17.07.2012

„Wir hof­fen auf ein Urteil, mit dem ein für alle Mal klar­ge­stellt wird, dass die Men­schen­wür­de kein Deut­schen-Grund­recht ist, son­dern für alle gilt“, sag­te Gün­ter Burk­hardt, Geschäfts­füh­rer von PRO ASYL. Flücht­lings­or­ga­ni­sa­tio­nen hat­ten in der münd­li­chen Ver­hand­lung deut­lich gemacht, dass die Leis­tun­gen evi­dent zu nied­rig sind. „Das Arbeits­ver­bot für Flücht­lin­ge, der Ver­weis auf unzu­rei­chen­de Sach­leis­tun­gen und das Vor­ent­hal­ten des men­schen­wür­di­gen Exis­tenz­mi­ni­mums ist weder mit der Men­schen­wür­de noch mit dem Sozi­al­staats­prin­zip ver­ein­bar “, sag­te Georg Clas­sen vom Ber­li­ner Flücht­lings­rat.

„Ursu­la von der Ley­en hat als zustän­di­ge Minis­te­rin bis­her igno­riert, dass das Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz gegen die Men­schen­wür­de der Flücht­lin­ge ver­stößt. Es ist drin­gend not­wen­dig, dass sich das nach dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ändert“, sag­te Gün­ter Metz­ges, Geschäfts­füh­rer von Cam­pact. 

Spä­tes­tens seit dem Hartz-IV-Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom Febru­ar 2010 ist der Bun­des­re­gie­rung der Hand­lungs­be­darf bekannt. Minis­te­rin von der Ley­en hat­te dies in einer par­la­men­ta­ri­schen Ant­wort selbst zuge­stan­den. Gehan­delt wur­de trotz­dem nicht. Wäh­rend der münd­li­chen Ver­hand­lung beim BVerfG konn­te Staats­se­kre­tä­rin Nie­der­fran­ke vom BMAS nicht ein­mal ansatz­wei­se erläu­tern, wie die Berech­nungs­grund­la­ge der Leis­tun­gen für Asyl­su­chen­de künf­tig aus­se­hen soll.

Die mitt­ler­wei­le um 40 % unter dem Arbeits­lo­sen­geld II lie­gen­den Regel­sät­ze nach dem 1993 ein­ge­führ­ten Asyl­bLG wur­den seit­her nicht ein­mal an die Preis­stei­ge­rung von inzwi­schen 34 Pro­zent[2] ange­passt. Viel­mehr wur­de durch eine Aus­wei­tung des unter das Asyl­bLG fal­len­den Per­so­nen­krei­ses und eine Ver­län­ge­rung der Dau­er der Leis­tungs­kür­zung auf mitt­ler­wei­le 48 Mona­te  von Jahr zu Jahr die sozia­le Lage der Flücht­lin­ge wei­ter ver­schärft. Für sie gel­ten zudem Aus­bil­dungs- und Arbeits­ver­bo­te, die Pflicht in Sam­mel­la­gern zu leben und die Beschrän­kung der Bewe­gungs­frei­heit auf den Land­kreis (Resi­denz­pflicht). In man­chen Bun­des­län­dern wie z.B. Bay­ern und Baden-Würt­tem­berg wer­den die Leis­tun­gen nur als Sach­leis­tun­gen (Lebens­mit­tel-, Klei­dungs- und Hygie­ne­pa­ke­te) aus­ge­ge­ben, oder in Form von Gut­schei­nen wie z.B. in Nie­der­sach­sen. Die Pra­xis zeigt, dass die Sach­leis­tun­gen nicht bedarfs­de­ckend, ent­mün­di­gend und von kata­stro­pha­ler Qua­li­tät sind. Das Asyl­bLG legt zudem eine Aus­gren­zung von einer regu­lä­ren Gesund­heits­ver­sor­gung fest und beschränkt Flücht­linge auf eine medi­zi­ni­sche Not­ver­sor­gung. Auch dies wur­de von den Karls­ru­her Rich­tern in der münd­li­chen Ver­hand­lung pro­ble­ma­ti­siert.

PRO ASYL, die Lan­des­flücht­lings­rä­te und Cam­pact for­dern von der Bun­des­re­gie­rung, dass sie ihr zyni­sches Des­in­ter­es­se an dem von ihr pro­du­zier­ten sozia­len Elend nach der Urteils­ver­kün­di­gung end­lich auf­gibt. Nach fast 20 Jah­ren, in denen das Asyl­bLG zur Anwen­dung kam, wird es Zeit, dass es end­lich abge­schafft wird.

Hin­weis: Am Tag der Urteils­ver­kün­dung, am 18. Juli, fin­det ab 8.30 Uhr eine „Mahn­wa­che“ vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt statt (Rint­hei­mer Quer­al­lee 11, Karls­ru­he).

[1] Regel­satz Hartz IV in 2012 = 374 €/Monat, Regel­satz § 3 Asyl­bLG seit 1993 = 440 DM (bzw. 224,97 €) Monat. Das bedeu­tet eine Kür­zung um 39,85 %.

[2] www.destatis.de > Prei­se > Ver­brau­cher­preis­in­di­zes > Tabel­len >Monats­wer­te. Der Ver­brau­cher­preis­in­dex betrug im Novem­ber 1993 83,8 und im Juni 2012 112,5. Das ergibt eine Stei­ge­rung um 34,25 %.

 Wien: Pro­tes­tie­ren­de Flücht­lin­ge set­zen Hun­ger­streik aus (22.01.13)

 Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts zum Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz: (18.07.12)

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