkor­rek­ter Aus­le­gung führt. Inzwi­schen gibt es in der Rechts­in­ter­pre­ta­ti­on aller­dings kla­re Hin­wei­se und Kon­kre­ti­sie­run­gen. Anhand des juris­ti­schen Wort­lauts wird die­se nach­fol­gend wie­der­ge­ge­ben.

1. Leis­tungs­be­rech­tig­te Men­schen
Leis­tungs­be­rech­tigt sind alle Men­schen, die Grund­leis­tun­gen nach dem §§ 1, 3 Asyl­bLG erhal­ten, das bedeu­tet in der Regel inner­halb der ers­ten 15 Mona­te des Auf­ent­halts in Deutsch­land. Danach besteht seit dem 01.03.2015 gemäß § 2 Asyl­bLG ein Anspruch auf Leis­tun­gen ent­spre­chend der Sozi­al­hil­fe, was die regu­lä­re gesetz­li­che Kran­ken­ver­si­che­rung ein­schließt. 1

Die nach­fol­gen­den Aus­füh­run­gen zum Leis­tungs­um­fang bezie­hen sich dem­nach nur auf Geflüch­te­te, die sich inner­halb der ers­ten 15 Mona­ten ihres Auf­ent­halts in der BRD befin­den.

2. Leis­tungs­um­fang
Der Leis­tungs­um­fang der gesund­heit­li­chen Ver­sor­gung Geflüch­te­ter ist in den §§ 4, 6 Asyl­bLG gere­gelt. Eine medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung ist im Krank­heits­fall (bei aku­ten Erkran­kun­gen und Schmerz­zu­stän­den) mit ärzt­li­cher und zahn­ärzt­li­cher Ver­sor­gung zu gewähr­leis­ten, ein­schließ­lich der Ver­sor­gung mit Arz­nei- und Ver­band­mit­teln, sowie sons­ti­ger zur Gene­sung, zur Bes­se­rung oder Lin­de­rung von Krank­hei­ten oder Krank­heits­fol­gen erfor­der­li­chen Leis­tun­gen. Zudem sind die amt­lich emp­foh­le­nen Schutz­imp­fun­gen inbe­grif­fen, eben­so wie alle Leis­tun­gen bei Schwan­ger­schaft und Geburt (Vgl. § 4 Asyl­bLG). Dar­über hin­aus kön­nen laut der Öff­nungs­klau­sel § 6 Asyl­bLG »sons­ti­ge Leis­tun­gen […] ins­be­son­de­re […] wenn sie im Ein­zel­fall zur Siche­rung […] der Gesund­heit uner­läß­lich« sind, abge­rech­net wer­den.

Die zustän­di­gen Sozi­al­be­hör­den haben die Ver­pflich­tung, die Leis­tun­gen sicher­zu­stel­len (sog. Sicher­stel­lungs­auf­trag) (ergibt sich aus § 4 Abs. 3 Satz 1 Asyl­bLG).

Die Defi­ni­ti­on der unbe­stimm­ten Rechts­be­grif­fe »aku­ter Erkran­kun­gen« und »Schmerz­zu­stän­de«, wie sie dem Wort­laut des § 4 Asyl­bLG zu ent­neh­men sind, sto­ßen in der Pra­xis regel­mä­ßig auf Ver­un­si­che­run­gen. Daher folgt eine aus­führ­li­che juris­ti­sche Zusam­men­stel­lung zur Aus­le­gung der Norm, nach einer stich­punkt­ar­ti­gen Zusam­men­fas­sung für die kon­kre­te Behand­lungs­pra­xis.

