21.07.2009

Arzt wegen fahr­läs­si­ger Tötung auf der Ankla­ge­bank

PRO ASYL: Mus­ta­fa Alca­li starb im Spin­nen­netz der Abschie­bungs­be­trei­ber

Am Don­ners­tag steht der Fach­arzt für Psych­ia­trie, Hein­rich W., in Frank­furt am Main vor Gericht. Das Amts­ge­richt wird sich mit der Fra­ge befas­sen müs­sen, wel­che Ver­ant­wor­tung der Arzt für den Sui­zid des Kur­den Mus­ta­fa Alca­li, der sich am 27. Juni 2007 mit Hil­fe eines zer­ris­se­nen T-Shirts in Abschie­bungs­haft in der JVA Frank­furt am Main I erhängt hat, trägt. Ange­klagt ist W. wegen fahr­läs­si­ger Tötung.

Der 30-jäh­ri­ge Mus­ta­fa Alca­li, des­sen Asyl­an­trag abge­lehnt war, hat­te weni­ge Wochen vor sei­nem Tod ver­sucht, sich auf offe­ner Stra­ße mit Ben­zin in Brand zu set­zen. Er wur­de dar­auf­hin wegen Eigen- und Fremd­ge­fähr­dung in die Psych­ia­trie Hanau ein­ge­wie­sen. Trotz der vor­läu­fi­gen Dia­gno­se einer schi­zo­phre­nen Psy­cho­se und des Hin­wei­ses der behan­deln­den Ärz­te auf ein deut­li­ches Sui­zid­ri­si­ko wur­de sei­ne Situa­ti­on in der Fol­ge­zeit baga­tel­li­siert. Der jetzt ange­klag­te Fach­arzt hat Alca­li offen­bar ein ein­zi­ges Mal im Rah­men eines dia­gnos­ti­schen Gesprä­ches gese­hen. Ohne Rück­spra­che bei den vor­be­han­deln­den Ärz­ten hielt er Alca­li für gesund und wer­te­te die dem Rechts­an­walt von Sei­ten des Kli­ni­kums Hanau mit­ge­teil­te Dia­gno­se und das dar­in attes­tier­te Sui­zid­ri­si­ko als „Gefäl­lig­keits­schrei­ben“.

Auf die Ankla­ge­bank hät­ten nach Auf­fas­sung von PRO ASYL auch büro­kra­ti­sche Mit­tä­ter gehört, denn der Weg zur Fehl­dia­gno­se „kei­ne Sui­zid­ge­fahr“ war ein lan­ger. Außer einem will­fäh­ri­gen Arzt gab es igno­ran­te Rich­ter, die ihren Bei­trag zur Kata­stro­phe geleis­tet haben. „Wem ein­mal das Stig­ma des aus­rei­se­un­wil­li­gen Aus­län­ders ange­hef­tet wird, der klebt im Spin­nen­netz der Abschie­bungs­be­trei­ber, die jeweils nur soviel wis­sen wol­len, dass ihre Mis­si­on nicht gefähr­det wird,“ so PRO ASYL-Refe­rent Bernd Meso­vic. Die 3. Zivil­kam­mer des Land­ge­richts Hanau z.B. wird mit dem Vor­wurf leben müs­sen, sich bei der Zurück­wei­sung der sofor­ti­gen Beschwer­de gegen die Abschie­bungs­haft, in der Alca­li saß, ein­sei­tig auf den Befund des jetzt ange­klag­ten Fach­arz­tes gestützt zu haben. War­um die­ser trotz fort­ge­schrit­te­nen Pen­si­ons­al­ters als Kon­si­liar­arzt der JVA Kas­sel I wir­ken durf­te, ist eben­falls klä­rungs­be­dürf­tig.

PRO ASYL hat den Fall im Juli 2007 recher­chiert und eine Chro­no­lo­gie des­sen ver­öf­fent­licht, was eine igno­ran­te Jus­tiz und will­fäh­ri­ge Abschie­bungs­ärz­te vor Alca­lis Tod getan oder unter­las­sen haben (sie­he Anla­ge).

gez. Bernd Meso­vic

Refe­rent

Der Pro­zess fin­det am 23. Juli 2009 um 10.00 Uhr vor dem Amts­ge­richt Frank­furt am Main, Gebäu­de E, Saal 25 statt.

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