12.04.2010

Fehl­ver­hal­ten hat­te zum Sui­zid eines Abschie­be­häft­lings bei­getra­gen

Vor dem Land­ge­richt Frank­furt am Main fin­det mor­gen die Beru­fungs­ver­hand­lung gegen den Fach­arzt für Psych­ia­trie Hein­rich W. statt. W. hat­te in erheb­li­chem Maße sei­ne ärzt­li­chen Sorg­falts­pflich­ten ver­letzt, indem er im Juni 2007 den kur­di­schen Abschie­be­häft­ling Must­fa Alca­li nach einem ein­zi­gen Gespräch in der JVA Kas­sel als nicht sui­zid­ge­fähr­det ein­ge­stuft hat­te. Dabei hat­te er die Dia­gno­sen der Ärz­te, die Alca­li in Hanau vor­her sta­tio­när behan­delt hat­ten, vom Tisch gewischt und den Grund­satz der Psych­ia­trie miss­ach­tet, dass eine län­ger dau­ern­de Beob­ach­tung Vor­aus­set­zung einer aus­sa­ge­kräf­ti­gen Dia­gno­se ist. Alca­li hat­te sich kurz dar­auf in sei­ner Zel­le in der JVA Frank­furt am Main-Pre­un­ges­heim erhängt.

Das Amts­ge­richt Frank­furt am Main hat­te im August 2009 ein Fehl­ver­hal­ten des Arz­tes kon­sta­tiert. Es sei jedoch nicht die direk­te und ein­deu­ti­ge Ursa­che für den Sui­zid gewe­sen. Der Arzt habe den wei­te­ren Fort­gang der Ursa­chen­ket­te nicht mehr wesent­lich beein­flus­sen kön­nen und sei des­halb vom Vor­wurf der fahr­läs­si­gen Tötung frei­zu­spre­chen.

Tat­säch­lich offen­bar­te das Ver­fah­ren eine Viel­zahl von Orga­ni­sa­ti­ons­män­geln der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung im hes­si­schen Jus­tiz­voll­zug. Der zum Tat­zeit­punkt 79 Jah­re alte Ange­klag­te muss­te im Rah­men einer 12-Stun­den-Stel­le de fac­to den gesam­ten psych­ia­tri­schen Sach­ver­stand der JVA Kas­sel ver­tre­ten. Die Über­stel­lung in die JVA Frank­furt erfolg­te zu einer Zeit, wo kein Fach­arzt greif­bar war. Nach einem kur­zen Tele­fo­nat eines All­ge­mein­me­di­zi­ners wur­den bis dahin ver­ab­reich­te star­ke Psy­cho­phar­ma­ka abrupt abge­setzt, ein wei­te­rer Kunst­feh­ler.

Hein­rich W. hat­te sich vor dem Amts­ge­richt unein­sich­tig gezeigt. Er war bis zum Schluss bei sei­ner Dia­gno­se geblie­ben: Die behan­deln­den Ärz­te in der Hanau­er Psych­ia­trie hät­ten ein Gefäl­lig­keits­gut­ach­ten erstellt, um Alca­li vor der Abschie­bung zu bewah­ren. Staats­an­walt­schaft und Neben­kla­ge hat­ten Beru­fung ein­ge­legt.

Die Ver­hand­lungs­ter­mi­ne:
Diens­tag, 13. April, 9 Uhr
Frei­tag, 16. April, 9 Uhr
Ort: Land­ge­richt Frank­furt am Main, Gebäu­de E, Saal 17

Kon­takt:
Tel. 069 23 06 95
E-Mail presse(at)proasyl.de

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