  • immer bei aku­ten Erkran­kun­gen, d. h. plötz­lich auf­tre­ten­de, schnell und hef­ti­ge ver­lau­fen­den Erkran­kun­gen
  • immer bei akut behand­lungs­be­dürf­ti­gen (ins­be­son­de­re auch chro­ni­schen!) Erkran­kun­gen,
  • immer bei Erkran­kun­gen, die mit Schmer­zen ver­bun­den sind,
  • immer wenn die Behand­lung der aku­ten Erkran­kung oder der Schmerz­zu­stän­de untrenn­bar eine The­ra­pie des Grund­lei­dens vor­aus­setzt,
  • ohne jede Ein­schrän­kung (ent­spre­chend des SGB V) Leis­tun­gen bei Schwan­ger­schaft und zur Ent­bin­dung, ein­schließ­lich Heb­am­men­hil­fe und Pfle­ge,
  • immer bei chro­ni­schen Erkan­kun­gen, die sonst akut wer­den wür­den
  • ohne jede Ein­schrän­kung amt­lich emp­foh­le­ne Schutz­imp­fun­gen und medi­zi­nisch gebo­te­ne Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen
  • immer bei Erkran­kun­gen, deren Behand­lung zur Siche­rung der Gesund­heit uner­läss­lich ist, dies kön­nen bspw. auch chro­ni­sche und v. a. psy­chi­sche Erkran­kun­gen sein (§ 6 Asyl­bLG)
  • alle erfor­der­li­chen Leis­tun­gen erfol­gen ohne Kos­ten­be­tei­li­gung des Leis­tungs­be­rech­tig­ten (Zuzah­lun­gen, Fest­be­trä­ge o.ä.) 2

→ zusam­men­ge­fasst ent­spricht dies weit­ge­hend dem Leis­tungs­um­fangs des SGB V, der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung, so wie es seit vie­len Jah­ren im sog. Bre­mer Modell erfolg­reich umge­setzt wird.

1) Leis­tun­gen nach § 4 Asyl­bLG

a) bei aku­ten Erkran­kun­gen
Der Begriff der aku­ten Erkran­kung ist im Gesetz nicht defi­niert, laut dem Kli­ni­schen Wör­ter­buch Pschyrem­bel und der Recht­spre­chung 3 ist dar­un­ter eine plötz­lich auf­tre­ten­de, schnell und hef­tig ver­lau­fen­de Erkran­kung zu ver­ste­hen, im Gegen­satz zur chro­ni­schen Erkran­kung. Die Abgren­zung zwi­schen aku­ter und chro­ni­scher Erkran­kun­gen hat unter medi­zi­ni­schen Gesichts­punk­ten und im Ein­zel­fall zu erfol­gen, dies kann nur eine behan­deln­de Ärzt*in beur­tei­len. 4 Die Behand­lung einer chro­ni­schen Erkran­kun­gen ist dann zu gewähr­leis­ten, wenn damit aku­te, kon­kret behand­lungs­be­dürf­ti­ge Krank­heits­zu­stän­de ein­her­ge­hen. Auch kann eine Behand­lung der chro­ni­schen Erkran­kung (laut § 4 Abs. 1 S. 1 Asyl­bLG) bean­sprucht wer­den, wenn die Behand­lung der aku­ten Erkran­kung oder der Schmerz­zu­stän­de untrenn­bar eine The­ra­pie des Grund­lei­dens vor­aus­setzt. 5

b) bei Schmerz­zu­stän­den
Eben­so ist die Begriff­lich­keit Schmerz­zu­stän­de gesetz­lich nicht defi­niert, die medi­zi­ni­sche Ter­mi­no­lo­gie ver­steht dar­un­ter eine »kom­ple­xe Sin­nes­wahr­neh­mung unter­schied­li­cher Qua­li­tät (bspw. ste­chend, zie­hend, bren­nend, drü­ckend), die i.d.R. durch Stö­run­gen des Wohl­be­fin­dens als lebens­wich­ti­ges Sym­ptom von Bedeu­tung ist«. 6 Im Sin­ne des § 4 Abs. 1. S. 1 Asyl­bLG ist dar­un­ter ein mit aktu­el­len oder poten­zi­el­len Gewebs­schä­di­gung ver­knüpf­ter unan­ge­neh­mer Sin­nes- und Gefühls­zu­stand zu ver­ste­hen, der aus medi­zi­ni­schen Grün­den der ärzt­li­chen oder zahn­ärzt­li­chen Behand­lung bedarf. 7 Dem­nach sieht die Aus­le­gung der Norm einen Behand­lungs­an­spruch sowohl bei aku­ten (z. B. Auf­grund von Ver­let­zun­gen oder Zahn­schmer­zen) als auch bei chro­ni­schen Schmerz­zu­stän­den (z. B. Bei Migrä­ne oder Krebs­lei­den) vor, die Unter­schei­dung nach chro­ni­schem, d. h. lang­sam wach­sen­dem oder unmit­tel­bar auf­tre­ten­dem Schmerz kann bei Vor­lie­gen der Sym­pto­me nicht maß­geb­lich sein. 8

