News
Ungarn-Wahl: »Das hätte ich nicht zu glauben gewagt.«
Die Parlamentswahl in Ungarn am 12. April 2026 fand weltweit Beachtung. Wir sprachen mit Anikó Bakonyi – Leiterin der Abteilung Flüchtlingsrechte unserer Partnerorganisation Hungarian Helsinki Committee – über die Stimmung in dem Land und die Hoffnung, die sie mit dem Wahlausgang verbindet.
Anikó, gestern hattest du ein erstes Meeting mit deinem Team vom Hungarian Helsinki Committee. Du hast es als »Sensemaking“-Meeting bezeichnet. Ich kann mir vorstellen, dass ihr diese Woche eine Menge zu verarbeiten habt.
[Lacht] Ach, das habe ich einfach spontan so genannt. Wir setzen uns nach Wahlen immer zusammen, für die ersten Reflexionen. Wir müssen uns überlegen, wie sich die Veränderungen auf unsere Arbeit im Flüchtlingsprogramm und auch auf die gesamte Organisation als Menschenrechtsorganisation auswirken werden.
Lass uns einen Schritt zurückgehen. Wie hast du den Wahltag erlebt? Und hattest du mit dem Ende der Orbán-Ära gerechnet?
Nein, ich habe das nicht erwartet. Ich dachte zwar, dass die Tisza-Partei gute Chancen auf einen Sieg hat. Aber mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament habe ich nicht gerechnet. Wir haben die Wahl gemeinsam mit Freund*innen verfolgt und danach waren wir auf den Straßen, alles war voll mit überglücklichen Menschen. Ich muss sagen, das war wirklich sehr erhebend. Alle jubelten und klatschten sich ab. Das war eine wirklich tolle Stimmung in unserer Stadt.
Schon am Freitag gab es ein riesiges Konzert, bei dem hauptsächlich junge Leute dabei waren. Es war sehr schön zu sehen, dass sie sich in diesem Prozess wirklich engagiert haben. Sie sagten einfach: »Wir wollen in einem anderen Land leben!« Ich glaube, das ist ein Gefühl, das viele von uns teilen: dass dies nicht das Land ist, in dem wir uns zu Hause fühlen. Wir wollen ein europäischeres und demokratischeres Land sein, das die Rechtsstaatlichkeit achtet und der EU angehören möchte. Nicht nur auf dem Papier, sondern auch durch konkrete Taten und Handlungen.
Wie würdest du die Zeit unmittelbar vor den Wahlen beschreiben?
Es war eine äußerst angespannte Zeit. Das gesamte Orbán-System brach peu á peu zusammen. Jeden Tag traten Menschen mit Geschichten an die Öffentlichkeit, die nur schwer zu verdauen waren, um zu zeigen, wie korrupt das System war und wie stark der politische Druck auf der Polizei, den Geheimdiensten und allen lastete.
Am Wahlabend war es ehrlich gesagt kaum zu glauben, dass es wirklich passiert ist. Dass dieses korrupte System nun der Vergangenheit angehört. Wir sind immer noch dabei, das zu verarbeiten. Es ist schwer, jemandem, der nicht von hier ist, zu erklären, dass wir uns über ein Parlament freuen, in dem es keine linken Parteien gibt. Die siegreiche Tisza-Partei ist eine konservative Partei, die Fidesz-Partei eine rechtsextreme und es gibt noch eine weiter rechts stehende Partei, die sechs der 199 Sitze errungen hat.
Wenn du sagst, dass das Land vielleicht wieder ein Ort sein wird, an dem du dich mehr zu Hause fühlst – wie hat es sich in den letzten 10-, 15 Jahren angefühlt?
Wir vom Hungarian Helsinki Committee haben viel Schikane erdulden müssen – wurden als »Feinde« beschimpft und als »die aus dem Ausland finanzierte Organisation, die ausländischen Interessen dient«. Es gab eine große Diskrepanz zwischen dem, was ich zu tun glaubte, und der Art und Weise, wie wir wahrgenommen wurden. Ich hoffe, dass diese Diskrepanz in Zukunft geringer wird.
Und ich hoffe, dass wir wieder mehr mit den Behörden zusammen arbeiten können – statt von ihnen Repression zu erfahren. Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir brauchen einen funktionierenden Dialog und müssen in der Lage sein, uns an einen Tisch zu setzen und mit weniger Feindseligkeit darüber zu sprechen, wie es weitergeht. Denn bisher war es so, wenn man sagte, wo man arbeitet, und die Leute die Organisation kannten, hatten sie immer starke Gefühle – positive oder negative. Wir haben natürlich auch viel Unterstützung erfahren, aber manchmal war es genau das Gegenteil.
