26.02.2015

EUGH behaup­tet: In UN-man­da­tier­ten Krie­gen wür­den grund­sätz­lich kei­ne Kriegs­ver­bre­chen began­gen

Als unzu­rei­chend und teil­wei­se in der Argu­men­ta­ti­on völ­lig unver­ständ­lich kri­ti­sie­ren das Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rungs­netz­werk Con­nec­tion e.V. und PRO ASYL die heu­ti­ge Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­ho­fes im Ver­fah­ren des US-Deser­teurs André She­pherd (37). „Mit der Ent­schei­dung wird die Posi­ti­on von Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rern und Deser­teu­ren im Asyl­ver­fah­ren nicht gestärkt. Eini­ge Grund­satz­fra­gen hat der Gerichts­hof ver­mie­den, ande­re ent­ge­gen dem Votum der Gene­ral­an­wäl­tin in inak­zep­ta­bler Wei­se beant­wor­tet“, so Rudi Fried­rich von Con­nec­tion e.V.

Beson­ders bedenk­lich sind die Aus­füh­run­gen des Gerichts­ho­fes zu Krie­gen, die durch eine Reso­lu­ti­on des UN-Sicher­heits­ra­tes man­da­tiert sind. Bernd Meso­vic von PRO ASYL: „Dass der Gerichts­hof für die­sen Fall qua­si dekre­tiert, dass in sol­chen Krie­gen kei­ne Kriegs­ver­bre­chen ‚began­gen wer­den‘ und dies auch für Ope­ra­tio­nen gel­te, über die ein sons­ti­ger inter­na­tio­na­ler Kon­sens besteht, ist skan­da­lös. Hier wird per Tat­sa­chen­be­haup­tung die Rea­li­tät ver­dreht.“ Der Gerichts­hof ver­traut allein auf die Rechts­sys­te­me krieg­füh­ren­der Staa­ten, nach denen sie Kriegs­ver­bre­chen bestra­fen. Die Gene­ral­an­wäl­tin hat­te dies in ihrem Schluss­an­trag völ­lig anders gese­hen. André She­pherd kün­dig­te an, er wer­de sich im wei­ter zu füh­ren­den Ver­fah­ren vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Mün­chen auf Aus­sa­gen des ehe­ma­li­gen UN-Gene­ral­se­kre­tärs Kofi Ann­an bezie­hen, der sich zur Irak-Inva­si­on geäu­ßert habe. Er habe fest­ge­stellt, sie sei nicht in Über­ein­stim­mung mit der UN-Char­ta und aus sei­ner Sicht ille­gal.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat zudem kei­ner­lei Ent­schei­dung dazu getrof­fen, wann Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer einen asyl­recht­li­chen Schutz bean­spru­chen kön­nen. Die Gene­ral­an­wäl­tin Elea­nor Sharpston hat­te in ihrer Vor­la­ge noch deut­lich gemacht, dass ein Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer, der sich aus Gewis­sens­grün­den einem bestimm­ten Krieg ver­wei­gert – auch ohne Pazi­fist zu sein – unter den Schutz­be­reich der Richt­li­nie fal­len kann, wenn „ein unüber­wind­li­cher Kon­flikt zwi­schen den Dienst­pflich­ten und sei­nem Gewis­sen besteht.“ Wenn Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer straf­recht­lich ver­folgt oder auf dis­kri­mi­nie­ren­de Wei­se behan­delt wer­den, so die Gene­ral­an­wäl­tin, kön­nen sie Ange­hö­ri­ge einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe im Sin­ne des Flücht­lings­rechts sein. „Seit meh­re­ren Jah­ren ist auf euro­päi­scher Ebe­ne das Men­schen­recht auf Kriegs­dienst­dienst­ver­wei­ge­rung aner­kannt“, so Rudi Fried­rich. „Es ist längst über­fäl­lig, hier klar­zu­stel­len, dass Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer bei Ver­fol­gung im Her­kunfts­land einen asyl­recht­li­chen Schutz erwar­ten kön­nen. Das ist ein schwe­rer Man­gel des heu­ti­gen Urteils.“

Laut dem Urteil des EUGH sind die einem Mili­tär­an­ge­hö­ri­gen wegen der Ver­wei­ge­rung des Diens­tes dro­hen­den Maß­nah­men wie Frei­heits­stra­fe oder Ent­las­sung aus der Armee ange­sichts des Rechts jedes Staa­tes auf Unter­hal­tung von Streit­kräf­ten nicht als unver­hält­nis­mä­ßig und dis­kri­mi­nie­rend im Sin­ne einer Ver­fol­gung anzu­se­hen. Obwohl der EUGH behaup­tet, die Prü­fung sei letzt­lich Sache der inner­staat­li­chen Behör­den, hat er mit Fuß­no­ten und Neben­be­mer­kun­gen längst Par­tei genom­men, gegen Deser­teu­re, für die Sou­ve­rä­ni­tät krieg­füh­ren­der Staa­ten.

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