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Bulgarien nahe der türkischen Grenze: Seit die Zahl schutzsuchender Menschen zugenommen hat, die versuchen, hier in die EU zu gelangen, hat Bulgarien den Grenzschutz massiv verstärkt: Immer wieder kommt es an der Grenze zu völkerrechtswidrigen Zurückweisungen von Flüchtlingen, so genannten Push Backs, oft in Verbindung mit Misshandlungen. Foto: Christina Palitzsch

PRO ASYL liegen dramatische Einzelfallberichte vor: Flüchtlinge, die über Bulgarien in die EU gelangt sind, leiden dort unter Hunger, berichten von Rassismus und schwersten Misshandlungen, sprechen selbst von Folter.

An der Peri­phe­rie Euro­pas wer­den Flücht­lin­ge rabi­at behan­delt, Flücht­lings­recht und Men­schen­rech­te nicht sel­ten mit Füßen getre­ten – so schreck­lich, so bekannt. Die an uns in den letz­ten Mona­ten her­an­ge­tra­ge­nen Aus­sa­gen* von nach Deutsch­land geflüch­te­ten Flücht­lin­gen, die über Bul­ga­ri­en in die EU ein­reis­ten, wei­sen auf eine wei­te­re Eska­la­ti­on der Unmensch­lich­keit hin: Bul­ga­ri­sche Grenz­be­am­te sol­len Schutz­su­chen­de in grenz­na­hen Haft­zen­tren und Gefäng­nis­sen unter ernied­ri­gen­den Bedin­gun­gen ein­sper­ren und mas­siv miss­han­deln.

Außer­halb der Haft ist Obdach­lo­sig­keit von Flücht­lin­gen weit ver­brei­tet, vie­le wer­den Opfer von einem gewalt­tä­ti­gen Ras­sis­mus. Die Ver­wei­ge­rung von Schutz und Men­schen­wür­de zieht sich wie ein roter Faden durch die Berich­te der Betrof­fe­nen – und das, obwohl nicht weni­ge von ihnen for­mell einen Schutz­sta­tus erhal­ten hat­ten.

Brutal und Erniedrigend

Eini­ge Flücht­lin­ge erzäh­len über­ein­stim­mend: Von den Schleu­sern zurück­ge­las­sen irr­ten die Flücht­lin­ge in den Wäl­dern im bul­ga­ri­schen Grenz­ge­biet umher. Nach Stun­den oder Tagen, in denen sie unter Hun­ger, Durst und Käl­te lit­ten, wur­den sie von Grenz­be­am­ten oder Sol­da­ten auf­ge­grif­fen. Bereits bei der Fest­nah­me käme es zu Schlä­gen, Trit­ten und Bedro­hun­gen durch Schuss­waf­fen. Gewalt­sam wür­den die Schutz­su­chen­den in Haft­zen­tren ver­bracht, in denen men­schen­rechts­wid­ri­ge Bedin­gun­gen herrsch­ten.

Der ira­ki­sche Flücht­ling R. gelang­te 2012 nach Bul­ga­ri­en. 2014, inzwi­schen nach Deutsch­land wei­ter­ge­flüch­tet, berich­tet er über bru­ta­le und ernied­ri­gen­de Behand­lung durch Poli­zis­ten: Er sei gezwun­gen wor­den, sich aus­zu­zie­hen, sei gefes­selt, geschla­gen, getre­ten, bespuckt, ange­schrien und nackt in eine Zel­le gesperrt wor­den. Im Dusch­raum des Gefäng­nis­ses Bos­man­si hät­ten ihn fünf Beam­te gewalt­sam aus­ge­zo­gen, dann sei er mit einem Schlag­stock ver­ge­wal­tigt wor­den. Schwe­re inne­re Ver­let­zun­gen sei­en die Fol­ge gewe­sen. Seit die­ser Zeit lei­de R. unter Angst­zu­stän­den.