Bei Schmerz­zu­stän­den besteht immer ein Anspruch auf die erfor­der­li­che Behand­lung, unab­hän­gig davon, ob die Schmer­zen akut oder chro­nisch sind. »Akut« im Sin­ne der Norm bezieht sich nur auf Erkran­kun­gen, nicht auf Schmerz­zu­stän­de. 9

Bei chro­ni­schen Erkran­kun­gen soll­ten neben den aku­ten und schmerz­haf­ten Beschwer­den auch die Schwe­re und das Aus­maß ermit­telt wer­den, eben­so wie die dro­hen­den Gesund­heits­fol­gen bei Ableh­nung oder Behand­lung (kurz- oder län­ger­fris­ti­ge Pro­gno­se). Ent­spre­chend des Ergeb­nis­ses ist die Behand­lung aus­rei­chend zu erbrin­gen. Eine Leis­tungs­grund­la­ge kann sich neben dem § 4 Abs. 1 auch aus dem § 6 Asyl­bLG erge­ben (sie­he nach­fol­gend 2), Leis­tun­gen nach § 6 Asyl­bLG), was in der Pra­xis oft­mals ver­kannt wird. 10

Grund­sätz­lich hat der Leis­tungs­um­fang den all­ge­mei­nen Regeln des gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rungs­rechts zu ent­spre­chen, wonach die Behand­lung nach den Regeln ärzt­li­cher Kunst, aus­rei­chend und zweck­ge­mäß (Vgl. § 28 Abs. 1 Satz 1 SGB V), erfol­gen muss, wirt­schaft­lich zu sein hat und das Maß des Not­wen­di­gen nicht über­schrei­ten soll (§ 12 Abs. 1 SGB V).

c) Ver­sor­gung mit Arz­nei- und Ver­bands­mit­teln
Es sind alle medi­zi­nisch not­wen­di­gen Arz­nei- und Ver­bands­mit­tel zu gewähr­leis­ten ana­log zu den Leis­tun­gen der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung (§ 31 SGB V). Zu beach­ten ist hier­bei, dass alle erfor­der­li­chen Arz­nei- und Ver­band­mit­tel ohne Kos­ten­be­tei­li­gung des Leis­tungs­be­rech­tig­ten (Zuzah­lun­gen, Fest­be­trä­ge o. ä.) erfol­gen. 11

d) bei sons­ti­ger zur Gene­sung, zur Bes­se­rung oder zur Lin­de­rung von Krank­hei­ten oder Krank­heits­fol­gen erfor­der­li­chen Leis­tun­gen
Die­se Leis­tun­gen kön­nen bspw. die Ver­sor­gung mit Heil- und Hilfs­mit­teln (z. B. Roll­stuhl, Bril­le, Pro­the­se usw.), not­wen­di­ge Heil- und Gene­sungs­ku­ren, Maß­nah­men der häus­li­che Kran­ken­pfle­ge und Haus­halts­hil­fe, medi­zi­ni­sche und ergän­zen­de Leis­tun­gen zur Reha­bi­li­ta­ti­on wie Kos­ten für die sta­tio­nä­re Unter­brin­gung – z. B. eines schwer mehr­fach behin­der­ten Kin­des in einer Behin­der­ten­ein­rich­tung 12 – sein. Eben­so gehö­ren Fahrt­kos­ten zur Kran­ken­be­hand­lung 13, eben­so Dol­met­scher­kos­ten, was in der Pra­xis teil­wei­se ver­kannt wird. 14