Könnt ihr schon einschätzen, was dieses Wahlergebnis konkret für eure Arbeit bedeuten wird?
Wir wissen noch sehr wenig darüber, was vor uns liegt. Aber wir sehen, dass sich der Wunsch nach mehr Freiheit durchgesetzt hat, und das spürt man. Das gibt mir viel Hoffnung für unsere Arbeit. Dass wir uns wieder auf unsere Mission konzentrieren können und als Menschenrechtsorganisation nicht immer nur um das Überleben der Organisation kämpfen müssen. Darauf haben wir viel Energie verwendet, was wirklich wichtig war, weil wir in Ungarn die Einzigen sind, die Rechtsberatung und Rechtsbeistand für Flüchtlinge anbieten. Ich glaube, dass wir nun mehr Energie, Zeit und geistige Kapazität für die eigentlichen fachlichen Aufgaben aufbringen können.
Du leitest das Flüchtlingsprogramm eurer Organisation. Wie sah die Lage für Geflüchtete in den letzten Jahren aus?
Seit 2015 waren Asyl und Migration ein sehr wichtiges Thema für die Regierung Orbán. Obwohl Ungarn nie ein Zielland für Asylsuchende war, hat die Regierung ununterbrochen mit der Vorstellung Stimmung gemacht, dass wir unter einem riesigen Einwanderungsdruck stehen würden. Sie hat das Narrativ etabliert, dass Ungarn die EU und die christlichen Werte verteidigen würde, indem sie 2015 diesen 175 Kilometer langen Grenzzaun zwischen Serbien und Ungarn errichtet hat.
Anschließend kam ein Gesetz, das Asylsuchenden die Einreise nach Ungarn praktisch vollständig verwehrt. Ein weiteres erlaubte Pushbacks, also Zurückweisungen an der Grenze. Seitdem muss jede Person, die ohne gültigen Reisepass und Visum nach Ungarn einreist, nach Serbien zurückgeschickt werden. Seit 2016 kommt es daher zu extrem vielen Pushbacks seitens Ungarns – mittlerweile fast 400.000 an der Zahl. Das bedeutet natürlich nicht, dass 400.000 Menschen versucht haben, nach Ungarn einzureisen, sondern dass viele es mehrfach versuchen und dann zurückgeschickt werden – oftmals gewaltvoll und ohne, dass die Polizei sie fragt, wer sie sind und ob sie vulnerabel sind oder Schutz benötigen.
Seit 2020 ist es fast unmöglich, auf ungarischem Staatsgebiet einen Asylantrag zu stellen, da die Regierung das sogenannte Botschaftssystem eingeführt hat. Das bedeutet, dass Schutzbedürftige eine Asylabsichtserklärung bei der ungarischen Botschaft entweder in Kiew oder in Belgrad – den Nicht-Schengen-Nachbarn Ungarns – einreichen müssen. Nur zur Klarstellung: In Kiew hat noch nie jemand etwas eingereicht, nicht einmal vor Kriegsbeginn. Und in Belgrad durften in den sechs Jahren seit Bestehen des Botschaftssystems nur 21 Personen nach Ungarn einreisen, um dort einen Asylantrag zu stellen. Dieses Verfahren dient faktisch nicht dazu, Schutz zu gewähren.
Welche Folgen hatte dies für die Politik der Orbán-Regierung?
Es liegt auf der Hand, dass die verweigerte Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen, und die Zurückweisung von Menschen an den Grenzen Verstöße gegen EU-Recht darstellen. Dafür wurde uns vom Europäischen Gerichtshof mit 200 Millionen Euro eine außerordentlich hohe Geldstrafe auferlegt. Darüber hinaus soll dieses Land täglich eine Million Euro wegen Nichtbefolgung des Urteils zahlen. Ich denke, das ist ein sehr hoher Preis für die Nichteinhaltung aus ideologischen Gründen.