»Bei allem Respekt. Man soll nicht mei­nen, dass in Bul­ga­ri­en so etwas wie Men­schen­rech­te exis­tie­ren wür­den … War­um bin ich mehr als sechs Mona­te, ohne Ankla­ge, ohne Urteil inhaf­tiert, gefol­tert und miss­han­delt wor­den? War­um?«

R. ira­ki­scher Flücht­ling

A., Flücht­ling aus Syri­en, wur­de 2013 im bul­ga­ri­schen Grenz­ge­biet und im Gefäng­nis Lyu­bi­metz inhaf­tiert. Auch er berich­tet von schwe­ren Miss­hand­lun­gen, Inhaf­tie­rung ohne Klei­dung und Schlä­gen bis zur Bewusst­lo­sig­keit. Flücht­lin­ge erhiel­ten kaum etwas zu essen, oft wür­de ihnen der Zugang zur Toi­let­te ver­wei­gert.

»Niemand half uns«

Vie­le Flücht­lin­ge erhal­ten nach der Ent­las­sung aus Lagern oder Haft sogar einen Schutz­sta­tus, auch R. und A. Damit ist ihnen aber nicht gehol­fen: Obdach­lo­sig­keit von Flücht­lin­gen ist in Bul­ga­ri­en weit ver­brei­tet, Inte­gra­ti­ons­maß­nah­men feh­len fak­tisch, ras­sis­ti­sche Über­grif­fe sind an der Tages­ord­nung. Sie rei­chen von ver­ba­len Angrif­fen und Ernied­ri­gun­gen über Dis­kri­mi­nie­rung bis zu phy­si­schen Über­grif­fen. Herr A. beschreibt, wie er zum wie­der­hol­ten Mal Ziel einer Atta­cke wur­de:

»Als ich mich ein­mal am hell­lich­ten Tag mit einem ande­ren Flücht­ling auf der Stra­ße befand, kam eine Grup­pe von etwa zehn Bul­ga­ren auf uns zu und schlug auf uns ein. Wir lagen bei­de blu­tend am Boden und sie tra­ten nach. Die Pas­san­ten guck­ten nur zu. Sie durch­such­ten unse­re Taschen und nah­men mit, was sie fin­den konn­ten. Ich hat­te ein Han­dy und 100 Euro. Sie haben es mir ent­wen­det. Nie­mand half uns.«

A., Flücht­ling aus Syri­en

Ein im Febru­ar 2015 ver­öf­fent­lich­ter Bericht von Amnes­ty Inter­na­tio­nal doku­men­tiert eine erheb­li­che gegen Min­der­hei­ten gerich­te­te Gewalt in Bul­ga­ri­en und klagt die feh­len­de straf­recht­li­che Ver­fol­gung ent­spre­chen­der Ver­ge­hen an.

FLUCHTWEG BULGARIEN

2013 wur­de Bul­ga­ri­en im Zuge der syri­schen Flücht­lings­kri­se und auf­grund der Auf­rüs­tung der tür­kisch-grie­chi­schen Gren­ze für immer mehr Men­schen zum Zufluchts­land. Die Zahl der Asyl­an­trä­ge ver­viel­fach­te sich von 1.500 im Jahr 2012 auf 7.100 im Jahr 2013 (Euro­stat). Die bul­ga­ri­sche Regie­rung reagier­te mit dem soge­nann­ten »Ein­däm­mungs­plan«: Rund 1.500 zusätz­li­che Grenz­be­am­te wur­den ent­lang der Gren­ze sta­tio­niert, ein bis­her 30 Kilo­me­ter lan­ger Zaun errich­tet und die Prä­senz von Fron­tex erhöht. Zu Beginn des Jah­res 2014 war zunächst eine deut­li­che Abnah­me an Schutz­ge­su­chen fest­zu­stel­len, bis Jah­res­en­de stieg ihre Zahl aber mit über 11.000 noch deut­lich über den Vor­jah­res­wert.