e) Zahn­ersatz
Eine Ver­sor­gung mit Zahn­ersatz ist gemäß Abs. 1 Satz 2 nur mög­lich, wenn die­se unauf­schieb­bar, d. h. unmit­tel­bar not­wen­dig ist. Für die Not­wen­dig­keit des Zahn­ersat­zes sind allein medi­zi­ni­sche Grün­de rele­vant, die Ent­schei­dung liegt bei der behan­deln­den Zahnärzt*in, nur for­mell bei der zustän­di­gen Sozi­al­be­hör­de; aller­dings kann ein amts­ärzt­li­ches Gut­ach­ten ver­langt wer­den. 15

f) Ver­sor­gung bei Schwan­ger­schaft und Geburt
Nach der Norm wird wer­den­den Müt­tern und Wöch­ne­rin­nen eine umfas­sen­de und wirk­sa­me Hil­fe wäh­rend der Schwan­ger­schaft sowie bei der Geburt zuteil. Nach der Ent­ste­hung der Norm schließt dies alle Leis­tun­gen ent­spre­chend der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ein: übli­che medi­zi­ni­sche Leis­tun­gen der nie­der­ge­las­se­nen Ärzt*innen und sta­tio­nä­rer Auf­ent­hal­te, sämt­li­che Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen für Mut­ter und Kind, Heb­am­men­hil­fe sowie Medi­ka­men­te und Heil­mit­tel. 16

g) Schutz­imp­fun­gen
Die Ver­sor­gung mit amt­lich emp­foh­le­nen Schutz­imp­fun­gen (nach den STIKO- Emp­feh­lun­gen) sind voll­stän­dig in die zu gewäh­ren­den Leis­tun­gen ein­ge­schlos­sen (§ 4 Abs. 3 Satz 1), und von der zustän­di­gen Behör­de anzu­bie­ten. Es besteht jedoch kei­ne Impf­pflicht für die Betrof­fe­nen, sie sind gleich­ge­stellt mit allen Bürger*innen der BRD. 17

h) Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen
Es sind die medi­zi­nisch gebo­te­nen Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen zu gewäh­ren, wor­un­ter u. a. Krebs­vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen (gemäß § 25 Abs. 2 SGB V) und Kin­der­un­ter­su­chun­gen (laut § 26 SGB V) fal­len. Unter­su­chun­gen zur Schwan­ger­schafts­vor­sor­ge und zur Fest­stel­lung der Schwan­ger­schaft sind schon nach § 4 Abs. 2 Asyl­bLG zu leis­ten. 18

2) „Sons­ti­ge“ Leis­tun­gen nach § 6 Asyl­bLG
Neben der ein­ge­schränk­ten Leis­tungs­ge­wäh­rung nach § 4 ist stets die Öff­nungs­klau­sel des § 6 Asyl­bLG zu beach­ten, wonach »sons­ti­ge Leis­tun­gen ins­be­son­de­re gewährt wer­den kön­nen, wenn sie im Ein­zel­fall zur Siche­rung […] der Gesund­heit uner­läss­lich sind.« Der unbe­stimm­te Begriff der Gesund­heit ist im bio­lo­gisch-phy­sio­lo­gi­schen Sinn zu ver­ste­hen und schließt eben­so das psy­chi­sche Wohl­be­fin­den mit ein. 19

a) chro­ni­sche Erkran­kun­gen
Im Ein­zel­fall kann die Behand­lung einer chro­ni­schen Erkran­kung und die Ver­sor­gung mit Arz­nei­mit­teln als sons­ti­ge Leis­tung i.S.d. § 6 Asyl­bLG bean­sprucht wer­den, was in der Pra­xis teil­wei­se wenig Beach­tung fin­det. 20

b) psy­chi­sche Erkran­kun­gen
Die Beur­tei­lung über das Aus­maß und die Inten­si­tät der Erkran­kung berei­tet in der juris­ti­schen Pra­xis meist Schwie­rig­kei­ten, ins­be­son­de­re bei psy­chi­schen Erkran­kun­gen. Wenn eine psy­chi­sche Erkran­kung nicht bereits über § 4 Asyl­bLG abge­rech­net wer­den kann (bei aku­ten und see­lisch schmerz­haf­te psy­chi­schen Erkran­kung), dann ist im Ein­zel­fall die Anwen­dung des § 6 Asyl­bLG zu prü­fen. Der medi­zi­ni­sche Sach­ver­halt ist dann zu ermit­teln bspw. durch die Ein­ho­lung von Befund­be­rich­ten bzw. Stel­lung­nah­men der behan­deln­den Ärzt*in. Beson­de­res Gewicht bei der Aus­le­gung der Norm kommt den dro­hen­den Gesund­heits­fol­gen bei einer Leis­tungs­ab­leh­nung zu. 21