Dazu kommt: Die Orbán-Regierung hat Unmengen an Geld für Kommunikationskampagnen, Gehirnwäsche und Hassschürerei ausgegeben. Wenn die Menschen den sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk sahen – einen echten objektiven öffentlich-rechtlichen Rundfunk gab es bei uns seit mindestens 15 Jahren nicht mehr –, dachten sie, wir stünden tatsächlich unter extremem Migrationsdruck und müssten Angst vor diesen Menschen haben. Dabei haben die meisten Leute noch nie persönlich eine migrierte Person oder einen Flüchtling getroffen. Daher haben die meisten Menschen ein verzerrtes Bild davon, was Migration für Ungarn bedeutet.
Hat sich der neue Ministerpräsident schon zum aktuellen EU-Pakt für Asyl und Migration (GEAS) geäußert?
Die scheidende Regierung vertrat eine sehr entschiedene Haltung gegen die Umsetzung des EU-Pakts für Asyl und Migration. Die Tisza-Partei ist in ihrem Wahlkampf mit dieser Haltung mitgegangen. Ungarn hat 2024 noch nicht einmal einen nationalen Umsetzungsplan vorgelegt.
Die neue Regierung hat bisher noch keinen besonders starken Willen gezeigt, hier aktiv zu werden. Ich glaube daher, dass Flüchtlingspolitik wahrscheinlich nicht ihre oberste Priorität ist. Das ist gut so, denn dieses Thema sollte nicht mehr so hoch im Kurs stehen wie in der Kommunikation der vorherigen Regierung. Wenn dieses Thema weniger im Rampenlicht steht und stattdessen mehr fachliche Aufmerksamkeit erhält, können wir davon nur profitieren.
Wenn es, wie du hoffst, mit der neuen Regierung mehr Dialog geben wird, könnte eine arbeitsreiche Zeit auf Euch zukommen.
Sicher. Wir haben gerade erst begonnen, mit Kolleg*innen darüber zu sprechen, wie wir uns vorbereiten und gegenseitig fachlich unterstützen können. Das ist für uns eine neue Situation. Wir werden einen Plan ausarbeiten, wie wir mit der neuen Regierung zusammenarbeiten können. Wir verfügen über viel Wissen und Erfahrung und hoffen, dass sie davon Gebrauch machen wird.
Kommen wir noch einmal kurz auf den Wahltag zurück. Die Bilder, wie ihr auf den Straßen feiertet, gingen um die Welt. War dir das an jenem Abend bewusst, wie viel eure Wahl in anderen Ländern bedeutet?
Viele meiner Kolleg*innen schrieben aus Deutschland und anderen Orten in Europa, aus den USA, aus Lateinamerika und aus Russland. Es war wirklich beeindruckend zu sehen, dass wir als Gemeinschaft zwar so weit verstreut sind, aber dennoch aufeinander achten. Das ist ein Gefühl von Heimat, wenn Menschen füreinander da sind. Obwohl Ungarn so ein kleines Land ist, waren mein WhatsApp und all die anderen Messenger-Apps voll. Während ich auf der Straße war, habe ich mich gleichzeitig mit Kolleg*innen und Freund*innen überall auf der Welt ausgetauscht. Das war bewegend und hat mir Kraft gegeben.
Ich glaube, wir müssen dafür sorgen, dass wir dieser Hoffnung gerecht werden. Ich wünsche mir, dass dies andere dazu ermutigt, sich zusammenzuschließen – dass es ihnen Hoffnung gibt. Es ist so beeindruckend zu begreifen, dass man das tatsächlich schaffen kann, ein autokratisches Regime zu besiegen. Das hätte ich nicht zu glauben gewagt.
Hattet ihr vor dieser Wahl als Ungar*innen das Gefühl, innerhalb Europas isoliert zu sein?
Ich habe mich immer ein bisschen geschämt dafür, wie wir die Regeln missachten. Auch wenn wir als Organisation genau dagegen vorgegangen sind. Aber wenn ich woanders war und gesagt habe, dass ich Ungarin bin, dann kannte jeder Orbán und hatte eine Meinung zu ihm, sei es positiv oder negativ. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass wir in gewisser Weise aus den falschen Gründen bekannt wurden. Ich würde viel lieber erklären, woher ich komme und was wir tun, als dass jeder schon eine vorgefasste Meinung hat.
Andererseits habe ich mich in meinem beruflichen Umfeld, in der Community, die sich für Geflüchtete einsetzt, nie isoliert gefühlt. Die Leute haben sich immer nach uns erkundigt, und wenn etwas Schwieriges passiert ist, wurden wir gefragt, ob man uns helfen kann oder was wir brauchen. Innerhalb dieser Gemeinschaft hatte ich immer das Gefühl, dass wir einen Platz haben.
(ja, alw)