1.500

zusätz­li­che Grenz­be­am­te wur­den ent­lang der Gren­ze sta­tio­niert, ein bis­her 30 Kilo­me­ter lan­ger Zaun errich­tet, die Prä­senz von Fron­tex erhöht. Die Zahl der Schutz­su­chen­den stieg trotz­dem.

Die Abschot­tungs­po­li­tik Bul­ga­ri­ens führt zu etli­chen völ­ker­rechts­wid­ri­gen Zurück­wei­sun­gen – soge­nann­ten Push Backs – durch bul­ga­ri­sche Grenz­be­am­te, so Bor­der­mo­ni­to­ring Bul­ga­ria 2014 sowie Human Rights Watch 2014. Am 12. und 13. März 2015 berich­te­te die loka­le Pres­se von Todes­fäl­len im Zusam­men­hang mit einer Push-Back-Ope­ra­ti­on. Dabei sol­len 17 jezi­di­sche Flücht­lin­ge aus dem Irak unter mas­si­ver Gewalt­an­wen­dung von bul­ga­ri­schen Grenz­be­am­ten in die Tür­kei zurück­ge­scho­ben wor­den sein. Zwei Flücht­lin­ge sei­en ers­ten Zeu­gen­be­rich­ten zufol­ge im Grenz­ge­biet erfro­ren – einem von ihnen sei zuvor von der bul­ga­ri­schen Grenz­po­li­zei ein Bein gebro­chen wor­den.

Zwei Flücht­lin­ge sei­en ers­ten Zeu­gen­be­rich­ten zufol­ge im Grenz­ge­biet erfro­ren – einem von ihnen sei zuvor von der bul­ga­ri­schen Grenz­po­li­zei ein Bein gebro­chen wor­den.

AUFNEHMEN STATT ABSCHIEBEN

4.400

Asyl­su­chen­de woll­te die deut­sche Bun­des­re­gie­rung 2014 nach Bul­ga­ri­en abschie­ben – tat­säch­licht wur­den »nur« 14 Men­schen dort­hin abge­scho­ben

Ob aner­kannt oder nicht: Flücht­lin­gen, die aus Bul­ga­ri­en in ein ande­res euro­päi­sches Land wei­ter­ge­flo­hen sind, droht die Abschie­bung. Im Jahr 2014 wand­ten sich mehr als 20 euro­päi­sche Staa­ten an Bul­ga­ri­en mit der Bit­te um Rück­über­stel­lung von ins­ge­samt fast 7.000 Men-schen (Novini­te, 6. Janu­ar 2015), 4.400 davon aus Deutsch­land. Tat­säch­lich wur­den jedoch nur 14 Abschie­bun­gen aus Deutsch­land im Jahr 2014 vor­ge­nom­men. Vie­le Gerich­te ver­hin­der­ten die Über­stel­lung nach Bul­ga­ri­en, gestützt auf einen Bericht des UNHCR vom April 2014. Oft lief die Über­stel­lungs­frist ab, in eini­gen Fäl­len konn­te eine Abschie­bung durch Kir­chen­asyl ver­hin­dert wer­den.

Aus der Sicht von PRO ASYL ist klar: Es dür­fen über­haupt kei­ne Abschie­bun­gen nach Bul­ga­ri­en voll­zo­gen wer­den, die Schutz­be­dürf­ti­gen müs­sen hier auf­ge­nom­men wer­den. Die bul­ga­ri­sche Regie­rung muss die Fol­ter- und Miss­hand­lungs­vor­wür­fe auf­klä­ren und men­schen­rechts­wid­ri­ge Prak­ti­ken unver­züg­lich unter­bin­den. Weder in Ber­lin noch in Brüs­sel dür­fen die Augen wei­ter ver­schlos­sen wer­den: In Bul­ga­ri­en gibt es kei­nen Schutz für Flücht­lin­ge.

Judith Kopp

Dieser Artikel erschien im Heft zum Tag des Flüchtlings 2015


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