c) Wei­te­re sons­ti­ge Leis­tun­gen
Eben­so kön­nen als »sons­ti­ge Leis­tun­gen« erwei­ter­te not­wen­di­ge Hilfs­mit­tel (i.S.d. § 33 Abs. 1 SGB V) bean­sprucht wer­den, wenn die­se nicht bereits durch § 4 Asyl­bLG abge­deckt wer­den konn­te. Vor­aus­set­zung für die Leis­tungs­ge­wäh­rung ist, dass die Hilfs­mit­tel zur Ver­mei­dung von Krank­heits­fol­ge­schä­den oder einer erhöh­ten Unfall­ge­fahr (bspw. bei einem Hör­ge­rät, Bril­len, Kör­per­er­satz­stü­cken und ortho­pä­di­schen Hilfs­mit­teln) drin­gend erfor­der­lich sind. 22

Die Kos­ten­über­nah­me für den vor­über­ge­hen­den Auf­ent­halt in einem Frau­en­haus kommt als Leis­tung, die zur Siche­rung der Gesund­heit uner­läss­lich ist, eben­so in Betracht, beson­ders dann, wenn die Betrof­fe­ne ohne Obdach wei­te­ren Gefähr­dun­gen durch den Täter aus­ge­setzt ist. Den von häus­li­cher und sexu­el­ler Gewalt betrof­fe­nen Frau­en und ihren Kin­dern kön­nen zur Gewäh­rung von anony­mem Schutz vor wei­te­ren Angrif­fen und Gefähr­dun­gen ihrer kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit nicht nur die Unter­kunfts­kos­ten gewährt wer­den, son­dern im Ein­zel­fall auch die Kos­ten für wei­ter­ge­hen­de Hil­fe­stel­lun­gen (the­ra­peu­ti­sche Maß­nah­men,
Bera­tung etc.). 23

3. Fazit: Gesund­heits­leis­tung weit­ge­hend ana­log zur gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung
Beson­ders auf­grund der Ent­schei­dung des BVerfG 24 auf ein men­schen­wür­di­ges Exis­tenz­mi­ni­mum – in wel­ches auch Gesund­heits­leis­tun­gen ein­zu­schlie­ßen sind – kommt der Öff­nungs­klau­sel des § 6 Asyl­bLG eine her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung zu. 25 Wenn sich eine medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung nach § 4 Asyl­bLG als unzu­rei­chend erweist und eine Grund­rechts­ver­let­zung droht (kör­per­li­che Unver­sehrt­heit), besteht zwin­gend der Anspruch auf Sons­ti­ge Leis­tun­gen, die zur Siche­rung der Gesund­heit uner­läss­lich sind.

Abschlie­ßend kann kon­sta­tiert wer­den, dass zusam­men­ge­schlos­sen die §§ 4, 6 Asyl­bLG dahin­ge­hend ver­fas­sungs­kon­form aus­ge­legt wer­den soll­ten, dass das Niveau der Gesund­heits­leis­tun­gen weit­ge­hend dem Recht der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nach dem SGB V ent­spricht. 26 Ins­be­son­de­re für beson­ders schutz­be­dürf­ti­ge Men­schen – u. a. Min­der­jäh­ri­ge, schwan­ge­re Frau­en und Men­schen mit Behin­de­run­gen – ist nahe­zu der gesam­te Umfang der medi­zi­ni­schen Behand­lung ana­log zur gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu erbrin­gen. 27 (alle Quel­len­an­ga­ben)

Die­ser Text wur­de zuerst auf dem Infor­ma­ti­ons­por­tal Gesund­heit für Geflüch­te­te ver­öf­fent­licht.


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